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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 2. TEIL
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INHALT DES 2. TEILS:
III. ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE (Definitionen - Phasen der psychischen
Entwicklung - Entwicklungsstörungen - Geistige Behinderung) ø
IV. PÄDAGOGIK (Historische Auffassungen - Erziehungsstile -
Erziehungsziele) ø
Vgl. Entwicklungspsychologie (interaktive Seite mit Versuchen), Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für (zukünftige) Lehrer
- Entwicklung:
Entwicklung ist die Entfaltung eines zweckhaften Ganzen in Auseinandersetzung mit
anderen zweckhaften Ganzen. Es handelt sich um einen irreversiblen
Differenzierungsprozess, an dessen Ende Mündigkeit (Selbständigkeit,
Lebensausstattung, Identität) steht (stehen soll).
- Programmierung:
Die zu entwickelnden Programme des Menschen sind zT offene Programme (zB:
Fähigkeit zur Sprache ist angeboren und nach entsprechender Reifung abrufbar, der Inhalt
[ob Englisch, Chinesisch etc.] nicht.
- Phase:
Phase ist ein Zeitabschnitt (mit z. T. recht willkürlichen Grenzen), dem ein
Ordnungsprinzip zugrunde liegt (ähnlich z. B. den Literaturepochen). Angabe mit Semikolon (1.
Zahl = Jahr, 2. Zahl = Monat)
- Reifung:
Reifung erfolgt von selbst und schafft die Voraussetzungen für das Lernen (zB
Cortexreifung, Reifung des Stützapparates etc.).
- Lernen:
Lernen (jede durch Umwelt- oder Erfahrungswirkung
provozierte Verhaltensänderung) wird durch Erziehung (= alle Einwirkungen, die Menschen
zum Lernen veranlassen) in Gang gesetzt und erfolgt durch direkten Umweltkontakt, durch
unbewusste zwischenmenschliche Einwirkungen (Funktionale Erziehung) oder durch bewusste,
gezielte Maßnahmen (Intentionale Erziehung). In sog. Sensiblen Perioden (Phasen)
erfolgt das Lernen leichter als danach. Die Einwirkung anderer ist deshalb notwendig, da
es im Wesen des Menschen liegt, dass er allein nicht überleben kann, vgl. KASPAR-HAUSER-Ex.: FRIEDRICH II ließ Kinder isoliert aufwachsen, um
herauszufinden, ob Hebräisch, Griechisch oder Latein die Ursprache sei (Deprivationsex.) => Tod der Kinder durch mangelnden Sozialkontakt. (Der
"historische" K. HAUSER lebte viel später.) Vgl. auch ARISTOTELES: "Der
Mensch ist ein geselliges Wesen" (zóon politikón)
- Die vier Grundfragen der
Entwicklungspsychologie:
Nach Heinz HECKHAUSEN können folgende jeweils zwischen zwei Gegenpositionen
hin und her pendelnde Grundfragen formuliert werden:
* Ist das Kind ein kleiner Erwachsener, oder ist der Erwachsene ein groß
gewordenes Kind?
* Ist das Kind ein aktiver Erkunder oder ein passiver Empfänger?
* Ist das Kind ein Bündel von Elementarprozessen oder ein integriertes
Gesamtsystem?
* Sind die Ergebnisse der kindlichen Entwicklung stärker von Erbfaktoren oder
von Umwelteinflüssen bestimmt?
PHASEN DER PSYCHISCHEN ENTWICKLUNG
(Phaseneinteilung nach MARIAN HEITGER, Erziehen, Lehren, Lernen. ORF-Lehrgang)
- 0;0 bis 0;6: Säuglingsalter:
* Ordnungsprinzip der ersten Phase: Kennenlernen
des eigenen Körpers und seiner Zustände
Ich « Körper |
* Schwangerschaft bis Geburt: Vgl. die entsprechenden
Seiten von Netdoktor.at, das Babynet und Rund
ums Baby. Der Mensch kommt im ø nach 281 Tagen Tragezeit (NAEGELE-Regel zur
Errechnung des voraussichtlichen Geburtstermins: 1. Tag der letzten Menstruation minus 3
Monate plus 7 Tage), normalerweise aus der Kopflage, auf die Welt (4 von 100 bereits vor
der 37. Schwangerschaftswoche, kaum nach der 42. Woche, da die Geburt dann künstlich
eingeleitet wird.). 2001 gab es in Österreich (ca. 8 Mio. Ew.) bei 3,6%
Rückgang zum Vorjahr (Grund: In den Post-Babyboom-Jahrgängen immer weniger
potentielle Eltern und immer häufiger bewusste Kinderlosigkeit) 75 458 Geburten
(Rekordtiefststand; etwas mehr als Sterbefälle; 33,1%
davon - Rekordwert! - unehelich; ca. 69 000
Inländer; Tendenz stark sinkend: vgl. 1994 ca. 92 000 Geburten;
Fertilitätsrate nur mehr 1,31 pro Frau; vgl. Statistik Austria), deutlich weniger als vor Aufkommen
der "Anti-Baby-Pille", die trotz kirchlicher
Proteste (vgl. Enzyklika Humanae
Vitae) das wichtigste Kontrazeptivum geworden ist, in den 60er-Jahren. Folge:
Durchschnittsalter der Österreicher (2000 39,6) wird bis 2030 auf 45,3 steigen.
Zur Zeit (2000) 16,7% unter 15, 62,6% 15-60, 20,7% 60+. (2030 wird dieses
Bevölkerungssegment ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen!)
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Quelle: Statitik Austria (htp://www.statistik.at)
| Durchschnittliche Maße eines neugeborenen Kindes: | |
| ° ø 51 cm Länge | |
| ° ø 3400 g Gewicht (alles unter 2500 g wird Frühgeburt, small for date, genannt = etwa 6 von 100 Neugeborenen; ebenso viele wiegen über 4000 g; vgl. umfassende Informationen für Eltern Frühgeborener) | |
| ° ø 35 cm Kopfumfang |
Knaben und Zweitgeborene sind im Durchschnitt größer und schwerer als Mädchen und
Erstgeborene.
Der Mensch ist (vom Anthropologen A. PORTMANN) als "Physiologische
Frühgeburt" mit verkürzter Embryonalentwicklung (durch Gehirnentwicklung zu
großer Kopfumfang für späteren Geburtstermin => Gehirnentwicklung nicht
abgeschlossen, selbstständiges Bewegen unmöglich etc) und bereits von HERDER aufgrund
seiner Instinktreduktion als "Mängelwesen" bezeichnet worden; er verfügt über
keine biologischen Waffen, jedoch für einige Zeit über zT atavistische
* Säuglingsreflexe (zT
rudimentär; vgl. Seite
1, 2 und 3):
| ° Suchreflex: Bestreichen der Wange bewirkt eine Kopfbewegung in Richtung des Reizes | |
| ° Saugreflex: Berühren der Lippe bewirkt Saugen | |
| ° Schluckreflex: tritt beim Füttern bis ca. zum 3. Lebensmonat automatisch auf | |
| ° Greifreflex: Fingerbeugung bei Bestreichen der Handinnenflächen (palmar; analog plantar auch an der Fußsohle auslösbar); sehr stark (Kind bleibt an einer Wäscheleine hängen (atavistisch!) | |
| ° Schreitreflex: in der Senkrechten gehalten "geht" ein Säugling, wenn seine Füße den Untergrund berühren | |
| ° Aufrichtungsreflex: Wird während des Schreitens (s. o.) plötzlicher Druck auf eine Fußsohle ausgeübt, zeigt der Säugling Stehbereitschaft (Streckung des entsprechenden Beines, Beugung des anderen) | |
| ° BABKINreflex: Beim Druck auf beide Handflächen öffnet das Kind den Mund, schließt die Augen und neigt den Kopf nach vorne (auch Hand-Mund-Reflex; nach dem russisch-kanadischen Neurologen Boris Petrowitsch BABKIN, 1877-1950) | |
| ° BABINSKIreflex: Kind spreizt Zehen, wenn man über die Sohle streicht (nach dem Pariser Joseph F. BABINSKI, 1857-1932) | |
| ° Schwimmreflex: tritt im Wasser auf | |
| ° MOROreflex: plötzliche passive Veränderung des Kopfes oder beidseitiges Schlagen auf den Polster neben den Ohren bewirkt Aufreißen der Arme mit gespreizten Fingern und danach langsames Zusammenführen der Arme der Brust (nach dem deutschen Kinderarzt Ernst MORO, 1874-1951) | |
| ° Galant-Rückgratreflex: Kind krümmt sich in die entsprechende Richtung, wenn seitlich der Wirbelsäule entlanggestrichen wird | |
| ° Kind stößt sich mit den Füßen ab, wenn es Widerstand spürt | |
| ° Tonischer Nackenreflex: In Rückenlage dreht der Säugling seinen Kopf bei auf dieser Seite gestreckten Gliedmaßen meist nach rechts |
Die Reflexe ersetzen das noch nicht ausgeprägte planvolle Handeln; wenn sie nach
einiger Zeit mit zunehmender Hirnreifung nicht verschwinden (meist längstens
nach 6 Monaten), nur einseitig oder überhaupt nicht auftreten, deutet dies auf eine
Entwicklungsstörung (s. u.) hin.
