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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 4. TEIL

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INHALT DES 4. TEILS:

VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE (Definitionen - Das Unbewusste - Süchte, Persönlichkeitsstörungen, Geistes- und Gemütskrankheiten - Therapieformen)


 


VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE
 

 

DEFINITIONEN

* Tiefenpsychologie: 1910 vom Züricher Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) geprägter Ausdruck für die Psychologie des Unbewussten (s. a. o.)

* Psychiatrie: ein medizinisches Hauptfach, dessen Forschungsgebiete Diagnose, Verlauf und Heilung von seelischen Erkrankungen sind (griech. ψυχή = „Seele“, ἰατρός  = „Arzt“).

* Psychotherapie: meist als Überbegriff für psychologische (durch Psychologen ausgeführte) und medizinische (durch Psychiater, die auch Medikamente verschreiben dürfen, ausgeführte) Verfahren (inzwischen Hunderte!) gebraucht. Abgeleitet von griech. ψυχή: „Seele“, und θεραπεύειν: „behandeln“, „sorgen“.

 

DAS UNBEWUSSTE

- Definition:
Dem Konzept vom „Unbewussten“ als hypothetischer Persönlichkeitsinstanz, in deren Rahmen dynamische Prozesse ablaufen, die das bewusste Erleben und Verhalten beeinflussen, liegt die Annahme zugrunde, dass es neben den bewussten Vorgängen und Zuständen auch nicht wahrnehmbare („unbewusste“) seelische Komponenten gebe, auf die man nur indirekt schließen könne (s. a. o.).

Gegner der Tiefenpsychologie (z. B. der Wiener Rohracher, s. o.) lassen nur physiologische Prozesse (z. B. Hormonausschüttung) als unbewusst gelten und halten die Tiefenpsychologie für eine Hypothese, die zwar vieles erkläre, selbst aber weder widerlegt noch bewiesen werden könne.

 

- Zugangsmöglichkeiten:
Nach Sigmund Freud (s. u.) gibt es vier Möglichkeiten, Zugang zum Unbewussten (in dem allerdings laut heutiger Hirnforschung nichts vorhanden sei, was theoretisch bewusst gemacht werden könne; abgedrängt könne höchstens ins Vorbewusste - s. o. - werden) zu finden:

* Traumdeutung: Seit Aristoteles von Stagyros (Ἀριστοτέλης; 384-322 v. Chr.: „Traum ist Reaktion auf eine Störung“) wird der Traum psychologisch gedeutet. Artemidor (Ἀρτεμίδωρος ὁ Δαλδιανός; 1. Hälfte 2. Jh. n. Chr.) unterschied in seiner Ονειροκριτικά (Oneirokritika; „Traumdeutung“) zukunftsdeutende und Vorhandenes spiegelnde Träume. Freuds Hauptwerk Die Traumdeutung erschien 1900. Darin betrachtet er den Traum als „Hüter des Schlafs“, der in codierten Botschaften unbewusste Wünsche ausdrücke, und unterscheidet zwei Arten von
          Trauminhalten:

° manifester Inhalt: vordergründig, das Erzählbare; der von der Traumzensur entstellte Inhalt
° latenter Inhalt: der Hintergrund, der interpretiert werden muss (Traumdeutung = „via regia der Psychoanalyse“)

            „Traumarbeit“ bewirke, dass aus einem latenten ein manifester Inhalt werde. Sie bediene sich folgender Mittel:

° Verdichtung (z. B. Verschmelzung verschiedener Personen zu einer Traumfigur) = Agglutination
° Verschiebung (z. B. peinlicher Inhalte auf harmlose, vgl. a. den nächsten Abschnitt „Abwehrmechanismen“) = Dilation
° Symbolisierung (Verwendung einer mehrdeutigen Bildsprache, von Freud z. T. entschlüsselt: z. B. stehe alles Ragende, Aufgerichtete, Lange für Männliches, alles Hohle, Ausgebreitete, Runde für Weibliches) = Permutation

°

Zerlegung: Merkmale einer Person können z. B. auf zwei Personen aufgeteilt werden.

Weiteres zum Thema Traum s. o.

* Fehlleistungen (von Freud in Zur Psychopathologie des Alltagslebens behandelt): treten v. a. im sprachlichen Bereich auf („Freud'sche Versprecher“, Verschreiben) aber auch Vergreifen, Vergessen etc. (sog. Symptomhandlungen, s. a. „Abwehrmechanismen“). Fehlleistungen entstehen laut Freud keineswegs aus Unaufmerksamkeit oder zufällig, sondern seien Ausdruck unbewusster Konflikte. (Beispiele: „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen.“ - „Bitte ziehen Sie ab.“) Oft (wie in den Beispielen) bestehen Versprecher aus Kontaminationen (Zusammenziehungen) zweier Redewendungen, die die eigentliche Redeabsicht entlarven.

* Hypnose: Versetzen in einen Trance-Zustand, in dem man Suggestionen (= Übertragung gefühlsbetonter Zustände oder Überzeugungen von einer Person auf eine andere; auch als Autosuggestion bekannt und vom Berliner (NS-)Psychiater Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) zu Entspannungsübungen, die er „Autogenes Training“ nennt, genutzt) besonders leicht zugänglich ist.

Technik: Freud hat sie in Paris von Jean-Martin Charcot (1825-1893) gelernt. Fixieren eines meist glänzenden Gegenstandes in entspannter Ruhelage unterstützt die Müdigkeit suggerierenden Worte des Hypnotiseurs und bewirkt die verschiedenen
            Hypnosestadien:

° Stadium der Somnolenz (Schläfrigkeit)
° Stadium paralyticum (passives Zurückfallen der Gliedmaßen, wenn sie angehoben werden)
° Stadium der Katalepsie (Gliedmaßen behalten jede Stellung bei, in die sie gebracht werden).
° Stadium des Somnambulismus: In diesem letzten Stadium können Heilsuggestionen (z. B. bei hysterischen Lähmungen) durchgeführt oder posthypnotische Aufträge erteilt werden, die nach dem Aufwachen ausgeführt werden, wenn sie nicht moralischen Grundsätzen widersprechen (z. B. Mord) oder unmöglich durchzuführen sind. (Die hypnotisierte Person sucht dann nach Scheinrechtfertigungen z. B. dafür, warum sie gerade Papierschnitzel aus dem Fenster wirft). In diesem letzten Stadium, in das man nicht gegen seinen Willen gebracht werden kann, erwartet man, dass die Erinnerung weiter als im Wachzustand reicht und verdrängte Wunschvorstellungen sich zur Äußerung bringen lassen.

Hypnose wird heute manchmal als Anästhesieersatz in der Medizin eingesetzt. - Vgl. MEG-Gesellschaft für klinische Hypnose und hypnose.de

* freies Assoziieren: Der Patient liegt (um Hemmungen - den Widerstand - auszuschalten) ohne Sichtkontakt zum Psychiater auf der durch Freud berühmt gewordenen Couch und muss rasch, von Stichwörtern geleitet, frei erzählen. (Assoziation = erlernte oder, in diesem Fall, spontan auftretende Gedankenverbindung) Durch die Überlistung der zensurierenden Vernunft lassen sich laut Freud Rückschlüsse auf Verdrängtes ziehen, da - wie bei den Fehlleistungen - nichts zufällig passiere.
            Folgende Formen treten auf:

° Gegensatzassoziationen (am häufigsten): z. B. groß-klein
° Ähnlichkeitsassoziationen: z. B. Hitze-Wärme
° Funktioneller Bezug: z. B. Vogel-Ei
° Logische Kategorie: z. B. Dogge-Hund
° Kontinuität: z. B. elf-zwölf
° Phonetische Assoziationen: z. B. Rose-Dose
° Spezifische Identifikation: z. B. Meer - Adria
° Persönlich Gefärbtes: z. B. auf Schule, Eltern

Abweichungen von den durchschnittlich erwartbaren Antworten treten desto eher auf, je gebildeter bzw. geisteskranker jemand ist (Volksschulbildung 5%, Akademiker 12%, Schizophrene 25% Abweichung).

 

- Abwehrmechanismen:
Abwehrmechanismen ermöglichen einen Ausgleich der oft unerwünschten Trieb-/Instinktforderungen mit den gesellschaftlichen Konventionen. Sie stellen Ersatzhandlungen für das Ausleben des Unbewussten dar. Freud (s. u.; und andere) unterschieden:

* Verdrängung: „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ der unerwünschten Triebansprüche oder unangenehmer Bewusstseinsinhalte. Das auf diese Art „Vergessene“ lässt sich durch die oben genannten Techniken wieder aktivieren, wobei der Bewusstwerdung Widerstand (der laut Freud von derselben Energie gespeist wird, die früher die Verdrängung bewirkt hat) entgegengesetzt wird. Ist der Energiebedarf nicht zu groß, gelingt die Verdrängung, sonst misslingt sie. („Ökonomisches Persönlichkeitsmodell“, das die Verdrängung als eine Methode der „Unterbringung“ der Libido = Triebenergie ansieht). Verdrängung (z. B. einer sexuellen Misshandlung im frühen Kindesalter) kann manchmal ein Weiterleben erst ermöglichen.

* Rationalisierung: nachträgliche Scheinbegründung für in Wahrheit trieb- oder instinktbedingtes Handeln (z. B. Vorgabe wissenschaftlichen Interesses bei der Lektüre von Pornoheften; oft interpretierbar als Reduktion einer kognitiven Dissonanz: s. u.).

* Substitution: Ausrichtung der Trieb- oder Instinkttätigkeit auf ein Ersatzobjekt (z. B. Übertragung der Liebesgefühle für eine unerreichbare Person auf eine andere / von Gefühlen für die Eltern auf den Analytiker).

* Reaktionsbildung: Umschlagen eines Verhaltens in sein Gegenteil, wenn die Triebwünsche unerfüllt bleiben (z. B. verdrängte Liebe in Hass)

* Sublimation: Überführen der für „primitive“ Regungen zur Verfügung stehenden Triebenergie in sozial höher bewertete Tätigkeiten (Freud bringt als Beispiel das Malen nackter Männerkörper durch den homosexuellen Leonardo da Vinci). Das Ich (s. u.) setzt der anstößigen Erregung eine Gegenbesetzung entgegen, die es als bleibende Veränderung aufnimmt. In einer dritten Phase kann das Verdrängte wiederkehren. (Abnahme der Gegenbesetzung)

* Projektion: Die eigenen gehemmten Triebe oder unerwünschten Verhaltensweisen werden anderen zugeschrieben („von sich auf andere schließen“, Außenprojektion).

* Identifikation: Übernahme der Gründe der die eigenen Triebregungen unterdrückenden Autorität. (z. B. „Ich bin ja noch zu jung für eine sexuelle Beziehung.“) Eigenschaften und Verhaltensweisen anderer Personen werden adoptiert. (Auch Introjektion, Internalisierung) Die Übernahme der Eigenschaften der Angst einflößenden Autoritäten wirkt angstmildernd, da die Differenz vermeintlich ausgeglichen wird.

* Kompensation: Ausgleichen einer Minderwertigkeit durch Anstrengungen auf einem anderen Gebiet (z. B. Einschlagen der Militärlaufbahn bei physischer Unterentwicklung).

* Verschiebung: Die Affektbesetzung eines unerwünschten Bewusstseinsinhaltes wird auf einen harmlosen verschoben (s. o., Traumarbeit), was sich als Phobie (z. B. Angst vor Mäusen statt vor einer peinlichen Neigung) oder Zwangshandlung (z. B. Pflastersteine zählen statt Ausleben von Geiz) auswirken kann.

* Regression: Das Zurückfallen in eine ontogenetisch (= Individualentwicklung, Phylogenese = Stammesentwicklung) bereits überwundene Entwicklungsphase (z. B. Enuresis eines Dreijährigen bei der Geburt einer kleinen Schwester).

* Konversion: Überführen von psychischen Zuständen in physische Symptome (Psychosomatisches Syndrom, Somatisierung; kann z. B. bei Stress (zumindest durch „schlechten“ Disstress im Gegensatz zu „gutem“ Eustress; s. u.) zu Magengeschwüren führen). Spezialfall: die artifizielle Störung des Münchhausen-Syndroms (nach dem Lügenbaron Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, 1720-1797), das im Vortäuschen und künstlichem Hervorrufen von Krankheiten (als Münchhausen-Stellvertretersyndrom von solchen anderer, oft eigener Kinder) besteht.

 

SÜCHTE, PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN, GEISTES- UND GEMÜTSKRANKHEITEN

- Allgemeines:
* Klassifikationen: Man unterscheidet Abhängigkeiten (Verlust der Selbstregulation), Neurosen (Verlust der Lebensfreude) und Psychosen (Verlust der Realität). Bei den ersten beiden Gruppen herrscht meist (zumindest potentiell volle) Krankheitseinsicht (auch wenn die Bedeutung ihrer Zustände von den Patienten oft heruntergespielt oder gar geleugnet wird), beim letzten Krankheitsbild wird der eigene Zustand nicht mehr wirklichkeitsgemäß eingeschätzt. „Der Neurotiker baut ein Luftschloss, der Psychotiker lebt darin. (Und der Psychiater kassiert die Miete.)“ Häufig besteht Kommorbidität im Verbund mit anderen psychischen Erkrankungen. Eines der ersten Systeme der Klassifizierung psychischer Störungen (z. B. auch die Ausarbeitung des Begriffs „Dementia praecox“) geht auf den deutschen Psychiater Emil Wilhelm Georg Magnus Kraepelin (1856-1926) zurück. Schon weit früher postulierte der persische Universalgelehrte ابو زید احمد بن سهل بلخی / Abu Zayd al-Balkhi (ca. 850-934) das Gleichgewicht von Nafs (Psyche), Qalb (Herz) und 'Aql (Geist) als Voraussetzung für geistige Gesundheit.

Heute existieren zwei internationale Diagnoseklassifikationen: die ICD 10 (Klassifikation der WHO seit 1853, umfasst alle, unter dem Buchstaben F auch physische, Erkrankungen) und eine verbreitete Klassifikation der psychischen Störungen, das von der APA hgg. DSM IV seit 1952; inzwischen sind 2013 das DSM V und im Mai 2019 die ICD 11 erschienen, die ab 1. 1. 2022 gilt. Vgl. auch  „Psychische Krankheiten“.

* Ausgangslage in Österreich (Zahlen nach Psychosoziale Dienste Wien):

Zahlen zur psychischen Gesundheit in Österreich:

° Jeder vierte Mensch wird zumindest einmal in seinem Leben ernsthaft psychisch krank.
° Mindestens 20 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres unter psychischen Störungen und davon ist etwa ein Viertel schwer betroffen.
° Etwa 2 – 3 % der Bevölkerung (für Österreich: ca. 200.000 Menschen) brauchen an einem Stichtag wegen einer erheblichen psychischen Störung fachspezifische Hilfe.
° Etwa 1 % der Bevölkerung (für Österreich: ca. 82.000 Personen) wird jährlich erstmals psychisch krank.
° Die Depression ist inzwischen international auf dem ersten Platz, was „verlorene Lebensjahre durch Erkrankung“ betrifft.
° Das Suizidrisiko bei affektiven Störungen beträgt 15 %.
° Für 90 % der Sterbefälle in Folge von Suiziden werden psychische Erkrankungen und davon insbesondere Depressionen und Suchterkrankungen verantwortlich gemacht.

* Normalitätsbegriff: Problematisch erscheint - wie bei Behinderungen, s. o. - das Aufstellen einer exakten Trennlinie zwischen „normalen“ Menschen mit angemessener Realitätswahrnehmung und „psychisch kranken“ Menschen mit abweichendem Verhalten bzw. der Normalitätsbegriff überhaupt, der mathematisch-statistisch (im Sinn von durchschnittlich), funktional (im Sinn von aufgaben-, zweckerfüllend) oder sozial (im Sinne einer erwünschte Idealnorm) aufgefasst werden kann.

Ein 1972 veröffentlichtes Ex., das die Zuverlässigkeit psychiatrischer Diagnosen nachhaltig erschütterte, stammt von David L. Rosenhan (1929-2012): Er ließ sich unter Vortäuschung schizophrener Symptome in eine Psychiatrie, an der er unbekannt war, aufnehmen und wurde dort, obwohl völlig gesund, problemlos diagnostiziert. Danach verhielt er sich ganz normal, wurde letztlich aber nur gegen Revers entlassen. Rosenhan machte diese Situation publik und kündigte an, dass in nächster Zeit ein weiterer gesunder „Patient“ versuchen würde, Einlass zu finden, der jedoch in Wirklichkeit gar nicht existierte. Daraufhin wurden zahlreiche echte Patienten der Simulation verdächtigt. Es gelang also professionellen Psychiatern nicht, „normale“ und „kranke“ Menschen einwandfrei voneinander zu unterscheiden.

* Drei Ursachengruppen werden nach dem biopsychosozialen Modell (1977 von George Engel, 1913-1999, propagiert und bald akzeptiert) immer wieder als Erklärung für psychische Krankheiten und Störungen genannt, können aber meist nicht eindeutig auseinandergehalten und identifiziert werden (eine Prädisposition zu einer in früheren Zeiten vermuteten "Suchtpersönlichkeit" scheint es nicht zu geben):

° Psychologische Faktoren wie labile Persönlichkeitsstrukturen, der persönliche Lebensstil und seine Verhaltensmuster (die natürlich ihrerseits wieder auf biologische oder Umweltfaktoren zurückzuführen sein könnten). Laut Reinhard Haller (*1951) ist die (weithin unterschätzte und oft durch Liebesvorenthalt verursachte) Kränkung (s. a. o.) einer der Hauptursachen psychischer Krankheiten (sowie für Terror, Mord und Krieg. Weltweit werden jährlich bis zu 20 000 Tote durch Ehrenmorde und Blutrache verursacht; vgl. a. u.) Als Kränkung wird nicht die Emotion, sondern eine Interaktion bezeichnet, die das Selbst (jener Teil des Ich, dessen sich eine Person bewusst ist) und seine Werte nachhaltig erschüttert. Sie reicht von (der v. a. im Internet immer weniger ernst genommenen) Beleidigung über die Verbitterung (einer unheilbaren Kränkung, die Symptome wie bei PTBS, s. u., auslöst und zu psychogenem Tod führen kann) bis zur Demütigung (Entmenschlichung bei einseitiger Machtverteilung). Positiv betrachtet helfen Kränkungen bei der Selbstkenntnis, da sie (in völlig unzumutbarer Art und Weise) immer wunde Stellen treffen und damit nicht verarbeitete Probleme offenlegen.
° Umwelteinflüsse - sei es, dass sie in der Familiensituation (gestörte Kommunikationsmuster innerhalb der persönlichen Umgebung des Patienten; erfordert oft die Mitbehandlung der Angehörigen) oder fehlgegangenen Lernprozessen, sei es, dass sie als (ev. epigenetisch wirksame) frühkindliche Gewalterlebnisse oder negative Erfahrungen in späterer Kindheit oder Jugend, die zu psychodynamischen Effekten führen, auftreten (Life Events, Traumatisierungen aller Art). Die frühkindliche Bindungserfahrung (s. o.) gilt als wichtigster Faktor für die spätere Entwicklung des Menschen. Daher spielt eine besonders negative Rolle die
 

Kindesmisshandlung:

Darunter wird eine nicht zufällige, bewusst oder unbewusst herbeigeführte Schädigung von Minderjährigen, die durch Personen in Familien oder Institutionen unter Ausnutzung eines Machtgefälles erfolgt, verstanden (abzugrenzen von „struktureller Kindesmisshandlung“ z. B. durch inadäquate Gesetze, Verkehrsverhältnisse o. ä.). Der Terminus „Missbrauch“ ist umstritten, da er die Möglichkeit eines „Gebrauchs“ insinuiert. Misshandlungen können den Gesetzen entsprechen - wie früher die Ohrfeige dem Züchtigungsrecht - und werden dann (ebenfalls missverständlich) als nonabusiv bezeichnet. Problematisch ist die geringe Anzeigebereitschaft v. a. innerhalb von Familien. (Mütter decken oft schlagende Väter oder umgekehrt, Verwandte und Nachbarn „sehen weg“ etc., daher kommt den Sportlehrern in der Schule u. a. eine besondere Verantwortung zu.) So gab es 2009 (laut parlamentarischer Anfragebeantwortung 4775/J-NR/2010) in ganz Österreich „nur“ 116 Kindesmisshandlungsverfahren (30 noch nicht abgeschlossene Anklagen, 17 Verurteilungen, 0 Diversionen, 69 Einstellungen).
(Zu Alice Miller und dem Begriff "Schwarze Pädagogik" s. u.)

Man unterscheidet:

° physische Misshandlung (jede Form der Verletzung der körperlichen Integrität durch Gewalthandlungen)
° psychische Misshandlung (jede Form der Verletzung der seelischen Integrität und der Emotionalität, z. B. die In-Frage-Stellung der Realtitätswahrnehmung durch Gaslighting)
° sexuelle Misshandlung (geschlechtliche Übergriffe aller - auch verbaler - Art)
° Verwahrlosung (fehlendes Erzieherverhalten bzw. fehlende Gegensteuerung bei bedenklichen Entwicklungen, z. B. Übergewicht etc.)
 
Zur sozialen Situation von Kindern und Jugendlichen in Österreich siehe OECD-Länderauswertung
 
° Erbfaktoren - genetisch-epigenetische Weitergabe einer Geisteskrankheit bzw. bestimmter Veranlagungen als Voraussetzung dafür (hängt womöglich mit allen Ursachengruppen zusammen). Biologie und Physiologie: ev. noch nicht in allen Einzelheiten bekannte biophysikalische und -chemische (hormonelle) Vorgänge im Körper. (Die beliebige Beeinflussbarkeit der Stimmung durch Psychopharmaka beweist ihre Mitbeteiligung.) Es geht wohl hauptsächlich um neuromodulatorische Fehlregulationen bzw. strukturelle und funktionelle Veränderungen des limbischen Systems. Die moderne Hirnforschung weist hauptsächlich Störungen des serotonergen und des oxytocingesteuerten Bindungssystems und eine Schwächung der Stress-Achse nach (zu Stress s. a. o.). Gerade im Vulnerabilitäts- (Diathese)-Stress-Modell zeigt sich die Wechselwirkung zwischen angeborener Diathese (Krankheitsneigung) und schädlichen Umweltfaktoren besonders gut. Bleiben letztere aus, kommt eine Störung oder Krankheit womöglich gar nicht zum Ausbruch. (Hier geht es u. a. um das Stresshormon CRH - corticotropin releasing hormone -, das erst aktiviert wird, wenn das bremsende Antistressgen, z. B. durch unsichere Bindung - s. o. -, epigenetisch deaktiviert wurde.) Umgekehrt verträgt ein von Vornherein gesünderer Mensch denselben Stresslevel unbeschadet.
 

Stress

Unter Stress versteht man eine durch physische, psychische oder soziale Stressoren ausgelöste, subjektiv als solche empfundene Belastungssituation, die als Eustress notwenig, als Disstress gesundheitsgefährdend ist und oft als Burn out - s. u. - klassifiziert wird. Etwas "Lebensnotwendiges" scheint dem / der Gestressten in Gefahr zu sein. Daraufhin schüttet der Hypothalamus CRH aus, das beim Eintreffen an der Hypophyse eine ACTH-Ausschüttung - Adrenocorticotropin - veranlasst. Nach dessen Transport zu den Nebennieren über das Blut wird dort Cortisol produziert, das durch Einwirkung auf viele Körperregionen eine Fokussierung auf die "Gefahr" ermöglicht, bei längerer Einwirkung allerdings schädlich wirkt und z. B. das Immunsystem (zer)stören kann. Stress beeinflusst das Hormon-, das Immun- und das Verdauungssystem. - Die erste grundlegende Untersuchung verfasste 1950 Hans Selye, 1907-1982: The Physiology and Pathology of Exposure to Stress.

* Resilienz: Mit der Frage, unter welchen Unständen manche Personen (bis zu einem Drittel) auch unter ungünstigsten Umständen ihre psychische Gesundheit und ein erfolgreiches Coping (= Reaktion auf Bedrohung, Bewältigung von Entwicklungsaufgaben) aufrecht erhalten können (bzw. nicht süchtig, kriminell werden etc.), beschäftigt sich die Resilienzforschung (Begründerin Emmy Werner, 1929-2017). Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, innere oder äußere Störungen kompensieren zu können. Laut Werner gehören dazu die Überzeugung, dass Krisen vorübergehen werden, die innere Zustimmung zu Unvermeidlichem, die Lösungsorientiertheit, die Überzeugung von Selbstwirksamkeit (ein von Bandura entwickeltes Konzept von der Erwartung eines Menschen, gewünschte Handlungen auch in schwierigen Situationen aufgrund eigener Kompetenzen erfolgreich ausführen zu können), die Übernahme von Verantwortung, die Suche nach Bindungen und die Zukunftsorientierung (s. Graphik unten).

