Diese Seite ist Teil der Homepage von Thomas Knob aus Österreich. - Letzte Änderung 26.8.2017


Vorbemerkung:
Dieses unentgeltlich zur Verfügung gestellte Kompendium dient dem Verfasser und seinen Schülerinnen und Schülern vor allem als Vorlage für den gymnasialen Schulunterricht im Unterrichtsfach "Psychologie" und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Fehlerlosigkeit. Es ist hemmungslos eklektizistisch und will Hilfestellung für Lehrende und Lernende, nicht Wiedergabe eigener Forschungen sein. Quellenangaben werden, soweit dies möglich ist, beigegeben. Sollten diesbezüglich (oder anderweitig) Fehler bzw. Unterlassungen passiert sein, so möge dies bitte nachgesehen und über die beigegebene Mailadresse gemeldet werden. So bald wie möglich werden Korrekturen erfolgen. Alle Informationen werden unter Ausschluss jeder Gewährleistung oder Zusicherung, ob ausdrücklich oder stillschweigend, zur Verfügung gestellt. Der Verfasser übernimmt ferner keine Haftung für die Inhalte verlinkter, fremder Seiten.

 

 

KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 4. TEIL

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INHALT DES 4. TEILS:

VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE
(Definitionen - Das Unbewusste - Süchte, Persönlichkeitsstörungen, Geistes- und Gemütskrankheiten - Therapieformen)
ø


 

 


VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE
UND PSYCHIATRIE

 

 

 

DEFINITIONEN

* Tiefenpsychologie: Vom Züricher Psychiater Eugen Bleuler 1910 geprägter Ausdruck für die Psychologie des Unbewussten

* Psychiatrie: ein medizinisches Hauptfach, dessen Forschungsgebiete Diagnose, Verlauf und Heilung von seelischen Erkrankungen sind (gr. ψυχή / psyché = Seele, ιατρός / iatrós = Arzt).

* Psychotherapie: meist als Überbegriff für psychologische (durch Psychologen ausgeführte) und medizinische (durch Psychiater, die auch Medikamente verschreiben dürfen, ausgeführte) Therapien gebraucht

 

DAS UNBEWUSSTE

- Definition:
Dem "Unbewussten" als hypothetischer Persönlichkeitsinstanz, in deren Rahmen dynamische Prozesse ablaufen, die das bewusste Erleben und Verhalten beeinflussen, liegt die Annahme zugrunde, dass es neben den bewussten Vorgängen und Zuständen auch nicht wahrnehmbare ("unbewusste") seelische Komponenten gebe, auf die man nur indirekt schließen könne (s. nächster Punkt).
Gegner der Tiefenpsychologie (z. B. der Wiener Rohracher, s. o.) lassen nur physiologische Prozesse (z. B. Hormonausschüttung) als unbewusst gelten und halten die Tiefenpsychologie für eine Hypothese, die zwar vieles erkläre, selbst aber weder widerlegt noch bewiesen werden könne.

- Zugangsmöglichkeiten:
Nach Sigmund Freud (s. u.) gibt es vier Möglichkeiten, Zugang zum Unbewussten zu finden: (In diesem werde man allerdings laut heutiger Hirnforschung nichts finden, was theoretisch bewusst gemacht werden könne. Abgedrängt könne höchstens ins Vorbewusste werden.)

* Traumdeutung: Seit Aristoteles (Traum ist Reaktion auf eine Störung) wird der Traum psychologisch gedeutet. Artemidor (2. Jh. n. Chr.) unterschied zukunftsdeutende und Vorhandenes spiegelnde Träume. Freuds Hauptwerk "Die Traumdeutung" erschien 1900. Darin betrachtet er den Traum als codierte Botschaft, die unbewusste Wünsche ausdrückt, und unterscheidet zwei Arten von
          Trauminhalten:

° manifester Inhalt: vordergründig, das Erzählbare; der von der Traumzensur entstellte Inhalt
° latenter Inhalt: der Hintergrund, der interpretiert werden muss (Traumdeutung = "via regia der Psychoanalyse")

            "Traumarbeit" bewirkt, dass aus einem latenten ein manifester Inhalt wird. Sie bedient sich folgender Mittel:

° Verdichtung (z. B. Verschmelzung verschiedener Personen zu einer Traumfigur) = Agglutination
° Verschiebung (z. B. peinlicher Inhalte auf harmlose, s. a. u.) = Dilation
° Symbolisierung (Verwendung einer mehrdeutigen Bildsprache, von Freud z. T. entschlüsselt: z. B. stehe alles Ragende, Aufgerichtete, Lange für Männliches, alles Hohle, Ausgebreitete, Runde für Weibliches) = Permutation
° Zerlegung: Merkmale einer Person können z. B. auf 2 Personen aufgeteilt werden.

Quellen des Trauminhalts: Nachgewiesen ist der Einfluss äußerer (z. B. Weckerläuten, das, in illusionärer Verkennung, im Traum erscheint) oder innerer Reize (z. B. Hunger) sowie sog. Tagesreste (unverarbeitete Erlebnisse, die im Traum, z. T. verschlüsselt, wiederkehren).
Sonstiges:
Geträumt wird zu ca. 80% in den REM-Phasen (s. o.). Beteiligt ist das im Schlaf nicht vollständig ausgeschaltete unspezifische Nervensystem (ARAS = aufsteigend retikuläres Aktivierungssystem). Man rechnet mit etwa 20% Traumanteilen am Gesamtschlaf (in der Kindheit mehr, im Alter weniger). Ca. 70% der Träume sind emotionalisiert (davon ²/3 unlustbetont), die meisten erscheinen visualisiert. Am häufigsten scheinen Angstträume zu sein. (s. Traumregistrierungen über Jahrzehnte von F. Hacker) Die Erinnerbarkeit hängt vom zeitlichen Abstand zum Erwachen ab. Zum Thema Traum vgl. folgende private Seiten über Traumdeutung 1 und 2

* Fehlleistungen (von Freud in "Zur Psychopathologie des Alltagslebens" behandelt): treten v. a. im sprachlichen Bereich auf ("Freud'sche Versprecher", Verschreiben) aber auch Vergreifen, Vergessen etc. (sog. Symptomhandlungen, s. a. "Abwehrmechanismen"). Fehlleistungen entstehen keineswegs aus Unaufmerksamkeit oder zufällig, sondern sind Ausdruck unbewusster Konflikte. (z. B.: "Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen." - "Bitte ziehen Sie ab."); oft (wie in den Beispielen) Kontaminationen (Zusammenziehungen) zweier Redewendungen, die die eigentliche Redeabsicht entlarven.

* Hypnose: Versetzen in einen Trance-Zustand, in dem man Suggestionen (= Übertragung gefühlsbetonter Zustände oder Überzeugungen von einer Person auf eine andere; auch als Autosuggestion bekannt und vom Berliner Psychiater J. H. Schultz zu Entspannungsübungen, die er Autogenes Training nennt, genutzt) besonders leicht zugänglich ist.
Technik: Freud hat sie in Paris von Charcot gelernt. Fixieren eines meist glänzenden Gegenstandes in entspannter Ruhelage unterstützt die Müdigkeit suggerierenden Worte des Hypnotiseurs und bewirkt die verschiedenen
            Hypnosestadien:

° Stadium der Somnolenz (Schläfrigkeit)
° Stadium paralyticum (passives Zurückfallen der Gliedmaßen, wenn sie angehoben werden)
° Stadium der Katalepsie (Gliedmaßen behalten jede Stellung bei, in die sie gebracht werden).
° Stadium des Somnambulismus: In diesem letzten Stadium können Heilsuggestionen (z. B. bei hysterischen Lähmungen) durchgeführt oder posthypnotische Aufträge erteilt werden, die nach dem Aufwachen ausgeführt werden, wenn sie nicht moralischen Grundsätzen widersprechen (z. B. Mord) oder unmöglich durchzuführen sind (die hypnotisierte Person sucht dann nach Scheinrechtfertigungen z. B. dafür, warum sie gerade Papierschnitzel aus dem Fenster wirft). In diesem letzten Stadium, in das man nicht gegen seinen Willen gebracht werden kann, reicht die Erinnerung weiter als im Wachzustand; verdrängte Wunschvorstellungen lassen sich zur Äußerung bringen.

Vgl. MEG-Gesellschaft für klinische Hypnose und hypnose.de

* freies Assoziieren: Der Patient liegt (um Hemmungen auszuschalten) ohne Sichtkontakt zum Psychiater auf der durch Freud berühmt gewordenen Couch und muss rasch, von Stichwörtern geleitet, frei erzählen. (Assoziation = erlernte oder, in diesem Fall, spontan auftretende Gedankenverbindung) Durch die Überlistung der zensurierenden Vernunft lassen sich Rückschlüsse auf Verdrängtes ziehen.
            Folgende Formen treten auf:

° Gegensatzassoziationen (am häufigsten): z. B. groß-klein
° Ähnlichkeitsassoziationen: z. B. Hitze-Wärme
° Funktioneller Bezug: z. B. Vogel-Ei
° Logische Kategorie: z. B. Dogge-Hund
° Kontinuität: z. B. elf-zwölf
° Phonetische Assoziationen: z. B. Rose-Dose
° Spezifische Identifikation: z. B. Meer - Adria
° Persönlich Gefärbtes: z. B. auf Schule, Eltern

Abweichungen treten desto eher auf, je gebildeter bzw. geisteskranker jemand ist. (Volksschulbildung 5%, Akademiker 12%, Schizophrene 25% Abweichung)

- Abwehrmechanismen:
Abwehrmechanismen ermöglichen einen Ausgleich der oft unerwünschten Trieb(Instikt)forderungen mit den gesellschaftlichen Konventionen. Sie stellen Ersatzhandlungen für das Ausleben des Unbewussten dar. Freud (und andere) unterschieden:

* Verdrängung: "Nicht-Wahrhaben-Wollen" der unerwünschten Triebansprüche oder unangenehmer Bewusstseinsinhalte. Das auf diese Art "Vergessene" lässt sich durch die oben genannten Techniken wieder aktivieren, wobei der Bewusstwerdung Widerstand (laut Freud durch dieselbe Energie gespeist, die früher die Verdrängung bewirkt hat) entgegengesetzt wird. Ist der Energiebedarf nicht zu groß => gelungene Verdrängung, sonst => misslungene Verdrängung. ("Ökonomisches Persönlichkeitsmodell", das die Verdrängung als eine Methode der "Unterbringung" der Libido = Triebenergie ansieht)

* Rationalisierung: nachträgliche Scheinbegründung für in Wahrheit trieb- oder instinktbedingtes Handeln (z. B. Vorgabe wissenschaftlichen Interesses bei der Lektüre von Pornoheften).

* Substitution: Ausrichtung der Trieb- oder Instinkttätigkeit auf ein Ersatzobjekt (z. B. Übertragung der Liebesgefühle für eine unerreichbare Person auf eine andere o. von Gefühlen für die Eltern auf den Analytiker).

* Sublimation: Überführen der für "primitive" Regungen zur Verfügung stehenden Triebenergie in sozial höher bewertete Tätigkeiten (z. B. das Malen nackter Männerkörper durch den homosexuellen Leonardo da Vinci). Das Ich (s. u.) setzt der anstößigen Erregung eine Gegenbesetzung entgegen, die es als bleibende Veränderung aufnimmt. In einer dritten Phase kann das Verdrängte wiederkehren. (Abnahme der Gegenbesetzung)

* Projektion: Die eigenen gehemmten Triebe oder unerwünschten Verhaltensweisen werden anderen zugeschrieben ("von sich auf andere schließen", Außenprojektion).

* Identifikation: Übernahme der Gründe der die eigenen Triebregungen unterdrückenden Autorität. (z. B. "Ich bin ja noch zu jung für eine sexuelle Beziehung.") Eigenschaften und Verhaltensweisen anderer Personen werden adoptiert. (Auch Introjektion, Internalisierung) Die Übernahme der Eigenschaften der angsteinflößenden Autoritäten wirkt angstmildernd, da die Differenz vermeintlich ausgeglichen wird.

* Kompensation: Ausgleichen einer Minderwertigkeit durch Anstrengungen auf einem anderen Gebiet (z. B. Einschlagen der Militärlaufbahn bei physischer Unterentwicklung).

* Verschiebung: Die Affektbesetzung eines unerwünschten Bewusstseinsinhaltes wird auf einen harmlosen verschoben (s. o., Traumarbeit), was sich als Phobie (z. B. Angst vor Mäusen statt vor einer peinlichen Neigung) oder Zwangshandlung (z. B. Pflastersteine zählen statt Ausleben von Geiz) auswirken kann.

* Regression: Das Zurückfallen in eine ontogenetisch ( = Individualentwicklung, Phylogenese = Stammesentwicklung) bereits überwundene Entwicklungsphase (z. B. Enuresis eines Dreijährigen bei der Geburt einer kleinen Schwester).

* Konversion: Überführen von psychischen Zuständen in physische Symptome (Psychosomatisches Syndrom, z. B. durch Stress (zumindest durch "schlechten" Dysstress im Gegensatz zu "gutem" Eustress) => Magengeschwüre).

 

SÜCHTE, PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN,
GEISTES- UND GEMÜTSKRANKHEITEN

Man unterscheidet Abhängigkeiten (Verlust der Selbstregulation), Neurosen (Verlust der Lebensfreude) und Psychosen (Verlust der Realität). Bei den ersten beiden Gruppen herrscht meist (volle) Krankheitseinsicht (auch wenn ihre Bedeutung vom Patienten oft heruntergespielt wird), beim letzten Krankheitsbild wird der eigene Zustand nicht mehr wirklichkeitsgemäß eingeschätzt. ["Der Neurotiker baut ein Luftschloss, der Psychotiker lebt darin." (Und der Psychiater kassiert die Miete.)]
Vgl. ICD 10 (Klassifikation der WHO), DSM IV (Seite 1), DSM IV (Seite 2; eine andere verbreitete Klassifikation der Psychischen Störungen), "Psychische Krankheiten" (Medicine worldwide)

Normalitätsbegriff: Problematisch erscheint das Aufstellen einer exakten Trennlinie zwischen "normalen" und "psychisch kranken" Menschen bzw. der Normalitätsbegriff überhaupt, der mathematisch-statistisch (im Sinn von durchschnittlich), funktional (im Sinn von aufgaben-, zweckerfüllend) oder sozial (im Sinne einer erwünschte Idealnorm) aufgefasst werden kann.

Drei Ursachengruppen werden immer wieder als Erklärung für psychische Krankheiten und Störungen genannt:

° Erbfaktoren - genetisch-epigenetische Weitergabe einer Geisteskrankheit bzw. bestimmter Veranlagungen als Voraussetzung dafür (hängt mit der dritten Ursachengruppe zusammen).
° Umwelteinflüsse - sei es, dass sie in der Familiensituation (gestörte Kommunikationsmuster innerhalb der persönlichen Umgebung des Patienten; erfordert oft die Mitbehandlung der Angehörigen) oder fehlgegangenen Lernprozessen, sei es, dass sie in (ev epigenetisch wirksamen) frühkindlichen Traumatisierungen oder negativen Erfahrungen in späterer Kindheit oder Jugend, die zu psychodynamischen Effekten führen, gesehen werden. Die frühkindliche Bindungserfahrung gilt als der wichtigste Faktor für die spätere Entwicklung des Menschen. Daher spielt eine besonders negative Rolle die:
 

Kindesmisshandlung:

Darunter wird eine nicht zufällige, bewusst oder unbewusst herbeigeführte Schädigung von Minderjährigen, die durch Personen in Familien oder Institutionen erfolgt, verstanden (abzugrenzen von "struktureller Kindesmisshandlung" z. B. durch inadäquate Gesetze, Verkehrsverhältnisse o. ä.). Der Terminus "Missbrauch" ist umstritten, da er die Möglichkeit eines "Gebrauchs" insinuiert. Misshandlungen können den Gesetzen entsprechen - wie früher die Ohrfeige dem Züchtigungsrecht - und werden dann (ebenfalls missverständlich) als nonabusiv bezeichnet. Problematisch ist die geringe Anzeigebereitschaft v. a. innerhalb von Familien. (Mütter decken oft schlagende Väter oder umgekehrt, Verwandte "sehen weg" etc.) So gab es 2009 (laut parlamentarischer Anfragebeantwortung 4775/J-NR/2010) in ganz Österreich "nur" 116 Kindesmisshandlungsverfahren (30 noch nicht abgeschlossene Anklagen, 17 Verurteilungen, 0 Diversionen, 69 Einstellungen)
Man unterscheidet:
  - physische Misshandlung (jede Form der Verletzung der körperlichen Integrität durch Gewalthandlungen)
- psychische Misshandlung (jede Form der Verletzung der seelischen Integrität und der Emotionalität)
- sexuelle Misshandlung (geschlechtliche Übergriffe aller - auch verbaler - Art)
- Verwahrlosung (fehlendes Erzieherverhalten bzw. fehlende Gegensteuerung bei bedenklichen Entwicklungen, z. B. Übergewicht etc.)