* Im Krankenhaus: (in Holland z. B. etwa 90% Hausgeburten!)
| ° Betreuung der Geburt (verschiedene Methoden: sectio caesaris, mit und ohne Dammschnitt, mit und ohne Schmerzmittel, im Liegen, Hocken, auf dem Gebärstuhl, unter Wasser etc. Methodenwahl sinnvollerweise bereits im Laufe der Schwangerschaft festlegen! Vgl. Beschreibung verschiedener Möglichkeiten und Suchliste aller österreichischen Geburtenstationen) | |
| ° APGAR-Test: Vergabe von je 2 Punkten für Hautfarbe, Muskeltonus, Atmung, Herzschlag und Reflexe eine Minute (Mittelwert 9 Pt.) und fünf Minuten (Mittelwert 10 Pt.) nach der Geburt (nach VIRGINIA APGAR, 1909-1974) | |
| ° Neugeborenenscreening (vgl. Seite neoscreening.de), zB PKU-Test (s. u.) | |
| ° Versorgung des Neugeborenen (Säubern, Stillgeschäft in Gang bringen, z. T. noch unabgenabelt und mit Käseschmiere, hinlegen, z. B. rooming in, etc.) | |
| ° Ausführliche pädiatrische Untersuchung in den ersten Tagen nach der Geburt (z. B. um eine Hüftgelenksdysplasie u.a. sofort zu erkennen, Vitamin D als Rachitis-Prophylaxe anzuordnen etc.) |
* Erste Entwicklung: Erster Atemzug innerhalb der ersten 20
Sekunden. Neugeborene nehmen zunächst ab (Tiefstwert 3. Tag, maximal tolerabel 10%), nach
10 Tagen haben sie ihr Geburtsgewicht wieder erreicht. Abfallen des Nabelschnurrestes nach
etwa 8 Tagen. Oft leichter Ikterus nach dem dritten Tag. Erste Miktion unmittelbar post
partum, erster Stuhl (Mekonium) schwarz, dann aromatische Muttermilchstühle.
* Vorteile des Stillens: Nahrung immer zur "Hand", gesund,
verbunden mit Sozialkontakten, selbstständige Angebot-Nachfrage-Regelung
* Entwicklung bis 0;6: Nach 3-4 Monaten Verdopplung des
Geburtsgewichtes (nach einem Jahr Verdreifachung). Größe mit 0;6 ø 66 cm. Mit ca. 5
Wochen Kopfheben aus der Bauchlage, mit etwa drei Monaten selbständiges Kopfwenden, erst
später selbständiges Drehen von der Bauch- in die Rückenlage. (Vorteile der
Rückenlage: ev. größeres Wahrnehmungsfeld, weniger SIDS-(Sudden Infant Death
Syndrom)-Fälle (vgl. Seite
1, Seite 2, Seite 3); Vorteile der
Bauchlage: geringere Erstickungsgefahr bei ev. Erbrechen). Mit etwa 0;4 Greifen nach
angebotenen Gegenständen. Zahnentwicklung unterschiedlich (zT auch erst nach 0;6,
beginnend mit den unteren Schneidezähnen). Gebrauch der Sprechwerkzeuge unspezifisch. (Am
Beginn der Sprachentwicklung stehen Lallmonologe).
* Sozialentwicklung: erstes Lächeln mit 7-9 Wochen (auch
taubblind Geborene lächeln => angeborene Verhaltensweise). Gesichter werden zunächst
nur schemenhaft erfasst (vgl. folgende Seite). Eltern
reagieren auf das angeborene "Kindchenschema".
Mit 0;3 Erkennen von Bezugspersonen (oder zumindest immer gleichen Situationen) =>
Konstante Umwelt (Personen wichtiger als Sachen) anzustreben. Gefahr bei dauernd
wechselnden Bezugspersonen: Hospitalismus (von R. SPITZ geprägter Ausdruck für ein
zunächst in Spitälern beobachtetes Erscheinungsbild der psychischen Verwahrlosung, die
sich in Verhaltensstörungen, zB Iaktation, Enuresis, Enkopresis etc, und retardierter
Entwicklung äußert. "Gefühlsmangelkrankheit".) Vgl. Hospitalismus.
Zu Bezugs- und anderen Problemen im Falle einer Scheidung der Eltern siehe Opfer
der Rosenkriege - Rollenmissbrauch der Kinder. Wichtig ist ´daher die Herstellung
des sog. Urvertrauens (vs. Urmisstrauen, = 1. Identitätsstufe nach Erik
Homburger Erikson); zu
Erikson (1902-1994) vgl. diese Links
und die folgende Tabellenübersicht der von Erikson
in seinen Büchern Childhood and Society 1950 und Identität und
Lebenszyklus 1966 in Anlehnung an Freuds
psychosexuelle Phasen (s.
u.) erstellten psychosozialen Phasen ("Identitätsstufen"):

http://www.jogolis-kindergarten.de/wordpress/?page_id=82
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Stufen der Identität: |
Beschreibung ("Epigenese der Identität"): |
Zitate: |
| 1. Identitätsstufe (ca. 0;0-1;0): | Urvertrauens vs. Urmisstrauen | "Ich bin, was man mir gibt." |
| 2. Identitätsstufe (ca. 1;0-3;0): | Autonomie vs. Scham, Zweifel | "Ich bin, was ich will." |
| 3. Identitätsstufe (ca. 3;0-5;0): | Initiative vs. Schuldgefühl | "Ich bin, was ich mir zu werden vorstellen kann." |
| 4. Identitätsstufe: (ca. 5;0-12;0) | Werksinn, Leistung vs. Minderwertigkeitsgefühl | "Ich bin, was ich lerne." |
| 5. Identitätsstufe (ca. 12;0-20;0): | Erwachsenenidentität vs. Identitätsdiffusion | "Ich bin, was ich bin." |
| 6. Identitätsstufe (ca. 20;0-45;0): | Intimität vs. Isolierung | "Ich bin, was mich liebenswert macht." |
| 7. Identitätsstufe (ca. 45;0-65;0) : | Generativität vs. Selbstabsorption, Stagnation | "Ich bin, was ich bereit bin zu geben." |
| 8. Identitätsstufe (ca. 65;0-100;0): | Ich-Integrität vs. Verzweiflung, Lebensekel | "Ich bin, was von mir überlebt." |
- 0;6 bis 2;6: Frühkindheit:
* Ordnungsprinzip der zweiten Phase: Kennenlernen der
gegenständlichen Welt
Ding 1 .... Ding 2 .... Ding 3 .... Ding 4 .... Ding n |
* Wende: Erlernen des Sitzens => Greifraum und Sehraum
überschneiden einander, dadurch neue Möglichkeiten des Spielens
* Spielzeug: Soll Erfassen der Dingwelt in allen Facetten
unterstützen. Begriffe entstehen durch Begreifen. Auch Dinge des alltäglichen Gebrauchs
werden zum "Spielzeug" => Unfallgefahr (zB Putzmittel, Medikamente etc.)
