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Jazz Baltica - Zweiter Anlauf

Nicholas Payton - R&B Oper

Michel Petrucciani




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Welt Online,  2.12.2011

Zweiter Stapellauf für Jazz Baltica

Festival gerettet - Neuer Spielort: Timmendorfer Strand - 
Neuer Leiter: Nils Landgren

Etwas traurig und wie unwissentlich auf Halbmast hängt im Lübecker Palais Rantzau bei der Pressekonferenz des Schleswig-Holstein Musik Festival die Fahne der Jazz Baltica an der Wand. Dabei hat das Jazzfestival gar keinen Grund zur Klage, nicht am heutigen "Tag der Freude", wie Professor Rolf Beck, Musikchef des NDR und Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, betonte, denn mit der gestrigen Zustimmung des Rates der Gemeinde Timmendorfer Strand-Niendorf ist die Zukunft der Jazz Baltica gesichert. Im nächsten Jahr wird sie vom 29. Juni bis zum 1. Juli auf dem Gelände der Evers-Werft in Niendorf stattfinden.

Dies allein ist schon eine frohe Botschaft, denn der Fortbestand des Festivals stand lange Zeit auf der Kippe, nachdem das Land seinen Ausstieg aus dem Landeskulturzentrum Salzau beschlossen und die Landesförderung von 150 000 Euro komplett gestrichen hatte. Schon in diesem Sommer durfte das Festival nur noch ausnahmsweise im naturschönen Ambiente des landeseigenen Gutshofs in Salzau stattfinden. "Nachdem ein Ortswechsel ein neues Konzept erfordert", erklärt Beck, "habe ich gesagt: Dann machen wir das in einem Zug: einen Neubeginn an neuer Stätte mit einem neuen künstlerischen Leiter."

Letzterer trägt den Namen Nils Landgren und ist entschlossen, das Festival inhaltlich wieder näher an seine Ausgangsidee zu binden: als vor gut 20 Jahren, in der Regierungszeit des den Künsten aufgeschlossenen Sozialdemokraten Björn Engholm, die Idee der Jazz Baltica entwickelt wurde, stand die Idee im Zentrum, Musiker aus der baltischen Region, dem Ostseeraum in einem weiteren Sinne, der durchaus auch bis Norwegen oder an den Ural reicht, ganz besonders in den Fokus zu nehmen.

Damals schon war das eine spannende Idee, weil es in dieser Region mehr als in vielen anderen Teilen der Welt von hoch qualifizierten Musikern wimmelt, die sich um einen eigenständigen Zugang zum Jazz bemühen. Und genau an diesem Punkt möchte auch Nils Landgren ansetzen, der neben seiner Tätigkeit als international gefragter Posaunist und künstlerischer Berater des Leiters der NDR Bigband in den vergangenen vier Jahren in Berlin als künstlerischer Leiter des bedeutendsten Jazzfests auf deutschem Boden wertvolle Erfahrungen sammelte.

"Meine Idee ist es, sozusagen "back to the roots" zu gehen und mit dem Raum Ostsee zu spielen und da ein bisschen weiterzuforschen." Als Forschungsinstrument steht ihm dabei eine Location zur Verfügung, die sich so deutlich vom idyllischen Chic des Landguts in Salzau abhebt, dass man nicht sofort ins Vergleichen kommt, dabei aber als Veranstaltungsort des SHMF seit Langem erprobt ist und ihren eigenen Charme entwickelt: die ehrwürdige Evers-Werft, direkt im Niendorfer Hafen an der Ostsee.

Das Festival kommt damit direkt ans Meer, schwärmt Beck, und auch Landgren freut sich über den spektakulären Spielort: "Es ist eine alte Werft, die als Werft ihre besten Tage hinter sich, aber als Veranstaltungsort vor sich hat. Sie hat Charme, die Halle ist leer, man kann da viel gestalten."

Auch im Umfeld spricht aus Landgrens Sicht einiges für Niendorf: Da ist der alte Fischerhafen mit zwölf hauptberuflichen Fischern, die tatsächlich noch Teile ihres Fangs verkaufen, es gibt eine Zugverbindung und Unterkünfte jeder Art und Preisklasse. Und es gibt den Strand, der den Reiz des Festivals noch einmal erhöht, und mit der Gemeinde gibt es nun auch einen Partner des Festivals, der sich zupackend engagiert. Das geht beim Portemonnaie los: Den Ausfall des scheidenden TV-Partners 3sat kompensieren die 75 000 Euro pro Jahr von der Gemeinde, und ein einmaliger Zuschuss des Bundesbeauftragten für die Kultur in Höhe von 150 000 Euro hilft, das neue Festivalkonzept anzuschieben. Es ist also durchaus Optimismus angesagt, was die Jazz Baltica angeht. Wenn man es jetzt noch schafft, das Banner so aufzuziehen, dass es Kraft, Vitalität und Aufbruchsstimmung ausstrahlt, dann wird alles gut.



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Welt Online,  6.12.2011

Nicholas Payton trompetet eine R&B-Oper

Der Trompeter Nicholas Payton bringt ein modernes Pop-Album auf den Markt und verabschiedet sich vom anständigen Jazz.