°
Biologie und Physiologie: ev. noch nicht in allen Einzelheiten bekannte biophysikalische und -chemische (hormonelle) Vorgänge im Körper. (Die beliebige Beeinflussbarkeit der Stimmung durch Psychopharmaka beweist ihre Mitbeteiligung.) Es geht wohl hauptsächlich um neuromodulatorische Fehlregulationen bzw. strukturellen und funktionellen Veränderungen des limbischen Systems. Die moderne Hirnforschung weist hauptsächlich Störungen des serotonergen und des oxytocingesteuerten Bindungssystems und eine Schwächung der Stress-Achse nach.

 

Mit der Frage, unter welchen Unständen manche Personen (bis zu einem Drittel) auch unter ungünstigsten Umständen ihre psychische Gesundheit aufrecht erhalten können (bzw. nicht süchtig, kriminell werden etc.), beschäftigt sich die Resilienzforschung (Begründerin Emmy Werner, geb. 1929). Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, innere oder äußere Störungen kompensieren zu können. Laut Werner gehören dazu die Überzeugung, dass Krisen vorübergehen werden, die innere Zustimmung zu Unvermeidlichem, die Lösungsorientiertheit, die Überzeugung von Selbstwirksamkeit, die Übernahme von Verantwortung, die Suche nach Bindungen und die Zukunftsorientierung (s. Graphik rechts).

Wichtige Resilienzfaktoren sind z. B. auch "gute" Gene (z. B. keine MAO-A-low-Genvariante; vgl. folgende Dokumentation), Weiblichkeit, Intelligenz, Fähigkeit zur Impulskontrolle, soziale Kompetenzen und Anpassung (nicht nur Ursache, sondern auch Folge), interne Kontrollüberzeugungen, positive Selbstwahrnehmung, Interesse an der Umwelt, persönliche Beziehungen (am besten in sicherer frühkindlicher Bindung - s. o. - zu den primären Bezugspersonen, aber auch zu Lehrern, Großeltern etc., wenn dies nicht funktioniert hat) usw.

 

Resilienzfaktoren nach E. Werner:

      (Abbildungsquelle)

 

Resilienzfaktoren nach Michael Schulte-Markwort (positiv und negativ; zit. nach Vortrag vom 11.11.2006 in Salzburg - ÖZBV)

Risikofaktoren:

   -  mütterliche Berufstätigkeit im 1. Lebensjahr
-  längere Trennung von der Bezugsperson im 1. Lebensjahr
-  Geburt einer Schwester oder eines Bruders in den ersten 17 Lebensmonaten
-  körperliche oder seelische Erkrankung der Eltern
-  chronische familiäre Disharmonie
-  väterliche Abwesenheit
-  Armut
-  Misshandlung
-  außerfamiliäre Unterbringung
-  Scheidung der Eltern
-  ernste Erkrankungen in der Kindheit
-  Geschwister mit einer Behinderung
-  bei Mädchen: Schwangerschaft vor dem 18. Lebensjahr

Schutzfaktoren:

   -  eine psychisch gesunde Mutter
-  eine stabile, positive Bezugsperson
-  gute Intelligenz
-  positives Selbstwertgefühl
-  soziale Unterstützung
-  aktiv-problemlösendes Coping (= Reaktion auf Bedrohung, Bewältigung von Entwicklungsaufgaben)
-  internale Kontrollüberzeugungen
-  liebevolle Beziehungen
-  ein flexibles, annäherungsorientiertes Temperament
-  sichere Bindungen
-  eine stabile Werteorientierung
-  ein direktiver, aber liebevoller Erziehungsstil
-  das Fehlen von Risikofaktoren

 

- Ausgangslage in Österreich (Zahlen nach Psychosoziale Dienste Wien):

Zahlen zur psychischen Gesundheit in Österreich:

  • Jeder vierte Mensch wird zumindest einmal in seinem Leben ernsthaft psychisch krank.
  • Mindestens 20 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres unter psychischen Störungen und davon sind etwa ein Viertel schwer betroffen.
  • Etwa 2 – 3 % der Bevölkerung (für Österreich: ca. 200.000 Menschen) brauchen an einem Stichtag wegen einer erheblichen psychischen Störung fachspezifische Hilfe.
  • Etwa 1 % der Bevölkerung (für Österreich: ca. 82.000 Personen) wird jährlich erstmals psychisch krank.
  • Die Depression ist inzwischen international auf dem ersten Platz, was „verlorene Lebensjahre durch Erkrankung“ betrifft.
  • Das Suizidrisiko bei affektiven Störungen beträgt 15 %.
  • Für 90 % der Sterbefälle in Folge von Suiziden werden psychische Erkrankungen und davon insbesondere Depressionen und Suchterkrankungen verantwortlich gemacht.

 

- Abhängigkeiten (Süchte):
Abhängigkeiten (das Wort "Sucht" wurde 1964 von der WHO durch "Abhängigkeit ["addiction"] ersetzt) sind Drangerlebnisse, die mit den Trieben vergleichbar sind. (Süchte sind jedoch im Gegensatz zu den Trieben erworben und biologisch nicht sinnvoll.) Die verwendeten Suchtmittel können je nach kulturellem Hintergrund legal (z. B. Alkohol) oder illegal (z. B. Heroin) sein. Jede Sucht hat folgende

* Merkmale:

° Der zwanghafte Drang zum Suchtmittelmissbrauch (Abusus) besteht über längere Zeit (Meidungsunfähigkeit) und zeigt einen phasischen Verlauf.
° Die Zuführung der euphorischen Dosis lässt sich nur schwer oder nicht beherrschen (Kontrollverlust trotz noch lange anhaltender Kontrollillusion).
  ° Es entsteht eine Toleranzentwicklung. (Das Suchtmittel wird eine Zeit lang immer "besser" - in höheren Dosen - vertragen.)
° Es entwickelt sich eine starke Verdrängungsbereitschaft für die Gefährlichkeit des Suchtverhaltens bei gleichzeitigem Auftreten von Schuldgefühlen.
° Es entstehen relativ starre Suchtrituale bei relativ geringer Entspannung. Ohne Suchtmittel kommt es zum Entleerungserlebnis.
° Zum Suchtmittel wird eine quasipersönliche Beziehung aufgenommen; es wird ihm eine Funktion zugeschrieben.
° Es besteht Koartanz (Einengung der Handlungen und Gedanken auf die Beschaffung und den Genuss des Suchtmittels), das starke Substanzverlangen (Craving) ist unbändig.
° Tendenz zur Dosissteigerung der die Lustgefühle herbeiführenden bzw. Spannungen abbauenden Stoffe bzw. Erlebnisse bis zu Exzessen (Progression).
° Die Schädlichkeit für den Einzelnen bzw. die Gesellschaft muss gegeben sein. (Daher keine "Sucht" nach Sauerstoff, Schlaf, Zucker etc., wenn die Konsumation nicht maßlos erfolgt)

*Suchtpotential: Darunter versteht man das Verhältnis von suchtkranken Konsumenten zu nicht suchtkranken Konsumenten (z. B. bei Heroin vs. Orangensaft)

* Abhängigkeitsmodi:

° physische Abhängigkeit: nicht bei allen Süchten vorhanden (vgl. z. B. Spielsucht). Führt im Extremfall zum Tod bei übergangslosem Entzug, sonst zu Entzugserscheinungen. (Ausschließlich nur bei neugeborenen Süchtigen)
° psychische Abhängigkeit: immer vorhanden, liegt v. a. im Erlebnis der Zwanghaftigkeit. Entzugserscheinungen äußern sich z. T. physisch (z. B. im Zittern, Schwitzen etc.)

* Ko-Abhängigkeit: Darunter wird die Situation der Angehörigen des Suchtkranken bzw. deren Rolle bei der Entstehung und v. a. der Aufrechterhaltung der Sucht verstanden. (Oft "Negatives Froschkönigsyndrom": Der geküsste Frosch wird nicht zum Prinzen, man selbst aber womöglich in einen Frosch verwandelt.) Beobachtbar ist in betroffenen Familien nach Villez oft die zentrale, organisierende Kraft, die z. B. das Alkoholismus-System verleiht, die Familiensucht der Suchtfamilie, die Kohäsion durch Selbstdestruktion bei gleichzeitiger Taubheit für außerfamiliäre Informations- und Hilfsmöglichkeiten. Nach Jackson Verlauf in
            7 Phasen:

° Verleugnung der Erkrankung des Angehörigen
° Soziale Isolierung der Familie, im Inneren (untaugliche) Kontrollausübung
° Versuche, die Abhängigkeit des Kranken zu kontrollieren, werden aufgegeben
° Rollenverschiebung; andere Familienmitglieder kompensieren Rolle des Abhängigen
° Trennung vom Abhängigen
° Reorganisation der Familie, jetzt Veränderung auch beim Abhängigen möglich
° Neubeginn durch Wiederaufnahme des Abhängigen oder getrennte Entwicklung

* Ursachen: Meist treffen mehrere, in ihrer Gewichtung nachträglich nicht mehr quantifizierbare Faktoren zusammen. Zugrunde liegen verschiedenste Theorien.

° labile Persönlichkeit (Frustrationsintoleranz, bedingt durch verwöhnende oder Scheinanpassung hervorrufende autoritäre oder Unsicherheit erzeugende wechselnde Erziehungsstile, in denen Kinder nicht mehr wissen bzw. ausrechnen können, ob sie für bestimmte Verhaltensweisen Lob, Ignoranz oder Strafe erwarten können; oft auch Ursache für die Entwicklung krimineller Energien etc. Das Schlimmste für die Entwicklung von Kindern ist es, ihnen keine Orientierungsmöglichkeit zu geben. Sogar übermäßige, aber konsequente Strenge hat bessere Prognosen.): Süchte gelten als (in einer sinnentleerten und Angst machenden Umwelt zunehmend auftretende) Abwehrversuche bei Hoffnungs- und Interesselosigkeit, Sicherungsangst, Verdecken uneingestandener Unterlegenheit, Tarnung von Depressivität etc.

Suchtfördernde Faktoren im Jugendalter:
(nach einem Vortrag von Gabriele Fischer, Univ. Wien)

Droge:  
  Verfügbarkeit
  Erreichbarkeit
  Art der Wirkung
  Suchtpotential (s.o.)
Umwelt:  
  Elternhaus:
 

Erziehungsstil

 

Einstellung zu Suchtmitteln

 

Ressourcen (Geld)

  Freundeskreis:
 

Kommunikationskompetenz

 

Einstellung zu Drogen

Konsument:  
  Selbstwertgefühl
  Belastungsfähigkeit
  Frustrations-/Spannungstoleranz
  Kontakt-/Beziehungsfähigkeit
  Zukunftsperspektiven
  Einstellung zu Rauschmitteln
° äußere Umstände (z. B. frühkindliche Traumen; Entbehren oder Verlust einer Bezugsperson; Versagen in Beruf oder Schule; depressive Mutter, tyrannischer Vater etc. etc.)
° Erbfaktoren (kongenitale Disposition) oder physische / biochemische Ursachen (z. B. Defizite in der Verarbeitung von Alkohol, der dann eine Triggerfunktion hat). In letzter Zeit wird die Aktivierung gewisser Neurotransmitter untersucht, die das Gehirn "belohnen". Das Nervensystem beeinflusst nach Theorien des US-Hirnforschers Jon-Kar Zubieta je nach dem Spiegel der körpereigenen Opioidrezeptoren, der auch die Schmerzverarbeitung und Stimmungen steuert, die Neigung zum Drogenkonsum. Chronisches Suchtverhalten wird von der Suchtforscherin Nora Volkov (* 1956), einer Urenkelin Trotzkis, (eig. Лев Давидович Бронштейн, 1879-1940) auf fehlerhaft arbeitende Rezeptoren für Dopamin (das Belohnung, Selbstkontrolle, Entscheidungskraft und Urteilsvermögen signalisiert) zurückgeführt.

Vgl. dazu auch die informative Seite der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren

* Übersichten:

Quelle der Graphik rechts: David Nutt u. a., Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis
zit. nach
https://de.wikipedia.org/wiki/Droge

 

Folgende Substanzen wurden von Österreichern mindestens einmal konsumiert (tw. geschätzt):

Alkohol

 97%

Abmagerungsmedikamente 5%
Nikotin

 76%

Ecstasy 4%
Schlaftabletten

 15%

Kokain 4%
Beruhigungsmittel

 14%

LSD 2%
Illegale Drogen (gesamt)

 21%

Opiate 2%
Cannabis

 19%

Amphetamine 1%
Aufputschmittel

 7%

Andere 1%

* Süchte im einzelnen:

° Alkoholismus: Vgl. Anton Proksch-Institut, What are the effects of alcohol on the brain?, BBC Seite 1 / 2 und ein "Metareferat" zum Thema Alkohol. In der westlichen Welt ist Alkohol eine der führenden Drogen.

Problem:
Omnipräsenz des Alkohols, "gesellschaftliches Trinken", Missbrauch von Alkohol als "Medikament", zahlreiche Folgeschäden (Unfälle, Gewaltdelikte, Partnerschaftsprobleme etc.).

Typischer Verlauf:
gelegentliches Entlastungstrinken - Steigerung der Toleranzdosis - Erinnerungslücken - Trinken zu unüblichen Zeiten, heimliches Trinken - Korsakow-Syndrom (s. Teil 3) - Zunehmender Kontrollverlust und soziale Probleme - Schuldgefühle - Hochtrabendes, aggressives Imponierverhalten - Trinken mit sozial "Tieferstehenden" - Vernachlässigung der Nahrungsaufnahme, körperlicher Verfall - Zittern - Alkoholverträglichkeit nimmt ab - Vorrat an Ausflüchten der Umwelt gegenüber ist erschöpft - Alkoholhalluzinose, Delirium tremens (herabgesetzte Bewusstheit, Orientierungsstörungen, oft Fieber, Halluzinationen; Übergänge Entzugssystematik - Prädelir - Delir sind fließend) - Eingeständnis völliger Hilflosigkeit (Voraussetzung für Beginn einer erfolgreichen Therapie; oft erst nach Zusammenbruch von Familien- und Berufsleben).

Erscheinungsformen (tw. Stadien)
nach Elvin Morton Jellinek: Er beschrieb 1951 folgende Typologie der Trinkgewohnheiten (vgl. Seite über Jellinek).

 
α-Typ: Konflikt-, Problemtrinker (noch nicht süchtig; auf dem Weg in die Abhängigkeit; Spannungs- und Belastungsabbau durch Alkoholkonsum)
β-Typ: Gelegenheitstrinker (noch nicht abhängig, bleibt sozial lange Zeit unauffällig)
γ-Typ: Rauschtrinker (süchtig, psychisch und physisch abhängig; zeigt Toleranzentwicklung und Kontrollverlust)
δ-Typ: Gewohnheitstrinker (Spiegeltrinker; trinkt täglich mit laufender Dosissteigerung)
ε-Typ: Episodischer Trinker ("Quartalsäufer"; das unkontrollierbare Bedürfnis = Dipsomanie tritt in unregelmäßigen Intervallen auf)

Gefahren: Im Unterschied zu anderen psychotropen Substanzen hat Alkohol eine Vielzahl von Wirkungen: in niedriger Dosierung euphorisierend, schmerzstillend, enthemmend und anxiolytisch, in höherer Dosierung aggressionsverstärkend oder depressiogen (was in Verbindung mit der Dämpfung der Hemmungen manchmal im ungeplanten Suizid endet); die körperliche Vergiftung kann von der Leber nicht mehr verarbeitet werden => Leberzirrhose; Schwangerschaft s. o.; Herabsetzung der Reaktionsfähigkeit u. veränderte Zeitwahrnehmung => (Verkehrs)unfälle; Wegfall der Aggressionshemmung => Gewaltdelikte (Misshandlungen, Mord...): 2 von 3 Gewalttaten werden unter Alkoholeinfluss begangen! Außerdem ca. 20fach überhöhtes Suizidrisiko (s. u.).