durch Vorliebe, alles in den Mund zu stecken. (Im Zweifel Auskunft bei der
Vergiftungsinformationszentrale unter Wiener Tel.: 406 43 43 - und in Deutschland bei der Giftzentrale)
* Sprache: (Zur frühkindlichen Sprachentwicklung vgl. folgende Dissertation.) Die Funktionsweise der
Sprechwerkzeuge wird weiterhin trainiert, wobei in den Lallmonologen bereits
sprachtypische Intonationsmuster erkannt werden können. Sprachfähigkeit muss von den Eltern antizipiert
(vorweggenommen) werden, um entstehen zu können (Vorbildwirkung grammatikalisch richtiger
Sätze). Die "Mutter"sprache wird schon von Geburt an anderen
vorgezogen (da das Gehör zumindest in den letzten drei Monaten der
Schwangerschaft eine Gewöhnung ermöglicht). Bei mehrsprachigem
Aufwachsen (empfohlen!) sollen die verschiedenen Sprachen eindeutig
unterschiedlichen Personen oder Situationen (Vater/Mutter, Familie/Umgebung)
zugeordnet sein. Erst wenn das Kind sich der Mehrsprachigkeit bewusst wird
(2./3. Lj.), kann es gezielt umschalten. Nach dem 12. Lj. ist ein völlig
akzentfreies Erlernen einer Fremdsprache nicht mehr leicht möglich.
Zunächst Einwortsätze (80% Substantiva, 20% Verben), dann ganze Sätze, die
parataktisch gereiht werden. Wortschatz etwa 300 Wörter. Dominierende Frageform:
Was-Fragen ("1. Fragealter").
Vgl. Tutorial Sprache
und Gehirn
* Motorik, physische Entwicklung: Stehen- und Gehen
lernen
(zwischen 0;9 und 1;2), ohne Gefahren abschätzen zu können - Vorsicht: Straßenverkehr,
Steckdosen, Fenster, Leitern...; Immer bessere Körperkoordination (zuerst oben und
außen, dann unten und innen = kephalo-kaudaler bzw. proximo-distaler Trend); Ausbildung des Milchgebisses;
selbständiges Essen und Ausscheiden; Veränderung der Körperproportionen (Verhältnis
Kopf / Gesamtlänge bei Neugeborenen 1:4, bei Erwachsenen 1:8.) ø-Länge am Ende der
Phase: über 90 cm. (Wachstumstempo nimmt ab.) In der zweiten Hälfte dieser
Phase lässt die Feinmotorik bereits erste "Zeichnungen" zu, die
zunächst nur aus schwer, wenn überhaupt identifizierbarem
"Gekritzel" bestehen.
* Sozialentwicklung: 2. Identitätsstufe nach Erikson:
Autonomie vs. Scham, Zweifel (Entspricht etwa Freuds "Analer Phase", s. Teil 4)
- 2;6 bis 5;6: Kleinkindalter:
* Ordnungsprinzip der dritten Phase: Kennen lernen immer neuer
Einzelheiten der gegenständlichen Welt und ihrer Beziehung zueinander
Ding 1 « Ding 2
«
Ding 3 «
Ding 4 «
Ding n |
* Moralentwicklung: Am (vor) Beginn dieser Phase Entstehen
des Ich-Bewusstsein, meist verknüpft mit Gedächtnis (erste bewusste Erinnerung fällt in
diese Zeit). Damit kann sich das Kind als Urheber eigener Handlungen erkennen, für die es
Verantwortung übernehmen kann. Können wird erlebt als begrenzt von Wollen und Sollen. 3.
Identitätsstufe nach Erikson: Initiative vs. Schuldgefühl (je nachdem, wie Eltern
auf die Eigeninitiative des Kindes reagieren). Moralstadien nach Lawrence
Kohlberg (1927- Selbstmord 1987): In diesem Alter präkonventionelle Phase (reine
Strafvermeidungsmoral, vice versa Anstreben von Belohnungen)
* Sprache: Warum-Fragen lösen Was-Frage ab ("2.
Fragealter"), Nebensätze entstehen (hypotaktische Fügung) Sprachschöpferische
Tätigkeit (Neologismen). Mit 4;0 Wortschatz ca. 1000 Wörter (± x).
* Sozialentwicklung: am Beginn der Phase, sog. Trotzalter, ein
erster Abgrenzungsversuch von den Eltern. Wenn sich das Verhalten nicht ändert =>
fixierter Trotz. Zeichnungen: Menschen werden zunächst als Kephalopoden
dargestellt, später immer mehr Details. Bei Sozialstörungen wird
therapeutisch, auch in späteren Phasen, oft die Kinderzeichnung eingesetzt.
(z. B.: "Stelle deine Familie in Form von Tieren dar!" - Art, Größe und
Stellung zueinander lassen dann Rückschlüsse zu.)
- 5;6 bis 8;6: Phase der Schulfähigkeit:
* Ordnungsprinzip der vierten Phase: Eine Aufgabe kann
als Aufgabe erkannt und bewusst erfüllt werden. Voraussetzung dafür: Anfang und Ende
einer Handlung können aufeinander bezogen werden, da das Kind nicht nur im, sondern auch
über dem Zeitablauf steht. Die Reife eines Kindes lässt sich u.a. am selbst gewählten
Anspruchsniveau (Begriff von K. Lewin, s. u.)
erkennen, wenn es zB im Ex. aus mehreren unterschiedlich
schweren Gewichten eines auswählen soll, das es mutmaßlich zu heben imstande ist.
(Unreife Kinder wählen oft völlig unrealistisch viel zu schwere Gewichte.) 4.
Identitätsstufe nach Erikson: Werksinn, Leistung vs. Minderwertigkeitsgefühl
(je nachdem, ob Kinder ihre "Arbeit" als positiven Beitrag erleben können)
Akt Akt ________________________________________________> Zeit |
* Sprache: Passivsätze, Wortschatzerweiterung
* Moral- und Sozialentwicklung: Im Laufe der Kindheit (nicht nur
in dieser Phase) erfolgt die Übernahme von gewissen Lenes- und
Moralauffassungen, mit denen das Kind durch andere (v. a. Eltern) bekannt
gemacht wird (Internalisierung). Diese prägungsähnlichen Vorgänge sind sehr
stabil und später auch bei rational gegenteiliger Einsicht schwer zu
verändern.
- 8;6 bis 10;0: Reife Kindheit:
* Ordnungsprinzip der fünften Phase: Verstehen des
Unterschiedes zwischen Sittlichkeit und Sachlichkeit. Das Kind erkennt den Unterschied
zwischen Wahr und Falsch (Instanz: Wissen) und Gut und Böse (Instanz: Gewissen) und fragt
nach einem letzten Prinzip
* Kognitive Entwicklung: Jean Piaget (aus der Schweiz;
1896-1980) untersuchte mit Invarianzaufgaben das
Kausalverständnis. Die Invarianz
von Anzahl-Substanz-Länge-Fläche-Gewicht-Volumen wird unterschiedlich früh
verstanden (Volumen oft erst mit 14;0)
Vgl. Piaget (mit
interaktivem Versuch), eine Seite der Piaget-Gesellschaft
und die Piaget-Archive der Genfer
Universität
- 10;0 bis 13;0: Vorpubertät:
* Ordnungsprinzip der sechsten Phase: Erlernen
des kritischen Stellungnehmens und Wertens. Erstes, noch unsystematisches Werten ist nicht
nur als Abgrenzung, sondern auch als zweiter (nach dem Trotzalter) Ablösungsversuch von
den Eltern zu verstehen. Erlernen des logisch aufgebauten Argumentierens durch
Auseinandersetzung mit anderen Meinungen.