Wichtige Resilienzfaktoren sind z. B. auch „gute“ Gene (z. B. keine das Enzym Monoaminoxidase produzierende MAO-A-low-Genvariante, die aber keinesfalls zu einem gescheiterten Leben verurteilt; vgl. die Video-Dokumentation Wie Gene unsere Persönlichkeit beeinflussen), Weiblichkeit, Intelligenz, Fähigkeit zur Impulskontrolle, soziale Kompetenzen und Anpassung (nicht nur Ursache, sondern auch Folge), interne Kontrollüberzeugungen (die im Unterschied zu den externen Verstärkung nicht vom Schicksal, glücklichen Umständen etc. erwartet, sondern von eigenen Anstrengungen), positive Selbstwahrnehmung, Interesse an der Umwelt, persönliche Beziehungen (am besten in sicherer frühkindlicher Bindung - s. o. - zu den primären Bezugspersonen, aber auch zu Lehrern, Großeltern etc., wenn dies nicht funktioniert hat) usw.



Resilienzfaktoren nach E. W
erner  (Abbildungsquelle)

Insgesamt geht die Resilienzforschung im Unterschied zu den Konzepten der Achtsamkeit oder Selbstsorge davon aus, dass die umgebende Welt schwierig, unsicher und bedrohlich ist (oder zumindest sein kann), ein gutes Leben in ihr aber bei entwickelter emotionaler Widerstandskraft, die eine Anpassung an die ungünstigen Verhältnisse ermöglicht, trotzdem möglich ist. (Der Begriff „Resilienz“ stammt ursprünglich aus der Materialienforschung.) Resilienzfaktoren sind solche, die in Untersuchungen unter Ceteris-paribus-Bedingungen statistisch signifikant aufschlagen.

Resilienzfaktoren nach Michael Schulte-Markwort (*1956; zit. nach einem Vortrag vom 11.11.2006 in Salzburg - ÖZBV)


Risiko
faktoren:

 


Schutzfaktoren:

 

° mütterliche Berufstätigkeit im 1. Lebensjahr ° eine psychisch gesunde Mutter
° längere Trennung von der Bezugsperson im 1. Lebensjahr ° eine stabile, positive Bezugsperson
° Geschwistergeburt in den ersten 17 Lebensmonaten ° gute Intelligenz
° körperliche oder seelische Erkrankung der Eltern ° positives Selbstwertgefühl
° chronische familiäre Disharmonie ° soziale Unterstützung
° väterliche Abwesenheit ° aktiv-problemlösendes Coping (s. o.)
° Armut ° internale Kontrollüberzeugungen
° Misshandlung ° liebevolle Beziehungen
° außerfamiliäre Unterbringung ° ein flexibles, annäherungsorientiertes Temperament
° Scheidung der Eltern ° sichere Bindungen
° ernste Erkrankungen in der Kindheit ° eine stabile Werteorientierung
° Geschwister mit einer Behinderung ° ein direktiver, aber liebevoller Erziehungsstil
° bei Mädchen: Schwangerschaft vor dem 18. Lebensjahr ° das Fehlen von Risikofaktoren

 

 

4 Säulen des Lebensglücks nach Hans-Otto Thomashoff (*1964):

° erfüllende Beziehungen (beeinflusst von Kindheitserfahrungen)
° ausreichende Selbstwirksamkeit (das Gefühl, Einfluss nehmen zu können)
° ausgeglichener Stresshaushalt (Ruhephase und Anspannungsphasen stehen im Gleichgewicht)
° größtmögliche Kohärenz (Gefühl der Stimmigkeit in den Lebensvollzügen)

 

- Abhängigkeiten (Süchte):
Abhängigkeiten (das Wort „Sucht“ wurde 1964 von der WHO durch „Abhängigkeit - „addiction“ - ersetzt) sind Drangerlebnisse, die mit den Trieben vergleichbar sind. (Süchte sind jedoch im Gegensatz zu den Trieben erworben und biologisch nicht sinnvoll.) Die verwendeten Suchtmittel können je nach kulturellem Hintergrund legal (z. B. Alkohol) oder illegal (z. B. Heroin) sein. Die kombinierte Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln (sie tritt mit zunehmender Häufigkeit auf) nennt man Polytoxikomanie. Jede Abhängigkeit hat

* Allgemeine Suchtmerkmale:

° Der zwanghafte Drang zum Suchtmittelmissbrauch (Abusus) besteht über längere Zeit (Meidungsunfähigkeit) und zeigt einen phasischen Verlauf.
° Die Zuführung der euphorischen Dosis lässt sich nur schwer oder nicht beherrschen (Kontrollverlust trotz noch lange anhaltender Kontrollillusion).
° Es entsteht eine Toleranzentwicklung. (Das Suchtmittel wird eine Zeit lang immer „besser“ - in höheren Dosen - vertragen.)
° Es entwickelt sich eine starke Verdrängungsbereitschaft für die Gefährlichkeit des Suchtverhaltens bei gleichzeitigem Auftreten von Schuldgefühlen.
° Es entstehen relativ starre Suchtrituale bei relativ geringer Entspannung. Ohne Suchtmittel kommt es zum Entleerungserlebnis.
° Zum Suchtmittel wird eine quasipersönliche Beziehung aufgenommen; es wird ihm eine Funktion zugeschrieben.
° Es besteht Koartanz (Einengung der Handlungen und Gedanken auf die Beschaffung und den Genuss des Suchtmittels), das starke Substanzverlangen (Craving) ist unbändig.
° Tendenz zur Dosissteigerung der die Lustgefühle herbeiführenden bzw. Spannungen abbauenden Stoffe bzw. Erlebnisse bis zu Exzessen (Progression).
° Die Schädlichkeit für den Einzelnen bzw. die Gesellschaft muss gegeben sein (daher keine „Sucht“ nach Sauerstoff, Schlaf, Zucker etc., wenn die Konsumation nicht über das natürliche Maß hinaus erfolgt).

Die Grenze zwischen Sucht und Nicht-Sucht ist nicht immer leicht zu ziehen und bezieht sich nicht (ausschließlich) auf die konsumierte Menge des Suchtmittels (das substanzgebunden - z. B. Kokain - oder substanzungebunden - z. B. Glückspiel - sein kann). Wesentlich ist vor allem auch der Aspekt, ob der Stoff bzw. das Verhalten der Wirkung wegen konsumiert wird (und nicht nur des Genusses wegen). Man unterscheidet moderaten / erhöhten / problematischen / hochproblematischen Konsum. Um das Vorliegen eines Suchtverhaltens zu beurteilen, fragt man auch nach der durchschnittlichen Anzahl der Tage pro Woche, die ohne das Suchtmittel verbracht werden. (Liegt sie bei 0, 1 oder 2, ist eine problematische Abhängigkeit so gut wie sicher.) Letztendlich erreichen alle Suchtmittel die von den Konsumenten angestrebten Ziele nur kurzfristig bis gar nicht, langfristig verdammen sie zunächst zur (oft vergeblichen) Beschäftigung mit den Entzugserscheinungen bzw. zu Krankheit und Tod.

* Suchtpotential: Darunter versteht man das Verhältnis von suchtkranken Konsumenten zu nicht suchtkranken Konsumenten (z. B. bei Heroin vs. Orangensaft).

* Problem der Legalisierung: Ob eine Droge in einem Staat legal oder illegal ist, kann nicht aus ihrer Gefährlichkeit für Leib und Leben abgeleitet werden (sonst wären Alkohol und Zigaretten in Österreich längst verboten), sondern ergibt sich aus den historischen Umständen und der Entwicklung der Politik, die dazu führt (geführt hat), dass Suchtgifte in unterschiedlichem Ausmaß „domestiziert“ werden (bzw. wurden). Die Subsummierung einer Substanz unter den Begriff "Droge" erfolgt also nicht pharmakologisch, sondern politisch. Deshalb sind in den verschiedenen Staaten unterschiedliche Drogen legal bzw. tw. (durch das Zugeständnis einer persönlichen Mindestmenge) entkriminalisiert (Regelungen für Österreich im Suchtmittelgesetz und in entsprechenden UN-Abkommen). Der Nachweis eines vermuteten Drogenkonsums über die Haaranalyse ist nicht mehr State of the Art, da eine Kontamination auch von außen erfolgen kann.

Die Vorteile einer Freigabe würden im Verschwinden der Subkulturen und damit der Kriminalität sowie in der Kontrollmöglichkeit und möglichen Verhinderung medizinischer Folgen durch verunreinigte Stoffe oder Drogeneinnahme unter unhygienischen oder gefährlichen Bedingungen bestehen. Andererseits würden Zugang und damit Verfügbarkeit der entsprechenden Suchtmittel (womöglich für Kinder und Jugendliche) drastisch erhöht werden und die vom Staat durch eine Legalisierung ausgesendeten Signale womöglich zu unerwünschten Entwicklungen führen. Das Annahme, dass Prohibition den Reiz des Verbotenen befördere und ihren Zweck deshalb verfehle, lässt sich nicht erhärten. (In Deutschland ergaben wissenschaftlich fundierte Schätzungen, dass durch drastische Einschränkung der Zugänglichkeit alkoholischer Getränke etwa ein Drittel der jährlich dort pro Kopf konsumierten 10 l reinen Alkohols nicht konsumiert würden - wie dies in Skandinavien ja tatsächlich beobachtbar ist.)

* Verlauf: Die wichtigsten Gründen, einer Sucht nachzugeben, liegen in folgenden nur kurzfristig erreichbaren, langfristig jedoch vergeblich erhofften oder erwarteten Effekten: Stressabbau, Entspannung, Stimmungsaufhellung, Gefühlsintensivierung, Enthemmung, Betäubung, Verdrängung, Steigerung von Leistung und Ausdauer, Sinneserweiterung u. ä.. Dazu werden Suchtmittel über die Nase, das Blut, die Lunge oder den Magen aufgenommen und dem Gehirn zugeführt, das die Hauptrolle in diesem Geschehen (auch bei Süchten ohne Substanzen) spielt. Wenn im weiteren Verlauf Abhängigkeiten (die zunächst meist übersehen werden) entstanden sind, beginnt ein meist jahr(zehnt)elanger Leidensweg für die/den Suchtkranke/n und deren/dessen personelles Umfeld.

Das alte Spiralmodell (der/die Süchtige gerät in eine sich selbst verstärkende Spiralbewegung „nach unten“) wurde durch das Korridormodell abgelöst (der/die Süchtige betritt, aus der Abstinenz kommend, einen Korridor, an dessen beiden Seiten je zwei Zimmer liegen, aus denen eine Rückkehr eventuell noch möglich erscheint: links „Konsum“ und „regelmäßiger Konsum“, rechts „Genuss“ und „missbräuchlicher Konsum“. Erst dahinter liegt das Zimmer „Gewöhnung“ und „Sucht“, das man alleine nicht mehr verlassen kann.

* Wirkung: Die Wirkungsweise einzelner Suchtmittel ist unterschiedlich (s. u. „Süchte im einzelnen“). In den meisten Fällen liegt eine biochemische Beeinflussung des Zentralnervensystems vor. (Die Hirnchemie kann auch durch Sekten, Kriminalität, Meditation etc. verändert werden. Es käme darauf an, die entsprechenden Neurotransmitter auf natürlichem, unschädlichem Wege zu stimulieren, wie dies zahllose isländische Kommunen bei Kindern und Jugendlichen ca. seit dem Jahr 2000 durch die Investition von ca. 10% des Haushaltsbudgets in "Natural Highs" wie Sport-, Musikunterricht, gesunde Ernährung etc. mit Erfolg versucht: Risiko- und Schutzfaktoren - z. B. wenig / viel emotionale Unterstützung, kein Wissen über den Verbleib der Kinder / positive Beobachtung der Kinder, wenig / viel gemeinsame Eltern-Kind-Zeit, keine / viele gemeinsame, von allen anerkannte Regeln, über die nicht diskutiert werden muss etc. - werden erhoben und die entsprechenden Maßnahmen unter Wirkungsnachweispflicht implementiert, was z. B. den letztlich gesellschaftlich bedingten Alkoholkonsum bei 15-Jährigen von 52% auf 5% reduziert hat.) Prinzipiell geraten Substanzen über den Blutkreislauf in das Gehirn und docken dort, z. B. mittels Dopamin, an die Belohnungszentren an, sodass der Wunsch nach Wiederholung dieses Vorgangs ausgelöst wird. Zu beachten ist, dass Ursache und Wirkung (z. B. Drogenprobleme / soziale Probleme oder Gehirnarchitektur / Suchtverhalten) nicht immer auseinandergehalten werden können (Henne-Ei-Problematik).

* Abhängigkeitsmodi:

° physische Abhängigkeit: nicht bei allen Süchten vorhanden (vgl. z. B. Spielsucht). Führt im Extremfall zum Tod bei übergangslosem Entzug, sonst zu Entzugserscheinungen. (Ausschließlich nur bei neugeborenen Süchtigen)
° psychische Abhängigkeit: immer vorhanden, liegt v. a. im Erlebnis der Zwanghaftigkeit. Entzugserscheinungen äußern sich z. T. physisch (z. B. im Zittern, Schwitzen etc.)

* Ko-Abhängigkeit: Darunter wird die Situation der Angehörigen des Suchtkranken bzw. deren Rolle bei der Entstehung und v. a. der Aufrechterhaltung der Sucht verstanden. Oft entwickelt sich ein „Negatives Froschkönigsyndrom“: Der geküsste (umsorgte) Frosch wird trotz der Bemühungen um ihn nicht zum Prinzen, man selbst aber womöglich zum Frosch, der in die Situation hineingezogen wird und selbst in Nöte gerät. Beobachtbar ist in betroffenen Familien nach Thomas von Villiez (*1943; Sucht und Familie 1986) oft die zentrale, organisierende Kraft, die z. B. das Alkoholismus-System verleiht, die Familiensucht der Suchtfamilie, die Kohäsion durch Selbstdestruktion bei gleichzeitiger Taubheit für außerfamiliäre Informations- und Hilfsmöglichkeiten. Nach Joan K. Jackson (1922-2016) Verlauf in
            7 Phasen:

° Verleugnung der Erkrankung des Angehörigen
° Soziale Isolierung der Familie, im Inneren (untaugliche) Kontrollausübung
° Versuche, die Abhängigkeit des Kranken zu kontrollieren, werden aufgegeben
° Rollenverschiebung; andere Familienmitglieder kompensieren Rolle des Abhängigen
° Trennung vom Abhängigen
° Reorganisation der Familie, jetzt Veränderung auch beim Abhängigen möglich
° Neubeginn durch Wiederaufnahme des Abhängigen oder getrennte Entwicklung

* Ursachen: Meist treffen mehrere, in ihrer Gewichtung nachträglich nicht mehr quantifizierbare Faktoren zusammen (s. a. o. Ursachengruppen; vgl. dazu auch die informative Seite der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren). Die gängigsten dieser Frage zugrundeliegenden Theorien verwenden den kognitiven (ursächlich sind dysfunktionale kognitive Prozesse), den biologischen (ursächlich sind genetische Prädispositionen und/oder dysfunktionale Neurotransmitter), den lerntheoretischen (ursächlich sind fehlerhafte Lernprozesse und falsch konditionierte Verhaltensweisen) und den psychodynamischen (ursächlich sind unbewusste Kindheitskonflikte und unterdrückte Triebimpulse) Ansatz.

° labile Persönlichkeit (Frustrationsintoleranz, bedingt durch verzärtelnde oder Scheinanpassung hervorrufende autoritäre Erziehende oder Unsicherheit erzeugende wechselnde Erziehungsstile, in denen Kinder nicht mehr wissen bzw. „ausrechnen“ können, ob sie für bestimmte Verhaltensweisen Lob, Ignoranz oder Strafe erwarten können (oft auch Ursache für die Entwicklung krimineller Energien etc.). Wenn Kinder keine Orientierungsmöglichkeit angeboten bekommen, so schädigt dies ihre Entwicklung nachhaltig. (Sogar übermäßige, aber konsequente Strenge hat bessere Prognosen.) Süchte gelten als (in einer sinnentleerten und Angst machenden Umwelt zunehmend auftretende) Abwehrversuche bei Hoffnungs- und Interesselosigkeit, Sicherungsangst, Verdecken uneingestandener Unterlegenheit, Tarnung von Depressivität etc.
° äußere Umstände (z. B. frühkindliche Traumen; Entbehren oder Verlust einer Bezugsperson; Versagen in Beruf oder Schule; depressive Mutter, tyrannischer Vater etc. etc.)
° Erbfaktoren (kongenitale Disposition) oder physische / biochemische Ursachen (z. B. Defizite in der Verarbeitung von Alkohol, der dann eine Triggerfunktion hat, wegen fehlender oder schadhafter Enzyme). In letzter Zeit wird die Aktivierung gewisser Neurotransmitter untersucht, die das Gehirn „belohnen“. Das Nervensystem beeinflusst nach Theorien des US-Hirnforschers Jon-Kar Zubieta (*1961?) je nach dem Spiegel der körpereigenen Opioidrezeptoren, der auch die Schmerzverarbeitung und Stimmungen steuert, die Neigung zum Drogenkonsum. Chronisches Suchtverhalten wird von der Suchtforscherin Nora Volkov (* 1956), einer Urenkelin Trotzkis, (eig. Лев Давидович Бронштейн, 1879-Mord 1940) auf fehlerhaft arbeitende Rezeptoren für Dopamin (das Belohnung, Selbstkontrolle, Entscheidungskraft und Urteilsvermögen signalisiert) zurückgeführt.

* Einige Graphiken und Übersichten:


 

Suchtfördernde Faktoren im Jugendalter:
(nach einem Vortrag von Gabriele Fischer, *1960, Univ. Wien)

Droge:  
  Verfügbarkeit
  Erreichbarkeit
  Wirkungsweise
  Suchtpotential (s. o.)
Umwelt:  

Elternhaus:

 
  Erziehungsstil
  Einstellung zu Suchtmitteln
  Ressourcen (Geld)

Freundeskreis:

 
  Kommunikationskompetenz
  Einstellung zu Drogen
Konsument:  
  Selbstwertgefühl
  Belastungsfähigkeit
  Frustrations-/Spannungstoleranz
  Kontakt-/Beziehungsfähigkeit
  Zukunftsperspektiven
  Einstellung zu Rauschmitteln

 

Folgende Substanzen wurden von Österreicher/innen mindestens einmal konsumiert
(tw. grob geschätzt, schwankt im Laufe der Jahrzehnte):

Alkohol 97% Aufputschmittel 7%
Nikotin 76% Abmagerungsmedikamente 5%
Schlaftabletten 15% Ecstasy 4%
Beruhigungsmittel 14% Kokain 4%
Illegale Drogen (ohne Cannabis) 10% LSD 2%
Cannabis 28% Opiate 2%
Cannabis bei Jugendlichen 66% Amphetamine 1%

 

Quelle: David Nutt, *1951, u. a., Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis
zit. nach https://de.wikipedia.org/wiki/Droge

* Süchte im einzelnen:

° Alkoholismus: Vgl. Anton Proksch-Institut, What are the effects of alcohol on the brain?, BBC Seite 1 und ein „Metareferat“ zum Thema Alkohol. In der westlichen Welt ist Alkohol eine der führenden Drogen

Typischer Verlauf: gelegentliches Entlastungstrinken - Steigerung der Toleranzdosis - Erinnerungslücken - Trinken zu unüblichen Zeiten, heimliches Trinken - Leugnen des Alkoholproblems (das kein bewusstes Lügen, sondern eine anders wahrgenommene Realität darstellt, die Teil der Erkrankung ist) - Korsakow-Syndrom (s. Teil 3) - Zunehmender Kontrollverlust und soziale Probleme - Schuldgefühle - Hochtrabendes, aggressives Imponierverhalten - Trinken mit sozial „Tieferstehenden“ - Vernachlässigung der Nahrungsaufnahme, körperlicher Verfall - Zittern - Alkoholverträglichkeit nimmt ab - Vorrat an Ausflüchten der Umwelt (die oft lange gutgläubig bzw. naiv agiert) gegenüber ist erschöpft - Alkoholhalluzinose, Delirium tremens (mit herabgesetzter Bewusstheit, Orientierungsstörungen, Situationsfehleinschätzungen, oft Fieber, Halluzinationen; Übergänge Entzugssystematik - Prädelir - Delir sind fließend) - Eingeständnis völliger Hilflosigkeit (Voraussetzung für Beginn einer erfolgreichen Therapie; oft erst nach Zusammenbruch von Familien- und Berufsleben).

Erscheinungsformen (tw. Stadien)
nach Elvin Morton Jellinek (1890-1963): Er beschrieb 1951 folgende Typologie der Trinkgewohnheiten (vgl. Seite über Jellinek).

Alkoholerkrankung: Jellinek-Stadien

α-Typ: Konflikt-, Problemtrinker (noch nicht süchtig; auf dem Weg in die Abhängigkeit; Spannungs- und Belastungsabbau durch Alkoholkonsum)
β-Typ: Gelegenheitstrinker (noch nicht abhängig, bleibt sozial lange Zeit unauffällig, hat aber ev. bereits Schäden)
γ-Typ: Rauschtrinker (süchtig, psychisch und physisch abhängig; zeigt Toleranzentwicklung und Kontrollverlust)
δ-Typ: Gewohnheitstrinker (Spiegeltrinker; trinkt täglich mit laufender Dosissteigerung)
ε-Typ: Episodischer Trinker („Quartalsäufer“; das unkontrollierbare Bedürfnis = Dipsomanie tritt in unregelmäßigen Intervallen auf)

Probleme und Gefahren: Omnipräsenz des Alkohols, „gesellschaftliches Trinken“, Missbrauch von Alkohol als „Medikament“, zahlreiche Folgeschäden (Unfälle, Gewaltdelikte, Partnerschaftsprobleme etc.) und vor allem der Verlust des Verantwortungsbewusstseins. Im Unterschied zu anderen psychotropen Substanzen hat Alkohol eine Vielzahl von Wirkungen und schädigt alle Körpersysteme: in niedriger Dosierung euphorisierend, schmerzstillend, enthemmend und anxiolytisch, in höherer Dosierung aggressionsverstärkend oder depressiogen (was in Verbindung mit der Dämpfung der Hemmungen manchmal im ungeplanten Suizid endet); die körperliche Vergiftung kann von der Leber nicht mehr verarbeitet werden. Als Folge treten Leberzirrhose und zahlreiche Krebsformen auf. Weitere Gefahren: Negative Beeinflussung von Schwangerschaften s. o.; Herabsetzung der Reaktionsfähigkeit und veränderte Zeitwahrnehmung, was zu (Verkehrs)unfällen führt; Wegfall der Aggressionshemmung (führt zu Gewaltdelikten, Misshandlungen, Mord...: 2 von 3 Gewalttaten werden unter Alkoholeinfluss begangen! Außerdem besteht ein ca. 20fach überhöhtes Suizidrisiko (s. u.). Durch das Absterben von Nervenzellen in der Peripherie ist die Polyneuropathie eine der häufigsten Folgeerscheinungen. Weiters betroffen sind die Haut, die Bauchspeicheldrüse, das Verdauungssystem, die Knochen etc. Über das GABA-, das Glutamin- und andere Systeme wirkt Alkohol negativ auf das Gehirn ein, was bis zur Atemlähmung führen kann. Weltweit sterben jährlich über 3 Mio. Menschen an Alkoholmissbrauch (alle 10 Sekunden einer; mehr als durch Gewaltverbrechen, Verkehrsunfälle und illegale Drogen zusammen). In der EU gibt es ca. 23 Mio. Abhängige. Der Umsatz der Alkoholindustrie, deren enormer Einfluss auf die Torpedierung des Ziels der Verminderung des Alkoholkonsums sich dadurch erklärt, wird auf 1,3 Mia. $ geschätzt.