Alkohol - Zahlen für Österreich:

Zur Zeit (seit 40 Jahren beinahe konstant) etwa 325 000 Abhängige, weitere 600 000 Gefährdete (an der Kippe zur Abhängigkeit). Jeder 4. bis 5. Todesfall steht in Zusammenhang mit Alkohol (mindestens jeder 10. Verkehrstote). 1998 ca. 200 Tote durch Alkoholüberdosierung, 8000 an den Folgen des Missbrauchs Gestorbene; Todesfälle durch Leberzirrhose: 2. Stelle in der Welt). Verhältnis der chronisch Abhängigen m/w: früher 9:1, heute etwa 3-4:1 (8% der Männer, 2% der Frauen). Ca. 20% w / 12% m trinken nichts. Ca. 21% der Männer und 7% der Frauen zeigen einen problematischen Alkoholkonsum. Durchschnittlich trinkt jeder Österreicher über 16 pro Tag 31g reinen Alkohol (entspricht ca. 1½ Flaschen Bier oder 0,4 l Wein oder ca. 11 l reinem Alkohol im Jahr) täglich, ein Abhängiger durchschnittlich 200g (entspricht 5 l Bier oder 2,5 l Wein). Die chronisch Abhängigen konsumieren ca. 1/3 der gesamten Alkoholmenge des Landes (Zahlen nach "Handbuch Alkohol - Österreich", Wien 1999). 70% des getrunkenen Alkohols werden in Österreich von nur 28% der Bevölkerung konsumiert. Immer niedrigeres Einstiegsalter: 9% der 13jährigen Mädchen und 16% der gleichaltrigen Burschen haben mehrfache Rauscherfahrungen. (Bei den 15jährigen steigt der Wert auf 30%/50%.) 90% der unter 16jährigen (32% der 7-10jährigen, 10% der 3-6jährigen) haben nach einer Studie des Instituts für Kinderrechte 2001 schon Alkohol konsumiert. 27% der unter 16jährigen trinken zumindest einmal wöchentlich, 15% öfter. 60% der Kinder wird dabei der Alkohol in der eigenen Familie, 26% von Gastwirten, 65% von Freunden angeboten (Mehrfachnennungen). Die Steuereinnahmen (Schaumwein-, Bier- und Alkoholsteuer) durch Alkohol sind etwa doppelt so hoch wie die Einnahmen aus der KFZ-Steuer (2011 etwa 320 Mill. €), allein die direkten Folgekosten (v. a. Ausgaben im Gesundheitssystem, ohne Arbeitsausfall und Frühpensionierungen etc.) betrugen 2011 375 Mill. € + 6,5 Mill. € für Krankengeldzahlungen (Quelle: IHS-Studie).
Vgl. auch Handbuch Alkohol - Österreich

Grafiken der OECD 2000/2013 und des IHS zum Thema "Alkohol in Österreich 2011":

° Nikotinsucht: Vgl. z. B. Alles über das Rauchen, Nikotinsucht-Test. Die Zigarettensucht ist die wohl trotz einer seit einiger Zeit rect starken Gegenbewegung, die gesetzliche Maßnahmen provoziert hat, häufigste Abhängigkeit in Österreich (s. Kasten u.).  Legal darf Tabak (von Kolumbus populär gemacht), der das - nach dem frz. Gesandten Jean Nicot benannte - Gift Nikotin (ein Alkaloid) enthält, geraucht werden.

Verlauf:
Durch Gruppendruck meist schon sehr früh Erstkontakt zu Zigaretten (in Österreich oft schon im Alter von 9 bis 12 Jahren). Schon bald starke psychische Abhängigkeit. Ursache ev. Fixierung der oralen Phase (s. u.). Entwicklung im Extremfall zum Kettenraucher mit chronischem Nikotinismus [Vergiftung (60 mg Nikotin sind für den Menschen tödlich) mit Appetitlosigkeit, Blutgefäßschädigungen (Herzkranzgefäße!), Magen-, Darmgeschwüren...]

Gefahren:
Rauchinhaltsstoffe, z. B. Teer, sind kanzerogen (ca. 90% aller 3500 Lungenkrebstoten, die es jährlich in Österreich gibt, waren Raucher); hohes Suchtpotential.

Nikotin - Zahlen für Österreich:

Ca. 2 Mill. Raucher(innen) vertilgen in Österreich 15 Mia. Zigaretten pro Jahr (im Schnitt etwas über 20 Stück täglich). Im Jahr 2004 rauchten 20% aller 13jährigen und 44% aller 15jährigen mindestens 5 Zigaretten pro Tag. Man rechnet pro Jahr mit ca. 13- bis 14 000 Todesfällen, die mit Nikotin in Zusammenhang stehen. Jeder zweite Raucher stirbt vorzeitig. Seit dem Jahr 2000 geht die Zahl der Raucher sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch unter Jungendlichen aufgrund scharfer Nichtraucherschutzmaßnahmen und höherer Tabaksteuern leicht zurück.
° Medikamentensucht: Oft durch Vorbildwirkung (Kinder sehen, oft täglich, ihre medikamentenschluckenden Eltern und einen immer vollen Arzneischrank) erlernte, in ihrer Bedeutung unterschätzte "stille" Sucht.

Medikamente - Zahlen für Österreich:

 In Österreich gibt es zur Zeit etwa 110 000 Abhängige, 460 000 Gefährdete (die Frauen überwiegen).
Als Suchtmittel verwendet werden v. a. folgende, z. T. ärztlich verschriebene, durch ihre Nebenwirkungen gefährliche und psychische Abhängigkeit erzeugende Psychopharmaka:
     + Hypnotica
(Barbiturate und andere, das Aktivierungssystem blockierende Schlafmittel = Sedativa, Analgetika, z. B. Epivan, Luminal, Veronal)
     + Tranquilizer (angst- und spannungslösende Wirkung, zB Valium, Librium)
     + Neuroleptica (dämpfen das ZNS, vermindern Aktivierung und Aufmerksamkeit; "Chemische Zwangsjacke")
     (= desaktivierende Psychopharmaka)
     + Stimulantia (Aufputschmittel, die Schlaf und Hunger unterdrücken; am häufigsten versuchte Pharmaka; Weckamine, Psychotonica; auch das in Kaffeebohnen und Teeblättern enthaltene Koffein und der Kakaobestandteil Theobromin stimulieren.)
     + Antidepressiva (stimmungsauflösend = Thymoleptica, hemmungslösend = Thymerethica)
     + Amphetamine (nach dem Suchtgiftgesetz verbotene, synthetische Stoffe, die zu unproduktiver Geschäftigkeit, Reizbarkeit, Unruhe und Misstrauen führen => große psychische Abhängigkeit; z. B. Captagon; Ableger: Designerdroge Ecstasy)
     (= aktivierende Psychopharmaka)
     + Psycholytica [haben psychotomimetische Wirkung (rufen Halluzinationen und toxische Psychosen hervor.)]

Halluzinogene bilden den Übergang zur

° Drogensucht: (vgl. Drogenabhängigkeit, UNO-DC) in Österreich seit 1966 beobachtet. (Davor war das Problem fast ausschließlich auf die medizinischen und pharmazeutischen Berufe beschränkt. Vor 1919, als Österreich im Rahmen des St.Germain-Vertrages die Drogenächtung mitunterschreiben musste, gab es keine gesetzlichen Beschränkungen. 1926 wurde das erste "Giftgesetz" verabschiedet.) Heute ist die Materie im 1951 entstandenen Suchtgiftgesetz (1980, 1985 und 1998 novelliert) geregelt. Probleme: Durch psychische und tw. physische Abhängigkeiten diverse medizinische und juristische Folgeprobleme. Durch Illegalität Beschaffungskriminalität und Subkultur; Reinheit des jeweiligen Stoffes ist nicht gewährleistet. Die Besitzgrenzmengen, die ein Vergehen vom Verbrechen trennen, betragen zur Zeit 3g (Heroin), 15g (Kokain) und 20g (Cannabis).

Illegale Drogen - Zahlen für Österreich:

Erstkontakt oft mit 13/14 Jahren, Verhältnis der Abhängigen  m / w ca. 4:1, 20% unter 25 Jahren. In Österreich gab es 2012 161 Drogentote, davon 72 in Wien (2003 163, 2004: 229 - in Wien 88 - über 80% männlich -, 154 direkt; 2006 197, 2007 175 direkt, z. B. durch Überdosis oder Ersticken, 2011 177 + 24 "wahrscheinlich suchtbezogen") bei schwankender, zuletzt sinkender Tendenz (2002: 179, 2000: 227, 1998: 162, 1994: 250, 1990: 83) und 2012 ca. 34 000 (2006: 30 000, 2011 34 000) Menschen mit problematischem Konsum, davon etwa die Hälfte in Wien. (Vgl. Zahlen für Alkohol!) Tendenziell wurden die Drogentoten und -konsumenten bis vor Kurzem immer älter (Durchschnittsalter der Toten 2002 32, 2001: 31, 2000: 30, 1993 26 Jahre), 2003 aber gab es eine Trendwende (29,5), 2004 (Durchschnittsalter 28,7) stieg der Anteil der unter 20jährigen von 12% auf 21%. Der Mischkonsum (Politoxikomanie) nimmt zu (in 60% der Todesfälle war auch Alkohol im Spiel). 2012 waren fast 17 000 Personen in der Drogensubstitutionstherapie (ca. 50% der Süchtigen).

Folgende Suchtgifte werden konsumiert:
     + Cannabis: die am häufigsten verwendete und sichergestellte Droge. (In Österreich rauchten 2007 70% aller Oberstufenschüler manchmal Cannabis.) Die Mischung der Blütenblätter der weiblichen Hanfpflanze mit Harz heißt Haschisch, das Gemisch aus getrockneten Blättern und Blütenständen Marihuana ("Gras"). Beide enthalten den psychische Abhängigkeit erzeugenden Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol). In den Handel kommt Cannabis in Platten gepresst oder als Pulver in den Farben grün-braun-schwarz - je dunkler, desto harzreicher und wirksamer, daher ist das - allerdings oft "gestreckte" - Haschisch 5 bis 10mal so wirksam wie das harzlose Marihuana. Cannabis (s. a. BBC-Seite) wird geraucht ("Joint"), als Tee getrunken oder gegessen. Es wirkt zunächst (nach ca. 20 Minuten stimulierend, nach bis zu 4 Stunden sedierend.
Problem: dient oft als "Einstiegsdroge" (wie auch Nikotin, Alkohol).
     + Opiate: In Österreich 2007 ca. 10 000 Konsumenten. Ausgangsprodukt ist der getrocknete Milchsaft des Schlafmohns => Rohopium (enthält Morphin, das auch isoliert in den Handel kommt, Codein, Narkotin, Papaverin und andere Alkaloide, in Kugel- oder Laibform im Handel). Opium wird durch Kochen oder Gärung erzeugt und geraucht oder gegessen. Halbsynthetisch werden die Morphinbase (hellbraunes, aus Rohopium extrahiertes Pulver, das injiziert wird) und aus ihr auf chemischem Wege das Heroin (Diazethylmorphin) hergestellt. (Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war man bestrebt, ein dem Morphin gleichwertiges Analgeticum, das aber nicht suchterregend wirkt, herzustellen. Ironischerweise führte dies zum Suchtgeschäft des Jahrhunderts.) Dieses ist je nach Reinheitsgrad weiß bis braun und schmeckt bitter. In den Handel kommt es oft gestreckt und wegen der Feuchtigkeit in Folien verpackt. Gefahr: Die Abhängigkeit kann sehr rasch eintreten, die Rückfallquote ist hoch, die Begleitkrankheiten (Obstipation = Verstopfung, Nieren-, Leberleiden etc.) entkräften den Körper, der bei Fehlen von Heroin (engl. "H") stark reagiert ("Turkey"). Das mit den "Fixerutensilien" erhitzte und gelöste Gift wird nach Abbinden der Venen injiziert, wobei die tödliche Dosis oft überschritten wird ("Goldener Schuss"). Heroin ist zur Zeit die gefährlichste harte Droge. In der Medizin wird Opium als schmerzstillendes Mittel und das Codein, das ebenfalls von Süchtigen konsumiert wird ("Wiener Mischung" = Hustensaft mit Alkohol) z. B. in Hustensäften verwendet. Wirkung aller Opiate: sedierend, entspannend, Apathie erzeugend.
     + Kokain ("Schnee, Koks"): = Extrakt der Blätter des aus S-Amerika stammenden Cocastrauches (Drogenmafia von Medellin, Kolumbien!). Wurde ursprünglich zur Unterdrückung des Hungergefühls gekaut und wird heute als "Schickeriadroge" als weißes Pulver geschnupft oder in einer alkoholischen Lösung injiziert. Wirkung: betäubt die Ganglien, putscht auf, enthemmt, ruft auch Halluzinationen und Juckreiz hervor und schränkt die Selbstkritik ein. Keine physische Abhängigkeit.
     + Halluzinogene: Substanzen, die Sinneseindrücke verändern, sind z. B. Mescalin (Spitzen des Peyotlkaktus werden, schon seit der Inka-Zeit, gekaut), Psilocybin (aus mittelamerikanischen Pilzen gewonnen), DOM (STP, DMT = synthetisch erzeugte Mescalinableger) oder das starke, nach Forschungen am Mutterkornpilz Claviceps purpurea synthetisierte und in Österreich erst 1971 verbotene LSD (Lysergsäurediäthylamid). Diese psychedelische (den Bewusstseinszustand verändernden) Droge auf der Basis toxischer Alkaloide wird für Rauschzwecke hergestellt (zum ersten Mal 1938 bei Sandoz in Basel, 1943 vom Chemiker Hofmann im Selbstversuch erprobt) und als Flüssigkeit, in Tablettenform oder als stecknadelgroße "Minitrips" verkauft. Als Kreislaufmittel untauglich, geriet es in Vergessenheit. 1960 vom "Drogenmessias" Timothy Leary (1921-1996; Psychologie-Prof. in Harvard; Slogan "Come on, tune in, turn on, drop out") aufgegriffen und propagiert. Erst 1966 von den USA auf die Liste illegaler Rauschmittel gesetzt.
Wirkung und Gefahr:  Es kommt zu unberechenbaren Wahrnehmungsveränderungen und Trugwahrnehmungen, die im Falle eines "Horror Trip" letal enden können (etwa, weil man glaubt, fliegen zu können). LSD wird daher meist in Gruppen genommen. Keine physische Abhängigkeit.
     + Synthetische Drogen (= sog. Designerdrogen): Da in den USA Drogen im Gesetz taxativ aufgezählt werden, besteht ein Interesse der Suchtgifthändler, immer neue Drogen, die dann kurze Zeit "legal" sind, zu entwickeln. (In letzter Zeit v. a. Speed ball, eine Heroin-Kokain-Mischung, Crack, ein speziell zubereitetes und billiges Kokain, das mit Tabak gemischt geraucht wird, DOM, die "Partydroge" Ecstasy (beide s. o.), Ice, Crystal Meth, das chemisch dem seit den 30er-Jahren des 20. Jhdts verbreiteten Methamphetaminhydrochlorid "Pervitin" entspricht (wurde von Hermann Buhl 1953 bei seiner Nanga-Parbat-Erstbesteigung verwendet), u. s. w.

° Weitere Süchte:

     Sniffen: Schnüffeln von alltäglichen Essenzen, wie z. B. Klebestoffe, Fleckputzmittel, Benzin etc., die als (nicht unter das Suchtgiftgesetz fallende) Suchtersatzmittel verwendet werden.
     Workoholism: Unter Workoholics (= Kunstwort aus work und alcoholic) versteht man Menschen, die hektisches Angetriebensein kennzeichnet. Gefahr: Erschöpfen der physischen Reserven, z. B. durch Schlafentzug, psychosomatische Auswirkungen, z. B. Magengeschwüre. Interpretation: Kann durch Sublimation oder Todesverdrängung (es bleibt keine Zeit mehr, sich der Begrenztheit des Daseins bewusst zu werden) erklärt werden.
     Spielsucht: Der pathologische Zwang Glückspiel zu betreiben (Casino, "einarmiger Bandit"), ist in Österreich (ca. 56 000 pathologische Spieler) gesetzlich als Abhängigkeit anerkannt. Gefahr: Zerstörung der Existenz durch hemmungslose Verschuldung => ev. Kriminalität; wichtigste substanzungebundene Sucht (vgl. Fragebogen zur Spielsucht, Spielsuchthilfe)
     Anorexia nervosa (Magersucht, Anorexie): In der Pubertät v. a. bei Mädchen auftretende psychogene Nahrungsverweigerung unter dem Zwang, sein Gewicht dauernd kontrollieren zu müssen. Tritt gekoppelt mit Amenorrhoe oder überhaupt Ausbleiben der Menarche auf => Den Hintergrund scheint eine Ablehnung der Geschlechterrolle zu bilden. Manchmal gekoppelt mit Bulimie: Zwanghaftes Erbrechen nach jedem Essen. (4mal häufiger = gr. "Ochsenhunger"); Adipositas (Fettsucht) besteht demgegenüber in überhöhter Energiezufuhr mittels Nahrung (in Österreich sind 30% der Kinder von Esssucht betroffen.) und ist eine auch in späterem Alter vorkommende noch häufigere Essstörung. Vgl. Seite über Essstörungen (Der Standard), Magersucht mit BMI-Berechnung, Essstörungen, hungrig-online.de, Essstörungen (Stadt Wien) und folgende Kurzinformation
     Andere Süchte: Sucht nach Süßigkeiten (v. a. Schokolade, aus mexikan. "Xocolatl", enthält Theobromin!, s. o.; vgl. BBC-Seite), nach Sex, nach dem Internet (vgl. onlinesucht.de und Fragebogen; in Österreich inzwischen ca. 50 000 Abhängige), nach der Betelnuss (v. a. in Ostafrika und Asien)...
Polytoxikomanie nennt man die kombinierte Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln (zunehmende Häufigkeit!).