* Moral: konventionelle Phase (altruistische,
aber noch heteronome Moral: Einhaltung der Ordnung, "Goldene Regel")
* Körperliche Entwicklung: Am Phasenende (bei Mädchen
zunehmend am Anfang): Geschlechtsreife - Akzeleration: Geschlechtsreife von Generation zu
Generation früher
* Sprache: abstrakte Begriffe, komplizierte
Konstruktionen
- 13;0 bis 17;0: Pubertät:
* Ordnungsprinzip der siebenten Phase: Frage nach dem
Maßstab des Wertens und dem Logos der Psyche. Das unsystematische, emotionelle
Argumentieren wird systematisiert und in einen Wertekatalog eingebettet. Sinnfragen
entstehen.
* Physische Entwicklung: Abschluss der körperlichen
Entwicklung (Längenwachstum, zweites Gebiss etc.)
* Moral: postkonventionelle Phase (eine auf
abstrakten philosophischen Prinzipien beruhende Moral, die Autonomie aufweist und daher
nicht von jedem erreicht wird)
Abschluss der Psychischen Entwicklung ist (sollte sein): Mündigkeit (heißt nach
I. Kant, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer bedienen zu können, vgl. Originalzitat).
Vgl. Übersicht
und Quiz
zu den Moralphasen Kohlbergs
- 17;0 bis 20;0: Adoleszenz:
* 5. Identitätsstufe nach Erikson: Erwachsenenidentität vs.
Identitätsdiffusion (das Selbstkonzept zerfließt), negative Identität (von der
Gesellschaft nicht anerkannte Rolle), Rollenkonfusion. Teilaspekte: Sinnfindung durch
Identifikationen (bei Störung, zB "0 Bock", Gefahr der Drogenabhängigkeit oder
Kriminalität); Übernahme der Geschlechterrolle (die nicht nur biologisch, sondern auch
sozial bestimmt wird, vgl. die ethnologischen Untersuchungen von Margaret
Mead)
- 20;0 bis 30;0: Frühes Erwachsenenalter:
* 6. Identitätsstufe nach Erikson: Intimität vs. Isolierung
(Fähigkeit zur Aufnahme tragfähiger Beziehungen); Phase des Aufbaus eines selbständigen
Lebens;
- 30;0 bis 60;0: Erwachsenenalter:
* 7. Identitätsstufe nach Erikson: Generativität (Zeugende
Fähigkeit) vs. Selbstabsorption, Stagnation (Entscheidung darüber, ob man etwas
Geglücktes hervorbringt und über das Ich hinausgehende Interessen verfolgt oder sich bei
seinen Tätigkeiten - auf das eigene Ich konzentriert - nur selbst verzehrt.) Phase der
Etabliertheit und später der "Mid-Life-Crisis"; Teilaspekt: Problem
der Arbeitslosigkeit (in ihren Auswirkungen schon früh, 1932, von Marie Jahoda (1907-2001),
Paul Lazarsfeld (1901-1976) und Hans Zeisel (1905-1992) in der berühmt gewordenen "Marienthal"-Studie
erfasst: Verelendung fördert Apathie, nicht politischen Veränderungswillen, zB weil
Zeitstruktur fehlt).
- ab 60;0: Reifes Erwachsenenalter, Alter:
* 8. Identitätsstufe nach Erikson: Ich-Integrität vs.
Verzweiflung, Lebensekel (Freude oder Verzweiflung im Rückblick auf das Leben).
Teilaspekte (von der Gerontologie untersucht): Problem der körperlichen Hinfälligkeit,
ev. Pflegebedürftigkeit; Problem der Vereinsamung; Problem eines Lebens im Schatten des
herannahenden Todes (vgl. Seite über das Sterben
oder Near Death
Experiences1, 2). Seit einiger Zeit existiert die Hospizbewegung
(s.a. Deutsche Seite und Internetprojekt) für
unheilbar Kranke. Die 5 Abschiedsphasen vor dem Tod (Nicht-Wahrhaben-Wollen / Zorn,
Emotionen / Verhandeln-Wollen / Depression / Zustimmung) wurden von Elisabeth Kübler-Ross
(1926-2004) in ihrem Buch On Death and Dying untersucht. Vgl. Kübler-Ross Stages
of Dying
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Statistisches Material zu Tod und Sterben in Österreich: |
| 2006 gab es in Österreich 74 295 Sterbefälle (Rekordtiefststand; unwesentlich weniger als Geburten; am wenigsten im September, am meisten im März), davon ca. 32 485 (insg. 44%, bei Frauen 60%) an Herz-Kreislauf-Versagen, 26% an Krebs - beides hauptsächlich durch falsche Lebensführung bedingt. (Der Tod lässt sich allerdings auch durch gesunde Lebensführung zur Zeit bekanntlich noch nicht dauerhaft verhindern.) An Verletzungen und Vergiftungen starben insgesamt 4.211 Personen. 1.293 Personen begingen Suizid (3/4 Männer), 954 Personen verstarben aufgrund eines Sturzgeschehens, 723 an Transportmittelunfällen (vorwiegend Verkehrsunfällen). EU-weit starben nach einer Studie von Eurostat 2006 42% der EU-Bürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten, 25% erliegen bösartigen Tumoren. 27% der jungen Verstorbenen kamen durch "äußere Umstände" ums Leben, 50% davon durch Verkehrsunfälle.) Die 4 Hauptursachen des (verfrühten) Sterbens sind Rauchen, Alkohol, falsche (zu fette) Ernährung und zu wenig Bewegung. 60% sterben im Spital (in Wien 72%), 28% daheim, 6% in Heimen, 6% an sonstigen Orten. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt zur Zeit (2006) in Österreich 82,7% für Frauen und 77,1% für Männer (= historische Rekordmarken; ab 2005 etwa ein halbes Jahr Zugewinn). 9 von 10 Todesfällen betreffen Über-60jährige. |
ENTWICKLUNGSSTÖRUNGEN - GEISTIGE BEHINDERUNG
- Allgemeines:
* Definition: Als behindert sind alle, die in ihren
körperlichen, psychischen, geistigen Fähigkeiten, in ihren Sinnesfunktionen, im
Sozialverhalten, Lernen oder der sprachlichen Kommunikation vorübergehend oder dauernd so
wesentlich beeinträchtigt sind, dass ihre Teilnahme am beruflichen oder sozialen Leben
nicht ohne entsprechende Hilfe oder Hilfsmittel möglich ist, zu bezeichnen (in
Österreich nach dieser Definition etwa 10% bis 15% der Bevölkerung).