Alkohol - Zahlen für Österreich:

Zur Zeit (seit 40 Jahren prozentuell beinahe konstant) etwa 350 000 Abhängige, weitere 600 000 Gefährdete (an der Kippe zur Abhängigkeit). Jeder 4. bis 5. Todesfall steht in Zusammenhang mit Alkohol (mindestens jeder 10. Verkehrstote). 1998 ca. 200 Tote durch Alkoholüberdosierung, 8000 an den Folgen des Missbrauchs Gestorbene; Todesfälle durch Leberzirrhose: 2. Stelle in der Welt). Verhältnis der chronisch Abhängigen m/w: früher 9:1, heute etwa 3-4:1 (8% der Männer, 2% der Frauen). Ca. 20% w / 12% m trinken nichts. Ca. 21% der Männer und 7% der Frauen zeigen einen problematischen Alkoholkonsum. Durchschnittlich trinkt jeder Österreicher über 16 pro Tag 31g reinen Alkohol (entspricht ca. 1½ Flaschen Bier oder 0,4 l Wein oder ca. 11 l reinem Alkohol im Jahr) täglich, ein Abhängiger durchschnittlich 200g (entspricht 5 l Bier oder 2,5 l Wein). 420g pro Woche bedeutet bereist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Schädigung der Leber im Laufe der Zeit. Die chronisch Abhängigen konsumieren ca. 1/3 der gesamten Alkoholmenge des Landes (Zahlen nach Handbuch Alkohol - Österreich, Wien 1999). 70% des getrunkenen Alkohols werden in Österreich von nur 28% der Bevölkerung konsumiert. Immer niedrigeres Einstiegsalter: 9% der 13jährigen Mädchen und 16% der gleichaltrigen Burschen haben mehrfache Rauscherfahrungen. (Bei den 15jährigen steigt der Wert auf 30%/50%.) 90% der unter 16jährigen (32% der 7-10jährigen, 10% der 3-6jährigen) haben nach einer Studie des Instituts für Kinderrechte 2001 schon Alkohol konsumiert. 27% der unter 16jährigen trinken zumindest einmal wöchentlich, 15% öfter. Etwa 5% der 14-17jährigen hatten 2019 einen problematischen Konsum. 60% der Kinder wird dabei der Alkohol in der eigenen Familie, 26% von Gastwirten, 65% von Freunden angeboten (Mehrfachnennungen). Die Steuereinnahmen (Schaumwein-, Bier- und Alkoholsteuer) durch Alkohol sind etwa doppelt so hoch wie die Einnahmen aus der KFZ-Steuer (2011 etwa 320 Mill. €), allein die direkten Folgekosten (v. a. Ausgaben im Gesundheitssystem, ohne Arbeitsausfall und Frühpensionierungen etc.) betrugen 2011 375 Mill. € + 6,5 Mill. € für Krankengeldzahlungen (Quelle: IHS-Studie). Laut VAMED fehlen Alkoholerkrankte 6-mal häufiger am Arbeitsplatz, sind 2,5-mal so oft krank, fehlen nach Unfällen 1,4-mal länger als andere Mitarbeiter, erbringen durchschnittlich nur 75% ihrer Arbeitsleistung und verursachen somit Kosten von ca. 1,25 % der gesamten Lohn- und Gehaltssumme. (Da der Mensch jedoch ein Nahsicht- und kein Fernsichtwesen ist, opfert er lieber langfristig die Gesundheit als kurzfristig auf Steuereinnahmen zu verzichten, obwohl diese höchstens halb so hoch sind wie die späteren Kosten.)
Vgl. auch Handbuch Alkohol - Österreich; Ministeriumsinformationen mit Broschüre

3 Grafiken der OECD 2000/2013 bzw. des IHS zum Thema „Alkohol in Österreich 2011“:

 

° Nikotinsucht: Die Zigarettensucht ist die trotz einer seit einiger Zeit recht starken Gegenbewegung, die gesetzliche Maßnahmen provoziert hat, häufigste Abhängigkeit in Österreich (20-25% der Erwachsenen über 16 rauchen; s. Kasten u. „Zahlen für Österreich“). Legal darf Tabak (von Christoph Kolumbus, 1451-1506, populär gemacht), der das - nach dem frz. Gesandten Jean Nicot (1530-1604) benannte - Gift Nikotin (ein Alkaloid) enthält, geraucht werden.
Vgl. z. B. Rauchen 1, 2, Nikotinsucht-Test.

Verlauf: Durch Gruppendruck meist schon sehr früh Erstkontakt zu Zigaretten (in Österreich oft schon im Alter von 9 bis 12 Jahren). Schon bald starke psychische Abhängigkeit. Ursache ev. Fixierung der oralen Phase (s. u.). Entwicklung im Extremfall zum Kettenraucher mit chronischem Nikotinismus, einer Vergiftung. (60 mg Nikotin sind für den Menschen tödlich.) Begleitende Symptome: Appetitlosigkeit, Blutgefäßschädigungen (Herzkranzgefäße!), Magen-, Darmgeschwüre etc.

Gefahren: Rauchinhaltsstoffe, z. B. Teer, sind kanzerogen (ca. 90% aller 3500 Lungenkrebstoten, die es jährlich in Österreich gibt, waren vor ihrem Ableben Raucher); hohes Suchtpotential.

Nikotin - Zahlen für Österreich:

Ca. 2 Mio. Raucher(innen) vertilgen in Österreich 15 Mia. Zigaretten pro Jahr (im Schnitt etwas über 20 Stück täglich). Eine echte Nikotinabhängigkeit liegt bei 1,3 bis 1,6 Mio. vor. Im Jahr 2004 rauchten 20% aller 13jährigen und 44% aller 15jährigen mindestens 5 Zigaretten pro Tag. Man rechnet pro Jahr mit ca. 14 000 Toten (bis zu 15% aller Todesfälle), die durch Nikotin direkt oder indirekt (etwa durch „Passivrauchen“, tw. bereits im Säuglingsalter) verursacht werden. Mindestens jeder zweite Raucher stirbt vorzeitig. Seit dem Jahr 2000 geht die Zahl der Raucher sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch unter Jungendlichen in Österreich aufgrund scharfer Nichtraucherschutzmaßnahmen und höherer Tabaksteuern leicht zurück (der Anteil der täglich rauchenden 15jährigen hat sich etwa seit 2002 halbiert), ist aber immer noch weltweit im vordersten Feld zu finden.

 
° Medikamentensucht: Oft durch Vorbildwirkung (Kinder sehen, oft täglich, ihre medikamentenschluckenden Eltern und einen immer vollen Arzneischrank) erlernte, in ihrer Bedeutung unterschätzte „stille“ Sucht.

Medikamente - Zahlen für Österreich:

 In Österreich gibt es zur Zeit etwa 110 000 Abhängige, 460 000 Gefährdete (die Frauen überwiegen).
Als Suchtmittel verwendet werden v. a. folgende, z. T. ärztlich verschriebene, durch ihre Nebenwirkungen gefährliche und psychische Abhängigkeit erzeugende Psychopharmaka:
     + Hypnotica
(Barbiturate und andere, das Aktivierungssystem blockierende Schlafmittel = Sedativa, Analgetika, z. B. Epivan, Luminal, Veronal)
     + Tranquilizer (Beruhigungsmittel; angst- und spannungslösende = anxiolytische Wirkung, z. B. Meprobamat - 1950 synthetisiert -, Valium, Equanil, Librium, Wirkstoff: Benzodiazepin)
     + Neuroleptica (dämpfen das ZNS, vermindern Aktivierung und Aufmerksamkeit; „Chemische Zwangsjacke“)
     (= desaktivierende Psychopharmaka)
     + Stimulantia (Aufputschmittel, die Schlaf und Hunger unterdrücken; am häufigsten versuchte Pharmaka; Weckamine, Psychotonica; auch das in Kaffeebohnen und Teeblättern enthaltene Koffein und der Kakaobestandteil Theobromin stimulieren.)
     + Antidepressiva (stimmungsauflösend = Thymoleptica, hemmungslösend = Thymerethica)
     + Amphetamine (nach dem Suchtgiftgesetz verbotene, synthetische Stoffe, die zu scheinbarer Leistungssteigerung, in Wahrheit aber unproduktiver Geschäftigkeit, Reizbarkeit, Unruhe und Misstrauen führen. Sie bewirken starke psychische Abhängigkeit; z. B. Captagon; Ableger: MDMA (Methylendioxymethylamphetamin) = Designerdroge Ecstasy,  populär gemacht vom „Godfather of Ecstasy“, dem Chemiker Alexander Shulgin (1925-2014); vgl. dazu folgende Review.
     (= aktivierende Psychopharmaka)
     + Psycholytica (haben psychotomimetische Wirkung, rufen also toxisch Halluzinationen und künstliche Psychosen hervor)

Halluzinogene bilden den Übergang zur
 

° Drogensucht: (vgl. Drogenabhängigkeit, UNO-DC) in Österreich seit 1966 beobachtet. (Davor war das Problem fast ausschließlich auf die medizinischen und pharmazeutischen Berufe beschränkt. Vor 1919, als Österreich im Rahmen des St.Germain-Vertrages die Drogenächtung mitunterschreiben musste, gab es keine gesetzlichen Beschränkungen. 1926 wurde das erste „Giftgesetz“ verabschiedet.) Heute ist die Materie im 1951 entstandenen Suchtgift-/mittelgesetz (1980, 1985 und 1998 novelliert) geregelt.

Probleme: Durch psychische und tw. physische Abhängigkeiten diverse medizinische und juristische Folgeprobleme. Durch Illegalität Beschaffungskriminalität und Subkultur; Reinheit des jeweiligen Stoffes ist nicht gewährleistet. Die Besitzgrenzmengen (vgl. Suchtgift-Grenzmengenverordnung), die ein Vergehen vom Verbrechen trennen, betrugen 2020 in Österreich 3g (Heroin), 15g (Kokain), 20g (Cannabis) und 30g (Ecstasy).

Illegale Drogen - Zahlen für Österreich:

Erstkontakt oft mit 13/14 Jahren, Verhältnis der Abhängigen  m / w ca. 4:1, 20% unter 25 Jahren. In Österreich gab es 2019 196 Drogentote, 2018 184 , 2012 161, davon 72 in Wien (2003 163, 2004: 229 - in Wien 88 - über 80% männlich -, 154 direkt; 2006 197, 2007 175 direkt, z. B. durch Überdosis oder Ersticken, 2011 177 + 24 „wahrscheinlich suchtbezogen“) bei leicht schwankender Tendenz (2002: 179, 2000: 227, 1998: 162, 1994: 250, 1990: 83) und 2012 ca. 34 000 (2006: 30 000, 2011 34 000) Menschen mit problematischem Konsum, davon etwa die Hälfte in Wien. (Vgl. Zahlen für Alkohol!) Tendenziell wurden die Drogentoten und -konsumenten bis vor Kurzem immer älter (Durchschnittsalter der Toten 2002 32, 2001: 31, 2000: 30, 1993 26 Jahre), 2003 aber gab es eine Trendwende (29,5), 2004 (Durchschnittsalter 28,7) stieg der Anteil der unter 20jährigen von 12% auf 21%. Der Mischkonsum (Polytoxikomanie) nimmt zu (in 60% der Todesfälle war auch Alkohol im Spiel). 2012 waren fast 17 000 Personen in der Drogensubstitutionstherapie (ca. 50% der Süchtigen). 2020 schätzte man die Zahl derer, die harte Drogen konsumieren, auf ca. 30 000 (also nicht einmal ein Zehntel der Alkoholabhängigen).
Zu Details vgl. Drogenbericht 2020

Folgende Suchtgifte werden konsumiert:

     + Cannabis: die am häufigsten verwendete und sichergestellte illegale Droge. (In Österreich rauchten 2007 geschätzte 70% aller Oberstufenschüler und 30% der Gesamtjahrgänge manchmal Cannabis. Während der Coronakrise 2020 stieg der Cannabiskonsum - wie der anderer Suchtmittel - aufgrund von Langeweile, mehr freier Zeit und tw. erhöhter psychischer Belastung etwas an.) Die Mischung der Blütenblätter der weiblichen Hanfpflanze mit Harz heißt Haschisch, das Gemisch aus getrockneten Blättern und Blütenständen Marihuana („Gras“). Es wird geraucht („Joint“), als Tee getrunken oder gegessen.

Wirkung: Beide enthalten den psychische Abhängigkeit erzeugenden Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol; der THC-Anteil im Cannabis hat sich seit 1995 in 25 Jahren verdreifacht), der wie die vom Körper selbst produzierten Endocannabinoide an spezifische Rezeptoren im Gehirn andockt. (Körpereigene Substanzen werden also imitiert, um direkt Bewusstseinsveränderungen auszulösen.) In den Handel kommt Cannabis in Platten gepresst oder als Pulver in den Farben grün-braun-schwarz - je dunkler, desto harzreicher und wirksamer, daher ist das - allerdings oft „gestreckte“ - Haschisch 5 bis 10mal so wirksam wie das harzlose Marihuana. Cannabis (s. a. BBC-Seite) wirkt zunächst (nach ca. 20 Minuten) stimulierend, nach bis zu 4 Stunden sedierend. Langfristig gerät das Gehirn „außer Tritt“, der IQ sinkt nach Studien um bis zu 8 Punkte, wenn der Konsum bereits im jugendlichen Alter begonnen wird.

Problem: dient oft als „Einstiegsdroge“ (wie auch Nikotin, Alkohol). Weltweit besteht eine leichte Tendenz zur Legalisierung (zumindest für medizinische Zwecke) oder zumindest Entkriminalisierung von Cannabis. (2013 wurde z. B. in Uruguay Handel und Produktion von Marihuana erlaubt und tw. vom Staat organisiert. Inzwischen haben z. B. einige Bundesstaaten der USA und Kanada nachgezogen.)

     + Opiate: In Österreich 2007 ca. 10 000 Konsumenten (2019 geschätzt 28 000 Abhängige, 2020 35 000, über 50% in Substitutionsbehandlung). Ausgangsprodukt ist der getrocknete Milchsaft des Schlafmohns, aus dem Rohopium (enthält Morphin, das auch isoliert in den Handel kommt, Codein, Narkotin, Papaverin und andere Alkaloide, in Kugel- oder Laibform im Handel) gewonnen wird. Opium wird durch Kochen oder Gärung erzeugt und geraucht oder gegessen. Halbsynthetisch werden die Morphinbase (hellbraunes, aus Rohopium extrahiertes Pulver, das injiziert wird) und aus ihr auf chemischem Wege das Heroin (Diazethylmorphin) hergestellt. (Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war man bestrebt, ein dem Morphin gleichwertiges Analgeticum, das aber nicht suchterregend wirkt, herzustellen. Ironischerweise führte dies zum Suchtgeschäft des Jahrhunderts.) Dieses ist je nach Reinheitsgrad weiß bis braun und schmeckt bitter. In den Handel kommt es oft gestreckt und wegen der Feuchtigkeit in Folien verpackt. Heroin ist zur Zeit die gefährlichste harte Droge. In der Medizin wird Opium als schmerzstillendes Mittel und das Codein, das ebenfalls von Süchtigen konsumiert wird („Wiener Mischung“ = Hustensaft mit Alkohol) z. B. in Hustensäften verwendet.

Gefahr: Die Abhängigkeit kann sehr rasch eintreten, die Rückfallquote ist hoch, die Begleitkrankheiten (Obstipation = Verstopfung, Nieren-, Leberleiden etc.) entkräften den Körper, der bei Fehlen von Heroin (engl. „H“) stark reagiert („Turkey“). Das mit den „Fixerutensilien“ erhitzte und gelöste Gift wird nach Abbinden der Venen injiziert, wobei die tödliche Dosis oft überschritten wird („Goldener Schuss“).

Wirkung aller Opiate: sedierend, entspannend, Apathie erzeugend.

    + Kokain („Schnee“, „Koks“, „Cola“; der Name „Kokain“ für ein Alkaloid der Cocapflanze wurde 1860 vom Chemiker Albert Niemann, 1834-1861, geprägt): = Extrakt der Blätter des aus Südamerika stammenden Cocastrauches (Drogenmafia von Medellin, Kolumbien!). Wurde ursprünglich zur Unterdrückung des Hungergefühls gekaut und wird heute als „Schickeriadroge“ als weißes Pulver geschnupft oder in einer alkoholischen Lösung injiziert.

Wirkung: steigert die Dopamin-Produktion, betäubt die Ganglien, putscht auf, führt zu scheinbarer Leistungssteigerung, enthemmt, ruft auch Halluzinationen und Juckreiz hervor und schränkt die Selbstkritik ein. Keine physische Abhängigkeit.

     + Halluzinogene: Substanzen, die Sinneseindrücke verändern, sind z. B. Mescalin (Spitzen des Peyotlkaktus werden, schon seit der Inka-Zeit, gekaut), Psilocybin (aus mittelamerikanischen Pilzen gewonnen), DOM (STP, DMT = synthetisch erzeugte Mescalinableger) oder das starke, nach Forschungen am Mutterkornpilz Claviceps purpurea synthetisierte und in Österreich erst 1971 verbotene LSD (Lysergsäurediäthylamid). Diese psychedelische (den Bewusstseinszustand verändernden) Droge auf der Basis toxischer Alkaloide wird für Rauschzwecke hergestellt (zum ersten Mal 1938 bei Sandoz (benannt nach Edouard-Constant Sandoz, 1853-1928) in Basel, 1943 vom Chemiker Albert Hofmann (1906-2008) im Selbstversuch erprobt) und als Flüssigkeit, in Tablettenform oder als stecknadelgroße „Minitrips“ verkauft. Als Kreislaufmittel untauglich, geriet es in Vergessenheit. 1960 vom „Drogenmessias“ Timothy Leary (1921-1996; Psychologie-Professor in Harvard; Slogan „Come on, tune in, turn on, drop out“) aufgegriffen und propagiert. Erst 1966 von den USA auf die Liste illegaler Rauschmittel gesetzt.

Wirkung und Gefahr:  Es kommt zu unberechenbaren Wahrnehmungsveränderungen und Trugwahrnehmungen, die im Falle eines „Horror Trip“ letal enden können (etwa, weil man glaubt, fliegen zu können). LSD wird daher meist in Gruppen genommen. Keine physische Abhängigkeit.

     + Synthetische Drogen (= sog. Designerdrogen): Da in den USA Drogen im Gesetz taxativ aufgezählt werden, besteht ein Interesse der Suchtgifthändler, immer neue Drogen, die dann kurze Zeit „legal“ sind, zu entwickeln. In letzter Zeit v. a. Speed ball, eine Heroin-Kokain-Mischung, Crack, ein speziell zubereitetes und billiges Kokain, das mit Tabak gemischt geraucht wird, DOM, die „Partydrogen“ Ecstasy (beide s. o.) und MDMA (das zur Gruppe der Methylendioxyamphetamine gehört), Ice, Crystal Meth, das chemisch dem seit den 30er-Jahren des 20. Jhdts. verbreiteten Methamphetaminhydrochlorid „Pervitin“ entspricht (wurde z. B. von der deutschen Wehrmacht oder 1953 von Hermann Buhl, 1924-1957, bei seiner Nanga-Parbat-Erstbesteigung verwendet), usw.
 
° Weitere Süchte (die ersten vier sind die wichtigsten Verhaltenssüchte):
     Workaholism: Unter Workaholics (= Kunstwort aus work und alcoholic) versteht man Menschen, die hektisches Angetriebensein kennzeichnet. Gefahr: Erschöpfen der physischen Reserven, z. B. durch Schlafentzug, psychosomatische Auswirkungen, z. B. Magengeschwüre. Interpretation: Kann durch Sublimation oder (Todes)verdrängung (es bleibt keine Zeit mehr, bei sich zu sein bzw. sich der Begrenztheit des Daseins oder zumindest eigener Lebensprobleme bewusst zu werden) erklärt werden.
     Spielsucht: Der pathologische Zwang, Glückspiel zu betreiben (Casino, „einarmiger Bandit“), ist in Österreich (ca. 60 000 pathologische Spieler) gesetzlich als Abhängigkeit anerkannt. Gefahr: Zerstörung der Existenz durch hemmungslose Verschuldung, in weiterer Folge ev. Kriminalität. (Durch unvorsichtig-naive Übernahme von Bürgschaften ist auch die Existenz anderer in Gefahr.) Spielsucht ist die wichtigste substanzungebundene Sucht (vgl. Fragebogen zur Spielsucht, Spielsuchthilfe).
      Onlinesucht: Kaum Zahlen verfügbar, hat aber in Österreich in den letzten Jahr(zehnt)en um Zehntausende zugenommen, sodass man mit bis zu 100 000 Abhängigen rechnet. Jugendliche (aber nicht nur sie) bringen es auf tw. unglaubliche online verbrachte Stundenanzahlen pro Tag. (Vgl. onlinesucht.de und Fragebogen-Selbsttest; die Startseite bietet Jugendlichen zahllose Informationen zu weiteren Problemfeldern.)
      Kaufsucht: eine auch Oniomanie genannte Impulskontrollstörung, deren Sinnlosigkeit im Unterschied zum Konsumismus den Betroffenen klar ist. Nach einer Studie der Arbeiterkammer Wien (2017) sind rund 13% der Bevölkerung kaufsuchtgefährdet und 11% kaufsüchtig, v. a. jüngere Frauen.
    + Essstörungen: Eine der häufigsten Essstörungen ist die Anorexia nervosa (Magersucht), die v. a. in der Pubertät (nicht nur) bei Mädchen auftritt und als psychogene Nahrungsverweigerung mit dem Zwang, das Gewicht dauernd kontrollieren zu müssen, erscheint. Sie tritt gekoppelt mit Amenorrhoe oder überhaupt dem Ausbleiben der Menarche und häufig in Verbindung mit Perfektionismus und/oder Bulimie (dem zwanghaften Erbrechen nach jedem Essen) auf. Den Hintergrund scheint eine unbewusste Ablehnung der Geschlechterrolle zu bilden. 4mal häufiger ist der große „Ochsenhunger“ (Binge-Eating-Störung). Adipositas (Fettsucht) besteht demgegenüber in überhöhter Energiezufuhr mittels Nahrung (in Österreich sind 30% der Kinder von Esssucht betroffen) und ist eine auch in späterem Alter vorkommende noch häufigere Essstörung. 2019 überwog weltweit erstmals in der Geschichte der Menschheit die Zahl der Übergewichtigen die der Untergewichtigen bzw. Hungernden. Vgl. Seite über Essstörungen (Der Standard), Magersucht mit BMI-Berechnung, Essstörungen, hungrig-online.de, Essstörungen (Stadt Wien) und folgende Kurzinformation
     + Sniffen: Schnüffeln von alltäglichen Essenzen, wie z. B. Klebestoffe, Fleckputzmittel, Benzin etc., die als (nicht unter das Suchtgiftgesetz fallende) Suchtersatzmittel verwendet werden.
      Andere Süchte: Sucht nach Süßigkeiten (v. a. Schokolade, aus mexikanisch „Xocolatl“, enthält Theobromin!, s. o.; vgl. folgende Seite), nach Sex (Hypersexualität; vgl. hier), nach der Betelnuss (v. a. in Ostafrika und Asien), nach SVV (s. o.) usw.

* Behandlung: Süchte werden mit Entziehungskuren (in Österreich z. B. Anton Proksch Institut, benannt nach Anton Proksch, 1897-1975, mit dem von Michael Musalek, *1955, entwickelten Orpheus-Programm) behandelt, die z. T. ambulant, z. T. stationär durchgeführt werden. Das Suchtmittel wird

° abrupt abgesetzt (die Entzugserscheinungen werden mit Beruhigungsmitteln abgefangen),
° ausschleichend dosiert (z. T. mit dem Ziel des kontrollierten Konsums) oder
° durch ein weniger stark wirksames Suchtgift ersetzt (z. B. Methadon statt Heroin)

Die Methode der Wahl hängt von der Art der Abhängigkeit und der Persönlichkeit des Patienten ab und beginnt mit der Kontakt- und Motivationsphase. Ambulante Therapien scheitern oft an der Rückkehrmöglichkeit in das gewohnte Suchtmilieu. Ein Entzug besteht immer aus der oft unangenehmen, aber im Verhältnis zum Kommenden relativ unproblematischen Entgiftungsphase und der weit schwierigeren Entwöhnungsphase. Die Dauer einer Therapie beträgt meist mehrere Jahre, die Rückfallquoten sind hoch. Eine begleitende psychotherapeutische Betreuung, vor allem eine Nachsorge- und Rehabilitationsphase zur Rückfallvorbeugung ist notwendig.

Besser als Therapie ist Prophylaxe (vgl. Fachstelle für Suchtvorbeugung Niederösterreich oder Informationen zur Suchtprävention bei Schüler/innen), die am wirksamsten (durch Erziehung mit liebevoller Konsequenz) in den ersten drei bis sechs Lebensjahren erfolgt.

 

- Neurosen:
Der Begriff (gr. νεῦρον / neuron = Nerv) wurde vom schottischen Arzt William Cullen (1710-1790) geprägt (im § 1019 von First Lines in the Practice of Physics, 1776-84). Bis ins vorige Jahrhundert wurde damit jede nicht erklärbare Krankheit bezeichnet (z. B. auch Epilepsie). Die heutige Bedeutung des Wortes geht auf Freud (s. u.) zurück. In diesem Abschnitt sind auch einige Persönlichkeitsstörungen enthalten.

Definition: Eine Neurose liegt dann vor, wenn ohne entsprechenden Anlass willentlich unbeeinflussbare Zustände, Verhaltensweisen oder vegetative Veränderungen von solcher Stärke auftreten, dass dadurch die Ordnung des psychischen und physischen Geschehens gestört wird. Neurosen bilden etwa zwei Drittel aller psychiatrischen Störungen. Man schätzt, dass mindestens 20% der Bevölkerung zumindest einmal im Leben darunter leiden.

° Physische Symptome: ähnlich denen des Affekts (s. u.): Tachykardie, Hyperventilation, Schweißausbrüche, Kreislaufbeschleunigung, Verdauungsprobleme, Überaktivität des Neurotransmitters Norepinephrin
° Psychische Symptome: Zwanghaftigkeit (Neurosen werden als aufdringlich, quälend, störend empfunden.)

* Angstneurose: unerklärliche, physiologisch von der Amygdala (einem Teil des Temporallappens, dessen Läsion zu einem völligen Verschwinden jeglicher Furcht führen kann) innerhalb von 12 Millisekunden eingeleitete und gesteuerte unspezifische Erregung, der keine äußere Gefahr entspricht („frei flottierend“); Panikattacken; vgl. Seite über Angsterkrankungen, Fragebogen 1, 2.