* Behandlung: Süchte werden mit Entziehungskuren (in Österreich z. B. Anton Proksch Institut) behandelt, die z. T. ambulant, z. T. stationär durchgeführt werden. Das Suchtmittel wird

° abrupt abgesetzt (die Entzugserscheinungen werden mit Beruhigungsmitteln abgefangen),
° ausschleichend dosiert oder
° durch ein weniger stark wirksames Suchtgift ersetzt (z. B. Methadon statt Heroin)

Die Methode der Wahl hängt von der Art der Abhängigkeit und der Persönlichkeit des Patienten ab und beginnt mit der Kontakt- und Motivationsphase. Ambulante Therapien scheitern oft an der Rückkehrmöglichkeit in das gewohnte Suchtmilieu. Ein Entzug besteht immer aus der relativ unproblematischen Entgiftungsphase und der weit schwierigeren Entwöhnungsphase. Die Dauer einer Therapie beträgt meist mehrere Jahre, die Rückfallquoten sind hoch. Eine begleitende psychotherapeutische Betreuung, vor allem eine Nachsorge- und Rehabilitationsphase zur Rückfallvorbeugung ist unbedingt notwendig. Besser als Therapie: Prophylaxe (vgl. Fachstelle für Suchtvorbeugung Niederösterreich oder Arbeitsmaterialien für Schüler/innen zur Suchtprophylaxe)

- Neurosen:
Der Begriff (gr. neuron = Nerv) wurde vom schottischen Arzt William Cullen geprägt (im § 1019 von First Lines in the Practice of Physics, 1776-84). Bis ins vorige Jahrhundert wurde damit jede nicht erklärbare Krankheit bezeichnet (z. B. auch Epilepsie). Die heutige Bedeutung des Wortes geht auf S. Freud zurück. In diesem Abschnitt sind auch einige Persönlichkeitsstörungen enthalten.
Definition: Eine Neurose liegt dann vor, wenn ohne entsprechenden Anlass willentlich unbeeinflussbare Zustände, Verhaltensweisen oder vegetative Veränderungen von solcher Stärke auftreten, dass dadurch die Ordnung des psychischen und physischen Geschehens gestört wird. Neurosen bilden etwa zwei Drittel aller psychiatrischen Störungen. Man schätzt, dass etwa 20% der Bevölkerung zumindest einmal im Leben darunter leiden.

° Physische Symptome: ähnlich denen des Affekts (s. u.): Tachykardie, Hyperventilation, Schweißausbrüche, Kreislaufbeschleunigung, Verdauungsprobleme, Überaktivität des Neurotransmitters Norepinephrin
° Psychische Symptome: Zwanghaftigkeit (Neurosen werden als aufdringlich, quälend, störend empfunden.)

* Angstneurose: unerklärliche, nicht spezifische Erregung, der keine äußere Gefahr entspricht ("frei flottierend"); Panikattacken; vgl. Seite über Angsterkrankungen, Fragebogen 1, 2
Spezialfall: Posttraumatische Belastungsstörung nach Naturkatastrophen oder Gewalterfahrungen mit folgenden Symptomen (s. auch International Network for Interdisciplinary Research about the Impact of Traumatic Experience on the Life of Individuals and Society):

° Zwanghaftes inneres Wiederholen des durchlebten Traumas
° Meiden der angstauslösenden Situation (Ort, Tätigkeit etc.)
° Schlaf- und Konzentrationsstörungen

und Akute Belastungsstörung als Sofortreaktion auf traumatisierende Erlebnisse (Möglichkeit zur Prophylaxe: Einsatz von Psychologen; vgl. Notfallpsychologie, Sprache als ein Mittel der Befreiung oder Zur Behandlung extremtraumatisierter bosnischer Flüchtlinge)

Die zehn häufigsten Ängste der Österreicher nach einer Umfrage aus dem Jahr 2001 sind die vor unheilbarer Krankheit (90%), die Sorge um die Zukunft der Kinder (68%), die Angst vor einem Verkehrsunfall (66%), vor Arbeitslosigkeit (66%), vor AIDS (59%), vor einem Reaktorunglück (57%), vor einem Weltkrieg (56%), vor Partnerschaftsproblemen (53%), vor dem finanziellen Ruin (52%). An zehnter Stelle steht mit 49% die Angst, dem Wahnsinn zu verfallen, die die größte Steigerung (+21%) gemessen an Umfragen von 1997 aufweist.

* Phobie: objekt- oder situationsbezogene Angst, z. B. (alphabetisch)

° Agoraphobie oder Platzangst: die Angst davor, alleine auf weitem Plan stehen zu müssen. ("Platzangst" oft fälschlich für Klaustrophobie, s. u., gebraucht)
° Aichmophobie: Angst vor spitzen Gegenständen
° Arachnophobie: Angst vor Spinnen (od. Insekten allg.)
° Bakterienphobie
° Erethophobie: Angst, zu erröten
° Flugangst
° Höhenphobie
° Klaustrophobie: Angst vor zuwenig Platz, z. B. bei Sitzplatz ohne Fluchtmöglichkeit
° Nosophobie: Angst vor Krankheiten
° Phobie vor abstrakten Dingen und Symbolischem (vgl. Totem, Tabu)
° Phobie vor radioaktivem Material
° Phobophobie: Angst davor, Angst zu bekommen
° Prüfungsangst (Vgl. Fragebogen)
° Schlangenphobie
° Soziale Phobie (Angst vor Öffentlichkeit, beginnend mit Schüchternheit)    ... u. v. a.

* Zwangsneurosen (Anankasmen): (Vgl. www.zwaenge.de und Fragebogen) Sie treten in zwei Formen auf:

° Zwangshandlungen: z. B. Zwang, Servietten zu beschriften, (die Wohnungstür) zu kontrollieren; Zwang zu lästern, zu zählen, zu ordnen, Kugeln aus Käserinde oder Kerzenwachs zu formen; Zwang Feuer zu legen (Pyromanie), zu stehlen (Kleptomanie), sich Männern an den Hals zu werfen (Nymphomanie); oft nur als sich aufdrängende Handlungsimpulse erlebt.
Komplexer als Tics, die wieder nicht zu verwechseln mit dem genetisch bedingten Gilles de la Tourette-Syndrom (vgl. auch Tourette-HP, Tourette-Familienuntersuchungen), bei dem motorische und vokale Tics gleichzeitig auftreten, sind.
° Zwangsgedanken (bzw. Zwangsvorstellungen): z. B. Zwang, obszöne Gedanken zu denken, Zweifelsucht, Vergewisserungszwang etc.

* Hysterie: krankhaftes Meidungsverhalten unangenehmer Situationen (z. B. "Flucht in die Krankheit"); stellt oft den Versuch dar, etwas Erwünschtes dadurch zu erzwingen, dass anderen unbewusst Angst eingeflößt wird. Zwei Arten:

° Konversionshysterie: Ausfall von körperlichen Funktionen (z. B. Lähmung, od. sensorisch) ohne äußere Ursache; verschwindet im Schlaf und unter Hypnose
° Hysterische Bewusstseinsspaltung: Patient verliert die Fähigkeit, sich über die Zeit als gleichbleibend, als eine Person, zu erleben; kann bis zur (seltenen) Multiplen Persönlichkeit (bereits psychotisch) führen, die z. B. vom "Würger von Los Angeles" simuliert worden ist (vgl. Stevenson: "Dr. Jekyll und Mr. Hyde").

* Hypochondrie: der Patient "erfreut sich schlechter Gesundheit", da er sich als von seinem Körper abgetrennt empfindet und seine Zustände analysiert statt sie zu erleben.

* Depressive Neurose:
Verlust des rechten Maßes des Reagierens auf Situationen des Verlustes, Versagens, der Enttäuschung etc. Die an sich natürliche Phase der Depression wird zwanghaft verlängert.

* Experimentelle Neurosen:
durch psychologische Exe. oft willentlich herbeigeführte neurotische Zustände, zB Pawlow'scher Hund, wenn er zwischen einem Kreis und einer Ellipse nicht mehr unterscheiden kann (s. o.); oder "Little Albert" (s. o.); oder an der Wiener Klinik durchgeführte Exe. mit Katzen, die durch Frustrationserlebnisse (eine durch operantes Konditionieren eingelernte Verhaltenskombination, die zur Gabe von Futter führen soll, wird unregelmäßig mit Luftstößen "bestraft") dazu gebracht werden, freiwillig mit Alkohol versetzte Milch zu trinken, die sie normalerweise verschmähen. Außerdem verlieren sie anderen Katzen gegenüber ihre Dominanz.

* Noch nicht erwähnte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen: Hierzu zählen Störungen der Geschlechteridentität (Transsexualität; vgl. etwa transmann.de) bzw. der Sexualpräferenz (z. B. Voyeurismus), Narzissmus (mit Phantasien die eigene Brillanz betreffend, Überempfindlichkeit gegenüber anderslautender Meinungen anderer), dissoziale Persönlichkeiten (mit geringer Frustrationstoleranz, Diskrepanz zwischen eigenem Verhalten und den sozialen Normen und deformierter Emotionalität - "Psychopathen"), emotional instabile Persönlichkeiten (mit Tendenz zu Launenhaftigkeit, Impulse auszuagieren, zu emotionalen Ausbrüchen, ev. Streitsucht; bei übermäßiger Emotionalität Histrionismus) z. T. vom Borderline-Typus (zusätzlich mit Selbstbild-Störung und mangelnder Impuls-Kontrolle; vgl. Selbsttest) usw.

- Psychosen:
Der Begriff "Psychose" wurde 1845 von Ernst von Feuchtersleben, einem Wiener Arzt und Freund Grillparzers, zum ersten Mal verwendet.
Definition: Wenn das Erleben und Verhalten eines Menschen derart stark von der Norm abweicht, dass der Kontakt zur Realität verloren geht und die Persönlichkeit nachhaltig desintegriert ist, so wird dieser Zustand als psychotisch bezeichnet.
Psychosen, die auf physische Ursachen zurückzuführen sind, nennt man organische Psychosen (z. B. durch Tumoren, Altersdemenz, Alkohol oder Gehirnläsionen verursacht). Im folgenden ist ausschließlich von der zweiten Gruppe, den funktionellen oder endogenen Psychosen, die Rede (vgl. Psychosewissen).

* Paranoide Psychosen
(gr.: verschobener Geist, = mit Wahnideen verbundene Psychosen): Unter Wahn wird eine lebensbestimmende "Privatwirklichkeit" verstanden, die - nach Karl Jaspers - subjektiv gewiss, unkorrigierbar und inhaltlich unmöglich ist.

° Paranoia: der Patient leidet unter persistierenden (langandauernden) Wahnideen (= der objektiven Realität widersprechenden Wahrnehmungsinhalten, die zäh verteidigt werden). Am häufigsten sind (häufig gekoppelt): Verfolgungswahn, Größenwahn und Beziehungswahn (man bezieht alles auf sich). Der Paranoiker baut komplizierte Gedankengebilde auf seinen Wahnideen auf, in die alle Therapieversuche miteinbezogen werden. (=> Oft paradoxe Intervention, s.u., wirksam.)
° Paranoider Zustand: vorübergehende Wahnideen

* Affektive Psychosen (die Gemütslage betreffende Psychosen): Die Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen (Zyklothymie), verbunden mit Denk- und Verhaltensstörungen.

° Manie: intensive Hochstimmung ohne Grund; unangemessen gesteigertes Lebens- und Selbstwertgefühl; "Bremsversagen"; Drang zu Rede (Logorrhoe), Bewegung, Lachen, Aktivität; oft mit Größenwahn verbunden; Sprache: assoziativ, gedankenflüchtig, ohne Stringenz
° Depression (vgl. Fragebogen 1, 2Allgemeine Informationen): starke, grundlose oder über den Anlass hinausgehende Niedergeschlagenheit, Melancholie, Schwermut; verbunden mit Verminderung jeder Aktivität, Gefühlen der Wertlosigkeit, Selbstvorwürfen, Appetitlosigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen; Suizid-(=Selbstmord)gefahr (mehr als 20fach höher als in der Normalbevölkerung)! Man unterscheidet dabei drei Stadien: Stadium der Erwägung - Stadium der Ambivalenz - Stadium des Entschlusses. Vgl. auch Suizid-Gefährdung

Von Erwin Ringel wurde das Präsuizidale Syndrom beschrieben: Danach werden so gut wie alle Selbstmorde angekündigt. Der Patient erlebt vor dem Selbstmord:
     + Einengung, die ihm "situativ" subjektiv immer weniger Bewegungsspielraum lässt, "dynamisch" seine Affekte in Richtung Depression und Selbstvernichtung richtet, aber auch die "zwischenmenschlichen Beziehungen" (bis zur völligen Isolierung) und die "Wertwelt" (nichts ist wirklich wichtig) betrifft.
     + Selbstmordphantasien, die in drei Stadien erscheinen: tot zu sein, Selbstmord zu begehen und, zuletzt, es in einer ganz bestimmten Weise zu tun. (Alarmzeichen!)
     + Aggressionsumkehr, also Aggression, die gehemmt und gegen die eigene Person gerichtet ist. Durch die Unfähigkeit, sie nach außen abzureagieren, bietet sich der eigene Körper als Ersatzobjekt an (wie auch bei Alkoholismus und anderen Süchten, manchen Unfällen, psychosomatischen Erkrankungen etc.)

In einer clusteranalytischen Studie, die 2000 im Auftrag des Ludwig-Boltzmann-Institutes für angewandte klinische Psychologie erarbeitet wurde, konnte dabei Ringels Konzept von der Aggressionsumkehr nicht bestätigt werden. Sie zeigt viel mehr auf, dass bei selbstmordgefährdeten Personen beide Aggressionsdimensionen (die nach außen und die nach innen) ansteigen. Gefahr ist in Verzug, sobald die Autoaggression die nach außen gerichtete Aggression überwiegt und auch die beiden anderen von Ringel genannten Faktoren zutreffen.

Walter Pöldinger beschreibt 1968 die suizidale Entwicklung in drei Phasen:
     + Stadium der Erwägung: Die Selbsttötung wird als eine von mehreren Möglichkeiten in Betracht gezogen (je konkreter, desto gefährlicher die Situation).
     +
Stadium der Ambivalenz: Die potentiellen Suizidanten sind hin- und hergerissen: Soll ich oder soll ich nicht?
     +
Stadium des Entschlusses: Für den Betroffenen steht fest, dass er sein Leben beenden will. (Phase der inneren Beruhigung, die von der Umgebung aber falsch verstanden wird; auf indirekte Hinweise achten: Testament, überraschende Reisepläne etc.)

Suizid ("Selbstmord") in Österreich (Fakten):

 


 

aus: derstandard.at 7.9.2012

 

Ein besonders hohes Suizidrisiko besteht für Alkoholiker (zweithäufigste Todesursache), nach einem bereits erfolgten Suizidversuch und im ersten Jahr nach einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Viele "Bilanzselbstmorde" von Alkoholikern und älteren Menschen ohne geistige Grunderkrankung => eine der höchsten Pro-Kopf-Raten der Welt. (Thomas Bernhard über Österreich: "Ich wundere mich hier überhaupt nicht, wenn einer durch Selbstmord stirbt, ich wundere mich nur, wenn er nicht durch Selbstmord stirbt.")