Tabelle Grade geistiger Behinderung (nach Wendeler, 1993, S. 12):
| Behinderungsgrad | IQ-Bereich | Häufigkeit der Behinderungsgrade |
| mäßig | 36 - 52 | 58% |
| schwer | 20 - 35 | 33% |
| sehr schwer | < 20 | 9% |
Zu geistiger Behinderung vgl. Studie der Universität Bochum und den "Ratgeber Behinderung"
* Statistik: Die Anzahl der behindert Geborenen (Morbiditätsrate)
hat in den letzten Jahrzehnten bedingt durch den allgemeinen Geburtenrückgang (s.o.), den Fortschritt der Medizin, die
Einführung des Mutter-Kind- Passes sowie der Freigabe der Abtreibung (vgl. dazu folgende
zwar tendenziöse, aber detailreich informierende Seite) deutlich abgenommen. Heute
zeigen bis zu 2% der Lebendgeborenen Anomalien, die mit einem selbständigen Leben
unvereinbar sind. Etwa 15 von 100 Lebendgeborene sind durch Erbrisken, Störungen während
der Schwangerschaft, der Geburt oder in den ersten Lebenstagen belastet, die jedoch
keineswegs immer zu Dauerfolgen führen. Etwa 30% aller Keime sterben noch vor der Geburt
(zT unbemerkt) ab, nach begründeten Schätzungen erreichen vielleicht nur etwa 55% aller
Früchte das fortpflanzungsfähige Alter. Die Säuglingssterblichkeit (Mortalitätsrate)
wurde zwischen 1972 und 1978 in Österreich um die Hälfte reduziert: Sie betrug 1990
0,8%, seit 1997 liegt sie unter 5 Promille (2001 0,48%, Steiermark 0,33%! Zum Vergleich: Am niedrigsten war sie
2002 in Schweden (0,3%) gefolgt von Dänemark, Island, Norwegen und Singapur mit 0,4%, am höchsten in
Sierra Leone mit 28,4% gefolgt von Niger, Angola und Afghanistan), seit 2006
unter 4 Promille (0,36%!). Die Totgeburtenrate im Jahr 2001 lag
in Österreich bei 3,7 auf 1000 Lebendgeborene, die Perinatalsterblichkeit
(Totgeburten + 1. Lebenswoche) bei 6,2 auf 1000 Lebendgeborene.
* Frühdiagnostik (u. rechtzeitige Einleitung v. Maßnahmen) v.a. durch Amniozentese
(Fruchtwasserspiegelung) möglich. Die im Fruchtwasser schwimmenden abgefallenen
Körperzellen des Fötus werden schmerzfrei durch die Bauchdecke entnommen und
zytogenetisch analysiert.
* Betrachtungsweisen:
Defektologische Haltung: |
Dialogische Haltung: |
| 'Geistige Behinderung' als Zustand | 'Geistige Behinderung' als Prozess |
| 'Geistig behindert' sein (und bleiben) | 'Geistig behindert' werden (und sich so entwickeln) |
| (Hirnorganischer) Defekt, ('IQ'-) Mangel, Defizite in der Entwicklung | auf einander beeinflussenden inneren und äußeren Bedingungen basierende Entwicklung |
| Ticks, Stereotypien | sinnvolle, logische (Re-)Aktion |
| Defizitorientierung, Arbeit an Problemen | Kompetenzorientierung, Unterstützung von Entwicklung |
| Person als Objekt, primär passiv | Person als autonomes und abhängiges Subjekt, primär aktiv |
| Wissen, was das Beste für die Person ist | Beobachten, auf der Welle der Person mitgehen |
| pädagogische Aggressivität | pädagogische Begleitung |
| Lernen nur von SpezialistInnen | Anregung auch durch das Umfeld |
| didaktische Reduzierung, 'Prinzip der kleinen Schritte' | Offenheit für gemeinsame Situationen und Erfahrungen |
| Maßnahmen und Regelungen, durch Professionelle gesetzt | individuelle Maßstäbe, individuelle Schritte |
| Tabuisierung des Themas 'Geistige Behinderung' | Zeugenschaft für Bearbeitung des Themas 'Geistige Behinderung' |
| Theorie der Andersartigkeit | Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit |
Tabelle: Polaritätenmodell zur Kennzeichnung unterschiedlicher Haltungen zur 'Geistigen Behinderung' (nach BOBAN & HINZ 1993, 336)
* Verhalten gegenüber Behinderten: so natürlich und "normal" wie möglich. Sympathien und Antipathien entstehen genauso wie zu gesunden Menschen. Die naturgemäß geringeren oder fehlenden sprachlichen Mittel werden oft durch Körpersprache kompensiert. Störende Distanzlosigkeit jedoch kann (und soll) kritisiert werden. Ethisch zu klären ist die Frage der Sterilisierung. Das behinderte Kind sollte sich immer im Mittelpunkt des gleichseitigen "Heilpädagogischen Dreiecks" befinden:
Eltern Kind |
* Organisation: in Österreich Schulpflicht auch für
behinderte Kinder, daher gut entwickeltes Sonderschulwesen mit von den Gemeinden
finanzierten Fahrtendiensten. (Dadurch einerseits Erleichterung für die Familien,
andererseits jedoch eine gewisse Absonderung von der Öffentlichkeit.) Später Betreuung
(wenn Platz vorhanden) in Werkstätten und Wohnheimen von öffentlichen und privaten
Organisationen (zB der aus einer Eltern-Selbsthilfevereinigung entstandenen Lebenshilfe) Problem: oft zu geringe Platzanzahl,
wodurch manche Behinderte erst nach dem Tod ihrer Eltern in neue Umgebung kommen und zwei
Umstellungen auf einmal zu bewältigen haben. Zusätzliche Hilfe bieten in Österreich
Heilpädagogische Zentren (zB das NOEHPZ Hinterbrühl)
Vgl. Behinderten-Integrations-Dokumentation
Einteilung der Behinderungen:
* Nach dem Schweregrad:
Man unterscheidet - mit nicht immer klaren Abgrenzungen - vier
Behindertengruppen [je nach Symptomen (= Krankheitszeichen) bzw. Syndromen
(= Bündel von Symptomen, Krankheitsbild)]:
| ° Leichtbehinderte | |
| ° Mittelstark Behinderte | |
| ° Schwerbehinderte | |
| ° Schwerstbehinderte |
* Nach dem Zeitpunkt der Entstehung:
| ° vor der Geburt: pränatal verursacht | |
| ° während der Geburt: perinatal verursacht | |
| ° nach der Geburt: postnatal verursacht |
- Pränatal verursachte Behinderungen (größte
Gruppe):
Vgl.Erbkrankheiten
bei onmeda.de und Kurs, Tutorial oder Selbstlernkurs zur Genetik
* Chromosomenaberrationen (Schädigungen des genetischen Materials): Der
Mensch hat 22 Chromosomenpaare (Autosomen), und 1 Geschlechtschromosomenpaar (Gonosomen,
aufgrund der Form w: "XX", m: "XY"). Jede Eigenschaft ist bei
Vater und Mutter in zwei Genen repräsentiert (diploider Chromosomensatz), nur eines wird
weitergegeben. Insgesamt hat der Mensch, wie seit der Veröffentlichung der Ergebnisse des
Human Genom Projects im Februar 2001 klar ist, nur ca. 30 000 Gene (etwa die Hälfte
mit der Maus und weit über 90% mit dem Schimpansen identisch). Krankheiten (alle
Eigenschaften), die auftreten, wenn nur eines der zwei vererbten Gene geschädigt ist,
nennt man dominant (die Symptome können homozygot allerdings noch schwerer sein
als heterozygot), solche, die erst erscheinen können, wenn beide Gene krank sind rezessiv.
(zB Farbenblindheit oder Hämophilie [Bluterkrankheit], die deshalb fast ausschließlich
bei Männern auftreten, weil sie gonosomal vererbt werden und daher kein zweites, gesundes
X-Chromosom als Ausgleich zur Verfügung steht.) Das geschädigte Gen kann jedoch
weitervererbt werden. [Der / die Träger(in) wird zum / zur Konduktor(in)]. Bei jeder
Zeugung entstehen also (nach G. MENDEL) 4 Möglichkeiten (Kombination von je zwei Genen).