Nach Fritz Riemann (1902-1979) entstehen alle Ängste (diese Ängste müssen nicht zwangsläufig pathologisch sein) aus der Widersprüchlichkeit menschlicher Grundbedürfnisse, die sich in den beiden Antinomien Individuation vs. Hingabe und Beständigkeit vs. Wandel zeigt. Daraus erwachsen vier Grundformen der Angst (1961):

° Angst vor Selbsthingabe (schizoider Mensch, der Distanz halten muss)
° Angst vor Selbstwerdung (depressiver Mensch, der unter Trennungs- und Verlustängsten leidet)
° Angst vor Wandlung (zwanghafter Mensch, der Chaos und Veränderung schwer erträgt)
° Angst vor Notwendigkeit (hysterischer Mensch, der Bindung und Verantwortung scheut)

Die zehn häufigsten Ängste der Österreicher nach einer Umfrage aus dem Jahr 2001 waren die vor unheilbarer Krankheit (90%), die Sorge um die Zukunft der Kinder (68%), die Angst vor einem Verkehrsunfall (66%), vor Arbeitslosigkeit (66%), vor AIDS (59%), vor einem Reaktorunglück (57%), vor einem Weltkrieg (56%), vor Partnerschaftsproblemen (53%), vor dem finanziellen Ruin (52%). An zehnter Stelle steht mit 49% die Angst, dem Wahnsinn zu verfallen, die die größte Steigerung (+21%) gemessen an Umfragen von 1997 aufweist. Was bereitet den Österreichern Ängste und Sorgen im Jahr 2017? ergab Folgendes: Arbeitslosigkeit 82%, Ausländerzuzug 71%, gesicherte Zukunft der Kinder 67%, Terrorismus 61%, Einbruch, Diebstahl 59%, Pflegefall im Alter zu sein 59%, Naturkatastrophen 58%, Schwere Erkrankung 57%, Krieg 50%, Erhaltung des Lebensstandards im Alter 50%.

Spezialfall: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; engl. Posttraumatic Stress Disorder PTSD). Sie entsteht nach dem Durchleben von Gefahrensituationen (z. B. Naturkatastrophen, Krieg, andere Gewalterfahrungen etc.), denen man ausweglos ausgeliefert ist, und zeigt - neben allgemeiner psychischer Labilität - folgende spezifische Symptome (s. a. International Network for Interdisciplinary Research about the Impact of Traumatic Experience on the Life of Individuals and Society):

° Zwanghaftes inneres Wiederholen des durchlebten Traumas (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), manchmal mit Suizidimpulsen
° Chronische Angst, Schreckhaftigkeit, Meiden der angstauslösenden Situation (Ort, Tätigkeit etc.) um Retraumatisierung zu verhindern
° Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Albträume, gefühlsmäßige und soziale Abstumpfung, Freudlosigkeit, Depressivität oder erhöhte Reizbarkeit

und Akute Belastungsstörung als Sofortreaktion auf traumatisierende Erlebnisse (Möglichkeit zur Prophylaxe: Einsatz von Psychologen; vgl. Notfallpsychologie, Traumatisierte Migrantinnen oder eine Diplomarbeit über traumatisierte Flüchtlinge). Ein seit der Befreiung der KZs der NS-Zeit beschriebenes Phänomen ist das Überlebensschuldsyndrom, bei dem sich davongekommene Opfer einer Katastrophe gegenüber ihren toten Freunden, Angehörigen oder Kollegen schuldig fühlen.

Frauen sind doppelt so oft von Angststörungen betroffen wie Männer. Sowohl übertriebene Angst wie auch das Fehlen jeglicher Angstreaktionen sind evolutionär ungünstig, da die Entscheidung für Kampf oder Flucht nicht mehr situationsadäquat getroffen werden kann und tw. Erstarrung eintritt. Die rationale Beurteilung einer Situation hinkt den physiologischen Reaktionen immer hinterher. Im Prinzip ist Angst eine Stressreaktion des Gehirns im Dienste des Überlebens und Lernens.

Interessant ist, dass der Mensch als einziges Lebewesen freiwillig Angstzustände hervorruft (vgl. etwa Trails of Screams oder Haunted Houses zu Halloween) und dass Angstreaktionen abgekoppelt von Rationalität funktionieren, also auch ohne sachliche Grundlage bei vernachlässigbar geringer Gefahr - z. B. Angst vor Hühnern, Angst vor Flugzeugabstürzen (die Zahl derer, die nach 9/11 aus Angst vor dem Fliegen das Auto benutzten und als Verkehrstote endeten, kam z. B. an die der Terrortoten im WTC nahe heran), Angst, in Österreich Opfer von Terror zu werden, Angst vor Impfschäden, obwohl diese um Potenzen unwahrscheinlicher sind, als die Schäden der Krankheit, die verhindert werden soll, etc. - auftreten können, bei weit höherer Wahrscheinlichkeit, Schaden zu erleiden, aber ausbleiben (z. B. Angst, ins Auto einzusteigen, um zum Flughafen zu fahren, Angst vor Herzinfarkten bei Rauchern oder übergewichtigen Personen etc. Ob manche Ängste angeboren sind, ist umstritten.

* Phobie: objekt- oder situationsbezogene Angst, z. B. (terminologisch oft als "Furcht" bezeichnet), die oft reale Ursachen haben kann (es kann z. B. sehr sinnvoll bis lebensrettend sein, Höhe als Gefahr zu identifizieren), aber dann  den Anlass überschreitend auftritt, manchmal auch völlig irrational ist:

° Agoraphobie oder Platzangst: die Angst davor, alleine auf weitem Plan stehen zu müssen. (oft fälschlich mit Klaustrophobie, s. u., verwechselt)
° Klaustrophobie: Angst vor zuwenig Platz, z. B. bei Sitzplatz ohne Fluchtmöglichkeit
° Aichmophobie: Angst vor spitzen Gegenständen
° Arachnophobie: Angst vor Spinnen (oder Insekten allgemein)
° Bakterien-, Virenphobie
° Erethophobie: Angst, zu erröten
° Flugangst
° Höhenphobie
° Nosophobie: Angst vor Krankheiten
° Phobie vor abstrakten Dingen und Symbolischem (vgl. Totem, Tabu)
° Phobie vor radioaktivem Material
° Phobophobie: Angst davor, Angst zu bekommen
° Prüfungsangst (vgl. Fragebogen): Jede Nervosität aktiviert auch und ist daher zunächst positiv. Überschreitet sie jedoch ein gewisses Level, hemmt sie und kann durch inkompatibles Verhalten (s. u.) oder Entspannungsübungen (bewusstes Anspannen - Entspannen des Körpers von oben nach unten im Wechsel) bekämpft werden. (Die beste Prophylaxe ist eine seriöse Vorbereitung.)
° Schlangenphobie
° Soziale Phobie (Angst vor Öffentlichkeit, beginnend mit Schüchternheit)    ... u. v. a.

* Zwangsneurosen (Anankasmen): (Vgl. www.zwaenge.de und Fragebogen) Sie treten in zwei Formen auf:

° Zwangshandlungen: z. B. Zwang, Servietten zu beschriften, (die Wohnungstür) zu kontrollieren; Zwang zu lästern, zu zählen, zu ordnen, Kugeln aus Käserinde oder Kerzenwachs zu formen. Stärkere (und v. a. selbst und andere schädigendere) Phänomene sind der Zwang Feuer (Urelement, Symbol der Leidenschaft) zu legen (Pyromanie), zu stehlen (Kleptomanie), sich Männern bzw. Frauen an den Hals zu werfen (Nymphomanie bzw. Satyriasis); sie werden oft nur als sich aufdrängende Handlungsimpulse erlebt, deren Ablauf bei Ausführung der Handlungen ähnlich einem Orgasmus über einen Höhepunkt zur Depression führt.

Oft sind Zwangshandlungen nahe einer Verhaltenssucht (s. o.), sie sind komplexer als Tics, die wieder nicht zu verwechselt werden dürfen mit dem genetisch bedingten Tourette-Syndrom (nach Georges Albert Édouard Brutus Gilles de la Tourette, 1857-1904; vgl. auch Tourette-HP, Tourette-Forschung), bei dem Echolalie, Echopraxie, Koprolalie und motorische und vokale Tics gleichzeitig auftreten.

° Zwangsgedanken (bzw. Zwangsvorstellungen): z. B. Zwang, obszöne Gedanken zu denken, Zweifelsucht, Vergewisserungszwang etc.

* Hysterie: krankhaftes Meidungsverhalten unangenehmer Situationen (z. B. „Flucht in die Krankheit“); stellt oft den Versuch dar, etwas Erwünschtes dadurch zu erzwingen, dass anderen unbewusst Angst eingeflößt wird. Zwei Arten:

° Konversionshysterie: Ausfall von körperlichen Funktionen (z. B. Lähmung, od. sensorisch) ohne äußere Ursache; verschwindet im Schlaf und unter Hypnose. Verwandt damit sind die 1915 von Charles Samuel Myers untersuchten Shellshocks (kriegserlebnisbedingte physische Ausfälle bzw. Zittern ohne organische Ursache)
° Hysterische Bewusstseinsspaltung: Patient verliert die Fähigkeit, sich über die Zeit als gleichbleibend, als eine Person, zu erleben; kann bis zur (seltenen) schwerwiegenden Multiplen Persönlichkeit führen, die z. B. vom „Würger von Los Angeles“ simuliert worden ist bzw. von Robert Louis Balfour Stevenson (1850-1894) in Dr. Jekyll und Mr. Hyde literarisch dargestellt wurde. Die heutige Bezeichnung lautet DIS (Dissoziative Identitätsstörung)

* Hypochondrie: der Patient „erfreut sich schlechter Gesundheit“, da er sich als von seinem Körper abgetrennt empfindet und seine Zustände analysiert statt sie zu erleben.

* Depressive Neurose: Verlust des rechten Maßes des Reagierens auf Situationen des Verlustes, Versagens, der Enttäuschung etc. Die an sich natürliche Phase der Depression wird zwanghaft verlängert.

* Experimentelle Neurosen: durch psychologische Exe. oft willentlich herbeigeführte neurotische Zustände, z. B. Pawlow'scher Hund, wenn er zwischen einem Kreis und einer Ellipse nicht mehr unterscheiden kann (s. o.); oder „Little Albert“ (s. o.); oder an der Wiener Klinik Hoff (Hans Hoff, 1897-1969 gilt als der Begründer der Wiener Psychiatrischen Schule, die eine Vermenschlichung der Zustände unter Berücksichtigung der Würde der Klienten durchsetzen wollte; vgl. u.) durchgeführte Exe. mit Katzen in einer Skinner-Box (s. o.), die durch Frustrationserlebnisse (eine durch operantes Konditionieren eingelernte Verhaltenskombination, die zur Gabe von Futter führen soll, wird unregelmäßig mit Luftstößen „bestraft“) dazu gebracht werden, freiwillig mit Alkohol versetzte Milch zu trinken und diese auch unter drei anderen Schalen mit reiner Milch zu erkennen, die sie normalerweise verschmähen (unter vier Schalen wird die einzige NICHT mit Alkohol versetzte Milch gefunden). Im Zuge dessen leidet ihr Äußeres, sie verlieren anderen Katzen gegenüber ihre Dominanz und können nur durch liebevolle Pflege wieder "gesunden".

* Noch nicht erwähnte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen: Hierzu zählen z. B.:

° Störungen der Geschlechteridentität (Transsexualität; vgl. etwa transmann.de) bzw. der Sexualpräferenz (z. B. Sadismus, Masochismus, Voyeurismus u. a.; Begriffe oft von Richard von Krafft-Ebing, 1840-1902, in seiner 1886 ersch. Psychopathia sexualis geprägt). Beide unterliegen aber in den letzten Jahrzehnten einer Entpathologisierungstendenz und werden - ähnlich der Schwangerschaft - als teilweise behandlungsbedürftige, aber nicht krankhafte Varianten angesehen. (Aufgrund dieser Entwicklungen wurde beispielsweise Homosexualität in Österreich 1971 straffrei gestellt.)
° Narzissmus mit Phantasien die eigene Brillanz betreffend, Überempfindlichkeit gegenüber anders lautender Meinungen anderer. Narzissten sind eigensüchtig, aber kränkbar. (Man beobachtet eine starke Zunahme dieses Zustandsbildes seit der digitalen Revolution ca. ab 2000. - Zu Kränkung s. o.)
° Dissoziale Persönlichkeiten mit geringer Frustrationstoleranz, Diskrepanz zwischen eigenem Verhalten und den sozialen Normen und deformierter Emotionalität („Psychopathen“)
° Emotional instabile Persönlichkeiten mit Tendenz zu Launenhaftigkeit, Impulse auszuagieren, zu emotionalen Ausbrüchen, ev. Streitsucht; bei übermäßiger Emotionalität Histrionismus, z. T. vom Borderline-Typus (zusätzlich mit Selbstbild-Störung und mangelnder Impuls-Kontrolle, Affektstürmen, suizidalem Verhalten, Dissoziation, also „Entfernung“ des Geistes vom Körper etc.). Definition des Borderline-Erforscher Otto F. Kernberg, *1928: „Ein Borderline-Patient versteht sich in schwerwiegender Weise selbst nicht [...] und zugleich versteht er wichtige andere Personen nicht mit dem Resultat chaotischer menschlicher Beziehungen, weil er das eigene und das Verhalten anderer nicht vorhersagen kann.“  (Kernberg im Gespräch mit Manfred Lütz, *1965. Freiburg im Breisgau 2020) - Vgl. a. u. bzw. Selbsttest) usw.

 

- Psychosen:
Der Begriff „Psychose“ wurde 1845 von Ernst Maria Johann Karl Freiherr von Feuchtersleben
(1806-1849), einem Wiener Arzt und Freund von Franz Seraphicus Grillparzer (1791-1872), der auch als Mitbegründer der psychosomatischen Medizin gilt, zum ersten Mal verwendet.

Definition: Wenn das Erleben und Verhalten eines Menschen derart stark von der Norm abweicht, dass der Kontakt zur Realität verloren geht und die Persönlichkeit nachhaltig desintegriert ist, so wird dieser Zustand als psychotisch bezeichnet.
Psychosen, die auf physische Ursachen zurückzuführen sind, nennt man organische Psychosen (z. B. durch Tumoren, Altersdemenz, Alkohol oder Gehirnläsionen verursacht). Im folgenden ist ausschließlich von der zweiten Gruppe, den funktionellen oder endogenen Psychosen, die Rede. (Vgl. Was sind Psychosen?)

* Paranoide Psychosen (griech.: verschobener Geist, = mit Wahnideen verbundene Psychosen): Unter Wahn wird eine lebensbestimmende „Privatwirklichkeit“ verstanden, die - nach Karl Theodor Jaspers (1883-1969) - subjektiv gewiss, unkorrigierbar und inhaltlich unmöglich ist.

° Paranoia: der Patient leidet unter persistierenden (lange andauernden) Wahnideen (= der objektiven Realität widersprechenden Wahrnehmungsinhalten, die zäh verteidigt werden). Am häufigsten sind (häufig gekoppelt): Verfolgungswahn, Größenwahn und Beziehungswahn (man bezieht alles auf sich). Der Paranoiker baut komplizierte Gedankengebilde auf seinen Wahnideen auf, in die alle Therapieversuche miteinbezogen werden. (Deshalb ist manchmal eine paradoxe Intervention, s. u., wirksam.) Ein Spezialfall ist das Capgras-Syndrom (Angehörige werden für Doppelgänger gehalten; nach Joseph Capgras, 1873-1950), das aber wie die Prosopagnosie (s. o.) auch auf Hirndefekten beruhen könnte.
° Paranoider Zustand: vorübergehende Wahnideen

* Affektive Psychosen (die Gemütslage betreffende Psychosen): Die Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen (Zyklothymie), verbunden mit Denk- und Verhaltensstörungen. Ursächlich scheinen u. a. Störungen des Serotonin-Haushalts zu sein (vgl. u.).

° Manie: ist eine intensive Hochstimmung ohne Grund; ein unangemessen gesteigertes Lebens- und Selbstwertgefühl mit „Bremsversagen“, verbunden mit einem Drang zu Rede (Logorrhoe), zu Bewegung, zu Lachen, bzw. allgemein zu Aktivität. Oft tritt Größenwahn auf. Die Sprache ist assoziativ, gedankenflüchtig, ohne Stringenz. (Beispiel von Navratil, s. u.: „Erbtanten habe ich nicht, Inzucht liegt bei mir auch nicht vor, nicht einmal Unzucht, dafür stamme ich aber von Karl Martell, dem 'Hammer'. Im Hammerverlag sind seinerzeit sehr bedeutende politische Schriften erschienen. Der 'Hexenhammer' allerdings nicht, der ist mindestens 500 Jahre älter. Meine Alte fällt auch drunter, die hätt' man damals glatt verbrannt. Heirate oder heirate nicht, bereuen wirst du beides, sagt Kierkegaard. Die Axt im Haus erspart den Scheidungsrichter, sag ich! Ich bin aber nicht gemeingefährlich, ich bin nur Gemeinen gefährlich! Ach, da kommt ja schon wieder die Straßenbahn mit ihrem saudummen Geklingel...“ sagte ein manischer Patient auf die Frage des Psychiaters, ob es in seiner Familie Geisteskranke gebe; zitiert nach Schizophrenie und Sprache. München 1966, S. 45.)
° Depression (vgl. Fragebogen 1, 2Allgemeine Informationen) bezeichnet eine starke, grundlose oder über den Anlass hinausgehende Niedergeschlagenheit, Melancholie, Schwermut, verbunden mit Verminderung jeder Aktivität (Antriebsverlust, chronischer Energiemangel), Gefühlen der Wertlosigkeit (Verlust des Selbstwertgefühls), Selbstvorwürfen, Appetitlosigkeit, Konzentrations-, Merkfähigkeits- und Schlafstörungen bis hin zur Suizidgefahr (Lebensüberdruss; mehr als 20fach höher als in der Normalbevölkerung; der Begriff „Selbstmord“ moralisiert, der Begriff „Freitod“ insinuiert Handlungsspielraum; unter erweitertem Suizid versteht man die Mitnahme von Nahestehenden, für die man in diesem Moment einer eingeengten Sicht ebenfalls keinen Ausweg mehr sieht.).
Vgl. auch Suizid-Prävention und World Suicide Prevention Day

Von Erwin Ringel (1921-1994), der auch als Pionier der Psychosomatik bzw. der Medizinischen Psychologie gilt und seinen Einfluss geltend machte, die Katholische Kirche davon zu überzeugen, auch Selbstmördern trotz „Judassünde“ - ein Suizid (wie das Erhängen des Judas) leugne die Allmacht Gottes, da ihn nur vollziehe, wer daran zweifle, dass ihm vergeben werden könne - ein kirchliches Begräbnis zu gestatten (davor gab es nur ein „Eselsbegräbnis“ - sepultura asini, nach Jeremia 22,19 - außerhalb der Friedhofsmauern), wurde das Präsuizidale Syndrom beschrieben: Danach werden so gut wie alle Selbstmorde angekündigt. Der Patient erlebt vor dem Suizid:
     + Einengung, die ihm „situativ“ (die Welt wird als unbeeinflussbar empfunden) subjektiv immer weniger Bewegungsspielraum lässt (wie beim „Panther“ von Rainer Maria Rilke, 1875-1926: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt“), „dynamisch“ seine Affekte in Richtung Depression und Selbstvernichtung richtet, aber auch die „zwischenmenschlichen Beziehungen“ (bis zur völligen Isolierung) und die „Wertwelt“ (Gleichgültigkeit, nichts ist wirklich wichtig) betrifft.
     + Selbstmordphantasien, die in drei Stadien erscheinen: tot zu sein, Selbstmord zu begehen und, zuletzt, es in einer ganz bestimmten Weise zu tun. (Alarmzeichen!)
     + Aggressionsumkehr, also Aggression, die gehemmt und gegen die eigene Person gerichtet ist. Durch die Unfähigkeit, sie nach außen abzureagieren, bietet sich der eigene Körper als Ersatzobjekt an (wie auch bei Alkoholismus und anderen Süchten, manchen Unfällen, psychosomatischen Erkrankungen etc.)

In einer clusteranalytischen Studie, die 2000 im Auftrag des Ludwig-Boltzmann-Institutes (nach Ludwig Boltzmann, 1844-1906) für angewandte klinische Psychologie erarbeitet wurde, konnte dabei Ringels Konzept von der Aggressionsumkehr nicht bestätigt werden. Sie zeigt viel mehr auf, dass bei selbstmordgefährdeten Personen beide Aggressionsdimensionen (die nach außen und die nach innen) ansteigen. Gefahr ist in Verzug, sobald die Autoaggression die nach außen gerichtete Aggression überwiegt und auch die beiden anderen von Ringel genannten Faktoren zutreffen.

Walter Pöldinger (1929-2002) beschreibt 1968 die suizidale Entwicklung in drei Phasen:
     + Stadium der Erwägung: Die Selbsttötung wird als eine von mehreren Möglichkeiten in Betracht gezogen (je konkreter, desto gefährlicher die Situation).
     +
Stadium der Ambivalenz: Die potentiellen Suizidanten sind hin- und hergerissen: Soll ich oder soll ich nicht?
     +
Stadium des Entschlusses: Für den Betroffenen steht fest, dass er sein Leben beenden will. (Phase der inneren Beruhigung, die von der Umgebung aber falsch verstanden wird; auf indirekte Hinweise achten: Testament, überraschende Reisepläne etc.)

Suizid („Selbstmord“) in Österreich (Fakten):

 

Weltweit beobachtet man etwa 1000 Suizide pro Tag. In Europa liegen Litauen, Estland und Russland mit ca. 40 sowie Finnland und Ungarn mit über 30 pro 100 000/a an der Spitze, positives Schlusslicht ist Griechenland mit deutlich unter 10 pro 100 000/a. Deutschland verzeichnete z. B. 1999 ca. 11 000 Suizide, drei Viertel Männer. Global steigt die Suizidrate an, in den Industrieländern sinkt sie; in Österreich um 40% seit Beginn der Aufzeichnungen. Das meistbetroffene österreichische Bundesland ist seit Jahren die Steiermark (19,6 pro 100 000 Ew.) vor Kärnten und Salzburg (Schlusslicht Wien mit 12,2 pro 100 000 und das östliche Burgenland mit unter 10), der meistbetroffene Bezirk Murau (7,5 von 30 000 Ew. pro Jahr Suizidanten, also jeder 4000ste). „Auf dem Land“ gibt es prozentuell mehr Selbstmorde als in der Stadt.

Die größte von Suiziden betroffenen Altersgruppen sind bei Frauen die 20-40-Jährigen, bei Männern 65+. (Männer 75+: 118 Suizide auf 100 000 Ew., ab 85 ist das Suizidrisiko 5x höher als das der Gesamtbevölkerung!) Ein besonders hohes Suizidrisiko besteht für geschiedene Männer und Alkoholiker (für die Suizid die zweithäufigste Todesursache darstellt; jeder 2. Selbstmord erfolgt unter Alkoholeinfluss, ein häufiger Anlass ist die Abnahme des Führerscheins), nach einem bereits erfolgten Suizidversuch und im ersten Jahr nach einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Viele Suizide sind Bilanzselbstmorde von Alkoholikern und älteren, ev. terminerkrankten Menschen ohne geistige Grunderkrankung, die keine Zukunft mehr für sich sehen. Österreich hat eine der höchsten Pro-Kopf-Selbstmordraten der Welt. (Thomas Bernhard, 1931-1989: „Ich wundere mich hier überhaupt nicht, wenn einer durch Selbstmord stirbt, ich wundere mich nur, wenn er nicht durch Selbstmord stirbt.“)

Die Gründe für die sinkende Tendenz in Österreich liegen in einigen suizidsenkenden Maßnahmen: Verschärfung des Waffengesetzes 1997, Entgiftung des Stadtgases in Wien in den 70er-Jahren, Erarbeitung von Richtlinien zur Medienberichterstattung über Suizid Mitte der 80er Jahre, die, wie Univ. Prof. Sonneck, Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Wien - s. u. -, in Ö1 am 18.3.2008, 19:00, darstellte, ab 1.7.1987 einen Rückgang der U-Bahn-Selbstmorde um 60% und zum ersten Mal eine Reduktion der Gesamtzahl an Suiziden bewirkten (die Einstellung der Berichterstattung hatte den nach Goethes, s. o., Roman so genannten Werther-Effekt hintangehalten; es wird allerdings auch der gegenteilige Papagenoeffekt beschrieben, nach dem - analog der Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, 1756-1791 - in manchen Fällen eine Thematisierung und damit einlangende Hilfestellungen Suizide verhindern können), Verbesserung der psychosozialen Hilfestellungen und Entfernung einiger stark toxischer Medikamente vom Markt: 1945 (in einer Sondersituation u. a. aufgrund zahlreich drohender Todesurteile für NS-Verbrecher) ca. 5000, 1982 bei Männern über 50 Suizide auf 100 000 Ew.!, 1986 über 2100 Selbstmorde pro Jahr.  2010 gab es in Österreich 1280 Selbstmorde. Das war ein historischer Tiefststand, der 2018 noch einmal auf 1209 unterboten wurde; ca. jeder 5000ste bringt sich um, also etwa 15 von 100 000 Einwohner. (Zum Vergleich: 2018 gab es in Österreich 409 Verkehrstote; auch hier hat sich die Zahl seit 1970 - 2507 Verkehrstote - deutlich verringert.)