Männer töten sich etwa dreimal so häufig wie Frauen (bei Kinderselbstmorden ist die männliche Dominanz weit höher). Verhältnis Suizid/Suizidversuch bei männlichen Jugendlichen 1:12, bei weiblichen 1:39. In Österreich 2010 1280 Selbstmorde (= historischer Tiefststand, 2012 noch einmal um 5 unterboten; etwa 15 von 100 000 Ew. oder ca. jeder 5000ste; Tendenz sinkend (wegen einiger suizidsenkender Maßnahmen in Österreich: Verschärfung des Waffengesetzes 1997, Entgiftung des Stadtgases in Wien in den 70er-Jahren, Erarbeitung von Richtlinien zur Medienberichterstattung über Suizid Mitte der 80er Jahre [die, wie Univ. Prof. Sonneck, Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Wien, in Ö1 am 18.3.2008, 19:00, darstellte, ab 1.7.1987 einen Rückgang der U-Bahn-Selbstmorde um 60% und zum ersten Mal eine Reduktion der Gesamtzahl an Suiziden bewirkten] und Entfernung einiger stark toxischer Medikamente vom Markt): 1945 ca. 5000, 1986 über 2100 Selbstmorde pro Jahr; zum Vergleich: 2010 gab es in Österreich 552 Verkehrstote.), weltweit etwa 1000 Suizide pro Tag. (In Europa liegen Litauen, Estland und Russland mit ca. 40 sowie Finnland und Ungarn mit über 30 pro 100 000/a an der Spitze, positives Schlusslicht ist Griechenland mit deutlich unter 10 pro 100 000/a. Deutschland z. B. 1999 ca. 11 000 Suizide, drei Viertel Männer. Global steigt die Suizidrate an, in den Industrieländern sinkt sie; in Österreich um 40% seit Beginn der Aufzeichnungen.) Das meistbetroffene Bundesland ist seit Jahren die Steiermark (19,6 pro 100 000 Ew.) vor Kärnten und Salzburg (Schlusslicht Wien mit 12,2 pro 100 000 und das östliche Burgenland mit unter 10), der meistbetroffene Bezirk Murau (7,5 von 30 000 Ew. pro Jahr Suizidanten). Prinzipiell gibt es "am Land" prozentuell mehr Selbstmorde als in der Stadt. Jeder 2. Selbstmord erfolgt unter Alkoholeinfluss, ein häufiger Anlass ist die Abnahme des Führerscheins. Größte von Suiziden betroffene Altersgruppen: bei Frauen 20-40, bei Männern 65+. (Männer 75+: 118 Suizide auf 100 000 Ew.!; eine hohe Rate haben auch geschiedene Männer.) Häufigste Methode: Erhängen (50% bei Männern, 35% bei Frauen) vor Vergiften (Frauen benutzen überproportional häufig Schlafmittel oder ertränken sich) und Erschießen (bei Männern Nr. 2; 50% [= höchste Quote aller Methoden] aller Versuche enden hier tödlich). Etwa 15% der Suizidanten springen aus großer Höhe.
 


Quelle: http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/4590221/Suizid_Daruber-reden-kann-Leben-retten?from=gl.home_leben vom 9.11.2014

 

Vgl. Zahlen für Europa, Verhältnisse in Deutschland, Suizidgefahr erkennen, Linksammlung, Suizidgefährdete Kinder und Jugendliche, Selbstmordversuch 1, 2, Seite der IASP (International Association for Suicide Prevention), Studie "Suizide von Männern in Österreich" (Wien 2003)
 

° Manisch-depressives Irresein: Periodischer Wechsel der oben beschriebenen Grundstimmungen ("Bipolare affektive Störung")

* Schizophrenie: Diese Bezeichnung wurde 1911 von Eugen Bleuler (s. u.) als Sammelname für alle nicht erklärbaren Persönlichkeitsstörungen, z. B. auch für Epilepsie, eingeführt. Sie löste den früheren Namen Dementia praecox (= "vorzeitiger geistiger Abbau") ab und bedeutet "gespaltenes Zwerchfell" (gr. = Geist).
Heute bezeichnet man damit den Persönlichkeitszerfall mit zunehmender Abstumpfung gegenüber der Umwelt. Schizophrenie tritt in Schüben auf (vgl. Bezeichnung: Spaltung zwischen normalen und psychotischen Phasen). Vgl. Mentalhealth-Seite, Medizinische Informationen, schizophrenia.com, What happens to the body and brain of individuals with schizophrenia?

Woran erkennt man Schizophrenie?


Die Symptomatik ist ausgesprochen vielfältig. Zu den Hauptsymptomen der Schizophrenie gehören Denkstörungen, veränderte Sprache und Halluzinationen.

  • Formale Denkstörungen
    Die formalen Denkstörungen fallen im Gespräch als Zerfahrenheit auf. Der Denkablauf ist verzerrt. Ein geplanter Gedankengang wird nicht durchgehalten, ist sprunghaft, unlogisch und wird manchmal abrupt abgebrochen. Ein nebensächliches Wort führt zu völlig neuen Assoziationen. Der Redeinhalt erscheint teilweise unverständlich.
  • Inhaltliche Denkstörungen
    Sie äußern sich am deutlichsten als Wahn. Dabei handelt es sich um eine falsche Beurteilung der Realität, die oft nicht korrigierbar ist. Häufig kommen Verfolgungs-, Beeinflussungs- und Bedeutungswahn vor. Beim Bedeutungs- oder Beziehungswahn beziehen die Betroffenen die zufälligsten Ereignisse der Umgebung auf sich selbst. Daneben beobachtet man religiösen Wahn und Größenwahn. Der Wahn kann zwar, muss aber nicht auf äußere Wahrnehmungen Bezug nehmen. In enger Verbindung mit der veränderten Realitätsauffassung steht die oft fehlende Krankheitseinsicht.
  • Veränderte Sprache
    Die Sprache wirkt oft manieriert, unnatürlich in Intonation und Artikulation. Sie ist zuweilen voller Wortneuschöpfungen, die im einfachsten Fall durch das Zusammenziehen mehrerer Worte entstehen.
  • Halluzinationen
    Die Halluzinationen stehen in Beziehung zum Wahndenken. Es sind Sinneswahrnehmungen, die die Betroffenen für wirkliche Sinneseindrücke halten, obwohl der entsprechende Sinnesreiz nicht vorhanden ist. Halluzinationen können alle Sinnesbereiche betreffen, meistens sind sie jedoch akustischer Natur. Charakteristisch ist das "Stimmen hören". Die Stimmen unterhalten sich über den Betroffenen, kommentieren sein Handeln und geben ihm auch Befehle.
  • Ich-Störung
    Die Betroffenen empfinden die Grenzen zwischen dem eigenen Ich (Gedanken, Gefühle, Körper) und der Umwelt als durchlässig und verschwommen. Sie erleben sich selbst als fremd und unwirklich. Es kann zu einem Gefühl der Fremdbeeinflussung oder Gedankeneingebung von außen kommen. Darüber hinaus können die Betroffenen den Eindruck haben, dass ihre Gedanken mitgehört, von anderen gelesen, von außen blockiert oder entzogen werden. Die Betroffenen leben gleichzeitig in einer wirklichen und einer wahnhaften Welt.
  • Störungen der Emotion und Motivation
    Es treten Stimmungsschwankungen auf, zuweilen auch eine leere, grundlose Heiterkeit. Die Gefühle sind unangepasst. Sie stimmen nicht mit der Rede oder mit dem Gehörten überein. Auch Gefühlsäußerungen oder der mimische Ausdruck passen oft nicht zur Situation. Das kann sich unter anderem darin äußern, dass die Betroffenen beim Berichten oder Erfahren eines traurigen Sachverhalts lachen. Der emotionale Kontakt zu anderen Menschen ist reduziert.
  • Affektverflachung
    Die Gefühle werden allgemein schwächer und weniger, vor allem nach längerem Krankheitsverlauf.
  • Interessen- und Antriebslosigkeit
    Die Betroffenen können außer für die Verrichtung der Grundfunktionen kaum noch für etwas gewonnen werden. Sie entwickeln aus sich heraus keine Motivation. Interessen- und Antriebslosigkeit tritt meist erst im Verlauf der Störung auf.
  • Rückzug von sozialen Aktivitäten
    Soziale Kontakte und Aktivitäten werden gemieden. Die Betroffenen werden zu zurückgezogenen Einzelgängern.
  • Autismus
    Die Betroffenen sind fern von jeder Realität und eingesponnen in die eigenen Interessen. Sie nehmen ihr Umfeld kaum noch wahr.
  • Psychomotorische Symptome
    Es zeigen sich häufig Bewegungslosigkeit oder starke motorische Unruhe. Bei einem gewissen Intensitätsgrad werden diese Symptome auch als Katatonie bezeichnet. Es kommen sowohl Überaktivität mit meist sich wiederholenden, stereotypen Bewegungen (katatone Erregung) als auch extreme Unbeweglichkeit und Reaktionslosigkeit (katatoner Stupor) vor. Dabei verharren die Glieder oft für Stunden in unphysiologischen Stellungen (Katalepsie). Bei der seltenen schweren Form der perniziösen Katatonie treten hohes Fieber und andere vegetative Regulationsstörungen auf. Dieser Zustand ist lebensbedrohlich. Auch die Kooperationsfähigkeit ist teilweise verändert. Beispielsweise machen die Betroffenen automatisch das Gegenteil des Verlangten oder führen es roboterhaft aus.

Darüber hinaus zeigen Schizophrene bestimmte Eigenheiten. So haben Betroffene nur ungewöhnlich hohe oder niedrige Raten beim Blickreflex. Sie haben Schwierigkeiten, einem bewegten Objekt mit den Augen zu folgen.
Es gibt keine schizophreniespezifischen Symptome. Die Symptome können einzeln oder kombiniert auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten.

Quelle: http://www.aponet.de/wissen/gesundheitslexikon/krankheiten-von-a-z/schizophrenie.html

 

            Man unterscheidet folgende Formen der Schizophrenie:

° Schizophrenia simplex: ist die Grundform der Schizophrenie; Symptome: Zunehmende Reduzierung der Verbindungen zur Außenwelt; Demenz (Abbau der Persönlichkeit und des Denkvermögens); Wegfall von Hemmungen; oft verknüpft mit Wahnideen; die Sprache ist durch Begriffszerfall (ähnlich der Dichtung) gekennzeichnet (Wörter und Begriffe sind nicht eindeutig zuordenbar, der Therapeut muss interpretieren; z. B. doppelsinnig: "Meine Mutter musste heiraten, und deshalb bin ich hier.")
° Paranoide Schizophrenie: von, im Gegensatz zur Paranoia nicht systematisierten, Wahnideen begleiteter Persönlichkeitsabbau.
° Katatonie (katatone Schizophrenie): beginnt plötzlich mit Halluzinationen und Wahnideen und ist durch eine nach einer Erregungsphase plötzliche Erstarrung der Willkürmuskulatur gekennzeichnet. Die gerade eingenommene Lage wird oft über Stunden beibehalten, die Körperfunktionen werden vergessen.
° Hebephrenie: besonders schwere Form der Schizophrenie, die im Jugendalter auftritt. Symptome: Verlust jeglicher Anpassung und Integration; völliger Persönlichkeitsabbau; Regression.
° Mischformen mit Symptomen aller Art oder unklarer Symptomatik

Vgl. auch Homepage der Österreichischen Schizophreniegesellschaft

 

- Andere Einteilungen:
Natürlich existieren zahllose andere Einteilungen und Klassifizierungen psychischer Störungen, z. B. die des
amerikanischen Psychiaters Karl Menninger (1893-1990), der ein hierarchisches System der Kontroll-(Funktions-)Störungen aufgestellt hat:

° 1. Ordnung: rhythmische Bewegungen, Rauchen, Trinken, Lachen, Weinen, Fluchen, Prahlen, Phantasien, Tagträume etc.
° 2. Ordnung: Stress ist so stark, dass die genannten Kontrollen zu seiner Beseitigung nicht ausreichen. Symptome von Neurosen, also Phobien, psychosomatische Krankheiten, neurotische Depressionen, Zwangshandlungen, Kleptomanien, Perversionen mit aggressiver Komponente in verhüllter Form. Der psychisch zu zahlende Preis ist höher als bei den Symptomen erster Ordnung.
° 3. Ordnung: noch schwerwiegendere Kontrollstörungen mit "unverhüllten Aggressionen" in drei Formen: chronisch-aggressives Verhalten, episodisch-impulsive Gewalttätigkeiten und episodische Gewalttätigkeiten mit Desorganisation.
° 4. Ordnung: Symptome von Psychosen (z. B. Schizophrenien). Sie repräsentieren eine "vorletzte Anstrengung, etwas Schlimmeres zu vermeiden".
° 5. Ordnung: maligne Angstzustände und Depressionen, die in Tod, oft durch Selbstmord, enden

 

 

THERAPIEFORMEN

Vgl. psyonline.atPsychotherapie-Links, den Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie, Berufsverband österreichischer Psychologinnen, die American Psychiatric Association oder FAQs zu Krankheiten oder Therapien

- Definition
„Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.“

Hans Strotzka (Hrsg.; 1917-1994): Psychotherapie. München 21978, S. 4

Unabhängig von jeder Schule scheint als "Common factor", der mit 30-70% beziffert wird, vor allem die therapeutische Allianz (beschreibt das Bindungs- und Vertrauensverhältnis zum Therapeuten, der Glaube des Patienten an Hilfe und das Erleben von Empathie) durch beidseitige Oxytocinausschüttung heilsam zu wirken. Therapie ist umso wirksamer, je besser dieses "Arbeitsbündnis" (Roth) funktioniert, je leichter die Störung ist und je später sie eingesetzt hat. Therapieziel sollte realistischerweise nicht Heilung, sondern Zustandsbesserung durch ein autonomeres Leben, Überlernen, nicht Löschen alter Gedächtnisinhalte sein. Therapie ist somit ein "langanhaltendes Einüben neuer Einstellungen und Verhaltensweisen" (Roth). Die Basisverdrahtungen werden sich nicht mehr verändern lassen (s. a. o.: Neuroplastizitätshypothese).

- Basisinformationen
Allgemeines: Die Wahl der Therapie hängt von der Interpretation der Krankheit, dem ätiologischen (die Herkunft betreffenden) Erklärungsmodell ab (s. o. Ursachengruppen). Die einzelnen Therapieschulen stellen jeweils einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Die Therapie der Wahl für einen spezifischen Persönlichkeitstyp zu finden erfordert oft einen längeren Zeitraum (und höheren Geldaufwand - eine Stunde ca. 70 bis 150.- €). Etwa 200 000 Österreicher sind zur Zeit in psychologischer Betreuung (einerseits bei Fachärzten für Psychiatrie und Neurologie, andererseits bei Psychologen, deren gesetzliche Grundlage das Psychotherapiegesetz ist. - Vgl. auch Psychologische Diagnostik auf Krankenschein) - Zur psychotherapeutischen Versorgung der österreichischen Bevölkerung siehe die folgenden Graphiken:

Beide Abbildungen nach http://www.psyonline.at

 

 

Erfolgsrate: Man rechnet (optimistisch gesehen) mit insgesamt etwa 1/3 Heilungen, 1/3 kann zumindest zeitweise ein halbwegs normales Leben führen, 1/3 bleibt therapieresistent und z. T. stationär. (Verlauf oft - pessimistisch gesehen - nach dem Drehtürschema: hinten hinaus, vorne wieder herein.)

Probleme der Betreuer: Im Sozialbereich oft "Hilflose Helfer" (Begriff von Wolfgang Schmidbauer: Menschen, die im Über-Ich das Ideal verinnerlicht haben, dass man nur dann gut sei, wenn man Anderen - Schwächeren, Kranken, Benachteiligten oder bedürftigen Menschen - hilft), die selbst Therapie nötig hätten, und bei einer überstarken Ausprägung des Helfersyndroms (wenn das Wohlergehen der Klienten grundsätzlich als wichtiger eingestuft wird als die eigene Befindlichkeit des Helfers) zu einem Gefühl der Leere und des Ausgebrannt-Seins, dem Burn-out-Syndrom, neigen (nach zwei Jahren oft - zumindest Wunsch nach - Berufswechsel; nach dem Maslach Burnout Inventory MBI von Christina Maslach und Susan E. Jackson 3 Symptome: emotionale Erschöpfung - Depersonalisierung, die sich oft in Zynismus äußert - mangelnde Leistungszufriedenheit; vgl. unten stehende Graphik).

