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Dokumentarfilm Jon Hendricks

Hans Koller Preis 2009 - Preisträger

Vienna Art Orchestra



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Frankfurter Allgemeine,  28.2.2010

Dokumentarfilm über Jon Hendricks

Seine eigene Kriegserklärung

Von Eva-Maria Magel, Frankfurt

27. Februar 2010.
Diesem Schwur ist Jon Hendricks seit 1946 treu geblieben: nie wieder ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Das ist, wenn man ein schwarzer Amerikaner ist, auch nach Aufhebung der Rassentrennung nicht leicht. Vielleicht ist es etwas leichter, wenn man selbst erstklassig ist, wie Hendricks als Jazz-Sänger. Und so sieht man ihn, in einem Anzug zwischen Exzentrik und Eleganz – weiße Hose, weißes Jackett, rosa Hemd, schwarzweiße Schuhe und Kapitänsmütze – auf einem französischen Platz sitzen.

Es ist einer der vielen Schauplätze, die aus dem Soldaten Jon Hendricks den Star Jon Hendricks gemacht haben, den man im New Yorker Jazzclub Birdland mit standing ovations empfängt. Es gibt wohl kaum einen der ganz Großen des Jazz, mit dem Hendricks nicht gearbeitet hätte – von Art Tatum, seinem Vorbild und Nachbarn in Toledo, Ohio, über Charlie Parker, Count Basie, Duke Ellington und Miles Davis bis Wynton Marsalis. Als Texter und Komponist, im Vokalensemble und als Solist hat Jon Hendricks eine Weltkarriere gemacht, bekannt wurde er in den fünfziger Jahren mit dem Trio Lambert, Hendricks & Ross, das einst zum besten Jazz-Vokalensemble der Welt gekürt wurde. Bis heute steht der 1921 geborene Sänger auf der Bühne

Eine schier unglaubliche Geschichte

Wie es dazu kam, ist eine schier unglaubliche Geschichte, die ein paar Mal auch ungeheuer böse hätte ausgehen können. Hendricks scheint sie zuweilen wegzulachen wie vieles andere auch. Doch sie steckt ihm beim Lachen in den unzähligen kleinen Falten, in dem intensiven Blick, den er bekommt, wenn er sich erinnert, wie er „seine eigene Kriegserklärung“ abgegeben hat. Eine gegen die amerikanische Armee und den amerikanischen Staat, der ihn, wie so viele andere, als „Negro Soldier“ 1944 in die Normandie brachte. Als Soldat zweiter Klasse diente Hendricks, bis er mit einigen Kameraden nach einem rassistischen Angriff gegen sie desertierte – unter Mitnahme einiger Armeevorräte. Das war seine „Kriegserklärung“. Als Schwarzhändler zum Straflager in Frankreich verurteilt, kam er nach Kriegsende in die Vereinigten Staaten zurück, um wie viele schwarze Soldaten festzustellen: „Der große Kampf war zu Hause. Es hatte sich nichts verändert.“

Wie die Geschichte Hendricks’, die des Jazz, der Rassentrennung und des Zweiten Weltkriegs miteinander verknüpft sind, zeigt Malte Rauch. Der Frankfurter Filmemacher, ebenso wie Hendricks ein Unermüdlicher, hat an seinem neuen Dokumentarfilm „Blues March – der Soldat Jon Hendricks“ mehr als vier Jahre lang gearbeitet. Er zeigt jenen Teil von Hendricks’ Lebensgeschichte, den dieser jahrzehntelang verschwiegen hat.

Zeitungsartikel als Ideengeber

Wie schon oft in Malte Rauchs Laufbahn war es ein Zeitungsartikel, der ihn auf die Idee brachte. Als Hendricks das Kreuz der Ehrenlegion verliehen bekam, berichtete „Le Monde“ über ihn. Rauchs Film kommt Hendricks so nah, wie der zwischen Ernst und Schalk wechselnde Künstler es nur zulässt. Rauch begleitete ihn nach Frankreich, später nach Deutschland, streift durch New Yorker Jazzclubs, zeigt ihn in Gesprächen mit französischen Bauern, ehemaligen Schwarzmarktkunden und Veteranen.