Quelle: https://diepresse.com vom 9.11.2014



aus: derstandard.at 7.9.2012

Die häufigsten Suizidmethoden 2018 waren Erhängen (45% bei Männern, 42% bei Frauen) vor Vergiften (bei Frauen 21%, überproportional häufig mit Schlafmitteln) und Erschießen (bei Männern Nr. 2 mit 23%; 50% [= höchste Quote aller Methoden] aller Versuche enden hier tödlich). Mehr als 10% der Suizidanten springen aus großer Höhe, 7% werfen oder legen sich vor bewegte Objekte.

Männer töten sich etwa dreimal so häufig wie Frauen (bei Kinderselbstmorden ist die männliche Dominanz weit höher). Das Verhältnis Suizid/Suizidversuch beträgt bei männlichen Jugendlichen 1:12, bei weiblichen 1:39, die statistische Erfassung letzterer ist jedoch schwierig.

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (Лев Николаевич Толсто́й, 1828-1910) hielt den Selbstmord - ohne ihn zu praktizieren - in den Bekenntnissen für die ehrlichste der vier Antwort auf das Unrecht der Welt. (Die anderen drei seien kindliche Ignoranz, hedonistischer Rausch und trotziges Durchhalten.)

Zu Suizid vgl. Statistik, Zahlen für Europa („Bevölkerung/Gesundheit/Todesursachen“), Aktuelle Informationen und Suizidberichte für Österreich, Suizidinformationen Deutschland, Suizidgefahr erkennen, Linksammlung, Suizid bei Kindern und Jugendlichen, Seite der IASP (International Association for Suicide Prevention), Studie „Suizide von Männern in Österreich“ (Wien 2003), Wiener Werkstätte für Suizidforschung, österreichischer Suizidpräventionsplan, Suizidmedienrichtlinien im Zusammenhang mit COVID 19 und diverse Veröffentlichungen
 

° Bipolare affektive Störung, früher Manisch-depressives Irresein: Periodischer Wechsel der oben beschriebenen Grundstimmungen

* Schizophrenie: Diese Bezeichnung wurde 1911 von Eugen Bleuler (s. o.) als Sammelname für alle nicht erklärbaren Persönlichkeitsstörungen, z. B. auch für Epilepsie, eingeführt. Sie löste den früheren Namen Dementia praecox (= „vorzeitiger geistiger Abbau“) ab und bedeutet „gespaltenes Zwerchfell“ (für die alten Griechen sitzen dort Geist und Seele).

Heute bezeichnet man damit den Persönlichkeitszerfall mit zunehmender Abstumpfung gegenüber der Umwelt. Schizophrenie tritt in Schüben auf (vgl. Bezeichnung: Spaltung zwischen normalen und psychotischen Phasen). Vgl. Mentalhealth-Seite, Medizinische Informationen, schizophrenia.com, What happens to the body and brain of individuals with schizophrenia?

Woran erkennt man Schizophrenie?


Die Symptomatik ist ausgesprochen vielfältig. Zu den Hauptsymptomen der Schizophrenie gehören Denkstörungen, veränderte Sprache und Halluzinationen.

  • Formale Denkstörungen
    Die formalen Denkstörungen fallen im Gespräch als Zerfahrenheit auf. Der Denkablauf ist verzerrt. Ein geplanter Gedankengang wird nicht durchgehalten, ist sprunghaft, unlogisch und wird manchmal abrupt abgebrochen. Ein nebensächliches Wort führt zu völlig neuen Assoziationen. Der Redeinhalt erscheint teilweise unverständlich.
  • Inhaltliche Denkstörungen
    Sie äußern sich am deutlichsten als Wahn. Dabei handelt es sich um eine falsche Beurteilung der Realität, die oft nicht korrigierbar ist. Häufig kommen Verfolgungs-, Beeinflussungs- und Bedeutungswahn vor. Beim Bedeutungs- oder Beziehungswahn beziehen die Betroffenen die zufälligsten Ereignisse der Umgebung auf sich selbst. Daneben beobachtet man religiösen Wahn und Größenwahn. Der Wahn kann zwar, muss aber nicht auf äußere Wahrnehmungen Bezug nehmen. In enger Verbindung mit der veränderten Realitätsauffassung steht die oft fehlende Krankheitseinsicht.
  • Veränderte Sprache
    Die Sprache wirkt oft manieriert, unnatürlich in Intonation und Artikulation. Sie ist zuweilen voller Wortneuschöpfungen, die im einfachsten Fall durch das Zusammenziehen mehrerer Worte entstehen.
  • Halluzinationen
    Die Halluzinationen stehen in Beziehung zum Wahndenken. Es sind Sinneswahrnehmungen, die die Betroffenen für wirkliche Sinneseindrücke halten, obwohl der entsprechende Sinnesreiz nicht vorhanden ist. Halluzinationen können alle Sinnesbereiche betreffen, meistens sind sie jedoch akustischer Natur. Charakteristisch ist das „Stimmen hören“. Die Stimmen unterhalten sich über den Betroffenen, kommentieren sein Handeln und geben ihm auch Befehle.
  • Ich-Störung
    Die Betroffenen empfinden die Grenzen zwischen dem eigenen Ich (Gedanken, Gefühle, Körper) und der Umwelt als durchlässig und verschwommen. Sie erleben sich selbst als fremd und unwirklich. Es kann zu einem Gefühl der Fremdbeeinflussung oder Gedankeneingebung von außen kommen. Darüber hinaus können die Betroffenen den Eindruck haben, dass ihre Gedanken mitgehört, von anderen gelesen, von außen blockiert oder entzogen werden. Die Betroffenen leben gleichzeitig in einer wirklichen und einer wahnhaften Welt.
  • Störungen der Emotion und Motivation
    Es treten Stimmungsschwankungen auf, zuweilen auch eine leere, grundlose Heiterkeit. Die Gefühle sind unangepasst. Sie stimmen nicht mit der Rede oder mit dem Gehörten überein. Auch Gefühlsäußerungen oder der mimische Ausdruck passen oft nicht zur Situation. Das kann sich unter anderem darin äußern, dass die Betroffenen beim Berichten oder Erfahren eines traurigen Sachverhalts lachen. Der emotionale Kontakt zu anderen Menschen ist reduziert.
  • Affektverflachung
    Die Gefühle werden allgemein schwächer und weniger, vor allem nach längerem Krankheitsverlauf.
  • Interessen- und Antriebslosigkeit
    Die Betroffenen können außer für die Verrichtung der Grundfunktionen kaum noch für etwas gewonnen werden. Sie entwickeln aus sich heraus keine Motivation. Interessen- und Antriebslosigkeit tritt meist erst im Verlauf der Störung auf.
  • Rückzug von sozialen Aktivitäten
    Soziale Kontakte und Aktivitäten werden gemieden. Die Betroffenen werden zu zurückgezogenen Einzelgängern.
  • Autismus
    Die Betroffenen sind fern von jeder Realität und eingesponnen in die eigenen Interessen. Sie nehmen ihr Umfeld kaum noch wahr.
  • Psychomotorische Symptome
    Es zeigen sich häufig Bewegungslosigkeit oder starke motorische Unruhe. Bei einem gewissen Intensitätsgrad werden diese Symptome auch als Katatonie bezeichnet. Es kommen sowohl Überaktivität mit meist sich wiederholenden, stereotypen Bewegungen (katatone Erregung) als auch extreme Unbeweglichkeit und Reaktionslosigkeit (katatoner Stupor) vor. Dabei verharren die Glieder oft für Stunden in unphysiologischen Stellungen (Katalepsie). Bei der seltenen schweren Form der perniziösen Katatonie treten hohes Fieber und andere vegetative Regulationsstörungen auf. Dieser Zustand ist lebensbedrohlich. Auch die Kooperationsfähigkeit ist teilweise verändert. Beispielsweise machen die Betroffenen automatisch das Gegenteil des Verlangten oder führen es roboterhaft aus.

Darüber hinaus zeigen Schizophrene bestimmte Eigenheiten. So haben Betroffene ungewöhnlich hohe oder niedrige Raten beim Blickreflex, sie haben Schwierigkeiten, einem bewegten Objekt mit den Augen zu folgen.
Es gibt jedoch keine schizophreniespezifischen Symptome. Die Symptome können einzeln oder kombiniert auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten. Erst ein Bündel von Symptomen ergibt ein Syndrom. Zur Erfassung sozialer Abweichungen s. o. DSA-M

Quelle: https://www.aponet.de

            Man unterscheidet folgende Formen der Schizophrenie:

° Schizophrenia simplex: ist die Grundform der Schizophrenie. Mögliche Symptome: Wahnideen, die Sprache ist durch Begriffszerfall (ähnlich der Dichtung) gekennzeichnet. (Wörter und Begriffe sind nicht eindeutig definiert = abgegrenzt und damit schwer zuordenbar; der Therapeut muss interpretieren, z. B. die doppelsinnige Äußerung: „Meine Mutter musste heiraten, und deshalb bin ich hier.“) Zunehmende Reduzierung der Verbindungen zur Außenwelt; Demenz (Abbau der Persönlichkeit und des Denkvermögens); Wegfall von Hemmungen. Insgesamt zeigt sich in schleichender Progredienz merkwürdiges Verhalten, das mit sozialen Anforderungen nicht mehr kompatibel ist.
° Paranoide Schizophrenie: von, im Gegensatz zur Paranoia nicht notwendigerweise systematisierten, Wahnideen begleiteter Persönlichkeitsabbau. (Akustische) Halluzinationen mit imperativem Charakter (z. B. eine als real empfundene Stimme aus dem Radio: „Ich, Gott, befehle dir, ...“) treten auf und werden handlungsbestimmend (kann in seltenen Fällen bis zum Mord führen).
° Katatonie (katatone Schizophrenie): beginnt plötzlich mit Halluzinationen und Wahnideen, die sich mit psychomotorischen Störungen verbindet. Nach einer Erregungsphase tritt oft plötzliche Erstarrung der Willkürmuskulatur auf (katatoner Stupor). Die gerade eingenommene Lage wird oft über Stunden beibehalten, die Körperfunktionen werden vergessen, auf Reize wird trotz Wachheit nicht reagiert.
° Hebephrenie: besonders schwere Form der Schizophrenie, die im Jugendalter auftritt. Symptome: Verlust jeglicher Anpassung und Integration; völliger Persönlichkeitsabbau; Regression.
° Mischformen mit Symptomen aller Art oder unklarer Symptomatik.

Ein in der Forschung besonders berücksichtigter Gesichtspunkt der Schizophrenie ist ihr Zusammenhang mit Kunst, der seit Jahrhunderten dadurch offensichtlich war, dass zahllose weltbekannte Künstler unter Schizophrenie litten (wie z. B. Friedrich Hölderlin, 1770-1843, der die zweite Hälfte seines Lebens pflegebedürftig war). Leo Navratil (1921-2006) hat in der niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging das „Haus der Künstler“ gegründet (eine Art Wohngemeinschaft malender oder dichtender Anstaltsbewohner, die damals noch „Zentrum für Kunst und Psychotherapie“ hieß und erst 1986 aus der Klinik herausgelöst wurde) und mit seinen Büchern Schizophrenie und Kunst (1965) bzw. Schizophrenie und Sprache (1966) der Art Brut („rohe, wilde Kunst“ der psychisch Kranken, die er allerdings - ärztlich einschränkend - „zustandsgebundene Kunst“ nannte) zu einer breiten Öffentlichkeit verholfen. Einige wichtige Künstler waren Johann Hauser (1926-1996), Oswald Tschirtner (1920-2007) und August Walla (1936-2001). Navratils Nachfolger Johann Feilacher (*1954), selbst Künstler, stellte ab 1986 weniger den Therapieaspekt als die Eigenständigkeit der Kunst seiner Klienten in den Mittelpunkt des ärztlichen Wirkens und gründete das „museum gugging“. Der Patientenstatus der Künstler fiel weg.

 

- Andere Einteilungen:
Es existieren zahllose andere Einteilungen und Klassifizierungen psychischer Störungen, z. B. die des
amerikanischen Psychiaters Karl Menninger (1893-1990), der ein hierarchisches System der Kontroll-(Funktions-)Störungen aufgestellt hat:

° 1. Ordnung: rhythmische Bewegungen, Rauchen, Trinken, Lachen, Weinen, Fluchen, Prahlen, Phantasien, Tagträume etc.
° 2. Ordnung: Stress ist so stark, dass die genannten Kontrollen zu seiner Beseitigung nicht ausreichen. Symptome von Neurosen, also Phobien, psychosomatische Krankheiten, neurotische Depressionen, Zwangshandlungen, Kleptomanien, Perversionen mit aggressiver Komponente in verhüllter Form. Der psychisch zu zahlende Preis ist höher als bei den Symptomen erster Ordnung.
° 3. Ordnung: noch schwerwiegendere Kontrollstörungen mit „unverhüllten Aggressionen“ in drei Formen: chronisch-aggressives Verhalten, episodisch-impulsive Gewalttätigkeiten und episodische Gewalttätigkeiten mit Desorganisation.
° 4. Ordnung: Symptome von Psychosen (z. B. Schizophrenien). Sie repräsentieren eine „vorletzte Anstrengung, etwas Schlimmeres zu vermeiden“.
° 5. Ordnung: maligne Angstzustände und Depressionen, die im Tod, oft durch Suizid, enden

 

THERAPIEFORMEN

Vgl. psyonline.atPsychotherapie-Links, den Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie, Berufsverband österreichischer Psychologinnen, die American Psychiatric Association o. ä.

 

- Definition
„Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.“

Hans Strotzka (1917-1994; Hrsg.): Psychotherapie. München 21978, S. 4

 

- Geschichte
Historisch erwähnenswerte (1000e Jahre alte) „Therapieformen“, die vermutlich auch oder gerade bei Zustandsbildern angewendet wurden, die man heute als psychische Erkrankungen diagnostizieren würde, sind der Schamanismus (bis heute existent; soll die verlorene Seele finden und dem Körper zurückgeben), die Chiromantie (Handlesen) und die Trepanation (schon in der Steinzeit praktiziertes Aufbohren des Schädeldaches, um - ähnlich dem Aderlass und gewissen Reinigungspraktiken - Druck zu mildern und Dämonen entweichen zu lassen).

Die erste (und lange Zeit einzige) psychiatrische Anstalt war seit 1357 das „Bedlam“ = Londoner Bethlem Hospital, das bald als Stätte des Schreckens galt. Europaweit wurden Patienten erst in der Zeit der Aufklärung aus der Kettenhaltung befreit. Erste Psychopharmaka (Valium) wurden 1788 von Vincenzo Chiarugi (1759-1820) in Italien eingesetzt. Im 20. Jh. führte das Aufkommen der Psychochirurgie durch Antonio Egas Moniz (1874-1955, Nobelpreis 1949) und anderen zu den berüchtigten Lobotomie-Operationen (mit zum Teil katastrophalen Ergebnissen, z. B. bei der US-Präsidentenschwester Rosemary Kennedy, 1918-2005). Dabei wurden die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen durchtrennt, um psychische Erkrankungen, v. a. solche mit starker Unruhe, zu beeinflussen. Häufig wurden außerdem Elektroschocks (Elektrokonvulsionstherapie ECT; 1938 von Ugo Cerletti, 1877-1963, entwickelt) angewendet.

Allmählich wurden aus Irrenärzten Psychiater. Da (Zwangs)psychiatrie im Laufe der Geschichte immer wieder als Herrschaftsinstrument eingesetzt wurde, das unter dem Deckmantel der medizinischen Hilfe Menschen inhaftierte, zum Verschwinden brachte oder sogar misshandelte, bildete sich in den 60er-Jahren des 20. Jhdts. eine Protestbewegung und eine antiautoritäre Antipsychiatrie. Vertreter waren u. a. Franco Basaglia (1924-1980), der die katastrophalen Umstände, unter denen in Italien „behandelt“ wurde, offenlegte und eine offene Psychiatrie forderte, oder Ronald David Laing (1927-1989), der argumentierte, dass psychische Erkrankungen eine kreative und angepasste Reaktion auf die Welt seien. Vorläufer dieser Ideen war das 1961 erschienene Buch Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984). In Österreich gab es 2010 etwa 22 000 unfreiwillige Unterbringungen (bei insgesamt 1, 3 Mill. Belegungstagen pro Jahr; zum Vergleich: ca. 4000 Gefängnisinsassen), allerdings kaum grundlose. Nach dem (etwas vereinfachenden) Gesetz von Lionel Sharples Penrose (s. o.) sind die Anzahlen der Gefängnisinsassen bzw. von Psychiatrierten zueinander verkehrt proportional.

 

- Basisinformationen
Unabhängig von jeder Schule (mit Ausnahme der auf Psychopharmaka setzenden biologischen Therapieformen) scheint als „Common factor“, der mit 30-70% beziffert wird, vor allem die therapeutische Allianz (beschreibt das Bindungs- und Vertrauensverhältnis zum Therapeuten, der Glaube des Patienten an Hilfe und das Erleben von Empathie) durch beidseitige Oxytocinausschüttung heilsam zu wirken. Therapie ist umso wirksamer, je besser dieses „Arbeitsbündnis“ (Gerhard Roth) funktioniert, je leichter die Störung ist und je später sie eingesetzt hat. Therapieziel sollte - um Enttäuschungen zu vermeiden - realistischerweise nicht Heilung, sondern Zustandsbesserung durch Überlernen, nicht Löschen alter Gedächtnisinhalte, sondern ein autonomeres Leben sein. Therapie ist somit ein „lang anhaltendes Einüben neuer Einstellungen und Verhaltensweisen“ (Roth). Die Basisverdrahtungen werden sich nur noch verstärken (oder schwächen), aber nicht mehr verändern lassen (s. a. o.: Neuroplastizitätshypothese). Immerhin kann so die funktionale Dynamik des Gehirns (wie ev. auch durch die Meditation) verändert werden. Vor jeder Therapie müsse die Therapiebedürftigkeit feststehen, die (noch) nicht gegeben sei, wenn nicht „wesentliche menschliche Funktionen lädiert sind“ (wie Ausübung eines Berufs, Liebesfähigkeit, Entwicklung von Interessen etc). Von einem gesunden Menschen müsse man erwarten können, dass er mit seinen Schwierigkeiten selbst fertig wird, meint Otto F. Kernberg, der auch sagt: „Gesunder Menschenverstand ist der Anfang guter Psychotherapie.“

* Allgemeines: Die Wahl der Therapie hängt von der Interpretation der Krankheit, dem ätiologischen (die Herkunft betreffenden) Erklärungsmodell ab (s. o. Ursachengruppen). Die einzelnen Therapieschulen (in Österreich waren 2019 etwa 2 Dutzend anerkannt) stellen jeweils einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Die Therapie der Wahl für einen spezifischen Persönlichkeitstyp zu finden erfordert oft einen längeren Zeitraum (und höheren Geldaufwand - 2020 etwa für 50 Minuten ca. 70 bis 200.- €). Etwa 200 000 Österreicher sind zu jeder Zeit in psychologischer Betreuung - einerseits bei Fachärzten für Psychiatrie und Neurologie, andererseits bei Psychologen, deren gesetzliche Grundlage das Psychotherapiegesetz von 1991 ist. Dort wird deren Ausbildung in einem Propädeutikum (765 h Ausbildung + 550 h Praktikum) und einem Fachspezifikum (300 h Theorie + 1600 h Praxis) geregelt.
Vgl. auch Psychologische Diagnostik auf Krankenschein 1, 2 - Zur psychotherapeutischen Versorgung der österreichischen Bevölkerung siehe die folgenden Graphiken:

Beide Abbildungen nach https://www.psyonline.at/

* Erfolgsrate: Man rechnet (optimistisch gesehen) mit insgesamt etwa 1/3 Heilungen, 1/3 kann zumindest zeitweise ein einigermaßen autonomes Leben führen, 1/3 bleibt therapieresistent und z. T. stationär. (Der Verlauf wird oft - pessimistisch gesehen - nach dem Drehtürschema beschrieben: vorne hinaus, hinten wieder herein.)

* Probleme der Betreuer: Im Sozialbereich oftHilflose Helfer(Begriff von Wolfgang Schmidbauer, *1941): Menschen, die im Über-Ich das Ideal verinnerlicht haben, dass man nur dann gut sei, wenn man Anderen - Schwächeren, Kranken, Benachteiligten oder bedürftigen Menschen - hilft), die selbst Therapie nötig hätten, und bei einer überstarken Ausprägung des Helfersyndroms (wenn das Wohlergehen der Klienten grundsätzlich als wichtiger eingestuft wird als die eigene Befindlichkeit des Helfers) zu einem Gefühl der Leere und des Ausgebrannt-Seins. (Nach zwei Jahren sozialer Tätigkeit oft - zumindest Wunsch nach - Berufswechsel.)

Dieses Burn-out-Syndrom (vgl. auch die unten stehende Graphik) zeigt nach dem 1981 entwickelten Maslach Burnout Inventory MBI von Christina Maslach (*1946; verheiratet mit Philip Zimbardo, s. o.) und Susan E. Jackson (*1948?) drei Symptome:

° chronische, emotionale Erschöpfung, auch nach einigen Tagen Erholung
° Depersonalisierung, die sich oft in Zynismus und Widerwillen gegenüber der Arbeit oder Kollegen und Vorgesetzten äußert
°

mangelnde Leistungszufriedenheit (geringe Effizienz trotz hohem Arbeitseinsatz).

Den Begriff „Burn out“ führte Herbert Freudenberger (1926-1999) 1974 in die Psychologie ein. Er findet sich im ICD ab Version 10 (aber nicht im DSM).

Burn-out-Syndrom (aus: Der Standard 17./18.3.2007)

* Psychopharmaka: Nicht-psychologische medizinische Interventionen (die aus der Psychiatrie nicht wegzudenken sind, hier aber nicht weiter besprochen werden) bestehen in der weithin verbreiteten Verabreichung von psychoaktiven Arzneistoffen wie z. B. selektiven Serotoninwiederaufnahehemmern. (Bekannt wurde etwa das 1987 zugelassene und seither meistverkaufte Psychomedikament Prozac / Fluctin, das den Wirkstoff Fluoxetin enthält, der bei Depressionen eingesetzt wird, um den zu schnellen Abtransport des Neurotransmitters Serotonin aus dem synaptischen Spalt zu blockieren; vgl. a. o. ADHS.) In vielen Fällen sind Psychopharmaka unumgänglich, es gilt aber immer zu beachten, dass eine individuelle Auswahl aus dem pharmazeutischen Angebot sowie eine individuelle Dosierung vorgenommen werden muss (abhängig vom Geschlecht, physischen Parametern, der - oft überschätzten - Geschwindigkeit, mit der die Person die Wirkstoffe abbaut und vielem mehr). Der Siegeszug der Psychopharmaka erfolgte in der 2. Hälfte des 20. Jhdts. Er bewirkte, dass die Anzahl der Patienten in psychiatrischen Anstalten drastisch sank, verführte aber dazu, die Wirkung statt der Ursache zu bekämpfen.

* Krisenintervention: Darunter versteht man das therapeutische Handeln im Akutfall, um nachfolgenden Katastrophen vorzubeugen. Eine mögliche fünfstufige Vorgangsweise beschreibt Gernot Sonneck (*1942) in seinem Bella-Modell:

° Beziehung aufbauen
° Erfassen der Situation
° Linderung von Symptomen
° Leute einbeziehen, die unterstützen können
° Ansätze zur Problembewältigung in konkreten Schritten entwickeln

In allen entwickelten Staaten existieren (tw. rund um die Uhr besetzte) Kriseninterventionszentren (z. B. der 1979 von Stephan Rudas, 1944-2010, u. a. gegründete PSD Wien, das KIZ Wien, die Telephonseelsorge etc.).

 

- Psychodynamisch orientierte Therapieformen:
Darunter werden alle Methoden verstanden, die auf einem Menschenbild basieren, das davon ausgeht, dass sich die aus der Triebenergie gespeisten innerseelischen Kräfte auf verschiedene Weise (als Reaktion auf äußere und innere Erlebnisse und Reize) prozesshaft (dynamisch) verändern können. Es existiere ein (nach Freud alogischer, widersprüchlicher und zeitloser) unbewusster Bereich, der unser Erleben und Verhalten bestimme, der Mensch unterliege unbewussten Determinationen.

Kritik (s. a. u.): Die Grundannahme entspreche nicht wissenschaftlichen Grundsätzen und schotte sich gegenüber Kritik ab, da sie zwar jedes menschliche Verhalten ex post erklären kann, sich aber Voraussagen gegenüber nicht exponiere (also nicht dem Falsifikationskriterium von Karl R. Popper, 1902-1994, genüge). Außerdem hat die Entwicklung der Neurowissenschaften manche Annahmen obsolet werden lassen.