Graphik Burn-out-Syndrom:

aus: Der Standard 17./18.3.2007

- Psychodynamisch orientierte Therapieformen:
Darunter werden alle Methoden verstanden, die auf einem Menschenbild basieren, das davon ausgeht, dass sich die aus der Triebenergie gespeisten innerseelischen Kräfte auf verschiedene Weise (als Reaktion auf äußere und innere Erlebnisse und Reize) prozesshaft (dynamisch) verändern können. Es exiatiere ein unbewusster Bereich, der unser Erleben und Verhalten bestimme, der Mensch unterliege unbewussten Determinationen. - Einzelne Schulen:
 

                                     

* Psychoanalyse: Eine von Sigmund Freud [s. Bilder; geb. 6.5.1856 in Freiberg in Mähren; gest. 23.9.1939 in London. Psychiatrische Ausbildung in Wien, Freundschaft mit Josef Breuer, einem 14 Jahre älteren Nervenarzt und für Freud der "Vater der Psychoanalyse", dessen Behandlung der 1880 an durch eine Kränkung durch den Vater hervorgerufenen hysterischen Lähmungen erkrankten Bertha von Pappenheim ("Anna O.") zur Geburtsstunde der Psychoanalyse wird. (Mit ihm veröffentlicht er 1895 die bahnbrechenden "Studien über Hysterie".) Hypnose-Ausbildung bei Charcot in Paris. Freud entdeckt die schmerzstillende Wirkung von Kokain. Seit 1885 Dozent, seit 1902 Titularprofessor in Wien, nie ordentlicher Professor. Seit 1886 mit Martha Bernay (gest. 1951) verheiratet; fünf Kinder: bekannt v. a. die Tochter Anna Freud (Kinderpsychologin, (1895-1982). England-, Amerikareisen. 1930 Goethe- Preis der Stadt Frankfurt. 1933 Verbrennung der Werke Freuds durch die NSDAP in Berlin. 1938, bereits mit fortgeschrittenem Mundhöhlenkrebs, Emigration nach London, wo er noch bis 1939 praktiziert. 1923 bis zum Tod 33 Krebsoperationen. 1971 Eröffnung des Freud-Museums in 1090 Wien, Berggasse 19, den ehemaligen Ordinationsräumlichkeiten] entwickelte Technik, die es mit Hilfe der vier Zugangsmöglichkeiten zum Unbewussten (s o., S. 60ff) ermöglichen soll, die verdrängten Es-Ansprüche (s. u.) bloßzulegen und durch den jetzt offenen Kausalzusammenhang der psychischen Krankheit die Grundlage zu entziehen. Der Klient liegt dabei auf der berühmt gewordenen Couch (das Original steht in London: Bild), an dessen Kopfende - um die Hemmschwelle zu verringern, nicht mehr im Blickfeld - der Analytiker sitzt. Schon zu Lebzeiten Freuds kritisiert, z. B. von Karl Kraus: "Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält." Die Zeit von 1885 bis 1890 wird im Film "Freud" von John Huston (Hauptdarsteller M. Clift) von 1962 dargestellt, dessen Drehbuch ursprünglich J. P. Sartre konzipiert hatte. (Vgl. zur Einführung "Die Erfindung der Psychoanalyse")

Szenenfolge des Films "Freud" (47 Szenen tw. mit Rückblenden und Traumsequenzen):

Einleitung „3 Kränkungen“ (Erzähler) / AKH 1885 (Meynert, Freud) / Zukunftspläne (Freud, Mutter) / Bahnhof, Abfahrt nach Paris (Freud, Eltern, Martha) / Versuche in Paris (Charcot, Freud als Hörer) / Hochzeit (Freud; Martha, Familie) / Erster Vortrag vor der Wiener Ärzteschaft (Freud, Meynert, Breuer u. a.) / Bei Koertners (Freud, Breuer, Cäcilie und ihre Mutter) / Verabredung einer Zusammenarbeit (Freud, Breuer) / Arbeit am Fall (Freud, Patient) / Arbeit am Fall (Freud, Cäcilie) / Reflexionen über Neurosen auf einem Spaziergang (Freud) / Arbeit am Fall (Freud, Patient von Schlosser) / Erste Traumsequenz (Freud u. a. in einer Höhle) / Erwachen aus dem Traum (Freud, Martha) / Vor von Schlossers Haus (Freud, Portier) / Gespräch über den Zusammenhang von Neurose und Sexualität (Freud, Breuer) / Zwei Versionen über den Tod von Cäcilies Vater (Freud, Breuer, Cäcilie) / Besorgte Gespräche über Freuds Arbeit (Freud, Martha, zunächst auch Breuer) / Abschied Breuers von Cäcilie (Freud, Breuer, Cäcilie und ihre Mutter) / Scheinschwangerschaft Cäcilies (Freud, Breuer, Hausarzt, Cäcilie) / Nachricht vom Schlaganfall von Freuds Vater (Freud, Martha, dann Mitzi) / Kollaps auf dem Weg zum Begräbnis des Vaters (Freud) / Zweite Traumsequenz (Freud, „Die Augen werden geschlossen“) / Erwachen aus der Ohnmacht und Gedanken über das Deuten von Träumen (Freud, Martha, Breuer) / Nochmals zum Friedhof (Freud, Breuer) / Neurosentheorie während einer Kutschenfahrt (Freud, Breuer) / Fehlleistungen (Freud, Cäcilie) / Über Liebe (Freud, Martha) / Freies Assoziieren (Freud, Cäcilie, Puppe mit eingestreuter Traumsequenz: Rote Turm-Straße) / Reflexionen über das Gehörte im Freien (Freud) / Couchposition (Freud, Cäcilie mit Rückblick: Rote Turm-Straße) / Im Freien: Reflexionen über den Sexualtrieb (Freud) / Diskussion über die Sexualtheorie (Freud, Breuer) / Rückblick auf Cäcilies Kindheit (Freud, Cäcilie und im Rückblick ihre Eltern) / Im Freien: Reflexionen über das Gehörte (Freud) / Gespräch über die Kindheit (Freud, Mutter) / Vor dem Haus der Koertners: Cäcilie ist weg (Freud, Portier) / Rote Turm-Straße, Suizidversuch Cäcilies (Freud, Cäcilie) / Allein daheim (Freud, mit dritter Traumsequenz: Höhle und Rückblende auf Breslau), dann Entwicklung der endgültigen Theorie (mit Martha) / Gespräch mit Cäcilies Mutter (Freud, Frau Koertner) / Übertragung Cäcilies Gefühle auf Freud (das letzte verbliebene Symptom: „Deine Liebe zu mir“; Freud, Cäcilie, mit Rückblenden) / Zweiter Vortrag Freuds vor der Wiener Ärzteschaft über die psychosexuellen Phasen löst Empörung aus (Freud, Breuer u. a.) / Friedhof, Schlussworte: „Erkenne dich selbst“ / Schlussbild wie Beginn (Erzähler)

Zu Freud vgl. auch die Homepage des Wiener Freud-Museums

Stammbaum der Psychoanalyse:
Scan aus: Der Standard


° Psychische Provinzen: Die Persönlichkeit besteht nach Freud aus drei Hauptsystemen psychischer Energien, die in dynamischer Wechselwirkung stehen und das Verhalten des Individuums beeinflussen:
     + Es: alles Ererbte, die biologische Ausstattung, v. a. die Triebe; älteste Provinz
     + Ich: unbewusst - bewusstes Selbst, Vermittler zwischen Es und Über-Ich
     + Über-Ich: internalisierte Normen; "Aufsichts-Organ", durch "Introjektion" (das frühere Außen wird zu einem Innen) entstanden
(= "Topisches Persönlichkeitsmodell") Im Zusammenwirken dieser drei Instanzen, von denen zwei Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren (das Es - es handelt nach dem "Lustprinzip" - solche der Phylogenese, das Über-Ich solche der Ontogenese), eine durch das gerade Seiende bestimmt wird (das Ich, das nach dem "Realitätsprinzip" handelt), entsteht d. Seelenleben des Menschen. Psychische Krankheiten entstehen nach Freud dadurch, dass die Ansprüche des Es durch das Über-Ich zurückgedrängt werden und daher nicht ausgelebt werden können. Sie wirken aber aus dem Unbewussten weiter und bewirken zB Neurosen ("Dynamisches Persönlichkeitsmodell"):
"Das Wesen der Neurose ist, dass das Ich (die Persönlichkeit) nicht imstande ist, die Forderungen des Über-Ich (des Gewissens) und die Triebkräfte (Es) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen." (S. Freud)
° Trieblehre: Triebe sind für die Psychoanalyse Quellen, aus denen die Seele mit Energie versorgt wird. Hinter den Bedürfnisspannungen stehen laut Freud zwei Grundtriebe:
     + Eros (Lebenstrieb, dessen Energie Libido genannt wird)
     + Thanatos (Todes-, Destruktionstrieb)
° Entwicklung des Trieblebens: Freud unterscheidet fünf Phasen, die sich auf die jeweils erogenen Zonen (lustspendende Areale) beziehen. Sexualität (ungleich genitale Lust) wird dabei als etwas von der Geburt an Vorhandenes und sich Entwickelndes gesehen. Die "ordnungsgemäße" Absolvierung (keine zu exzessive Befriedigung, keine Frustration) der Phasen garantiert normale Weiterentwicklung. Ansonsten sog. Fixierung, die die Interaktion zw. Kind und Umwelt behindert. In Freuds Sexualtherorie werden Perversionen und Neurosen als Fehler der Triebentwicklung interpretiert.
     Die psychosexuellen Phasen im einzelnen:
     + Oralphase: Der Mundbereich (Saugen etc.) steht im Mittelpunkt der Bedürfnisbefriedigung (ca. 0;0 bis 1;0). Bei Fixierung Abhängigkeit, Passivität, orale Neigungen, z. B. Rauchen, Schwatzen, Essen, das bis zur Adipositas (Fettleibigkeit) führen kann (nach Definition der WHO ein Wert von 30+, wenn bei Ermittlung des "Body Mass Index" das Körpergewicht in kg durch das Quadrat der Körpergröße in m dividiert wird; ab 25 = Übergewicht; vgl. Essstörungen).
     + Analphase: Lustgefühle durch Ausscheiden und Zurückhalten der Exkremente (ca. 1;0 bis 3;0) Bei Fixierung Pedanterie, Geiz, Tyrannei. Im Zuge der Erziehung zur Sauberkeit oft Regressionen.
     + Phallische Phase: Entdecken der primären Geschlechtsorgane als Lustspender (ca. 3;0 bis 5;0); nachfolgend gewinnt der Geschlechterunterschied an Bedeutung. Knaben leiden am Kastrationskomplex, Mädchen am Penisneid. In dieser Phase Ödipus- bzw. Elektrakomplex (das Kind fühlt sich zum andersgeschlechtlichen Elternteil hingezogen; vgl. Inzestmotiv in der Dichtung). Phasenfehler führen zu Minderwertigkeitskomplexen, Geltungssucht oder Unsicherheit
     + Latenzphase: libidinöse Triebansprüche treten in den Hintergrund (ca. 5;0 bis 12/14;0)
     + Genitalphase: ab der Pubertät Erwachsenensexualität. Dem Genitalprimat müssen die bisherigen Partialtriebe untergeordnet werden.

* Individualpsychologie: Konzept von Alfred Adler [s. Bild; geb. 7.2.1870 bei Wien; gest. 28.5.1937 in Aberdeen. Ophthalmologe (Augenarzt), dann Neurologe. Seit 1897 mit Raissa Timofejevna (gest. 1960), einer mit Trotzkij bekannten Moskowiterin, verheiratet, vier Kinder. Naheverhältnis zum Sozialismus. Schüler Freuds (erste Begegnung 1902), 1911 Bruch und Gründung einer eigenen, später "Verein für Individualpsychologie" genannten, Gesellschaft. Lehrtätigkeit am Pädagogium der Stadt Wien und Erziehungsberater. Die Habilitation scheitert 1912 am Widerstand Wagner von Jaureggs, des einzigen Psychiaters, der je einen Nobelpreis erhielt (1927 für die Anwendung des Malaria-Heilfiebers zur Behandlung von Progressiver Paralyse). Im Ersten Weltkrieg Militärarzt. 1934 Übersiedlung nach Amerika, wo Adler seit 1926 lehrt (seit 1929 an der Columbia University als Gastprofessor, ab 1932 am Long Island Medical College). Tod auf einer Vortragsreise auf offener Straße an Herzversagen. Biographie von seinem Freund Manes Sperber, der ihn ein "soziales Genie" nennt, 1970: "Alfred Adler oder das Elend der Psychologie"] - Vgl. Österreichischer Verein für Individualpsychologie

° Grundideen: In der frühen Kindheit werden Leitlinien (Art von Schablonen) erworben, die ein Persönlichkeitsideal bilden, das durch den Charakter (= dynamisch veränderbare psychische Bereitschaften) verwirklicht wird. Je nach Selbstwertgefühl kommt es zu einem geglückten Lebensplan oder zu einem Minderwertigkeitskomplex (im Zentrum der Lehre Adlers, z. B. aufgrund einer Organminderwertigkeit), der einen falschen Lebensplan bedingt. Aus diesem ergeben sich kompensatorischer Geltungsdrang bzw. als Selbstschutz angenommene starre Charakterzüge, die sich in Arrangements (= "fiktive Leitlinien") kundgibt. V. a. der Machttrieb (vgl. Nietzsche, "Wille zur Macht"), symbolisiert durch den Turmbau zu Babel, steuert den Menschen. Bleibt er erfolglos, kommt es zur Frustration, wobei die Frustrationstoleranz (das Ausmaß an Frustrationsverträglichkeit, s. Teil 3) unterschiedlich ist. Werden die Flucht vor den Lebensaufgaben (= Arbeit, Liebe, Gemeinschaft) und das Ausmaß der Lebenslüge zu deutlich, kommt es zu Neurosen.
° Therapie: Abhilfe schafft Psychotherapie, die sich nicht nur als Deutung, sondern als Neu- und Umerziehung des ganzen Menschen versteht (vgl. Motto von Hegel: "Das Wahre ist das Ganze"). Gefragt wird weniger nach dem Warum, eher nach dem Wozu (finale oder teleologische Betrachtungsweise, z. B.: Zweck des Vergessens ist Ausweichen vor Unangenehmem; nicht: Ursache des Vergessens sind frühkindliche Traumen). Ziel der Therapie ist die Rückkehr zu einer "Gemeinschaft ohne Phrasen".
° Unterschiede zum Konzept von S. Freud:
     + Betrachtet wird die Gesamtpersönlichkeit, nicht ein Einzelphänomen.
     + Intuitives Verstehen ersetzt naturwissenschaftliches Erklären.
     + Falsche Leitbilder übernehmen die Rolle von Kindheitskomplexen.
     + Der Machttrieb steht im Mittelpunkt, nicht der Sexualtrieb.
     + Neurosen sind eine Flucht vor Lebensaufgaben, kein Über-Ich-Es-Konflikt.
     + Ziele, nicht Ursachen von Neurosen werden untersucht.
     + Psychotherapie interpretiert nicht, sie erzieht.

* Analytische Psychologie: Konzept von Carl Gustav Jung (s. Bild), dem dritten der "Pioniere der Tiefenpsychologie". [geb. 26.7.1875 in Kesswil am Bodensee (Kanton Thurgau, CH); gest. 6.6.1961 in Küsnacht. Psychiatrische Ausbildung an der berühmten Klinik Burghölzli bei Zürich, die unter Bleulers Leitung steht. Nach einem Studienjahr in Paris Heirat mit Emmy Rauschenbach (gest. 1955). 1905 Habilitation. 1907 erste Begegnung mit Freud. Nach Auseinandersetzungen verlässt er, inzwischen Oberarzt, Burghölzli und zieht nach Küsnacht, wo er, z. T. in einem selbst errichteten Meditations-Turm, bis zu seinem Tod wohnt und privat praktiziert. Jung schafft das Prinzip der Lehranalyse. 1911-13 ist er Präsident der neu gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, dann Auseinandersetzungen mit Freud ("Vater-Sohn-Konflikt"). Lehrtätigkeit an den Universitäten Zürich, Basel, New York, Yale. Studienreisen nach Amerika (zu den Pueblo-Indianern), Afrika (zu den Elgonyi in Kenia) und Asien. 9 Ehrendoktorate in Asien, Europa und Amerika. Lebenslanges Interesse an Religionen und Mythen, z. B. am I Ging, einem alten chinesischen Orakelbuch.]

° Grundideen: Das seelische Geschehen, das das Selbst (= die reife Persönlichkeit) aufbaut u. dessen Energie nicht notwendigerweise sexueller Natur ist, nennt Jung Individuation ("Werde, der Du bist!"). Das ein Lebensziel ansteuernde Selbst - es erscheint als Persona (= "soziale Fassade" - nur Kinder haben noch keine -, gerade aktualisierter Ausschnitt der Individualität, das Bild, das der Mensch an seine Umwelt weitergibt) - vermittelt, je nach Funktionstyp, mit seinen vier psychischen Grundfunktionen Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden zwischen Bewusstem und Unbewusstem, das sich nicht nur als persönliches, sondern auch als Kollektives Unbewusstes darstellt (enthält Archetypen = "gewaltige geistige Erbmasse der Menschheitsentwicklung"; Inhalte, die allen Menschen aller Kulturen gemeinsam sind und sich in Mythen äußern, z. B. das Mandala, eine geschlossene Figur mit einem Zentrum, als Archetyp des Selbst). Wichtige Seelenanteile sind die Schatten (= z. T. uneingestandene unvorteilhafte Eigenschaften, die sich oft in kollektiven Projektionen, wie z. B. Fremdenhass in Kriegen, entladen) und als zentrale Archetypen Anima (= das Bild der Frau im Mann) und Animus (umgekehrt). Oft sind "Lebenswenden" (z. B. Zeit der Identitätsfindung in der Jugend / Zeit der Todesorientiertheit im Alter) beobachtbar, die sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen lassen, Jung hat auch den Begriff des Komplexes entwickelt (= affektgeladener Vorstellungsinhalt, der im Erlebnisablauf eine überwertige Stellung einnimmt, ev. verdrängt wird und aus dem Unbewussten nachwirkt; wird er berührt, löst dies starke Gefühle aus). Jungs Konzept wird auch Komplexe Psychologie genannt. (zu den Persönlichkeitsdimensionen s. Kap. Persönlichkeitspsychologie, s. u.)
° Jungs Therapie zielt auf Ausgleich zwischen Individuum und Sozietät, wobei die bewusste Einstellung (nicht das Verdrängte) Angriffspunkt einer Änderung wird ("Unbewusstheit ist die größte Sünde"). Mit Hilfe von analytischen Gesprächen und schöpferischen Methoden wie dem Deuten von Träumen oder gemalten Bildern soll patientenorientiert die Neurose (= mangelnde Selbstentwicklung, bedingt durch Vernachlässigung einzelner Persönlichkeitsanteile) erkannt werden und ein Zuwachs an Autonomie und kreativen Lebensgestaltungsmöglichkeiten erreicht werden. Jede Krise ist für Jung eine Chance für einen Neuanfang. Er vertraut dabei auf die Selbstheilungskräfte des Unbewussten. Das Therapieziel besteht in einer "Amplifikation" (= Erweiterung des Bewusstseins durch Herstellen einer Beziehung zwischen z. B. religiösen und mythischen Symbolen und den Trauminhalten des Analysanden).