Jedes Chromosomenpaar kann geschädigt sein, fast alle Anomalien führen jedoch zu
Fehlgeburten (m : w im Verhältnis 4:1). Wahrscheinlichkeiten im Auftreten bestimmter
Erbkrankheiten, besonders bei schon vorliegender familiärer Belastung, können in den
Genetischen Beratungsstellen erfragt werden. (Spontanmutationen sind allerdings immer
möglich.) Früchte mit Verlust eines Autosoms ist nie überlebensfähig.
Überlebensfähig
sind zB
| ° Morbus
DOWN ("Mongolismus", Trisomie 21): 1959 von JÉROME LEJEUNE erstmals
beschriebenes Syndrom, dessen Ursache das 3-fache (statt doppelte) Vorhandensein des 21.
Chromosomenpaares ist. ø ca. 1 v. 600-700 Geburten (Häufigkeit steigt mit dem mütterlichen
Alter auf bis zu 1:45 bei über 45jährigen an). Kennzeichen: große Zungen,
(Makroglossie), überstreckbare Gliedmaßen, Infektionsanfälligkeit, geringere
Lebenserwartung, schuppige Haut, schräge Lidachsen (vgl. volkstümlicher Name),
Tatzenhand, Vierfingerfurche, Sattelnase, gedrungener Körperbau, Sandalenlücke, oft
angeborener Herzfehler, obligatorische Oligophrenie (Schwachsinn): Zahlenraum meist nur
bis 10, dafür oft erstaunliche Lese- und Schreibfertigkeit Ursache: Spontanmutation
(begünstigt durch chemische Substanzen, ionisierende Strahlung etc.) oder erbliche
Belastungen. Erhebliches Risiko bei mütterlichem Alter über 35 (da Eizellen nach der
Pubertät nicht mehr neu gebildet werden), auch Vater kann Ursache sein. Zum Down-Syndrom vgl. auch die Infoplattform Österreich, die alle relevanten Informationen und viele weitere Links enthält. |
|
| ° Andere überlebensfähige Anomalien
der Chromosomenzahl: + EDWARDS-Syndrom (Trisomie 18, 1:7000) + PÄTAU-Syndrom (Trisomie 13, 1:8000) |
|
| ° Gonosomale Anomalien: + RETT- Syndrom ("Superfemale", XXX): ca. 1:15000; eine durch das mangelhafte, in der Region Xq28 auf dem X-Chromosom liegende Gen MeCP2 (oder - mit schwerer Epilepsie und verfrühtem Krankheitsbeginn - CDKL5 in der Region Xq22) ausgelöste, nur bei Mädchen auftretende schwere Entwicklungsstörung; erkennbar an stereotypen Knetbewegungen der Finger. Benannt nach dem Entdecker, dem Wiener Pädiater ANDREAS RETT (1924-1997). + TURNER-Syndrom: X-Monosomie (X0-Syndrom), Häufigkeit 1:2500, häufigste Chromosomenaberration bei Spontanaborten (Fehlgeburten); von Otto ULLRICH (1894-1957) 1930 und Henry TURNER (1892-1970) 1938 erstmals beschrieben; Ursache erst 1959 von C. E. FORD entdeckt. Intelligenz: Kaum Abweichungen von Normalbevölkerung Vgl. Österreichische Turner-Syndrom Initiative mit weiteren Links + Tripel-X- Syndrom ("Superfemale", XXX): ca. 1:1000, bei Anstalts-Schwachsinnigen 1:400 + KLINEFELTERsyndrom (XXY): 1:1000 männl. Vgl. Klinefelter-Forum + "Supermale" (XYY): häufigste gonosomale Anomalie; Für die meisten gonosomalen Anomalien gilt Infertilität (Unfruchtbarkeit), eine Tendenz zu Schwachsinnigkeit, Missbildungen, zT (XYY) gewalttätigem Verhalten (innerhalb von Strafanstalten gibt es prozentuell mehr "Supermales" als außerhalb). Jedes Y-Chromosom bewirkt phänotypisch Männlichkeit, jedes X-Chromosom (außer das erste) bewirkt in der Chromatinanalyse einen "Drumstick" und daher genotypische Weiblichkeit. |
|
| ° Strukturanomalien: zB Cri-du-chat-Syndrom: ein Stück des kurzen Armes des Chromosoms Nr. 5 fehlt => geringer Kopfumfang, weiter Augenabstand, tiefstehende Ohren, maunzendes Schreien (Name!) | |
| ° Stoffwechselerkrankungen:
zB PKU
(Phenylketonurie = Brenztraubensäureschwachsinn, s.a. PKU-Lernprogramm,
Webquest PKU):
Autosomal rezessiv vererbt, kann das Phenylalanin nicht zu Tyrosin abgebaut werden, da das
Gen, das das dafür nötige Enzym erzeugt, homozygot geschädigt ist. Es muss von Beginn
an (deshalb sofortiger PKU-Test bei allen Neugeborenen) phenylalaninarme Kost verabreicht
werden, da sonst durch die Vergiftung des Nervensystems schwerste Intelligenzdefekte die
Folge sind. Häufigkeit: etwa 1:11000 Andere Beispiele: Galaktosämie (Milchzuckerunverträglichkeit, v.a. bei Afroamerikanern) und Ahornsiruperkrankung (Abbau von im Eiweiß enthaltenen Aminosäuren ist gestört). |
|
| ° Lissenzephalie: Oberbegriff für genetisch (aber auch auf andere Weise) bedingte Baufehler im Gehirn. Die Großhirnrinde bleibt glatt (gr. lissos), was zu lebenslanger schweren Beeinträchtigung und Pflegebedürftigkeit führt. (Vgl. Seite bei onmedia.de) |
* Embryopathien (Intrauterin erworbene Schädigungen) aufgrund biologischer Noxen (Schädigungsfaktoren):
| ° Rubeolae-Infektion: Rötelnerkrankung (Virus) der Mutter während der Schwangerschaft => Sinnesstörungen (Erblindung, Taubheit), Schwachsinnigkeit; Vorbeugemaßnahme: Impfen aller Mädchen vor Eintreten der Geschlechtsreife | |
| ° Toxoplasmose: An sich ungefährliche, aber beim Embryo Oligophrenie hervorrufende Infektion (verursacht durch Protozoen), die durch rohes Fleisch und Haustiere (v.a. Hunde, Katzen, Vögel) übertragen werden kann. Ein Toxoplasmosetest am Beginn jeder Schwangerschaft klärt, ob die Mutter (oft ohne es bemerkt zu haben) bereits erkrankt war (und daher aufgrund der lebenslangen Immunität keine neuerliche Infektionsgefahr mehr vorliegt). Vgl. folg. Seite | |
| ° Zytomegalie: Das Speicheldrüsenvirus (nur pränatal ernst) infiziert die Plazenta und verändert die Leber und den blutbildenden Apparat, auch zerebrale Störungen kommen vor. In Wien auf 1:1000 geschätzt | |
| ° Lues: von Bakterien verursachte Geschlechtskrankheit (Syphilis); Hirnschäden ev. sekundär im weiteren Verlauf der Erkrankung | |
| ° AIDS: durch das HIV-Virus verursachtes "erworbenes Immunschwäche-Syndrom"; Hirnschäden ev. sekundär im weiteren Verlauf der Erkrankung |
* Embryopathien aufgrund physikalischer Noxen
| ° Mechanische Einwirkungen (etwa durch Unfälle oder Misshandlungen während der Schwangerschaft) | |
| ° Sauerstoffmangel (eher perinatal) | |
| ° Ionisierende Strahlen, zB bei RÖNTGENaufnahmen, (da sie mutagen wirken) |
* Embryopathien aufgrund körpereigener sowie körperfremder chemischer Noxen
| ° Morbus haemolyticus neonatorum (Blutgruppen-/Rhesusunverträglichkeit): Trägt eine rhesusnegative Mutter ein rhesuspositives Kind aus, so bilden sich Antikörper, die die Blutkörperchen ihres nächsten Fötus angreifen können => Schädigung, wenn nicht eine frühzeitige Austauschtransfusion erfolgt. Auch (selten) bei bestimmten Blutgruppen- Konstellationen ähnliche Erscheinungen. (Vgl. Seite bei onmedia.de) | |
| ° Hormonelle Einflüsse: v.a. stessbedingt ausgeschüttete Hormone und Hormone diabeteskranker Mütter (=> Hyperinsulinismus => Hypoglykämie in den ersten 4 Stunden nach der Geburt, vermehrte Missbildungen) | |
| ° Medikamente: zB Contergan-Katastrophe 1960-62: Einnahme des als Contergan gehandelten Schlaf- u. Beruhigungsmittel Thalidomid in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten bewirkte Phokomelie (Missbildungen an Gliedmaßen, seither aus dem Verkehr gezogen). | |
| ° Gifte: v.a. Nikotin, das durch die Verengung der Blutgefäße die Sauerstoffzufuhr reduziert => Kinder sind im ø leichter | |
| ° Alkohol: ruft schwerere Missbildungen hervor (multipler Dysplasie-, Dysmorphiekomplex); häufig sind Herzschädigungen (etwa bei 1/4 der geschädigten Kinder) und Sinnesbehinderungen. Zur Zeit in der westlichen Welt wichtigstes Teratogen (Missbildungsverursacher); betrifft bereits jedes 250. Kind. Vgl. Alkohol in der Schwangerschaft | |
| ° Vitaminmangel: v.a. bei Mangelernährung (Problem der 3. Welt) | |
| ° Drogen: Konsum von Rauschmitteln während der Schwangerschaft führt zu Abhängigkeit des Embryos, der nach der Geburt unter Entzugserscheinungen leidet (= einziger Fall von physischer ohne psychische Abhängigkeit). |
- Perinatal verursachte Behinderungen:
* Durchblutungsstörungen: Bei der Geburt kann es aus
mechanischen Gründen, wenn das Kind in der Austreibphase zu lange im Geburtskanal steckt
oder durch einen Vorfall der Nabelschnur zu einer Abquetschung der Blutgefäße und damit
zu Durchblutungsstörungen und einem Sauerstoffmangel (Asphyxie) des Gehirns kommen =>
im Extremfall bleibende Schäden, zB (halbseitige) spastische Lähmung.