            Einzelne Schulen:

* Psychoanalyse: entwickelt von Sigmund Freud (s. Bilder); geb. 6. 5. 1856 in Freiberg in Mähren; gest. 23. 9. 1939 in London. Psychiatrische Ausbildung in Wien, Freundschaft mit Josef Breuer (1842-1925), einem 14 Jahre älteren Nervenarzt und für Freud der „Vater der Psychoanalyse“, dessen Behandlung der 1880 an durch eine Kränkung durch den Vater hervorgerufenen hysterischen Lähmungen erkrankten Bertha von Pappenheim („Anna O.“, 1859-1936; Freud anonymisierte durch Herabsetzung der Buchstabenreihe um 1) zur Geburtsstunde der Psychoanalyse wird. (Mit ihm veröffentlicht er 1895 die bahnbrechenden Studien über Hysterie.) Hypnose-Ausbildung bei Charcot, der in Paris mit dieser Methode Neurosen erforschte. Freud entdeckt die schmerzstillende Wirkung von Kokain. Seit 1885 Dozent, seit 1902 Titularprofessor in Wien, nie ordentlicher Professor. Seit 1886 mit Martha Bernay (1861-1951) verheiratet; fünf Kinder: bekannt v. a. die Tochter Anna Freud (s. u.). England-, Amerikareisen. 1930 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (nach Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832). 1933 Verbrennung der Werke Freuds durch die NSDAP in Berlin. 1938, bereits mit fortgeschrittenem Mundhöhlenkrebs, Emigration nach London, wo er noch bis 1939 praktiziert. 1923 bis zum Tod 33 Krebsoperationen. 1971 Eröffnung des Freud-Museums in 1090 Wien, Berggasse 19, den ehemaligen Ordinationsräumlichkeiten (Wiedereröffnung nach Totalrenovierung 2020), 1986 Eröffnung des Freud-Museums in London, 2006 Eröffnung des Freud-Museums in Přibor (dt. Freiberg in Mähren).
Zur Einführung vgl. das Video „Die Erfindung der Psychoanalyse“, eine Beurteilung der Theorien Freuds aus neurobiologischer Sicht findet sich hier.

                                     

Sigmund Freud in verschiedenen Lebensphasen

Bei der Psychoanalyse handelt es sich um eine Technik, die es mit Hilfe der vier Zugangsmöglichkeiten zum Unbewussten (s. o.) ermöglichen soll, die verdrängten Es-Ansprüche (s. u.) bloßzulegen und durch den jetzt offenen Kausalzusammenhang der psychischen Krankheit die Grundlage zu entziehen. Der Klient liegt dabei auf der berühmt gewordenen Couch (das Original steht in London: Bild), an dessen Kopfende - um die Hemmschwelle zu verringern, nicht mehr im Blickfeld - der Analytiker sitzt, der mit Techniken wie der von Freud zunächst als Störeinfluss betrachteten Gegenübertragung  (= das Sich-zunutze-Machen der Übertragung - alte, oftmals verdrängte Gefühle, Affekte, Erwartungen, Wünsche und Befürchtungen aus der Kindheit werden vom Patienten unbewusst auf neue soziale Beziehungen übertragen und reaktiviert -, indem der Therapeut als Reaktion auf die Übertragung seinerseits sein Inneres auf den Klienten richtet) eine Talking cure praktiziert.

Die  Psychoanalyse wurde schon zu Lebzeiten Freuds kritisiert, z. B. von Karl Kraus (1874-1936: „Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“), aber auch weiterentwickelt. (Bekannt geworden sind die im Rückgriff auf strukturalistische Prinzipien entstandenen Neuinterpretationen von Jacques Lacan, 1901-1981; s. u.). Heute werden der Psychoanalyse vor allem fehlende Effizienzstudien (etwa im Gegensatz zur Verhaltenstherapie), die Unvereinbarkeit mit manchen Befunden der Neurowissenschaften und das Festhalten an nicht mehr zeitgemäßen Anschauungen Freuds vorgehalten. Dennoch gilt sie als eine der wirkmächtigsten und kulturell fruchtbarsten Theorien aller Zeiten und als wichtiger intellektueller Beitrag zum Verständnis der Welt. Die Zeit von 1885 bis 1890 wird im Film Freud von John Huston (1906-1987; Hauptdarsteller Montgomery Clift, 1920-1966) von 1962 dargestellt, dessen Drehbuch ursprünglich Jean Paul Sartre (1905-1980) konzipiert hatte. Szenenfolge des Films Freud (47 Szenen tw. mit Rückblenden und Traumsequenzen):

Einleitung „3 Kränkungen“ (s. o.; Erzähler) / AKH 1885 (Theodor Meynert, 1833-1892, Freud) / Zukunftspläne (Freud, Mutter Amalia Freud, 1835-1930) / Bahnhof, Abfahrt nach Paris (Freud, Mutter, Vater Jacob Freud, 1815-1896, Verlobte Martha Bernay, 1861-1951) / Versuche in Paris (Charcot, Freud als Hörer) / Hochzeit (Freud; Martha, Familie) / Erster Vortrag vor der Wiener Ärzteschaft (Freud, Meynert, Breuer u. a.) / Bei Koertners (Freud, Breuer, Cäcilie und ihre Mutter) / Verabredung einer Zusammenarbeit (Freud, Breuer) / Arbeit am Fall (Freud, Patient) / Arbeit am Fall (Freud, Cäcilie) / Reflexionen über Neurosen auf einem Spaziergang (Freud) / Arbeit am Fall (Freud, Patient von Schlosser) / Erste Traumsequenz (Freud u. a. in einer Höhle) / Erwachen aus dem Traum (Freud, Martha) / Vor von Schlossers Haus (Freud, Portier) / Gespräch über den Zusammenhang von Neurose und Sexualität (Freud, Breuer) / Zwei Versionen über den Tod von Cäcilies Vater (Freud, Breuer, Cäcilie) / Besorgte Gespräche über Freuds Arbeit (Freud, Martha, zunächst auch Breuer) / Abschied Breuers von Cäcilie (Freud, Breuer, Cäcilie und ihre Mutter) / Scheinschwangerschaft Cäcilies (Freud, Breuer, Hausarzt, Cäcilie) / Nachricht vom Schlaganfall von Freuds Vater (Freud, Martha, dann Schwester Marie („Mitzi) Freud, 1861-1942 (ermordet in Treblinka) / Kollaps auf dem Weg zum Begräbnis des Vaters (Freud) / Zweite Traumsequenz (Freud, „Die Augen werden geschlossen“) / Erwachen aus der Ohnmacht und Gedanken über das Deuten von Träumen (Freud, Martha, Breuer) / Nochmals zum Friedhof (Freud, Breuer) / Neurosentheorie während einer Kutschenfahrt (Freud, Breuer) / Fehlleistungen (Freud, Cäcilie) / Über Liebe (Freud, Martha) / Freies Assoziieren (Freud, Cäcilie, Puppe mit eingestreuter Traumsequenz: Rotenturm-Straße) / Reflexionen über das Gehörte im Freien (Freud) / Couchposition (Freud, Cäcilie mit Rückblick: Rotenturm-Straße) / Im Freien: Reflexionen über den Sexualtrieb (Freud) / Diskussion über die Sexualtheorie (Freud, Breuer) / Rückblick auf Cäcilies Kindheit (Freud, Cäcilie und im Rückblick ihre Eltern) / Im Freien: Reflexionen über das Gehörte (Freud) / Gespräch über die Kindheit (Freud, Mutter) / Vor dem Haus der Koertners: Cäcilie ist weg (Freud, Portier) / Rotenturm-Straße, Suizidversuch Cäcilies (Freud, Cäcilie) / Allein daheim (Freud, mit dritter Traumsequenz: Höhle und Rückblende auf Breslau), dann Entwicklung der endgültigen Theorie (mit Martha) / Gespräch mit Cäcilies Mutter (Freud, Frau Koertner) / Übertragung Cäcilies Gefühle auf Freud (das letzte verbliebene Symptom: „Deine Liebe zu mir“; Freud, Cäcilie, mit Rückblenden) / Zweiter Vortrag Freuds vor der Wiener Ärzteschaft über die psychosexuellen Phasen löst Empörung aus (Freud, Breuer u. a.) / Friedhof, Schlussworte: „Erkenne dich selbst“ / Schlussbild wie Beginn (Erzähler)


Stammbaum der Psychoanalyse (Scan aus: Der Standard)

° Abwehrmechanismen: s. o.
° Zugänge zum Unbewussten (mit Traumdeutung): s. o.
° Psychische Provinzen: Die Persönlichkeit besteht nach Freud (1923 in Das Ich und das Es erstmals zusammenhängend dargestellt) aus drei Hauptsystemen psychischer Energien, die in dynamischer Wechselwirkung stehen und das Verhalten des Individuums beeinflussen:
     + Es: alles Ererbte, die biologische Ausstattung, v. a. die Triebe; älteste Provinz
     + Ich: unbewusst - bewusstes Selbst, Vermittler zwischen Es und Über-Ich
     + Über-Ich: internalisierte Normen und Ideale; „Aufsichts-Organ“, „Gewissen“; durch Introjektion (das frühere Außen wird zu einem Innen) entstanden
(= „Topisches Persönlichkeitsmodell“; der Ausdruck „Es“ stammt von Georg Groddeck, 1866-1934, vermutlich Vorbild für Dr. Krokowski im Zauberberg von Thomas Mann, 1875-1955, Nobelpreis 1929, der Ausdruck „Über-Ich“ von Freud selbst.) Im Zusammenwirken dieser drei Instanzen, von denen zwei Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren (das Es - es handelt nach dem Lustprinzip - solche der Phylogenese, das Über-Ich solche der Ontogenese), eine durch das gerade Seiende bestimmt wird (das Ich, das nach dem Realitätsprinzip handelt und nach Freud die „Stellung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr überlegt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto einlegt“, habe), entsteht das Seelenleben des Menschen. Psychische Krankheiten entstehen nach Freud dadurch, dass die Ansprüche des Es durch das Über-Ich zurückgedrängt werden und daher nicht ausgelebt werden können. Sie wirken aber aus dem Unbewussten weiter und bewirken z. B. Neurosen („Dynamisches Persönlichkeitsmodell“):
„Das Wesen der Neurose ist, dass das Ich (die Persönlichkeit) nicht imstande ist, die Forderungen des Über-Ich (des Gewissens) und die Triebkräfte (Es) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.“ (Freud; zum „Ökonomischen Persönlichkeitsmodell“ s. o.)
° Trieblehre: Triebe sind für die Psychoanalyse Quellen, aus denen die Seele mit Energie versorgt wird. Hinter den Bedürfnisspannungen stehen laut Freud zwei Grundtriebe, die aber oft gleichzeitig vorhanden seien, sodass eine Störung des Gleichgewichts zu psychischen Erkrankungen führen könne:
     + Eros (Lebenstrieb, dessen konstruktive Energie Libido genannt wird; strebt nach Vereinigung)
     + Thanatos (Todes-, Destruktionstrieb; wirkt gegenläufig; strebt nach Auflösung der Einheit)
° Entwicklung des Trieblebens: Freud unterscheidet fünf Phasen, die sich auf die jeweils erogenen Zonen (Lust spendende Areale) beziehen. Sexualität (ungleich genitale Lust) wird dabei als etwas von der Geburt an Vorhandenes und sich Entwickelndes gesehen. Die „ordnungsgemäße“ Absolvierung (keine zu exzessive Befriedigung, keine Frustration) der Phasen garantiert normale Weiterentwicklung. Ansonsten sog. Fixierung, die die Interaktion zw. Kind und Umwelt behindert. In Freuds Sexualtherorie werden Perversionen und Neurosen als Fehler der Triebentwicklung interpretiert.

     Die psychosexuellen Phasen im einzelnen:
     + Oralphase: Der Mundbereich (Saugen etc.) steht im Mittelpunkt der Bedürfnisbefriedigung (ca. 0;0 bis 1;0). Bei Fixierung Abhängigkeit, Passivität, orale Neigungen, z. B. Rauchen, Schwatzen, Essen, das bis zur Adipositas (Fettleibigkeit) führen kann (nach Definition der WHO ein Wert von 30+, wenn bei Ermittlung des Body Mass Index das Körpergewicht in kg durch das Quadrat der Körpergröße in m dividiert wird; ab 25 = Übergewicht; vgl. Essstörungen).
     + Analphase: Lustgefühle durch Ausscheiden und Zurückhalten der Exkremente (ca. 1;0 bis 3;0) Bei Fixierung Pedanterie, Geiz, Tyrannei. Im Zuge der Erziehung zur Sauberkeit oft Regressionen.
     + Phallische Phase: Entdecken der primären Geschlechtsorgane als Lustspender (ca. 3;0 bis 5;0); nachfolgend gewinnt der Geschlechterunterschied an Bedeutung. Knaben leiden am Kastrationskomplex, Mädchen am Penisneid. In dieser Phase Ödipus- bzw. Elektrakomplex (das Kind fühlt sich zum andersgeschlechtlichen Elternteil hingezogen; vgl. Inzestmotiv in der Dichtung). Phasenfehler führen zu Minderwertigkeitskomplexen, Geltungssucht oder Unsicherheit
     + Latenzphase: libidinöse Triebansprüche treten in den Hintergrund (ca. 5;0 bis 12/14;0)
     + Genitalphase: ab der Pubertät Erwachsenensexualität. Dem Genitalprimat müssen die bisherigen Partialtriebe untergeordnet werden.

   Alfred Adler

* Individualpsychologie: Konzept von Alfred Adler (geb. 7. 2. 1870 bei Wien; gest. 28. 5. 1937 in Aberdeen). Ophthalmologe (Augenarzt), dann Neurologe. Seit 1897 mit Raissa Timofejevna (gest. 1960), einer mit Trotzkij (Лев Давидович Бронштейн, 1879-Mord 1940) bekannten Moskowiterin, verheiratet, vier Kinder. Naheverhältnis zum Sozialismus. Schüler Freuds (erste Begegnung 1902), 1911 Bruch und Gründung einer eigenen, später „Verein für Individualpsychologie“ genannten, Gesellschaft. Lehrtätigkeit am Pädagogium der Stadt Wien und Erziehungsberater. Die Habilitation scheitert 1912 am Widerstand von Julius Wagner von Jauregg (1857-1940), dem einzigen Psychiater, der je einen Nobelpreis erhielt (1927 für die Anwendung des Malaria-Heilfiebers zur Behandlung von Progressiver Paralyse). Im Ersten Weltkrieg Militärarzt. 1934 Übersiedlung nach Amerika, wo Adler seit 1926 lehrt (seit 1929 an der Columbia University als Gastprofessor, ab 1932 am Long Island Medical College). Tod auf einer Vortragsreise auf offener Straße an Herzversagen. Biographie von seinem Freund Manés Sperber (1905-1984), der ihn ein „soziales Genie“ nennt, 1970: Alfred Adler oder das Elend der Psychologie.
Vgl. Österreichischer Verein für Individualpsychologie

° Grundideen: In der frühen Kindheit werden Leitlinien (Art von Schablonen) erworben, die ein Persönlichkeitsideal bilden, das durch den Charakter (= dynamisch veränderbare psychische Bereitschaften) verwirklicht wird. Je nach Selbstwertgefühl kommt es zu einem geglückten Lebensplan oder zu einem Minderwertigkeitskomplex (im Zentrum der Lehre Adlers, z. B. aufgrund einer Organminderwertigkeit), der einen falschen Lebensplan bedingt. Aus diesem ergeben sich kompensatorischer Geltungsdrang bzw. als Selbstschutz angenommene starre Charakterzüge, die sich in Arrangements (= „fiktive Leitlinien“) kundgibt. V. a. der Machttrieb (vgl. Friedrich Nietzsche, 1844-1900, „Wille zur Macht“), symbolisiert durch den Turmbau zu Babel, steuert den Menschen. Bleibt er erfolglos, kommt es zur Frustration, wobei die Frustrationstoleranz (das Ausmaß an Frustrationsverträglichkeit, s. Teil 3) unterschiedlich ist. Werden die Flucht vor den Lebensaufgaben (= Arbeit, Liebe, Gemeinschaft) und das Ausmaß der Lebenslüge zu deutlich, kommt es zu Neurosen.
° Therapie: Abhilfe schafft Psychotherapie, die sich nicht nur als Deutung, sondern als Neu- und Umerziehung des ganzen Menschen versteht (vgl. Motto von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770-1831: „Das Wahre ist das Ganze“). Gefragt wird weniger nach dem Warum, eher nach dem Wozu (finale oder teleologische Betrachtungsweise, z. B.: Zweck des Vergessens ist Ausweichen vor Unangenehmem; nicht: Ursache des Vergessens sind frühkindliche Traumen). Ziel der Therapie ist das Finden der Lebensleitlinien und die Rückkehr zu einer „Gemeinschaft ohne Phrasen“.
° Unterschiede zum Konzept von S. Freud:
     + Betrachtet wird die Gesamtpersönlichkeit, nicht ein Einzelphänomen.
     + Intuitives Verstehen ersetzt naturwissenschaftliches Erklären.
     + Falsche Leitbilder übernehmen die Rolle von Kindheitskomplexen.
     + Der Machttrieb steht im Mittelpunkt, nicht der Sexualtrieb.
     + Neurosen sind eine Flucht vor Lebensaufgaben, kein Über-Ich-Es-Konflikt.
     + Ziele, nicht Ursachen von Neurosen werden untersucht.
     + Psychotherapie interpretiert nicht, sie erzieht.

   Carl Gustav Jung

* Analytische Psychologie: Konzept von Carl Gustav Jung (geb. 26. 7. 1875 in Kesswil am Bodensee im Kanton Thurgau, CH, gest. 6. 6. 1961 in Küsnacht), dem dritten der „Pioniere der Tiefenpsychologie“. Psychiatrische Ausbildung an der berühmten Klinik Burghölzli bei Zürich, die unter Bleulers Leitung steht. Nach einem Studienjahr in Paris Heirat mit Emma Rauschenbach (1882-1955). 1905 Habilitation. 1907 erste Begegnung mit Freud. Nach Auseinandersetzungen verlässt er, inzwischen Oberarzt, Burghölzli und zieht nach Küsnacht, wo er, z. T. in einem selbst errichteten Meditations-Turm, bis zu seinem Tod wohnt und privat praktiziert. Jung schafft das Prinzip der Lehranalyse. 1911-13 ist er Präsident der neu gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, die Auseinandersetzungen mit Freud („Vater-Sohn-Konflikt“) dauern an. Lehrtätigkeit an den Universitäten Zürich, Basel, New York, Yale. Studienreisen nach Amerika (zu den Pueblo-Indianern), Afrika (zu den Elgonyi in Kenia) und Asien. 9 Ehrendoktorate in Asien, Europa und Amerika. Lebenslanges Interesse an Religionen und Mythen, z. B. am I Ging, einem alten chinesischen Orakelbuch.

° Grundideen: Das seelische Geschehen, das das Selbst (= die reife Persönlichkeit in ihrem tiefsten Aspekt) aufbaut und dessen Energie nicht notwendigerweise sexueller Natur ist, nennt Jung Individuation („Werde, der Du bist!“). Die Muster im eigenen Unbewussten sollen in bewusste Erkenntnisse übertragen werden. Oft sind „Lebenswenden“ (z. B. Zeit der Identitätsfindung in der Jugend / Zeit der Todesorientiertheit im Alter) beobachtbar, die sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen lassen. Das ein Lebensziel ansteuernde Selbst - es erscheint als Persona (= unser gesellschaftliches Gesicht, die „soziale Fassade“ - nur Kinder haben noch keine -, der gerade aktualisierte Ausschnitt der Individualität, das Bild, das der Mensch an seine Umwelt weitergibt) - vermittelt, je nach Funktionstyp, mit seinen vier psychischen Grundfunktionen Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden zwischen Bewusstem und Unbewusstem. (Zu Jungs Bewusstseinsbegriff s. a. o.)

Das Unbewusste stellt sich nicht nur als persönliches, sondern auch als Kollektives Unbewusstes dar, durch das alle Menschen "unterirdisch" miteinander verwoben sind wie Fruchtkörper durch ein Mycel. Dieses enthält die Archetypen, also die „gewaltige geistige Erbmasse der Menschheitsentwicklung“, zeitlose Inhalte, die allen Menschen aller Kulturen gemeinsam sind, die Grundwahrheiten menschlicher Erfahrung symbolisieren und sich in Mythen und Märchen oder der Kunst äußern (z. B. im Mandala, einer geschlossenen Figur mit einem Zentrum, als Archetyp des Selbst). Jung war einer der ersten, der die Bedeutung von Märchen erfasst hat. (Vgl. später das 1976 erschienene Buch The Uses of Enchantment / Kinder brauchen Märchen von Bruno Bettelheim, 1903-Suizid 1990, in dem dieser auf die angebotenen Lösungen in scheinbar unausweichlichen Situationen und die Darstellung des Unterschieds zwischen Lustprinzip und Verantwortungsprinzip hinweist)

Wichtige Seelenanteile sind die Schatten (die finsteren, zerstörerischen Teile des Selbst, z. T. uneingestandene unvorteilhafte Eigenschaften, die sich oft in kollektiven Projektionen, wie z. B. Fremdenhass in Kriegen, entladen) und als weitere zentrale Archetypen Ego (Zentrum des Bewusstseins), Anima (das Bild der Frau im Mann) und Animus (umgekehrt). Das innere, meist unbewusste Vorstellungsbild einer bestimmten, realen Person (z. B. Eltern), das auch spätere Beziehungen entscheidend mitprägen kann, wird als Imago bezeichnet.

Jung hat auch den Begriff des Komplexes entwickelt (verstanden als affektgeladener Vorstellungsinhalt, der im Erlebnisablauf eine überwertige Stellung einnimmt, ev. verdrängt wird und aus dem Unbewussten nachwirkt; wird er berührt, löst dies starke Gefühle aus). Jungs Konzept wird deshalb auch Komplexe Psychologie genannt. (Zu den Persönlichkeitsdimensionen s. Kap. Persönlichkeitspsychologie, s. u.)

° Jungs Therapie zielt auf Ausgleich zwischen Individuum und Sozietät, wobei die bewusste Einstellung (nicht das Verdrängte) Angriffspunkt einer Änderung wird („Unbewusstheit ist die größte Sünde“). Mit Hilfe von analytischen Gesprächen und schöpferischen Methoden wie dem Deuten von Träumen oder gemalten Bildern soll patientenorientiert die Neurose, die als mangelnde Selbstentwicklung, bedingt durch Vernachlässigung einzelner Persönlichkeitsanteile, gesehen wird, erkannt und ein Zuwachs an Autonomie und kreativen Lebensgestaltungsmöglichkeiten erreicht werden. Jede Krise ist für Jung eine Chance für einen Neuanfang. Er vertraut dabei auf die Selbstheilungskräfte des Unbewussten. Das Therapieziel besteht in einer Amplifikation, also einer Erweiterung des Bewusstseins, die z. B. durch das Herstellen einer Beziehung zwischen religiösen und mythischen Symbolen und den Trauminhalten des Analysanden erzielt werden soll.