Wie stets in Rauchs Filmen, zuletzt in „Die Rollbahn“ über jüdische Zwangsarbeiterinnen am Frankfurter Flughafen, arbeitet er mit historischem Material; Fotos und Filmausschnitte sind mit Hendricks’ Geschichte verbunden. Akribie, die Zeit kostet und die zu finanzieren mühevoll und langwierig war. Anschub kam von der Hessischen Filmförderung, nun kommt der Film ins Kino, danach läuft er im WDR. Dass er nur 76 Minuten lang ist, liegt an einigen Szenen, die entfernt werden mussten, da die Musikrechte zu teuer waren. Die nämlich gehören nicht Hendricks selbst. Seine Geschichte aber gehört ihm – und die ist nun eindrucksvoll zu sehen.

„Blues March“ hat am 3. März im Frankfurter Kino Metropolis Premiere, begleitet von Emil Mangelsdorff.


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Hans Koller Preis 2009 - Preisträger

European Jazzprize
Enrico Rava (Italy)

Musican of the year
Wolfgang Reisinger, drums

Newcomer of the year
Clemens Salesny, sax

Sideman of the year
Peter Kronreif, drums

CD of the year
"C.O.D.E." the Music of Ornette Coleman and Eric Dolphy - 
Vandermark-Nagl-Clayton-Reisinger (cracked anegg records)



Die diesjährige Preisverleihung findet am 26. März 2010, das Konzert des European Jazz Prize-Trägers am 27. März 2010, beides um 20.30h im Porgy & Bess in Wien statt.


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Zeit Online,  21.12.2009

Zwei Seelen, ach

Das Vienna Art Orchestra sucht nach dem Weg im Jazz zwischen dem Auskomponierten und dem frei Erfundenen

Von Peter Rüedi

Mathias Rüegg war immer ein Grenzgänger und Abenteurer. Er liebt es, mit seinem Vienna Art Orchestra zu provozieren. Allerdings nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen. Art&Fun hieß eine Produktion zum 25-jährigen Bestehen des VAO vor sieben Jahren. Rüeggs Humor bewahrt seiner Musik, bei aller Komplexität, die Zugänglichkeit. Und sein Kunstanspruch rettet ihn vor dem Sauglattismus.

Nebst Ikonen des »komponierten Jazz« wie Urvater Duke Ellington und dessen Schüler Charles Mingus beehrte Rüegg mit seinen Hommagen nicht nur Vertreter der klassischen Musik, die sich ihm als wahlverwandte Vorläufer anboten (Johann Strauß allen voran). Er wagte sogar einen Blues for Brahms. Später stellte er sein Art Orchestra nicht ohne Ironie im vergleichsweise konventionellen Big-Band-Format auf. Seine CDs hießen nun Big Band Poesie oder Swing and Affairs – Titel, bei denen wir eher an Kurt Edelhagen oder Max Greger denken als an die ziemlich anarchische Truppe, die das VAO einmal war.

Jetzt überrascht er uns durch eine erneute Wende. Das VAO ist zu einem Kammerorchester der besonderen Art mutiert. Vier Jazz Solisten (der Trompeter Juraj Bartos, das Urgestein Harry Sokal an den Saxofonen, der Klarinettist Joris Roelofs, die Sängerin Corin Curschellas) sind mit Blech- und Holzbläsern, einem Streichquartett und einer Rhythmusgruppe (Piano, Vibrafon, Bass und Perkussion: no jazz drums!) konfrontiert, allesamt besetzt mit Musikern aus Wiens »klassischer« Szene. Rüeggs Suite trägt den Titel Third Dream. Der lässt auf den ersten Blick Schlimmstes befürchten, beweist aber auf den zweiten, welche Verschiebungen im Jazz der vergangenen Jahrzehnte zwischen Improvisation und Komposition stattgefunden haben.