* Hirnverletzungen: durch mechanische Einwirkung (zB Zangengeburt)
Gehirnblutungen o.ä. (Durch moderne Geburtsüberwachungsmethoden haben sich die
Aussichten auf eine komplikationslose Geburt erheblich verbessert, aber erhöhtes Risiko
zu intrakraniellen Blutungen bei Beckenendlage.)
* Atemstörungen: Schwierigkeiten beim In-Gang-Kommen des pulmonalen
Gaswechsels (der eigenständigen Lungenatmung). Gefährlich v.a. die verlängerte primäre
Apnoe: Lähmung des Atemzentrums durch Sauerstoffmangel, oft bedingt durch Gabe von
Narkotika während der Geburt. Die Asphyxie (Sauerstoffmangel, eig.
"Pulslosigkeit") muss durch Reanimation behoben werden.
* Epilepsie (Zerebrale Krampfanfälle): Zahllose Möglichkeiten vom
Petit Mal (nur sekundenlanger Bewusstseinstrübung) bis zum Grand Mal mit Zungenbiss,
Schaum vor dem Mund, Sturz (Verletzungsgefahr!) und minutenlangem Toben. Ist nicht
unbedingt perinatal verursacht, manifestiert sich aber zT in der ersten Lebenszeit. Durch
Entladung wird ein Neuaufbau der elektrischen Gehirnstrukturen ermöglicht. Epilepsie ist
keine geistige Behinderung (wenn es eine solche auch manchmal begleitet)!
Vgl.: Epilepsie-Dachverband Österreich, alles über Epilepsie,
Informationszentrum für Epilepsie und
Gedächtnispsychologische
Untersuchungen an epileptischen Patienten
- Postnatal verursachte Behinderungen:
* Unfälle (Schädel-Hirn-Trauma): größte Gruppe
postnataler Hirnschädigungen. Das Apallische Syndrom (längere Phase der
Bewusstlosigkeit) bildet den Übergang zu einer oft nur teilweise glückenden
Rehabilitation. Buben / Mädchen verunglücken im Verhältnis 4:1. Je jünger das Kind,
desto besser die Chance auf eine Funktionsübernahme anderer Hirnpartien (s.o.); kaum mehr nach dem
vierten Lebensjahr (der fixen Ausprägung der Händigkeit). - Misshandlungen!
* Gehirnblutungen (auch ohne Unfall)
* Gehirn(haut)entzündungen: (Meningitis, Enzephalitis), können
Dauerschädigungen hervorrufen, zB d. durch das FSME-Virus ausgelöste und von Zecken
übertragene Frühsommerenzephalitis
* Tumore: können Druck auf wichtige Hirnteile ausüben und müssen daher
auch bei Gutartigkeit entfernt werden. Bösartig zerstören sie Hirnareale.
* Schlaganfälle: können ganze Hirnpartien außer Kraft setzen; oft
erstaunliche Remissionen
Vgl. Stand
der Forschung
Vgl. Die Wissenschaft Pädagogik
Pädagogik ist die Wissenschaft von den methodisch begründeten Erkenntnissen, die erzieherische und lehrende Einwirkungen (s. o.) zum Gegenstand haben. In fast jeder Praxis findet sich rudimentäre, unreflektierte Pädagogiktheorie, daher ist es wichtig, methodisch vorzugehen. (Methode ist der Gegenstand selbst, in der Prozesshaftigkeit seines Erkanntwerdens gedacht, Methodik die Methode im Hinblick auf die jeweilige Individuallage, s. u., also der Unterricht in seiner Prozesshaftigkeit = Didaktik.) Erziehung = pädagogische Führung, die auf den Erwerb einer Haltung abzielt; Lehren = pädagogische Führung, die auf den Erwerb von Wissen abzielt, zB nach dem 6-Stufen-Modell von HEINRICH ROTH:
| 1. Antrieb (Stufe der Motivation; Motivation kann
intrinsisch [von der Sache aus] oder extrinsisch [zB
Strafandrohung] sein) 2. widerstehendes Objekt (Stufe der Schwierigkeiten) 3. Einsicht in den Arbeitsweg (Stufe der Lösungen) 4. ein Tun, das diesen Weg als richtig bestätigt findet (Stufe des Ausführens) 5. Verfestigung des Gelernten (Stufe des Einübens und Behaltens) 6. Bereitstellen des Gelernten für zukünftige ähnliche Situationen (Stufe des Transfers und der Integration) |
oder den 9 Events of Instruction von ROBERT GAGNÉ (1916-2002), einem der bekanntesten Ansätzen zur Unterrichtsplanung und fester Bestandteil der Lehrerbildung in den USA:
| 1. Gain attention - Gewinne die Aufmerksamkeit des
Lerners 2. Inform learner of objectives - Informiere den Lerner über Ziele 3. Stimulate recall of prior learning - Stimuliere Vorwissen 4. Present stimulus material - Präsentiere Lernmaterial 5. Provide learner guidance - Sorge für Führung des Lerners 6. Elicit performance - Lasse Lernenden das Verhalten ausführen 7. Provide feedback - Sorge für Rückmeldung 8. Assess performance - Beurteile die Durchführung 9. Enhance retention transfer - Verstärke den Behaltenstransfer |
(Erziehung ist ungleich) Didaktik = Lehre von der Lehre), Sozialisation = gesellschaftliche Formung des
Menschen (Gefahren: Akzeptieren des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustandes,
Manipulation, s. u., Anpassung oder zumindest
Gewöhnung, die zwar Sicherheit, aber auch Bequemlichkeit nach sich zieht)
Manipulation: beabsichtigte Maßnahmen zur
Verhaltensbeeinflussung, die die Umwelteinflüsse miteinbeziehen und zur Anpassung an vom
Manipulierenden selbst gewählte Zwecke führen soll. Individuallage:
das vom Zögling jeweils erreichte und vom Lehrenden bzw. Erziehenden zu
berücksichtigende Niveau von Wissen und Haltung
HISTORISCHE AUFFASSUNGEN
Vgl. Theorien und Konzepte der Erziehungswissenschaft (Virtuelles Seminar)
- SOKRATES:
SOKRATES war der Meinung, dass der Lehrende den Lernenden unmerklich zur richtigen
Erkenntnis führen soll. Letztlich macht der Lernende die entscheidenden Schritte unter
(An)leitung des Lehrenden, der durch Fragen die richtigen Denkschritte provoziert, selbst
(zB PLATON, Dialog Lysis). = "Maieutik" (Hebammenkunst); vgl. Sokratische Methode und eine Sokratesseite von W. Melchior
- PLATON, "Politeia":
Der Staat ist Abbild der menschlichen Seele, die aus einem begehrlichen, einem