Zu C. G. Jung vgl. Interview (Originalaufnahme 1959; englisch) und Interview (Originalaufnahme 1960; deutsch) oder die Einführung „Der Individuationsprozess in der Analytischen Psychologie“

* Weitere analytische Ansätze: Nach Freud, Adler und Jung versuchten verschiedene Richtungen (tw. unter dem Sammelbegriff Neoanalyse) u. a. die relativ untergeordnete Rolle des Ich (es wird zwischen Real-Ich und Ideal-Ich unterschieden) zu korrigieren und die Psychoanalyse weiterzuentwickeln bzw. zu überwinden. Nach Kernberg existieren heute drei Hauptströmungen der psychoanalytischen Psychotherapie: die psychoanalytische Ichpsychologie (der Psychopathologie liegen unbewusste intrapsychische Konflikte zwischen Triebabkömmlingen und Abwehrmechanismen zugrunde, alle Objektbeziehungen seien gleichzeitig Ausdruck der Konflikte zwischen den drei psychischen Instanzen; z. B. Anna Freud), die psychoanalytischen Objektbeziehungstheorien (sie sehen Konflikte stark in der Internalisierung pathologischer Objektbeziehungen - also phantasierte bzw. vorgestellte Beziehungen zur, v. a. personellen, Umwelt - begründet; z. B. Melanie Klein, 1882-1960) und die psychoanalytischen interpersonalen Theorien (sie unterstreichen die traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit und wurden in Verbindung mit den Objektbeziehungstheorien vom Amerikaner Stephen A. Mitchell, 1946-2002, u. a. zur sogenannten Relationalen Psychoanalyse weiterentwickelt; Vertreter z. B. Herbert / Harry Stack Sullivan 1892-1949 und Heinz Kohut, 1913-1981). Im Folgenden einige
            Beispiele:

° Sandor Ferenczi (1873-1933; zunächst Schüler, dann Freund Freuds, Teil der „Budapester Schule“): Er beschrieb, seiner Zeit voraus, Psychotraumatisierungen durch Super-Ego-Intropression (die reale Schuld eines übergriffigen Täters, der - seine Schuld nicht anerkennend - ein Introjekt hinterlässt, wird zum Schuldgefühl des Opfers) und noch vor der Ausarbeitung dieser Theorien durch Klein Objektbeziehungen. Ferenczis therapeutische Neuerungen nach einem Konzept der Nachnährung, die in Richtung Reparenting (Neubeelterung, die die Heilung bringe) gingen, führten zu einer starken Entfremdung zu Freud. (Durch die Freud-Biographie seines engen Freundes Ernest Jones, 1879-1858, der ihm auch bei der Emigration nach London behilflich war, wurde dies für die Nachwelt festgeschrieben.)
° Karen Horney (1885 Hamburg - 1952 New York): Sie - „die sanfte Rebellin der Psychoanalyse“ - betont die Selbstanalyse und spricht vom Ich auf der Suche nach Sicherheit. Es ist gerichtet „auf etwas hin, gegen etwas oder von etwas fort“. Zwischen Normalität und Neurose besteht für sie nur ein gradueller, kein substantieller Unterschied (Einfluss der mit ihr befreundeten Ethnologin M. Mead, vgl. Seite 2). Horney weist auf die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung bei der Entstehung von Neurosen hin. Sie kritisiert Freud für sein Konzept des Penis-Neids und stellt ihm den Gebär-Neid gegenüber. Ihre frauenbezogenen Artikel wurden 1967 unter dem Titel Feminine Psychology herausgebracht. - Vgl. Seite zu Karen Horney
° Melanie Klein geb. Reizes (1882-1960; s. a. o.): wuchs in Wien auf und gilt als zentrale Gründungsfigur psychoanalytischer Objektbeziehungstheorien. Sie analysierte nach Lehranalysen in Budapest bei Ferenczi und in Berlin bei Karl Abraham (1877-1925) auch ihre eigenen Kinder. Auf Einladung von Jones übersiedelte sie schon 1926 nach London. Klein sieht in ihrem Hauptwerk Über das Seelenleben des Kleinkindes präödipale Objektbeziehungen (verstanden als Beziehungen zu anderen Personen) als zentral für die weitere psychische Entwicklung an. Im Unterschied zu (und in Auseinandersetzung - den sogenannten Controversial Discussions - mit) Anna Freud propagierte Klein die Behandlung auch von unter 6Jährigen mittels einer von ihr entwickelten Spieltherapie.
° Anna Freud (1895-1982; 6. und letztes Kind von Sigmund Freud): Begründerin der Kinderanalyse (Zur Einführung in die Technik der Kinderanalyse) und Verfasserin des Standardwerks Das Ich und die Abwehrmechanismen, in dem sie z. B. die Begriffe „Verdrängung“ und „Sublimierung“ (s. u.) populär machte. Sie vertrat in einer Kontroverse mit Melanie Klein die Ansicht, dass Kinder vor dem 6. Lebensjahr nicht analysiert werden können.
° Wilhelm Reich (1897-1957): Nach dem Studium in Wien war er in Wien und Berlin als Sexualaufklärer tätig. Ab 1933 Exil (über mehrere Stationen nach Amerika). Er fordert eine Aufhebung der Charakterpanzerung z. T. mit ungewöhnlichen Methoden (Vegetotherapie gegen Muskelverhärtungen, Orgonakkumulatoren; Orgon = Lebensenergie), die ihn nach einer Betrugsklage ins Gefängnis bringen, wo er 1957, 60jährig stirbt. Er war mit Neill (s. o.) befreundet. Bekannt ist heute v. a. sein Buch Massenpsychologie des Faschismus (1933), in dem er die pathologische Sehnsucht des unpolitischen Menschen nach Autorität, Beherrschtwerden, Mystik und Ausleben von legitimierter Aggressivität beschreibt.
Siehe auch unten „Körpertherapie“ und vgl. Seiten über Wilhelm Reich bzw. der W. Reich-Gesellschaft und des Reich-Instituts
° Erich Fromm (1900-1980; Promotion in Heidelberg; Lehranalyse in Berlin; Mitglied der „Frankfurter Schule“; Emigration in die USA; Professur in Mexiko; Lebensende in Locarno; 4 Jahre verheiratet mit der 10 Jahre älteren Analytikerin Frieda Reichmann, 1889-1957). Fromm gilt als Pionier der Politischen Psychologie (der Begriff wurde 1860 von Adolf Bastian, 1826-1905, geprägt).
     + Schlüsselproblem ist für Fromm das der Beziehung (zu anderen Menschen, zur Welt). Durch eine Furcht vor der Freiheit (Buchtitel) entstehe freiwilliger Freiheitsverzicht verbunden mit einer Tendenz zum Konformismus (durch die Tendenz, Verantwortung zu delegieren), zur Destruktion oder eine Flucht ins Autoritäre. (Im Vorwort formuliert Fromm:
„Die These des Buches lautet, dass der moderne Mensch, nachdem er sich von den Fesseln der vorindividualistischen Gesellschaft befreite, die ihm gleichzeitig Sicherheit gab und ihm Grenzen setzte, sich noch nicht die Freiheit – verstanden als positive Verwirklichung seines individuellen Selbst – errungen hat.“) Die Gefahr der Freiheit und ihrer zwei Aspekte (Freiheit wovon? Freiheit wozu?) sieht Fromm in der Vereinsamung. Er unterscheidet zwischen autoritärem Gewissen (bei Verfehlungen gegenüber Forderungen einer Autorität) und humanistischem Gewissen (bei Verfehlungen sich selbst gegenüber.

Andere Unterscheidungen:
     + Produktive Charakterorientierung (verantwortlich, liebend, schöpferisch, selbständig) vs. nicht-produktive Charakterorientierung (offen oder latent lebensverneinend).
     + Biophiler Menschentyp (gelungene Lebensbejahung) vs. nekrophiler Menschentyp (misslungene Lebensbejahung; im Buch Die Anatomie der menschlichen Destruktivität).
     + Haben-Modus (Besitz, Materielles steht im Mittelpunkt) vs. Sein-Modus (was der Mensch ist und was er anderen geben kann, steht im Mittelpunkt; im Buch Haben oder Sein).
Weitere (in den letzten Jahrzehnten weltbekannt gewordene) Buchtitel: Die Revolution der Hoffnung (1968), Die Kunst des Liebens
Vgl.
Vortrag „Psychologie für Nichtpsychologen“ (2 Videos), Interview, Erich Fromm-Homepage
° Jacques Lacan (1901-1981): Der Pariser Lacan begründete 1953 mit dem Vortrag Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse die Strukturale Psychoanalyse auf philosophischer und linguistischer Grundlage. In Anlehnung an Claude Lévi-Strauss (1908-2009; s. a. o.) versteht Lacan das Unbewusste als strukturiert wie eine Sprache. Er vertritt ein Konzept des konstitutiven Mangels des Subjekts, das sich, im Versuch den Mangel zu beheben, der Sprache als symbolischem System zuwenden müsse. Lacan kritisiert auch das bisherige Verständnis vom Ich, das er als auf andere Ichs angewiesen versteht. Ziel der Psychoanalyse sind weder das Wiedererinnern verdrängter Erlebnisse noch das Abreagieren von Affekten oder die Stärkung des Ichs, sondern die „Artikulation der Wahrheit des eigenen Begehrens“.
° Heinz Kohut (1913-1981): Kohut musste nach seiner Lehranalyse bei August Aichhorn (1878-1949) vor den Nazis 1940 aus Wien in die USA fliehen, wo er die Selbstpsychologie begründete und das Wort „Selbstobjekt“ (das durch empathische und zugewandte Bezugspersonen entstehe) prägte. Psychisches Leiden entstehen laut Kohut nicht durch Triebkonflikte, sondern in einem durch mangelnde Empathie und Zugewandtheit der Bezugspersonen in der Kindheit verursachten schwachen oder defizitär entwickelten Selbst. Heilung soll durch eine intersubjektive, empathische analytische Beziehung erfolgen. Seine bekanntesten Werke: Narzissmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzisstischer PersönlichkeitsstörungenDie Heilung des Selbst und Wie heilt die Psychoanalyse?
(Vgl. a. Wiener Kreis für Psychoanalyse und Selbstpsychologie)
° Erik Homburger Erikson (1902-1994): Indem er historische mit psychologischen Methoden verbindet, beschäftigt er sich besonders mit Identitätskrisen und postuliert psychosoziale Phasen (s. Teil 2).
° Transaktionsanalyse (TAA): Vom Amerikaner Eric L. Berne (1910-1970, bekannt geworden durch seinen Bestseller Spiele der Erwachsenen 1964 bzw. das Buch Ich bin ok, du bist ok seines Schülers Thomas Anthony Harries, 1910-1995) begründete Therapieform, die Freuds topisches Modell (s. o.) ins Soziale wendet.
Die Lebenseinstellung des Menschen ergibt sich aus dem Maß der Befriedigung der

     3 Grundbedürfnisse:
     + Hunger nach Zuwendung
     + Hunger nach Zeitstrukturierung
     + Hunger nach Aktivierung.
Die verschiedenen Ausrichtungen (Lebens-Skripts) werden durch eine Skriptanalyse erfasst. Dabei ergeben sich 72 mögliche Kommunikationsformen, die auf den

     3 Ichs:
     + Kindheits-Ich
     + Eltern-Ich
     + Erwachsenen-Ich),
die jeder Mensch in sich vereinigt, beruhen. Transaktionen können auf gleicher Ebene stattfinden (z. B. „Du hast in letzter Zeit zuviel gegessen.“: Erwachsenen-Ich spricht zu Erwachsenen-Ich) oder miteinander kollidieren (z. B. „Immer musst du wie meine Mutter an mir herumerziehen.“: Kind-Ebene interpretiert Eltern-Ebene). Der Therapeut soll entschmelzen.
Vgl. Seite über Transaktionsanalyse und Seite eines österreichischen Transaktionsanalyse-Instituts

Ein aus der TAA erwachsenes psychologisches und soziales Modell ist das zuerst von Stephen Karpman beschriebene „Drama-Dreieck“. (Ein „Retter“ hilft einem von einem „Verfolger/Täter“ bedrohten „Opfer“, das den Anschein erweckt, Hilfe zu benötigen, vielleicht aber unter Nutzung seiner eigenen Fähigkeiten das Problem auch alleine bewältigen könnte. Die Positionen können wechseln. Eignet sich zu Verhaltensanalysen, z. B. Helfersyndrom - s. o. - etc.)

° Cyberanalysis: Online-Therapie auf der Basis von E-Mail, Chatroom oder Videokonferenz (zunächst umstritten und z. T. als unseriös bezeichnet, seit der COVID 19-Pandemie 2020 zunehmend akzeptiert); z. B. Internet-Therapists. Bezeichnet eher die technische Durchführung als die zugrunde liegende Theorie.
° Mentalization-Based-Treatment (MBT; Mentalisierungsbasierte Therapie): Eine von Peter Fonagy (*1952) und anderen vor allem als Behandlungsprogramm für Borderline-Fälle entwickelte (nicht ausschließlich) psychoanalytische Technik, die die Fähigkeit, psychische Vorgänge als kausal für eigene und fremde (auch Therapeuten-) Handlungen zu verstehen, fördern will (Mentalisierung). Dadurch wird es möglich, reflexiv zu erfassen, welche mentalen, geistigen und emotionalen Umstände und Erfahrungen zu den jetzigen Wünschen, Gedanken und Überzeugungen geführt haben. Der Fokus liegt dabei weniger auf der unbewussten Vergangenheit des Klienten als auf der Qualität der wechselseitigen Einschätzung der gegenwärtigen therapeutischen Beziehung. (Ist die Sicht des Klienten auf das Verhalten des Therapeuten richtig? Könnte er die Situation auch anders verstehen? Auf welchen Gefühlen und Wünschen beruht das Verhalten des Klienten? etc.) Das Therapieziel besteht darin, durch besseres Verstehen des eigenen Fühlens und Denkens (und damit des Verhaltens) Beziehungsfähigkeit herzustellen.

 

- Verhaltenstherapie (VT):
Hinter der (behavioristisch orientierten) Verhaltenstherapie steht - gemäß einem mechanistischen Menschenbild - die Auffassung, dass allem Verhalten (auch dem unerwünschten, neurotischen) - fehlgegangene - Lernprozesse zugrunde liegen, die wieder rückgängig gemacht werden können (die Neurose kann daher verlernt bzw. durch inkompatibles Verhalten - z. B. ist Essen angstinkompatibel - vermieden werden).

Kritik: VT sei nur Symptombekämpfung, ein „Verlernen“ unerwünschter Reaktionen sei nicht möglich, bestenfalls ein Überlernen„ und dadurch Einkapseln der alten Gewohnheiten, die aber unter ungünstigen Bedingungen jederzeit wieder hervorbrechen können (Rückfall).

Später wurde die behavioristische VT von Albert Ellis (1913-2007) und Aaron T. (Temkin/Tim) Beck (*1921) zur Kognitiven Verhaltenstherapie weiterentwickelt. Sie hat mit der durch die Hirnforschung widerlegten Annahme zu kämpfen, dass die Ratio die limbische (Gefühls)welt dominieren könne. (Eine kognitive Umstrukturierung sei schon deshalb schwer möglich, da das entsprechende Kortexareal keine Verbindung zur verhaltenssteuernden Amygdala habe.) Techniken, die diese Richtung verwendet, sind Verbalisierung (z. B. von Ängsten), positive Mantras und bestimmte Atemtechniken.

            Einzelne Methoden:

* Löschung: Dem unerwünschten Verhalten wird mit Unterlassung jeglicher Verstärkung (z. B. Nichtbeachtung) begegnet.

* (Systematische) Desensibilisierung (wirksam v. a. bei Phobien): schrittweiser Abbau der vorher hierarchisch aufgelisteten Angstgewohnheiten; entwickelt vom Südafrikaner Joseph Wolpe (1915-1997; z. B.: Schlange in der Vorstellung - in der Realität, aber fern - nah - berühren), der seine Methode als Gegenkonditionierung durch reziproke Hemmung verstand (indem er Reaktionen verwendet, die antagonistisch zur Angst stehen). Die Methode kann oft nicht in vivo, sondern nur imaginal durchgeführt werden.

* Reizüberflutung: 1967 von Thomas Stampfl (*1930?) entwickelt. Der Patient muss sich der Angst machenden Situation aussetzen, um eine Selbstverstärkung durch Eintreten in einen Teufelskreis zu verhindern, (wie den des mit den Fingern schnippenden Irren, der davon überzeugt ist, dass er durch sein Verhalten die Angst machenden Löwen tatsächlich fernhält - es seien ja keine da). Auch Reaktionsprovokation, Konfrontationstraining, Implosivtherapie, Flooding in sensu bzw. in vivo etc. genannt. Historisches Beispiel: Goethe erkletterte das Strassburger Münster an einer ausgesetzten Stelle, um seine Höhenangst loszuwerden.

* Aversionstherapie: Verknüpfung des unerwünschten Verhaltens mit unangenehmen Begleiterscheinungen (negative Verstärkung, z. B. Elektroschocks oder ekelerregende Substanzen beim Abgewöhnen des Rauchens)

* Reinforcement (Verstärkung): Verknüpfung erwünschten Verhaltens mit positiven Konsequenzen (Belohnungen vgl. Seite 2; z. B. Token-Economy = Münzökonomie, die aber auch mit Punkten funktionieren kann, oder Selbstbehauptungstraining oder Selbstkontrolle durch Biofeedback)

* Modellernen: nach Bandura (s. o.) Nachahmungslernen anhand eines dem Patienten dargebotenen Vorbilds (z. B. bei Entziehungskuren ein bereits fortgeschrittener Klient)

* Entspannungstraining: wird meist mit einer der Therapien kombiniert; physisch wie psychisch; Anwendung von z. T. fernöstlicher Techniken wie Yoga (= asiatische Meditation: „Anjochen“ der Gedanken, Anspannen der Sinne zur höheren Vergeistigung; vorzugsweise im Lotossitz), T'ai Chi Chuan (= chinesisches, aus dem Taoismus - Tao = Weg - stammendes Schattenboxen, das in langsamer Bewegung und Gegenbewegung die Harmoniesymbole Yin und Yang versinnbildlicht), Meditation (durch Entleeren Enstase statt Ekstase), Training von Edmund Jacobsson (1888-1983; Progressive Muskelrelaxation: willkürliches Anspannen - Entspannen der Muskel) etc. Jedes Entspannungstraining geht vom Gesetz der reziproken Inhibition (Hemmung) aus, nach dem Entspannung und Angst unvereinbar sind. (Deshalb kann auch Essen Angst überspielen, da man sich dazu entspannen muss.)

Vgl. Österreichische Gesellschaft für VT, Deutscher Fachverband für VT, Deutsche Gesellschaft für VT

 

- Humanistische und kommunikationsorientierte Therapieformen:
Diese „dritte Kraft“ (Bezeichnung von Abraham Maslow, 1908-1970; s. u.) betont in ihrem Menschenbild den schöpferischen und auf Selbstverwirklichung ausgerichteten Aspekt der Persönlichkeit des intentional agierenden und in sozialen Zusammenhängen lebenden Patienten, dessen vielfältige eigene Ressourcen genützt werden sollen. Die Arbeitsprinzipien dieser Richtung fasste Wolfgang Metzger (1899-1979) 1962 zusammen:

° Nicht-Beliebigkeit der Form (man kann nur entfalten, was an Möglichkeiten angelegt ist)
° Gestaltung aus inneren Kräften (die in den Klienten selbst ihren Ursprung haben)
° Nicht-Beliebigkeit der Arbeitszeiten (sondern Ausnutzen der fruchtbaren Augenblicke der Zugänglichkeit)
° Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit (Prozesse haben ihr eigentümliches Ablauftempo)
° Duldung von Umwegen
° Berücksichtigung der Wechselseitigkeit des Geschehens

Kritik: Einerseits wird dieser Strömung Scheu vor empirisch-wissenschaftlicher Fundierung sowie ihre Vielfalt und damit innere Widersprüchlichkeit vorgeworfen, andererseits darauf hingewiesen, dass das, was in entspannten Sitzungen gut funktioniere, oft nicht ins Leben übertragen werden könne.

            Einzelne Schulen:

   Viktor E. Frankl

* Logotherapie: begründet vom österreichischen Psychologen Arzt Viktor E. Frankl (geb. 26. 3. 1905 in Wien, gest. 2. 9. 1997 in Wien). Er korrespondierte schon als Schüler mit Freud und war später Mitarbeiter von Adler und Reich, stammte also ursprünglich aus der psychodynamischen Tradition. Frankl überlebte durch „Distanzierung“ von seinem Leid das KZ Auschwitz, in dem seine Familie und seine erste Frau starben (vgl. ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, geschrieben in neun Tagen 1945, dt. 1977). Nach dem Krieg wurde er Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, ab 1970 am eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Logotherapie in San Diego, Kalifornien und anderen, v. a. amerikanischen Universitäten. Er unternahm zahlreiche oft überbuchte Vortragsreisen, erhielt Ehrenbürgerschaften (z. B. Austin) und -doktorate und war weithin populär, was sich z. B. in der Verbreitung seiner Bücher, v. a. Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Der Wille zum Sinn, Das Leiden am sinnlosen Leben, Theorie und Therapie der Neurosen etc., die in alle bedeutenden Sprachen der Welt übersetzt wurden, und der Gründung zahlreicher Frankl-Institute niederschlug.

° Daseinsanalysen: gibt es seit Ludwig Binswanger (1881-1966, der unter dem Einfluss von Freud, Edmund Husserl, 1859-1938 und Martin Heidegger, 1889-1976, die Liebesfähigkeit im Zentrum sieht). Die Logotherapie und Existenzanalyse von Frankl  (= „dritte Richtung der Wiener Psychotherapie“ neben Freud und Adler), die Freiheit und Verantwortlichsein bewusst macht und damit eine bestimmte zugrundeliegende Anthropologie berücksichtigt, konstatiert „existentielle Frustration trotz herrschendem Wohlstand“ als Leiden unserer Zeit und strebt Heilung durch Sinnfindung an. („Wer ein Warum zum Leben hat, der erträgt fast jedes Wie.“) Neben unbewussten Trieben, Begierden, Wünschen, Phantasien usw. gebe es auch eine unbewusste Geistigkeit mit mehreren Anteilen (ethisches Unbewusstes, ästhetisches Unbewusstes). Das im dreidimensional (als biologisch-physiologisches, psychologisch-soziologisches und geistig-noetisches Wesen) angelegten Menschen auftretende Bedürfnis nach Sinn (nicht ein bestimmter Sinn, sondern ein zu suchender/findender: für Frankl z. B. besteht er darin, anderen zu einem Sinn zu verhelfen) werde durch Abhandenkommen einer Wert- und Weltanschauung nicht erfüllt. Dies führe zu Neurosen (zu sturer Selbst-Zentriertheit).
° Techniken: von Frankl entwickelte Techniken (sie beschäftigen sich mit der dritten der oben erwähnten Dimensionen) sind:
     + Dereflexion (Symptome sollen ignoriert werden, der Patient soll in der Mitwelt handeln, nicht über sich nachgrübeln) und
     + Paradoxe Intention (Paradoxe Intervention; Symptomvorschreibung; die an sich unwillkürlich auftretenden Schwierigkeiten sollen bewusst vollzogen werden, z. B. wird dem Schlafgestörten Schlafentzug verordnet. Dadurch erfolgt eine Distanzierung von der Neurose, das Gefühl der Unterworfenheit weicht dem des Beherrschens des Symptoms. Ein eingespielter Circulus diaboli wird durch die ungewöhnliche Maßnahme durchbrochen, neue Möglichkeiten, mit einer Therapie anzusetzen, öffnen sich.
     + Einstellungsmodulation (Veränderung der Sichtweise: das Positive auch an schwierigen Situationen zu erkennen imstande sein. Zielt darauf ab, sich selbst zu verändern und nicht auf eine Veränderung der Umstände zu hoffen.)
    
 + Sokratischer Dialog: Wie Sokrates (Σωκράτης; 469-399 v. Chr.) hilft der Arzt dem Patienten nach der maieutischen Methode (Hebammenkunst), die Erkenntnisse selbst zu vollziehen. Sinn kann nicht nicht gegeben, er muss (vom Klienten) gefunden werden.
° „3 Hauptstraßen“ zum Sinn:
     + Schöpferische Werte (Freude über das durch eigene Arbeit Geschaffene)
     + Erlebniswerte (statt Konsum)
     + Einstellungswerte (selbst in der ausweglosesten Situation entscheidet man noch selbst über die Einstellung gegenüber dieser Situation und kann sie hinnehmen)

Vgl. Videoportrait (die ersten 28 min). Seite über Viktor Frankl, Seite des Franklzentrums Wien, des Instituts für Logotherapie und des Viktor Frankl-Institut Wien, Logotherapie-Institut Salzburg und Logotherapie-Institut Tirol

* Gesprächstherapie: Die „dritte Kraft“ der Humanistischen Psychologie wurde vom US-Amerikaner Carl R. Rogers mitbegründet. (1902-1987; studiert zunächst Landwirtschaft u. Theologie, dann Psychologie. Professor an mehreren USA-Universitäten, zuletzt La Jolla, Kalifornien.) Rogers hatte in Europa (v. a. durch die Arbeiten von Annemarie und Richard Tausch - s. o.) großen Einfluss (schülerzentriertes Lernen, Entstehen von Encounter-Gruppen, s. u.) Seine client-centered-therapy leugnet ein homöostatisches Menschenbild, sie geht von der Fähigkeit, psychisch zu wachsen, aus. (Für den Begriff "Selbstverwirklichung" - s. u. - verwendet er den Begriff Aktualisierungstendenz.) Ein wichtiger Begriff ist das Selbstkonzept (mit Berücksichtigung eventueller Differenzen zwischen Selbstbild und Fremdbild). Der Therapeut verhält sich aktiv zuhörend (nicht nur „einohrig“, sofort nach einer Antwort suchend), gibt aber kein Ziel vor. Er bleibt er selbst (aufrichtig, echt) und soll Wertschätzung (bedingungsloses Akzeptieren; Ernstnehmen, nicht immer Zustimmung zu den Aussagen des Klienten), Wärme und einfühlendes Verstehen (Empathie) vermitteln. Er interpretiert nicht, sondern arbeitet maieutisch. Der Klient sieht sich durch die spiegelbildliche Rückgabe seiner Äußerungen zu einer Korrektur und zu einem Ausgleich zwischen dem Ideal-Bild und dem Real-Bild seines Selbst veranlasst und entwickelt dadurch ein positives Selbstkonzept. Rogers' Grundbegriffe sind also Empathie, Akzeptanz und Kongruenz (vgl. seine Videoerklärung).
Zu Rogers' Prinzipien der Erziehung s. o. - Vgl. Video Interview mit C. Rogers, Seite über Rogers, über Gesprächstherapie und die Homepage der entsprechenden Österreichischen Gesellschaft

Eine bekannt gewordene Weiterentwicklung der Theorien von Rogers stellt das Konzept der gewaltfreien Kommunikation (Ausrichtung auf Bedürfnisse, die hinter allem stünden) von Marshall B. Rosenberg (1934-2015) dar. In vier Schritten (Übermitteln nicht wertender Beobachtung / Darstellen von damit verbundenen Gefühlen / Offenlegung der dahinter stehenden Bedürfnisse / Äußern von auf konkrete Handlungen bezogene Bitten - „Wenn ....., dann fühle ich mich ....., weil ich ..... brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne ..... .“) soll statt konfliktreicher empathische Kommunikation möglich werden. (Damit können die von Friedrich Glasl, *1941, diagnostizierten Eskalationsstufen eines Konflikts - Win-win-Situation, in der noch beide gut aussteigen können / Win-lose-Situation, in der nur mehr eine/r gut aussteigen kann / Lose-lose-Situation, in der niemand mehr gut aussteigen kann - vermieden werden.)