Zu C. G. Jung vgl. Interview (Originalaufnahme 1960) oder die Einführung "Der Individuationsprozess in der Analytischen Psychologie"

* Neoanalyse: Nach Freud, Adler und Jung versuchten verschiedene Richtungen v. a. die relativ untergeordnete Rolle des Ich (es wird zwischen Real-Ich und Ideal-Ich unterschieden) zu korrigieren und die Psychoanalyse weiterzuentwickeln bzw. zu überwinden.
            Beispiele:

° Erik H. Erikson (geb. 1902): Er beschäftigt sich besonders mit der Identitätskrise und postuliert psychosoziale Phasen (s. Teil 2) Er verbindet historische mit psychologischen Methoden.
° Wilhelm Reich: Nach dem Studium in Wien war er in Wien und Berlin als Sexualaufklärer tätig. Ab 1933 Exil (über mehrere Stationen nach Amerika). Er fordert eine Aufhebung der Charakterpanzerung z. T. mit ungewöhnlichen Methoden (Vegetotherapie gegen Muskelverhärtungen, Orgonakkumulatoren; Orgon = Lebensenergie), die ihn nach einer Betrugsklage ins Gefängnis bringen, wo er 1957, 60jährig stirbt. Er war mit Neill (s. o.) befreundet. Bekannt ist heute v. a. sein Buch "Massenpsychologie d. Faschismus" (1933), in dem er die pathologische Sehnsucht des unpolitischen Menschen nach Autorität, Beherrschtwerden, Mystik und Ausleben von legitimierter Aggressivität beschreibt.
Siehe auch unten "Körpertherapie" und vgl. Seiten über Wilhelm Reich bzw. der W. Reich-Gesellschaft
° Karen Horney (1885 Hamburg - 1952 New York): Sie - "die sanfte Rebellin der Psychoanalyse" - betont die Selbstanalyse und spricht vom Ich auf der Suche nach Sicherheit. Es ist gerichtet "auf etwas hin, gegen etwas oder von etwas fort". Zwischen Normalität und Neurose besteht für sie nur ein gradueller, kein substantieller Unterschied (Einfluss der mit ihr befreundeten Ethnologin M. Mead, vgl. Seite 2). - Vgl. Seite zu Karen Horney
° Erich Fromm (1900-1980; Promotion in Heidelberg; Lehranalyse in Berlin; Mitglied der "Frankfurter Schule"; Emigration in die USA; Professur in Mexico; Lebensende in Locarno; 4 Jahre verheiratet mit der 10 Jahre älteren Analytikerin Frieda Reichmann)
     + Schlüsselproblem ist das der Beziehung (zu anderen Menschen, zur Welt). Durch eine Furcht vor der Freiheit entsteht freiwilliger Freiheitsverzicht und Tendenz zum Konformismus (durch die Tendenz, Verantwortung zu delegieren). Die Gefahr der Freiheit sieht Fromm in der Vereinsamung. Er unterscheidet zwischen autoritärem Gewissen (bei Verfehlungen gegenüber Forderungen einer Autorität) und humanistischem Gewissen (bei Verfehlungen sich selbst gegenüber).
Andere Unterscheidungen:
     + produktive Charakterorientierung (verantwortlich, liebend, schöpferisch, selbständig) vs. nicht-produktive Charakterorientierung (offen oder latent lebensverneinend).
     + Biophiler Menschentyp (gelungene Lebensbejahung) vs. nekrophiler Menschentyp (misslungene Lebensbejahung; im Buch "Die Anatomie der menschlichen Destruktivität").
     + Haben-Modus (Besitz, Materielles steht im Mittelpunkt) vs. Sein-Modus (was der Mensch ist und was er anderen geben kann, steht im Mittelpunkt; im Buch "Haben oder Sein").
Weitere (in den letzten Jahrzehnten weltbekannt gewordene) Buchtitel: "Die Revolution der Hoffnung" (1968), "Die Kunst des Liebens"
Vgl. Interview, Vortrag "Psychologie für Nichtpsychologen", Erich Fromm-Homepage
° Transaktionsanalyse (TAA): Vom Amerikaner Eric L. Berne (1910-1970, bekannt geworden durch seinen Bestseller "Spiele der Erwachsenen" 1964 bzw. das Buch "Ich bin ok, du bist ok" seines Schülers Thomas A. Harries) begründete Therapieform, die Freuds topisches Modell (s. o.) ins Soziale wendet.
Die Lebenseinstellung des Menschen ergibt sich aus dem Maß der Befriedigung der
     3 Grundbedürfnisse:
     + Hunger nach Zuwendung
     + Hunger nach Zeitstrukturierung
     + Hunger nach Aktivierung.
Die verschiedenen Ausrichtungen (Lebens-Skripts) werden durch eine Skriptanalyse erfasst. Dabei ergeben sich 72 mögliche Kommunikationsformen, die auf den
     3 Ichs
     + Kindheits-Ich
     + Eltern-Ich
     + Erwachsenen-Ich),
die jeder Mensch in sich vereinigt, beruhen. Transaktionen können auf gleicher Ebene stattfinden (z. B. "Du hast in letzter Zeit zuviel gegessen.": Erwachsenen-Ich spricht zu Erwachsenen-Ich) oder miteinander kollidieren (z. B. "Immer musst du wie meine Mutter an mir herumerziehen.": Kind-Ebene interpretiert Eltern-Ebene). Der Therapeut soll entschmelzen. Vgl. Seite über Transaktionsanalyse und Seite eines österreichischen Transaktionsanalyse-Instituts
Ein aus der TAA erwachsenes psychologisches und soziales Modell ist das zuerst von Stephen Karpman beschriebene "Drama-Dreieck". (Ein "Retter" hilft einem von einem "Verfolger/Täter" bedrohten "Opfer", das den Anschein erweckt, Hilfe zu benötigen, vielleicht aber unter Nutzung seiner eigenen Fähigkeiten das Problem auch alleine bewältigen könnte. Die Positionen können wechseln. Eignet sich zu Verhaltensanalysen, z. B. Helfersyndrom - s. o. - etc.)
° Cyberanalysis: Online-Therapie auf der Basis von E-Mail, Chatroom oder Videokonferenz (umstritten und z. T. als unseriös bezeichnet); z. B. CyberanalysisClinic. Bezeichnet eher die Technik als die zugrunde liegende Theorie.

- Verhaltenstherapie (VT):
Hinter der (behavioristisch orientierten) Verhaltenstherapie steht - gemäß einem mechanistischen Menschenbild - die Auffassung, dass allem Verhalten (auch dem unerwünschten, neurotischen) - fehlgegangene - Lernprozesse zugrunde liegen, die wieder rückgängig gemacht werden können (die Neurose kann daher verlernt bzw. durch inkompatibles Verhalten - z. B. ist Essen angstinkompatibel - vermieden werden). Kritik: VT sei nur Symptombekämpfung, ein "Verlernen" unerwünschter Reaktionen sei nicht möglich, bestenfalls ein Überlernen" und dadurch Einkapseln der alten Gewohnheiten, die aber unter ungünstigen Bedingungen jederzeit wieder hervorbrechen können (Rückfall).. Später entwickelte sich die behavioristische VT zur kognitiven VT weiter, die jedoch mit der durch die Hirnforschung widerlegten Annahme zu kämpfen hat, dass die Ratio die limbische (Gefühls)welt dominieren könne. (Eine kognitive Umstrukturierung ist schon deshalb nicht möglich, da das entsprechende Cortex-Areal keine Verbindung zur verhaltenssteuernden Amygdala hat.) - Methoden:

* Löschung: Dem unerwünschten Verhalten wird mit Unterlassung jeglicher Verstärkung (z. B. Nichtbeachtung) begegnet.

* Desensibilisierung
(v. a. bei Phobien): systematischer schrittweiser Abbau der vorher hierarchisch aufgelisteten Angstgewohnheiten; entwickelt vom Südafrikaner Joseph Wolpe (z. B.: (Schlange in der Vorstellung - in der Realität, aber fern - nah - berühren)

* Reizüberflutung:
Der Patient muss sich der angstmachenden Situation aussetzen, um eine Selbstverstärkung durch Eintreten in einen Teufelskreis zu verhindern, (so wie der mit den Fingern schnippende Irre davon überzeugt ist, dass er durch sein Verhalten die angstmachenden Löwen tatsächlich fernhält - es seien ja keine da). Auch Implosivtherapie, flooding. Historisches Beispiel: Goethe erkletterte das Strassburger Münster an einer ausgesetzten Stelle, um seine Höhenangst loszuwerden.

* Aversionstherapie:
Verknüpfung des unerwünschten Verhaltens mit unangenehmen Begleiterscheinungen (negative Verstärkung, z. B. Elektroschocks oder ekelerregende Substanzen beim Abgewöhnen des Rauchens)

* Reinforcement
(Verstärkung): Verknüpfung erwünschten Verhaltens mit positiven Konsequenzen (Belohnungen vgl. Seite 2; z. B. token-economy = Münzökonomie oder Selbstbehauptungstraining oder Selbstkontrolle durch Biofeedback)

* Modellernen:
nach Bandura (s. o.) Nachahmungslernen anhand eines dem Patienten dargebotenen Vorbilds (z. B. bei Entziehungskuren ein bereits fortgeschrittener Klient)

* Entspannungstraining:
wird meist mit einer der Therapien kombiniert; physisch wie psychisch; Anwendung von z. T. feröstlicher Techniken wie Yoga (= asiatische Meditation: "Anjochen" der Gedanken, Anspannen der Sinne zur höheren Vergeistigung; vorzugsweise im Lotossitz), T'ai Chi Chuan (= chinesisches, aus dem Taoismus - Tao = Weg - stammendes Schattenboxen, das in langsamer Bewegung und Gegenbewegung die Harmoniesymbole Yin und Yang versinnbildlicht), Meditation (durch Entleeren Enstase statt Ekstase), Training von Jacobsson (Progressive Muskelrelaxation: willkürliches Anspannen - Entspannen der Muskel) etc. Jedes Entspannungstraining geht vom Gesetz der reziproken Inhibition (Hemmung) aus, nach dem Entspanung und Angst unvereinbar sind. (Deshalb kann auch Essen Angst überspielen, da man sich dazu entspannen muss.)

Vgl. Österreichische Gesellschaft für VT, Deutscher Fachverband für VT, Deutsche Gesellschaft für VT

- Humanistische und kommunikationsorientierte Therapieformen:
Sie betonen in ihrem Menschenbild den schöpferischen und auf Selbstverwirklichung ausgerichteten Aspekt der Persönlichkeit des intentional agierenden und in sozialen Zusammenhängen lebenden Patienten, dessen vielfältige eigene Ressourcen genützt werden sollen.. - Schulen:

* Logotherapie: begründet vom österreichischen Psychologen Arzt Viktor E. Frankl [geb. 26.3.1905 in Wien, gest. 1997; korrespondierte schon als Schüler mit Freud; später Mitarbeiter von Adler und Reich; überlebt durch "Distanzierung" von seinem Leid das KZ Auschwitz, in dem seine Familie und seine erste Frau sterben (vgl. "...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager", geschrieben in neun Tagen 1945, dt. 1977); nach dem Krieg Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, ab 1970 am eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Logotherapie in San Diego, Kalifornien und anderen, v. a. amerikanischen Universitäten; zahlreiche Vortragsreisen, Ehrenbürgerschaften (z. B. Austin), -doktorate etc. Weite Verbreitung seiner Bücher, v. a. "Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn", "Der Wille zum Sinn", "Das Leiden am sinnlosen Leben", "Theorie und Therapie der Neurosen" etc., in allen bedeutenden Sprachen der Welt.]

° Daseinsanalysen: gibt es seit Binswanger (Liebesfähigkeit im Zentrum, Einfluss v. Freud, Husserl, Heidegger). Die Logotherapie (= "dritte Richtung der Wiener Psychotherapie") und Existenzanalyse, die Freiheit und Verantwortlichsein bewusst macht und damit die zugrundeliegende Anthropologie berücksichtigt, konstatiert "existentielle Frustration trotz herrschendem Wohlstand" als Leiden unserer Zeit und strebt Heilung durch Sinnfindung an. ("Wer ein Warum zum Leben hat, der erträgt fast jedes Wie.") Neben unbewussten Trieben, Begierden, Wünschen, Phantasien usw. gebe es auch eine unbewusste Geistigkeit mit mehreren Anteilen (ethisches Unbewusstes, ästhetisches Unbewusstes). Das im dreidimensional (als biologisch-physiologisches, psychologisch-soziologisches und geistig-noetisches Wesen) angelegten Menschen auftretende Bedürfnis nach Sinn (nicht ein bestimmter Sinn, sondern ein zu suchender/findender: für Frankl z. B. besteht er darin, anderen zu einem Sinn zu verhelfen) werde durch Abhandenkommen einer Wert- und Weltanschauung nicht erfüllt => Neurosen (= sture Selbst-Zentriertheit)
° Techniken: von Frankl entwickelte Techniken (sie beschäftigen sich mit der dritten der oben erwähnten Dimensionen) sind:
     + Dereflexion (Symptome sollen ignoriert werden, der Patient soll in der Mitwelt handeln, nicht über sich nachgrübeln) und
     + Paradoxe Intention (Paradoxe Intervention; Symptomvorschreibung; die an sich unwillkürlich auftretenden Schwierigkeiten sollen bewusst vollzogen werden, z. B. wird dem Schlafgestörten Schlafentzug verordnet. Dadurch erfolgt eine Distanzierung von der Neurose, das Gefühl der Unterworfenheit weicht dem des Beherrschens des Symptoms. Ein eingespielter Circulus diaboli wird durch die ungewöhnliche Maßnahme durchbrochen, neue Möglichkeiten, mit einer Therapie anzusetzen, öffnen sich.
     + Einstellungsmodulation (Veränderung der Sichtweise: das Positive auch an schwierigen Situationen zu erkennen imstande sein. Zielt darauf ab, sich selbst zu verändern und nicht auf eine Veränderung der Umstände zu hoffen.)
     + Sokratischer Dialog: Wie Sokrates hilft der Arzt dem Patienten nach der maieutischen Methode (Hebammenkunst), die Erkenntnisse selbst zu vollziehen. Sinn kann nicht nicht gegeben, er muss (vom Klienten) gefunden werden.
° "3 Hauptstraßen" zum Sinn:
     + Schöpferische Werte (Freude über das durch eigene Arbeit Geschaffene)
     + Erlebniswerte (statt Konsum)
     + Einstellungswerte (selbst in der ausweglosesten Situation entscheidet man noch selbst über die Einstellung gegenüber dieser Situation und kann sie hinnehmen)

Vgl. Videoportrait (die ersten 28 min). Seite über Viktor Frankl, Seite des Franklzentrums Wien, des Instituts für Logotherapie und des Viktor Frankl-Institut