Im Jazz gilt Nicholas Payton als beachtliches Talent, aus dem noch etwas werden könnte mit den Jahren. Er ist 38. Der Marsalis-Dynastie ist Payton als Trompeter freundschaftlich verbunden. New Orleans ist seine Heimat und die Jazzgeschichte sein Zuhause. Bei den Blue Note 7 hat er schon geblasen, einem Traditionsseptett, und im Film „Kansas City“, der während der 1930er Jahre spielt.

Jetzt sorgt die Nachwuchshoffnung der Konservativen für Entsetzen: „Bitches“ ist ein unverschämtes Popalbum. Bereits im Titel klingt Miles Davis’ ketzerische Platte „Bitches Brew“ von 1970 an. Auch Payton spielt mit Synthesizern und Elektrobässen, eigenhändig allerdings, er programmiert die Breakbeats für die Beatmaschine, und er singt sogar.

Payton spielt eine R&B-Oper

In seinen Liedern vertont er die älteste Lovestory aller Zeiten, von Adam und Eva, ihrer Liebe, ihren Sünden und Problemen. Paytons Stücke fügen sich zu einer zweiaktigen R&B-Oper im Niemandsland zwischen HipHop und Soul, zwischen den Siebzigern, den Achtzigern und heute. Ein Song heißt „iStole Your iPhone“.

Esperanza Spalding und Cassandra Wilson treten als beseelte Gäste auf. Payton erklärt: „Ich bin mit Earth, Wind & Fire, Michael Jackson, Stevie Wonder und Prince aufgewachsen. Später kamen A Tribe Called Quest, D’Angelo und Erykah Badu hinzu.“ Vielleicht ist Nicholas Payton einfach noch zu jung für anständigen Jazz.


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Spiegel Online, 10.12.2011

Michel Petrucciani
Letzte Ruhe neben Chopin

Von Hans Hielscher

"Ein Wesen vom anderen Stern":  Michel Petrucciani spielte modernen Jazz mit atemraubender Virtuosität, vibrierendem Swing und seelischem Tiefgang. Nun würdigt ein Dokumentarfilm die allzu kurze Karriere des genialen Pianisten, der 1999 starb.

Als Michel Petrucciani zum ersten Mal in der Hamburger Fabrik auftrat, verloren sich dort etwa hundert Personen. Ein gutes Jahr später war die Halle ausverkauft; mehr als tausend Fans feierten den Pianisten.

Den Sprung vom Geheimtipp zum Publikumsmagneten verdankte Petrucciani einem Fernsehmoderatoren: Roger Willemsen hatte den Franzosen mit sizilianischen Wurzeln als Studio-Musiker für seine ZDF-Talkshow "Willemsens Woche" (1994-1998) verpflichtet und damit weit über die Jazzszene hinaus bekanntgemacht. Nun kamen die Leute, um live zu erleben, wie ein weniger als ein Meter großer Mensch mit einem von der unheilbaren Glasknochenkrankheit gezeichneten Körper dem riesigen Steinway-Flügel unglaubliche Akkorde entlockte. Petrucciani spielte modernen Jazz mit atemraubender Virtuosität, vibrierendem Swing und seelischem Tiefgang

Der behinderte Junge übt zwölf Stunden täglich am Klavier

Petruccianis "Leben gegen die Zeit", so der Untertitel, erzählt der Dokumentarfilm des Oscar-Preisträgers Michael Radford ("Der Postmann"). Interviews mit Familienangehörigen und musikalischen Weggefährten und fesselndes Archivmaterial zeigen, wie der behinderte Junge mit eiserner Willenskraft zu einem der weltbesten Pianisten aufsteigt. Während die anderen Kinder Fußball spielen, übt Petrucciani bis zu zwölf Stunden täglich am Klavier. Mit 13 gibt er ein Konzert mit dem amerikanischen Trompeter Clark Terry; mit 18 trifft er in Kalifornien den Saxofonisten Charles Lloyd und geht mit ihm auf Tournee. Lebenshungrig bis zum Exzess genießt Petrucciani das Reisen, opulente Mahlzeiten, Trinkgelage, Drogen und Frauen.

In New York tritt Petrucciani mit den Jazzgrößen der Zeit auf - Dizzy Gillespie, Joe Lovano, Wayne Shorter und vielen anderen. Das Label "Blue Note" nimmt den Franzosen als ersten Europäer unter Vertrag. In der Jazz-Metropole trifft er die Mutter seines Sohnes Alexandre, der die Krankheit seines Vaters erbt - aber nicht dessen Talent. Alexandres Auftritt gehört zu den bewegendsten Sequenzen des Films, der nicht nur für Jazzfans absolut sehenswert ist. 1998 gibt Petrucciani 220 Konzerte; in Rom hört ihn Papst Johannes Paul II. Als Freunde ihn drängen, kürzer zu treten, antwortet der rastlose Musiker: "Ich habe Charlie Parker überlebt. Das ist doch gar nicht so schlecht." Die Jazz-Legende Parker wurde 34 Jahre alt. Petrucciani stirbt am 6. Januar 1999 in New York an einer Lungenentzündung. Er ist 36. Beigesetzt wird der Pianist auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, neben dem Grab von Frédéric Chopin.

Film: "Michel Petrucciani - Leben gegen die Zeit". Regie Michael Radford; seit 8. Dezember in den Kinos.

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