* Gestalttherapie: Ziel dieser von Fritz (Frederick) Perls (1893-1970; Ausbildung in Berlin durch Horney und Reich, aber auch bei Max Reinhardt, 1873-1943; Therapeut in Frankfurt; Emigration nach Amsterdam und Südafrika; ab 1946 in den USA von der Chicago Schule für Sozialpsychologie, v. a. von Paul Goodman, der krank machende gesellschaftliche Verhältnisse analysierte, beeinflusst; gest. in Vancouver) gegründeten Richtung ist ein Leben ohne Fassade. Klienten sollen Eigenverantwortung übernehmen und nicht andere verantwortlich machen. (Keine Bezugnahme auf Gestaltpsychologie, wiewohl Analogien bestehen.)

Mittelpunkt einer Gruppensitzung, die mit personenzentrierter Arbeit abwechselt, ist das auf dem „heißen Stuhl“ sitzende Gruppenmitglied und seine Probleme. Im Hier und Jetzt, dem einzigen Ort, an dem Veränderung stattfinden könne, soll die Anklammerung an die Vergangenheit überwunden werden (ihr nicht mehr die Schuld an den Problemen zugeschoben werden), an ihre Stelle tritt Verantwortlichkeit. Mit z. T. künstlerischen Mitteln (Zeichnen, Theater etc.) wird versucht, die Gestalt zu schließen (sie tritt dann in den Hintergrund, Blockaden werden gelöst; Prinzip der Ganzheitlichkeit). Der Therapeut lässt den Klienten die vermiedenen und verleugneten Teile seiner selbst spielen, um sie in der Folge zu reintegrieren
Vgl. Ö. Ges. für Gestalttherapie, DVG, Lexikon der Gestalttherapie und Seite des Symbolon-Instituts

* Körpertherapie (Bioenergetik): Vorläufer: Orgontherapie von Reich (s. o.). Die Bioenergetik (entwickelt von Alexander Lowen, 1910-2008, in New York; ursprünglich Rechtsanwalt, dann Mitarbeiter Reichs) beruht auf dem Gedanken, dass der Körper Ausdruck seelischer Zustände ist. Fünf Charakterstrukturen bauen sich im Verlauf der Lebensgeschichte auf: Sichzusammennehmen (entspricht der schizoiden Persönlichkeit), Ansichhalten (oraler Charakter), Drinnenhalten (masochistischer Typ), Drüberhalten (psychopathisches Muster) u. Zurückhalten (rigide Strukturen). Aufgabe der Therapie ist es nun, durch Übertreiben der Körperhaltung bis zur Karikatur den Muskelpanzer zu lockern bzw. Verspannungen durch körperliches Agieren zu lösen.

Andere Körpertherapien stellen das Atmen in den Mittelpunkt (Atemtherapie) oder fordern einfach ein Umklammern des Klienten (Holdingtherapie vom Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Nicolaas Tinbergen, 1907-1988, Anwendung bei autistischen Kindern). Die Urschreitherapie von Arthur Janov (1924-2017) soll Spannungslösung bewirken. Die Sexualtherapie von William Howell Masters (1915-2001) und Virginia Eshelman-Johnson (1925-2013) beruht tw. auf paradoxen Interventionen (s. o.)

* Familientherapie: geht von der Annahme aus, dass nicht nur der Kranke, sondern auch das System, in dem er lebt, krank ist und behandelt werden muss (Systemische Familientherapie). Untersucht werden in diesem Konzept, das 1950 von Nathan Ackerman (1908-1971) und Murray Bowen (1913-1990) entwickelt wurde, die Kommunikations- und Interaktionsstile innerhalb der Familie.

  Man unterscheidet:
° Okkupationssysteme (z. B. Eltern okkupieren ihr Kind als Hoffnungsträger selbst nicht erreichter Ziele)
° Substitutionssystemen: Nach Horst Eberhard Richter (dt. Psychoanalytiker, 1923-2011) substituiert sich jede kranke Familie als
     + Festung (paranoide Verteidigung),
     + als Sanatorium (angstneurotische Selbstbemitleidung) oder
     + als Theater (hysterische Verdrängung)
 
  Therapieverlauf:
° Ausgangspunkt: Symptom (z. B. Asthma) oder ein für einen Teil der Familie unerträglicher Zustand fällt auf (Symptomträger - Restfamilie)
° Ansatzpunkte:
     + Familienkonstellation (Ränge, Rollen[zuweisung], Machtverhältnisse, Sozialdistanz etc.)
     + Familienatmosphäre (Stimmungen, Begegnungsweisen)
     + Familienregeln (Art der Regeln, Form des Zustandekommens, Weise des Einhaltens, (unausgesprochene) Familienaufträge (z. B. den Beruf des Vaters zu ergreifen etc.
° Methoden: Meist werden Familienaufstellungen, Analyse von - ev. unausgesprochenen - „Familienaufträgen“ (wenn sich z. B. Kinder verpflichtet fühlen, den Betrieb der Eltern zu übernehmen), Formen der Gesprächs- und Gruppentherapie, zirkuläre Fragen (die auf den vermuteten Standpunkt Dritter abzielen) u. s. w. verwendet. Bei Kindern wird die Spieltherapie nicht nur therapeutisch, sondern auch als diagnostisches Mittel eingesetzt. Bekannt geworden ist die sog. Wunderfrage: „Woran würden Sie und Ihre Umgebung - ohne Absprache - merken, dass Ihre Probleme gelöst seien, wenn dies wie durch ein Wunder über Nacht geschähe?“

Vgl. Seite der DGSF, folgende Fallgeschichte und ÖAS-Seite

* Gruppentherapie: Weniger eine bestimmte inhaltliche Richtung, eher eine Organisationsform, die mehrere Richtungen aufgrund ihrer Vorteile (billiger, Mitsprachemöglichkeit, auch gegenseitige Beeinflussung) adaptieren.

° Psychodrama von Jakov L. Moreno (1892-1974; aus Bukarest stammender Österreicher, der mit Adler zusammenarbeitete und 1925 in die USA ging): Älteste Form der Gruppentherapie; durch dramatische Darstellung der lebensbestimmenden Konflikte (z. B. mit den Eltern, die Gruppenmitglieder übernehmen Rollen) in einem Konzept der Kreativität und Spontaneität soll eine Bewusstmachung und eine Affektabfuhr erfolgen, die das Potential für adäquate Lösungsansätze freisetzt (Einfluss des Wiener Stegreiftheaters). Der Ablauf gliedert sich in die Erwärmungsphase (Schaffung eines angstfreien Klimas), die Handlungsphase (Arbeit am Problem) und die Integrationsphase (Reflexion).
° Encounter-Gruppen: Im Anschluss an die T-Groups (Trainigsgruppen) von Kurt Lewin entstandene Begegnungsgruppen. Als Bekanntengruppen, Fremdgruppen o. Betriebsgruppen sollen sie dem Einzelnen bei der Persönlichkeitsstärkung oder als Selbsterfahrungsgruppen beim Kennenlernen seiner selbst helfen. Bekannt geworden sind v. a. die Balint-Gruppen (nach dem 1939 nach England emigrierten, analytisch orientierten Ungarn Michael Balint, 1896-1970, Teil der „Budapester Schule“, Begründer der Fokaltherapie, einer Kurztherapie, die einen thematischen Schwerpunkt = Fokus hat), in denen 8 bis 12 Angehörige der gleichen Berufsgruppe unter professioneller Leitung (Supervision durch einen Ausbildungspsychologen) ihren Berufsalltag (Beziehungen zu allen Menschen, denen sie im Beruf begegnen bzw. andere Probleme) besprechen.
° Selbsthilfegruppen: Sie beruhen als zunächst nicht institutionalisierte, selbst organisierte Einheiten darauf, dass alle ihre Mitglieder - mit Ausnahme eines eventuellen begleitenden Therapeuten - gleiche oder ähnliche Probleme haben und sich aneinander aufrichten können. Man findet Kolleg/innen vor, die weiter als man selbst sind und daher als Vorbild dienen können, aber auch solche, die noch am Beginn stehen und dadurch den Weg, den man selbst zurückgelegt haben, deutlich werden lassen. (Beispiel: Anonyme Alkoholiker)

   Paul Watzlawick

* Konstruktivismus: Er sieht psychische Schwierigkeiten darin begründet, dass jeder Mensch in einer anderen, von ihm „konstruierten“, Wirklichkeit lebt. Seine Kommunikation mit anderen kann dadurch gestört sein. Eine besondere Rolle kommt den Erwartungseffekten (self fulfilling prophecies, s. o.) zu: Voraussagen (gerade im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation) treten nur deshalb ein, weil sie gemacht wurden (nach dem sagenhaften Vorbild des König Οἰδίπους / Ödipus, der niemals seinen Vater ermordet bzw. mit seiner Mutter Kinder gezeugt hätte, wenn dies seinen Eltern nicht vorausgesagt worden wäre und sie es deshalb zu verhindern versucht hätten). Das bedeutet:

° dass es wichtiger ist, was für wirklich gehalten wird, als ob etwas „wirklich“ wirklich ist
° dass wir auf unsere Interpretation von Wirklichkeit reagieren und nicht auf die „Wirklichkeit“
° dass wir unsere eigene Wirklichkeit schaffen

Begründer dieser dem systemischen Ansatz verpflichteten Richtung sind der Ethnologe Gregory Bateson (1904-1980), Don D. Jackson (1920-1968), John H. Weakland (1919-1995) und Paul Watzlawick (geb. 1921 in Villach; Studium der Philosophie und Sprachen bis 1949; Analytikerausbildung bis 1954; Professor für Psychotherapie in El Salvador 1957-1960; seit 1960 mit einigen der obgenannten und Janet H. Beavin (*1940) Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto, Kalifornien; seit 1967 auch an der Stanford University, Abteilung Psychiatrie; Buchveröffentlichungen: Menschliche Kommunikation, Lösungen, Die Möglichkeit des Andersseins, Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, Anleitung zum Unglücklichsein, Gebrauchsanweisung für Amerika u. a., die zum Teil sehr populär geworden sind. Gestorben 2007 in Palo Alto.)
Watzlawick (mit anderen) stellte die Fünf pragmatische Axiome der Kommunikation auf (s. o.). Zu Watzlawick vgl. o., die Paul Watzlawick Website, Video-Vortrag 1 „Wenn die Lösung das Problem ist“, Vortrag 2 „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ und Paul Watzlawick Ehrenring

Besonderes Augenmerk richtet der Konstruktivismus auf folgendes, v. a. von Bateson („Ethos“ ist für ihn der soziale Stil einer Gesellschaft), dem Ehemann von M. Mead (1901-1978), in Schizophrenie und Familie untersuchte System, da psychische Erkrankungen nach Ansicht des Konstruktivismus auf dysfunktionale Kommunikationsverhältnisse zurückgeführt werden können:

Double-Bind (Beziehungsfalle): bezeichnet die Wirkungen von Paradoxien (= logisch unvereinbaren, in sich widersprüchlichen Inhalten, z. B. „Alle Kreter lügen“, sagte ein Kreter.) in menschlichen Interaktionen. Der Angesprochene kann sich dabei nur falsch verhalten. Für psychiatrisch relevante Double-Bind-Situationen gibt es 3 Voraussetzungen:

° eine enge Beziehung der Interaktionspartner
° eine Mitteilung, die etwas aussagt und gleichzeitig über ihre eigene Aussage etwas aussagt, so, dass beide Aussagen unvereinbar sind (durch Befolgung missachtet bzw. durch Missachtung befolgt werden, z. B. die Aufforderung: „Sei spontan!“)
° Die paradoxe Mitteilung ist, obwohl logisch sinnlos, pragmatische Realität. Ihr Empfänger kann der Situation nicht durch Metakommunikation oder Flucht entkommen und läuft Gefahr, für richtige Wahrnehmungen bestraft und als verrückt bezeichnet zu werden.

Die auf Grundlage der Fünf pragmatische Axiome der Kommunikation (s. o.) entstehenden Probleme sollen auf folgende Weise bearbeitet werden:

° 1. Problem definieren, zwischen echten und Pseudoproblemen unterscheiden
° 2. Bisherige Lösungsversuche untersuchen und überprüfen, ob die Probleme nicht durch Fehllösung entstanden sind
° 3. Ziele bzw. Lösungen definieren, utopische und vage Lösungen unberücksichtigt lassen
° 4. Konkrete Planungen durchführen

In dieses System kann sich der Therapeut wissentlich miteinbeziehen, in dem er z. B. einem Klienten, der nicht nein sagen kann, die Symptomvorschreibung erteilt, nein sagen zu müssen. Befolgt dieser die Anweisung nicht, hat er zum Therapeuten nein gesagt, ansonsten ist die Vorschreibung erst recht geglückt (vgl. oben Paradoxe Intention).

Der Konstruktivismus versteht sich als systemorientiert (nicht die historische Frage „Warum besteht, woher kommt eine Neurose?“ sondern die systematische „Wie funktioniert das krankmachende System bzw. Kommunikation überhaupt?“ steht im Mittelpunkt. Sinnbild für letzteres ist das in vielen Variationen spielbare Gefangenendilemma (Spielmöglichkeit unter diesem Link).

Ex.: Zwei Gruppen (oder Einzelpersonen) treten - zum Beispiel auf Grundlage des unten stehenden Schemas - gegeneinander an. Sowohl A (waagrecht) als auch B (senkrecht) wählen ohne (in einer Spielvariante, die die Vertrauensbasis womöglich noch nachhaltiger zu erschüttern imstande ist, ev. auch mit) Absprachemöglichkeit eine der beiden Spalten. Die Anzahl der gewonnen Punkte (A blau, B rot) hängt von der gleichzeitig erfolgenden Wahl der jeweils anderen Partei ab (analog der bekannten Geschichte von den beiden Gefangenen, die, je nachdem, ob der jeweils andere gesteht / auch gesteht, frei gehen, befristet oder lebenslänglich eingesperrt werden). Gespielt werden einige (oder auch sehr viele) Runden, solange, bis der Spielleiter unvorhergesehenerweise abbricht. (Man kann sich vorstellen, dass jeder Pluspunkt ausbezahlte 1000 €, jeder Minuspunkt in die Bank, die durch den Spielleiter vertreten wird, einzuzahlende 1000 € bedeuten.)

  Spielschema
Prisoner's
Dilemma


B
 

b1 b2

A

a1

                 +5


     +5

                 +8


     -5

a2

                 -5


     +8

                 -3


     -3

Graphik: Gefangenendilemma

Das Spiel ist ein Nicht-Nullsummen-Spiel (eines, bei dem der Verlust der Partei A nicht - wie z. B. im Fußball - automatisch denselben Gewinn für Partei B bedeutet) und steht u. a. metaphorisch für die Tatsache, dass es in menschlichen Beziehungen unmöglich ist, auf Kosten des/der jeweiligen anderen zu gewinnen. Oft fühlen sich Probanden als Sieger, wenn sie am Ende des Spiels weniger Minus auf dem „Konto“ haben als die andere Partei (so, als ob es bei 50 000 € Schulden ein Trost wäre, dass andere 100 000 € Schulden haben). Elemente jeder menschlichen Kommunikation sind das Aufeinanderangewiesensein, die Notwendigkeit zu vertrauen und die Tatsache, dass eine „logische“ Lösungsfindung, die nach dem Maximum strebt, mit einem optimalen Ergebnis inkompatibel ist. Ein kurzfristiger Maximalgewinn (8) würde langfristig - auch die Gegenpartei wird wohl irgendwann die zweite Spalte wählen, was beiderseits zu minus 3 führen würde - rasch wieder verschwinden.

In einer vor vielen Jahren international am Computer durchgeführten Spielserie gewann der ehemalige IHS-Direktor Anatol Rapoport, 1911-2007, mit einer simplen Tit for tat-, also „Wie du mir, so ich dir“-Strategie: Das von ihm verfasste Programm spielte immer auf Vertrauen, also Spalte 1. Nur wenn der Gegner Spalte 2 gewählt hatte, wählte auch das Programm genau einmal Spalte 2. (Nach Rapoport können soziale Interessenskonflikte durch fight - gewalttätige Auseinandersetzung, game - geregelte Auseinandersetzung oder debate - Überzeugungsversuche geregelt werden. Seine Gefangenendilemmastrategie steht modellhaft für eine klare, freundliche Interaktionsweise, die aber - nicht nachtragend! - Vergeltung übt, wenn sie provoziert wird.)
Vgl. auch The Prisoners' Dilemma

* NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren): NLP (z. B. von Bateson propagiert) wird definiert als die Wissenschaft von den Strukturen subjektiver Erfahrungen. Werden Sinneseindrücke zu individuellen Wahrnehmungen verdichtet, entstehen personspezifische interne Repräsentationen, die visuell, auditiv, kinästhetisch, gustatorisch und/oder olfaktorisch orientiert sein können. NLP will Verfahrensweisen zur Verbesserung (und eventuell zur Manipulation oder Steuerung) der Kommunikation mit sich selbst und mit anderen Menschen zur Verfügung stellen. Manchmal wird dies als „Pseudowissenschaft“, „New Age-Psychotherapie“, Geschäftemacherei und Manipulationsinstrument kritisiert.
Vgl. nlp.at, nlp.de u. v.
 a. Seiten

            Als wichtigste Annahmen gelten nach einer Zusammenfassung von Thies Stahl (*1950):

° Menschen reagieren auf ihre subjektive Abbildung der Wirklichkeit und nicht auf die äußere Realität.
° Geist und Körper sind Teile des gleichen kybernetischen Systems und beeinflussen sich wechselseitig.
° Viele Verhaltensmöglichkeiten sind wichtig, weil ein System immer von dem Element kontrolliert wird, das am flexibelsten ist.
° Ein Mensch funktioniert immer perfekt und trifft stets die beste Wahl auf der Grundlage der für ihn verfügbaren Informationen.
° Jedem Verhalten liegt eine positive Absicht zugrunde, und es gibt zumindest einen Kontext, in dem es nützlich ist.
° Das Ergebnis von Kommunikation ist das Feedback, das der einzelne bekommt; Fehler oder Versagen gibt es nicht.
° Kann ein Mensch lernen, etwas Bestimmtes zu tun, können es grundsätzlich alle Menschen.
° Menschen verfügen über alle Ressourcen, die sie brauchen, um eine von ihnen angestrebte Veränderung zu erreichen.

            Weitere Annahmen wären:

° „Die Landkarte ist nicht das Gebiet“. (Wir leben sowohl in der Welt der Sprache als auch in der realen Welt; Zitat von Alfred W. A. Korzybski, 1879-1950)
° Der positive Wert eines Menschen bleibt konstant, sein jeweiliges Verhalten kann aber unangemessen sein.
° Wenn etwas nicht funktioniert, tue etwas anders.
° In einem ansonsten gleich bleibenden System hat das Element mit den größtmöglichen Verhaltensmöglichkeiten die Kontrolle.
° Widerstand beim Klienten bedeutet mangelnde Flexibilität des Therapeuten.
° Der Sinn jeder Kommunikation ist nicht die Absicht, sondern die Reaktion, die sie beim Gegenüber auslöst.

NLP verwendet verschiedene Verfahrensweisen:

Unter (oft durch Mirroring - Spiegeln - unterstütztem) Rapport (der Begriff stammt ursprünglich aus dem Bereich der Hypnose) wird dabei der anzustrebende problemlose Kommunikationsfluss, das Erzeugen einer vertrauensvollen Übereinstimmung, verstanden.

Um Reaktion anderer bewusst zu steuern, wird vor allem der Priming-Effekt (= Bahnung) eingesetzt. Darunter versteht man die unbewusst bleibende Beeinflussung der Informationsverarbeitung (Reizkognition), dadurch, dass davor ein anderer Reiz vorhandene Gedächtnisinhalte aktiviert hat. Diese Aktivierung spezieller Assoziationen im Gedächtnis aufgrund von Vorerfahrungen wurde von John A. Bargh (*1955) experimentell untersucht. Dabei wurden Gedächtnisinhalte durch Worte, Gerüche, kinästhetische Erfahrungen (Triggerreize, Anker) etc. aktiviert, die Bewertungen, die ja als rational gesteuert gelten, drehen können (vgl. die im Bereich der Politik tätigen Spin-Doktoren). Zum Beispiel wurde in einem Ex. die Aussage „Ein Vertreter klopfte, aber Donald ließ ihn nicht herein.“) umso eher als feindselig bewertetet, je stärker die Vpn. davor mit subliminal emotional feindselig gefärbten Begriffen (wie „Beleidigung“, „unfreundlich“) beeinflusst wurden. Andere Beispiele für beeinflussende Reize: Harte/weiche Sessel für Verhandlungspartner, heiße/kalte Getränke während Beziehungsstreitigkeiten etc. Bekannt wurde dies als Florida-Effekt:

Ex.: Vpn. sollten mit Begriffen wie Florida (in den USA ein sprichwörtliches Pensionistenparadies), vergesslich, Glatze, grau oder Falte Sätze bilden. Das eigentliche Ex. folgte jedoch erst danach: Ohne dass dies den Vpn. mitgeteilt wurde, maß man die Gehgeschwindigkeit dieser Gruppe im Vergleich zu einer Kg., die keine oder andere Worte bekommen hatten. Allein das Lesen der seniorenbezogenen Vokabel beeinflusste das Verhalten der Probanden, ohne dass diese davon etwas bemerkten: sie gingen - womöglich einander unbewusst verstärkend - signifikant langsamer zum Lift als die Kg. (Dieses Phänomen wird ideomotorischer Effekt genannt. Zugrunde liegt die „assoziative Aktivierung“, die unkontrolliert in System 1 - s. o. - abläuft.)

Weitere mit NLP in Zusammenhang stehende und z. B. in Reden verwendete Techniken sind u. a. Framing (s. o., z. B. wirkt die Aussage eines Arztes „90% überleben diesen Krebs“ beruhigender als die Aussage „10% sterben an diesem Krebs.“) bzw. Refraiming, Pacing (= nach Richard Bandler , *1950, und John Grinder, *1940, die als NLP-Erfinder angesehen werden, „sich in der Körperhaltung, dem Sprachverhalten, der Gestik und/oder dem Atemrhythmus dem Gesprächspartner anzupassen. Dadurch entsteht auf einer unbewussten Ebene ein intensiver und zuverlässiger Kontakt. Dieser Kontakt ist unabhängig von inhaltlichen Übereinstimmungen und daher besonders gut geeignet, auch in schwierigen und kontroversen Situation eine stabile und positive Beziehung zu gewährleisten.“ ), Leading (= das durch Herstellung von Rapport, Framing und Pacing vorbereitete „Führen“, Beeinflussen oder Manipulieren der angesprochenen Personen), das Milton-Modell (beschreibt, wie Verallgemeinerungen, Tilgungen und Verzerrungen sprachlich so eingesetzt werden können, dass die Angesprochenen aus ihrer Erfahrungswelt assoziativ Bedeutungen hinzufügen können; benannt nach dem Hypnosetherapeuten Milton Erickson, 1901-1980), Ankern (= bewusst herbeigeführtes Verbinden bestimmter Reize mit bestimmten Reaktionen; Anker können in jedem Sinnesbereich installiert werden. Ein spezifischer Reiz wird - wiedererinnerbar - dann gesetzt, wenn ein bestimmter Zustand erlebt wird; zum Ankereffekt s. a. o.)

Tversky und Kahneman (s. o.) teilten schon 1974 ein Ex. mit, das den Ankereffekt bewies: Die Vpn. der Gruppe A sollten innerhalb von 5 sec. das Produkt aus 1x2x3x4x5x6x7x8=? schätzen, die der Gruppe B erhielten dieselbe Aufgabe, aber verkehrt herum angeschrieben (8x7x6x5x4x3x2x1=?). Im Durchschnitt tippte Gruppe A auf 512, Gruppe B auf 2250 (beides keine sehr exakten Schätzungen). Erklärung: Die erste Multiplikation ergibt unterschiedlich hohe Werte (2 vs. 56) und beeinflusst den folgenden Gedankengang.

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Es existieren zahllose weitere - seriöse und unseriöse oder zumindest unwissenschaftliche (die es immer schon gab: z. B glaubte der zu seiner Zeit weithin einflussreiche Franz Anton Mesmer, 1734-1815, dessen Theorien in die berühmten Portraitplastiken des Franz Xaver Messerschmidt, 1736-1783, einflossen, Krankheiten durch „animalischen Magnetismus“ und Berührungen heilen zu können) - Therapieformen: Beschäftigungs-, Schlaf-, Rebirthing-Therapie, Lachyoga, die Hypnotherapie von Milton Erickson (1901-1980; die eine höhere Lernfähigkeit durch Rückversetzung in einen kindlichen Zustand mittels Trance erzielen will), Logopädie bei tonischem (Blockade und Herausplatzen einzelner Wörter) oder klonischem (Repetieren von Wörtern oder Satzteilen) Stottern (vgl. Speech and language disorders), Lichttherapie (s. o.) u. v. a. m. Zur Paartherapie vgl. auch Eheberatung nach Loriot (eig. Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, 1923-2011: „Kommunikationsgestörte interessieren mich am allermeisten. Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-vorbei-Reden.“ -  S. a. o.)

 

 


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