mutartigen und einem vernünftigen Teil besteht. Erziehung ist die Herstellung der
richtigen Rangfolge, die nach gesellschaftlichen Aufgaben verschieden ist. (Begehrlich:
Bauern, Handwerker; Mutartig: Krieger; Vernünftig: Herrschende
["Philosophen sollen Könige sein"])
- J. J. ROUSSEAU, "Emile":
In seinem Erziehungsroman "Emile" vertritt ROUSSEAU die "Negative
Erziehung": Der Mensch ist von Natur aus gut und soll so wenig wie möglich
durch erzieherische Eingriffe "verbildet" werden. Erziehung soll sich darauf
beschränken, schädliche Umwelteinflüsse fernzuhalten, dann würde sich der Zögling zu
einem guten Menschen entwickeln (Prinzip des Wachsenlassens)
In Deutschland werden ROUSSEAUS Ideen durch den Philanthropismus verbreitet, der
eine vernünftig-natürliche Erziehung zur freien Entfaltung der menschlichen Natur und
seiner nützlichen Ausstattung für das Leben fordert und in der Tradition des religiösen
Toleranzgedankens steht. BASEDOW gründet 1774 in Dessau eine Musterlehranstalt, das
Philanthropin.
- IMMANUEL KANT:
"Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung."
- JOHANN HEINRICH PESTALOZZI:
Schweizer Pädagoge u. Sozialreformer, Begründer der modernen Volksschule. Aus
milieuoptimistischer (s. u.) Sicht
postuliert er drei Stadien, die der Mensch durchläuft, ohne die vorigen hinter sich zu
lassen: Naturzustand, gesellschaftlicher Zustand, sittlicher Zustand. Aus der
Gleichzeitigkeit können psychische Konflikte resultieren, bei deren Vorbeugung und
Bewältigung Erziehung helfen soll. Vgl. eine
Pestalozzi-Dokumentation (mit Links)
- ALFRED ADLER:
Individualpsychologe, s. u.):
Erziehung soll ermutigen (wirkliche Erfolgserlebnisse ermöglichen), nicht
entmutigen (zB durch frustrationsintolerant machende Verzärtelung oder durch repressive
Autorität), um neurotische Verhaltensstörungen zu verhindern und ev. echte Kompensation
vorhandener Minderwertigkeiten zu bewirken.
- Reformpädagogik:
Am Beginn des Jhs. wurde eine "Pädagogik vom Kinde aus"
propagiert [ELLEN KEY (1849-1926, Schwedin); schrieb 1902 "Das Jahrhundert des
Kindes" - MARIA MONTESSORI (1870-1952, Italienerin); ihre eigentliche Leistung
ist die Entdeckung des Kindes]. Diese Entwicklung endet letztlich in der Antiautoritären
Erziehung der 60er-Jahre [zB die durch die NS-Zeit beeinflusste Erziehung zum Ungehorsam
in der Summerhill-Schule von A. S. NEILL (1883-1973), allerdings bereits 1921 als Teil der
internationalen "Neuen Schule" in Hellerau bei Dresden gegründet, später nach
Österreich und 1923 nach England verlegt; wird seit 1985 von Neills Tochter Zoe geleitet;
vgl. Homepage dieser Schule]. Ein
"Ableger" der Reformpädagogik ist die Waldorf-Pädagogik des Begründers der
Anthroposophie, RUDOLF STEINER (1861-1925) dar (will Welterkenntnis durch innere Erfahrung
ermöglichen).
- FRANK FREMONT-SMITH:
"Erziehung soll einen Bezugsrahmen schaffen, innerhalb dessen die freie
Wahl erlaubt und erwünscht ist."
- Gegenwart:
Heute erscheint Pädagogik
* als empirische Wissenschaft (Erfahrungswissenschaft, auf Sinnesdaten
basierend)
* als Normen setzende Wissenschaft (daher
philosophisch beeinflusst, "kritisch")
* als hermeneutische Wissenschaft (Geschichte der Pädagogik; Hermeneutik =
Auslegung, Interpretation der Wirklichkeit in der Zeit mit dem Problem des
"hermeneutischen Zirkels", der darin besteht, dass das Einzelne aus dem Ganzen
und das Ganze aus dem Einzelnen verstanden werden muss)
Vgl.: Methodische Grundlagen der Erziehungswissenschaft
- Kategorisierung nach dem dt. Sozialpsychologen
KURT LEWIN:
* Autoritärer Stil (auch autokratischer Stil; heute im
Gegensatz zu "autoritativ" negativer Beigeschmack: "sich auf angemaßte
Autorität stützend")
* Sozial-integrativer Stil (demokratisch, der Zögling wird an den
Entscheidungsprozessen beteiligt)
* Laisser-faire-Stil (Prinzip des Gewährenlassens)
=> Schichtspezifische Differenzen (Vergleiche Schicht)
Zu Lewin vgl. Kurt
Lewin
- Andere Kategorisierungsversuche (s. a. Seite
5, Kap. XI):
* Die Dimensionen Wärme vs. Kälte (Zuwendung -
abweisendes Verhalten) und Dirigismus vs. nondirigierendes Verhalten (Autorität - keine
Lenkung) sind in ein Quadrat mit vier Quadranten einzutragen (jeder Erziehende bzw. Lehrer
hat seinen Platz):
- Zuwendung Zuwendung + Autorität - |
* A. U. R. TAUSCH stellen in ihrer Erziehungspsychologie (erstmals 1963) folgende Polarisierungen (Dimensionen) auf:
| ° Achtung, Wärme, Rücksichtnahme vs. Missachtung, Kälte, Härte | |
| ° Vollständiges vs. kein einfühlendes, nicht wertendes Verstehen der inneren Welt eines anderen | |
| ° Echtheit, Übereinstimmung, Aufrichtigkeit vs. Fassadenhaftigkeit, Nichtübereinstimmung, Unechtheit | |
| ° Viele vs. keine fördernden, nicht-dirigierenden Tätigkeiten | |
| ° Keine vs. starke Dirigierung, Lenkung |
Traditionell werden folgende Erziehungsziele als anstrebenswert betrachtet:
- Lebensaustattung:
Erziehung soll Fähigkeiten und Fertigkeiten mitgeben, die im späteren Leben
nützlich oder sogar unumgänglich sind.
- Identität:
Erziehung soll zur Entwicklung einer stabilen (frustrationstoleranten) Persönlichkeit beitragen, die
spätere Krisen zu bewältigen imstande sein wird.
- Mündigkeit:
Erziehung soll im Sinne I. KANTS (vgl. Originalzitat)
die Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer bedienen zu können,
hervorrufen und fördern und erhalten.
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