Third Dream ist eine Anspielung auf »Third Stream«. So nannte Gunther Schuller in den fünfziger Jahren den Versuch, Jazz und abendländische Kunstmusik zu einem Dritten zu vereinigen. Bedeutende Vertreter der damaligen Jazzmoderne wie J. J. Johnson oder Charles Mingus suchten in einer solchen Synthese die große Form und fanden doch nur – von der EMusik her betrachtet – gedankenblasse, antiquierte Kompromisse. Die Sehnsucht der Jazzmusiker nach den Weihen der Hochkultur erfüllte sich allenfalls im Kleinformat des Modern Jazz Quartet. Wo das Experiment große Orchester verlangte, scheiterte es, vor allem an der Ignoranz der »klassischen« Sinfoniker. Die entwickelten kein Sensorium für Improvisation, Rhythmus, Tonbildung, Timing. Allerdings schärften die etwas angestrengten Kuppelversuche im Jazz selbst die Aufmerksamkeit für ein paar alte Wahrheiten.

Zwar war Jazz immer schon, was Whitney Balliett »the sound of surprise« nannte, individuelle, expressive Musik. Aber die voraussetzungslose Kreation, die Entstehung von etwas aus nichts, war eine Illusion. Ein etwas exaltierter Spontaneitätskult hatte verdrängt, dass auch im Jazz allemal beides wichtig war – spontan gefundene Elemente und festgelegte, Freiheit und Ordnung. Beides war schon in der Musik von Ellington untrennbar. Einerseits schrieb der Duke gezielt auf die individuellen Temperamente seines Orchesters hin; andererseits notierte er seinen Solisten sogar »simulierte Improvisationen«, oft als Startrampen für echte. Ganz Ähnliches unternimmt Rüegg in Third Dream. Aber im Gegensatz zu Schullers Zeiten wissen seine Klassik-Musiker, was der Jazz ihrem Metier voraus hat. Sie kennen so schwer definierbare Qualitäten wie Groove oder Drive. An einem imaginären Schmelzpunkt entsteht so aus zwei Idiomen ein drittes.

Third Stream ist eine Antiquität aus den Zeiten des Nierentischs, aber in ihrer Wirkung war sie wichtig als Ausgangspunkt (unter vielen anderen) für das, was man später die »Europäisierung« des Jazz genannt hat. Und, unmittelbarer, für eine neue Equilibristik zwischen Spontaneität und Form, die Musiker aus ihrem Umfeld entwickelt haben: im intimen Kammerbereich Jimmy Giuffre in seinem Trio mit Paul Bley und Steve Swallow (1961), im Großformat Gil Evans in den Concerti, die er für Miles Davis schrieb . (Nicht von ungefähr gehörte Gunther Schuller einst zu Davis’ legendärem Capitol Orchestra von 1951.)

An der aktuellen Entwicklung des Jazz fällt zweierlei auf: eine Öffnung in Richtung aller denkbaren musikalischen Ethnien und eine fast durchgehende Annäherung improvisatorischer und kompositorischer Verfahren. Komposition wird so »verlangsamte Improvisation« (Schönberg), Improvisation instant composing. Rüeggs Third Dream ist da nur ein besonders deutliches Beispiel. Das neue Formbewusstsein ist auf dem ganzen weiten Feld der zeitgenössischen improvisierten Musik auszumachen. Keineswegs auf Europa beschränkt, hat es längst auch jene Vertreter des Free Jazz erreicht, die nach ihren furiosen Entfesselungskünsten in einem neuen Konformismus landeten und dem nur durch einen (im weitesten Sinn) »kompositorischen« Notausgang entkamen. Ganz zu schweigen, versteht sich, von Musikern, die immer schon zwei Seelen in ihrer Brust trugen, von Uri Caine und Louis Sclavis bis Franz Koglmann. Mathias Rüegg gehört in jedem Fall dazu.


Vienna Art Orchestra 2009: Third Stream
Extraplatte EX998-2/Sunny Moon

 

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