* Gesprächstherapie:
Die "dritte Kraft" (Bezeichnung von Maslow) neben Psychoanalyse und Behaviorismus, die Humanistische Psychologie, wurde von Carl R. Rogers mitbegründet. (Amerikaner, 1902-1987; studiert zunächst Landwirtschaft u. Theologie, dann Psychologie. Professor an mehreren USA-Universitäten, zuletzt La Jolla, Kalifornien.) Rogers hatte in Europa (v.a. durch die Arbeiten von Annemarie und Richard Tausch) großen Einfluss (schülerzentriertes Lernen, Entstehen von Encounter-Gruppen, s. u.) Seine client-centered-therapy leugnet ein homöostatisches Menschenbild, sie geht von der Fähigkeit, psychisch zu wachsen, aus. Der Therapeut verhält sich zuhörend (nicht nur "einohrig", sofort nach einer Antwort suchend), gibt aber kein Ziel vor. Er bleibt er selbst (aufrichtig, echt) und soll Wertschätzung (bedingungsloses Akzeptieren; Ernstnehmen, nicht immer Zustimmung zu den Aussagen des Klienten), Wärme und einfühlendes Verstehen (Empathie) vermitteln. Er interpretiert nicht, sondern arbeitet maieutisch (der Klient sieht sich durch die spiegelbildliche Rückgabe seiner Äußerungen zu einer Korrektur und zu einem Ausgleich zwischen dem Ideal-Bild und dem Real-Bild seines Selbst veranlasst). Rogers' Grundbegriffe sind also Empathie, Akzeptanz und Kongruenz.
Eine bekannt gewordene Weiterentwicklung der Theorien von Rogers stellt das Konzept der gewaltfreien Kommunikation (Ausrichtung auf Bedürfnisse, die hinter allem stünden) von Marshall B. Rosenberg (* 1934) dar. In vier Schritten (Übermitteln nicht wertender Beobachtung, Darstellen von damit verbundenen Gefühlen, Offenlegung der dahinter stehenden Bedürfnisse und Äußern von auf konkrete Handlungen bezogene Bitten - "Wenn ....., dann fühle ich mich ....., weil ich ..... brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne ..... .") soll statt konfliktreicher empathische Kommunikation möglich werden.
Vgl. Interview mit C. Rogers, Seite über Rogers, über Gesprächstherapie und die Homepage der entsprechenden Österreichischen Gesellschaft

* Gestalttherapie:
Ziel dieser von Fritz (Frederick) Perls (1893-1970; Ausbildung in Berlin durch Horney und Reich, aber auch bei Max Reinhardt; Therapeut in Frankfurt; Emigration nach Amsterdam und Südafrika; ab 1946 in den USA von der Chicago Schule für Sozialpsychologie, v. a. von Paul Goodman, der krank machende gesellschaftliche Verhältnisse analysierte, beeinflusst; gest. in Vancouver) gegründeten Richtung ist ein Leben ohne Fassade.
Mittelpunkt einer Gruppensitzung, die mit personenzentrierter Arbeit abwechselt, ist das auf dem "heißen Stuhl" sitzende Gruppenmitglied und seine Probleme. Im Hier und Jetzt, dem einzigen Ort, an dem Veränderung stattfinden könne, soll die Anklammerung an die Vergangenheit überwunden werden (ihr nicht mehr die Schuld an den Problemen zugeschoben werden), an ihre Stelle tritt Verantwortlichkeit. Mit z. T. künstlerischen Mitteln (Zeichnen, Theater etc.) wird versucht, die Gestalt zu schließen (sie tritt dann in den Hintergrund, Blockaden werden gelöst; Prinzip der Ganzheitlichkeit).
Vgl. Gestalttherapie, Lexikon der Gestalttherapie und Seite des Symbolon-Instituts

* Körpertherapie
(Bioenergetik): Vorläufer: Orgontherapie von Reich (s. o.). Die Bioenergetik (entwickelt von Alexander Lowen, 1910-2008, in New York; ursprünglich Rechtsanwalt, dann Mitarbeiter Reichs) beruht auf dem Gedanken, dass der Körper Ausdruck seelischer Zustände ist. Fünf Charakterstrukturen bauen sich im Verlauf der Lebensgeschichte auf: Sichzusammennehmen (entspricht der schizoiden Persönlichkeit), Ansichhalten (oraler Charakter), Drinnenhalten (masochistischer Typ), Drüberhalten (psychopathisches Muster) u. Zurückhalten (rigide Strukturen). Aufgabe der Therapie ist es nun, durch Übertreiben der Körperhaltung bis zur Karikatur den Muskelpanzer zu lockern bzw. Verspannungen durch körperliches Agieren zu lösen.
Andere Körpertherapien stellen das Atmen in den Mittelpunkt (Atemtherapie) oder fordern einfach ein Umklammern des Klienten (Holdingtherapie vom Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Tinbergen, Anwendung bei autistischen Kindern). Janovs Urschreitherapie soll Spannungslösung bewirken.

* Familientherapie:
geht von der Annahme aus, dass nicht nur der Kranke, sondern auch das System, in dem er lebt, krank ist und behandelt werden muss. (Vgl. Familientherapie, folgende Fallgeschichte und die Seite über Systemische Familientherapie, beide Univ. Münster)
Man unterscheidet:

° Okkupationssysteme (z. B. Eltern okkupieren ihr Kind als Hoffnungsträger selbst nicht erreichter Ziele)
° Substitutionssystemen: Nach Horst Eberhard Richter (dt. Psychoanalytiker, 1923-2011) substituiert sich jede kranke Familie als
     + Festung (paranoide Verteidigung),
     + als Sanatorium (angstneurotische Selbstbemitleidung) oder
     + als Theater (hysterische Verdrängung)

Therapieverlauf:
° Ausgangspunkt: Symptom (z. B. Asthma) oder ein für einen Teil der Familie unerträglicher Zustand fällt auf (Symptomträger - Restfamilie)
° Ansatzpunkte:
     + Familienkonstellation (Ränge, Rollen[zuweisung], Machtverhältnisse, Sozialdistanz etc.)
     + Familienatmosphäre (Stimmungen, Begegnungsweisen)
     + Familienregeln (Art der Regeln, Form des Zustandekommens, Weise des Einhaltens)
° Methoden: Meist werden Formen der Gesprächs- und Gruppentherapie, ev. auch der Psychoanalyse, verwendet. Bei Kindern wird die Spieltherapie nicht nur therapeutisch, sondern auch als diagnostisches Mittel eingesetzt. Bekannt geworden ist die sog. Wunderfrage: "Woran würden Sie und Ihre Umgebung - ohne Absprache - merken, dass Ihre Probleme gelöst seien, wenn dies wie durch ein Wunder über Nacht geschähe?"

* Gruppentherapie: Weniger eine bestimmte inhaltliche Richtung, eher eine Organisationsform, die mehrere Richtungen aufgrund ihrer Vorteile (billiger, Mitsprachemöglichkeit, auch gegenseitige Beeinflussung) adaptieren.

° Psychodrama von Jakov L. Moreno (1892-1974; aus Bukarest stammender Österreicher, der mit Adler zusammenarbeitete und 1925 in die USA ging): Älteste Form der Gruppentherapie; durch dramatische Darstellung der lebensbestimmenden Konflikte (z. B. mit den Eltern, die Gruppenmitglieder übernehmen Rollen) soll eine Bewusstmachung und eine Affektabfuhr erfolgen (Einfluss des Wiener Stegreiftheaters).
° Encounter-Gruppen: Im Anschluss an die T-groups (Trainigsgruppen) von Kurt Lewin entstandene Begegnungsgruppen. Als Bekanntengruppen, Fremdgruppen o. Betriebsgruppen sollen sie dem Einzelnen bei der Persönlichkeitsstärkung oder als Selbsterfahrungsgruppen beim Kennenlernen seiner selbst helfen.
Bekannt geworden sind v. a. die Balint-Gruppen (nach dem 1939 nach England emigrierten Ungarn Michael Balint, 1896-1970, Begründer der Fokaltherapie, einer Kurztherapie, die einen thematischen Schwerpunkt = Fokus hat), in denen 8 bis 12 Angehörige der gleichen Berufsgruppe unter professioneller Leitung (Supervision durch einen Ausbildungspsychologen) ihren Berufsalltag (Beziehungen zu allen Menschen, denen sie im Beruf begegnen bzw. andere Probleme) besprechen.

* Konstruktivismus: Er sieht psychische Schwierigkeiten darin begründet, dass jeder Mensch in einer anderen, von ihm "konstruierten", Wirklichkeit lebt. Seine Kommunikation mit anderen kann dadurch gestört sein. Eine besondere Rolle kommt den Erwartungseffekten (self fulfilling prophecies, s. o.) zu: Voraussagen (gerade im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation) treten nur deshalb ein, weil sie gemacht wurden. Das bedeutet:

° dass es wichtiger ist, was für wirklich gehalten wird, als ob etwas "wirklich" wirklich ist
° dass wir auf unsere Interpretation von Wirklichkeit reagieren und nicht auf die "Wirklichkeit"
° dass wir unsere eigene Wirklichkeit schaffen

Begründer dieser Richtung sind Gregory Bateson, Don D. Jackson, John H. Weakland und Paul Watzlawick (geb. 1921 in Villach; Studium Philosophie und Sprachen bis 1949; Analytikerausbildung bis 1954; Professor für Psychotherapie in El Salvador 1957-1960; seit 1960 mit einigen der obgenannten und Janet H. Beavin Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto, Kalifornien; seit 1967 auch an der Stanford University, Abt. Psychiatrie; Buchveröffentlichungen: "Menschliche Kommunikation", "Lösungen", "Die Möglichkeit des Andersseins", "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?", "Anleitung zum Unglücklichsein", "Gebrauchsanweisung für Amerika" u. a.)
Watzlawick (mit anderen) stellte die Fünf pragmatische Axiome der Kommunikation auf (s. o.).

Zu Watzlawick vgl. Paul Watzlawick Website, Video-Vortrag 1 "Wenn die Lösung das Problem ist", Vortrag 2 "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" und Paul Watzlawick Ehrenring

Besonderes Augenmerk richtet der Konstruktivismus auf folgendes, v. a. von Bateson [1904-1980, Ethnologe (Ethos = für ihn der soziale Stil einer Gesellschaft) und Ehemann von M. Mead; vgl. Gespräch mit diesen beiden] in "Schizophrenie und Familie" untersuchte System:
Double-Bind (Beziehungsfalle): bezeichnet die Wirkungen von Paradoxien (= logisch unvereinbaren, in sich widersprüchlichen Inhalten, z. B. "Alle Kreter lügen", sagte ein Kreter.) in menschlichen Interaktionen. Der Angesprochene kann sich dabei nur falsch verhalten. Für psychiatrisch relevante Double-Bind-Situationen gibt es
            3 Voraussetzungen:

° eine enge Beziehung der Interaktionspartner
° eine Mitteilung, die etwas aussagt und gleichzeitig über ihre eigene Aussage etwas aussagt, so, dass beide Aussagen unvereinbar sind (durch Befolgung missachtet bzw. durch Missachtung befolgt werden, z. B. die Aufforderung: "Sei spontan!")
° Die paradoxe Mitteilung ist, obwohl logisch sinnlos, pragmatische Realität. Ihr Empfänger kann der Situation nicht durch Metakommunikation oder Flucht entkommen und läuft Gefahr, für richtige Wahrnehmungen bestraft und als verrückt bezeichnet zu werden.

Die auf Grundlage der Fünf pragmatische Axiome der Kommunikation (s. o.) entstehenden Probleme sollen auf folgende Weise bearbeitet werden:

  1. Problem definieren, zwischen echten und Pseudoproblemen unterscheiden
  2. Bisherige Lösungsversuche untersuchen und überprüfen, ob die Probleme nicht durch Fehllösung entstanden sind
  3. Ziele bzw. Lösungen definieren, utopische und vage Lösungen unberücksichtigt lassen
  4. Konkrete Planungen durchführen

In dieses System kann sich der Therapeut wissentlich miteinbeziehen, in dem er z. B. einem Klienten, der nicht nein sagen kann, die Symptomvorschreibung erteilt, nein sagen zu müssen. Befolgt dieser die Anweisung nicht, hat er zum Therapeuten nein gesagt, ansonsten ist die Vorschreibung erst recht geglückt (vgl. oben Paradoxe Intention).

Der Konstruktivismus versteht sich als systemorientiert (nicht die historische Frage "Warum besteht, woher kommt eine Neurose?" sondern die systematische "Wie funktioniert das krankmachende System bzw. Kommunikation überhaupt?" steht im Mittelpunkt. Sinnbild für letzteres ist das Gefangenendilemma (Spielmöglichkeit unter diesem Link).
Ex.: Zwei Gruppen (oder Einzelpersonen) treten gegeneinander an. Sowohl A (waagrecht) als auch B (senkrecht) wählen ohne (ev. auch mit) Absprachemöglichkeit eine der beiden Spalten. Die Anzahl der gewonnen Punkte (A kursiv-blau, B normal-rot) hängt von der gleichzeitig erfolgenden Wahl der jeweils anderen Partei ab (analog der bekannten Geschichte von den beiden Gefangenen, die, je nachdem, ob der jeweils andere [auch] gesteht, frei gehen, befristet oder lebenslänglich eingesperrt werden). Elemente jeder menschlichen Kommunikation sind das Aufeinanderangewiesensein, die Notwendigkeit zu vertrauen und die Tatsache, dass eine "logische" Lösungsfindung mit einem optimalem Ergebnis inkompatibel ist. Ein kurzfristiger Maximalgewinn (8) würde langfristig (auch die Gegenpartei wird wohl irgendwann die zweite Spalte wählen, => - 3) wieder verschwinden.
Vgl. auch The Prisoners' Dilemma

Graphik Prisoner's Dilemma:

 

B

 

b1 b2

A

a1

                 +5


     +5

                 +8


     -5

a2

                 -5


     +8

                 -3


     -3

 

* NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren): NLP (z. B. von Bateson propagiert) wird definiert als die Wissenschaft von den Strukturen subjektiver Erfahrungen. Es stellt Verfahrensweisen zur Verbesserung (und eventuell zur Manipulation oder Steuerung) der Kommunikation mit sich selbst und mit anderen Menschen zur Verfügung. (Vgl. nlp.at, nlp.de)

            Als wichtigste Annahmen gelten nach einer Zusammenfassung von Thies Stahl:

° Menschen reagieren auf ihre subjektive Abbildung der Wirklichkeit und nicht auf die äußere Realität.
° Geist und Körper sind Teile des gleichen kybernetischen Systems und beeinflussen sich wechselseitig.
° Viele Verhaltensmöglichkeiten sind wichtig, weil ein System immer von dem Element kontrolliert wird, das am flexibelsten ist.
° Ein Mensch funktioniert immer perfekt und trifft stets die beste Wahl auf der Grundlage der für ihn verfügbaren Informationen.
° Jedem Verhalten liegt eine positive Absicht zugrunde, und es gibt zumindest einen Kontext, in dem es nützlich ist.
° Das Ergebnis von Kommunikation ist das Feedback, das der einzelne bekommt; Fehler oder Versagen gibt es nicht.
° Kann ein Mensch lernen, etwas Bestimmtes zu tun, können es grundsätzlich alle Menschen.
° Menschen verfügen über alle Ressourcen, die sie brauchen, um eine von ihnen angestrebte Veränderung zu erreichen.

Um Reaktion anderer bewusst zu steuern, wird vor allem der Priming-Effekt (= Bahnung) eingesetzt. Darunter versteht man die unbewusst bleibende Beeinflussung der Informationsverarbeitung (Reizkognition), dadurch, dass davor ein anderer Reiz vorhandene Gedächtnisinhalte aktiviert hat. Diese Aktivierung spezieller Assoziationen im Gedächtnis aufgrund von Vorerfahrungen wurde von John A. Bargh (* 1955) experimentell untersucht. Dabei wurden Gedächtnisinhalte durch Worte, Gerüche, kinästhetische Erfahrungen etc. aktiviert, die Bewertungen, die ja als rational gesteuert gelten, drehen können (vgl. die im Bereich der Politik tätigen Spin-Doktoren). Zum Beispiel wird die Aussage „Ein Vertreter klopfte, aber Donald ließ ihn nicht herein.“) umso eher als feindselig bewertetet, je stärker davor durch subliminal emotional feindselig gefärbte Begriffe (wie „Beleidigung“, „unfreundlich“) geprimet wurde. Andere Beispiele für beeinflussende Reize: Harte/weiche Sessel für Verhandlungspartner, heiße/kalte Getränke während Beziehungsstreitigkeiten etc. Bekannt wurde dies als "Florida-Effekt": Vpn. sollten mit Begriffen wie Florida (in den USA ein sprichwörtliches Pensionistenparadies), vergesslich, Glatze, grau oder Falte Sätze bilden. Danach wurde die Gehgeschwindigkeit dieser Gruppe im Vergleich zu einer Kg., die keine oder andere Worte bekommen hatten, gemessen. Allein das Lesen der seniorenbezogenen Vokabel beeinflusste das Verhalten der Probanden, ohne dass diese davon etwas bemerkten: sie gingen signifikant langsamer zum Lift als die Kg. (Dieses Phänomen wird "ideomotorischer Effekt" genannt. Zugrunde liegt die "assoziative Aktivierung", die unkontrolliert in System 1 - s. o. - abläuft.)

________________

Es existieren zahllose weitere Therapieformen: Beschäftigungs-, Schlaf-, Rebirthing-Therapie, Logopädie bei tonischem (Blockade und Herausplatzen einzelner Wörter) oder klonischem (Repetieren von Wörtern oder Satzteilen) Stottern (vgl. Speech and language disorders), Lichttherapie (s. o.) u. v. a. m. Vgl. auch Ehetherapie nach Loriot

 

 


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