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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 5. TEIL

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INHALT DES 5. TEILS:

IX. DIE PSYCHISCHEN KRÄFTE (Definitionen - Die Triebe - Die Gefühle / Emotionalität - Die Interessen und Werte - Der Wille / Motivation)
X. SOZIALPSYCHOLOGIE (Definitionen - Erscheinungsformen sozialer Kollektive - Soziale Ränge und Mechanismen - Methoden der Sozialpsychologie)
XI. PERSÖNLICHKEITSPSYCHOLOGIE (Definitionen - Typologien)


 


IX. DIE PSYCHISCHEN KRÄFTE
 

 

DEFINITIONEN

* Psychische Kräfte (Ausdruck vom Wiener Psychologen H. Rohracher; s. o.) sind folgende seelische Prozesse, die hinter den psychischen Funktionen stehen und diese aktivieren (vgl. Seite 1): Triebe, Gefühle, Interessen und das Wollen.

* Hintergrundaktivität: Bezeichnung für Bewusstseinslage (Aktiviertheit), Emotionalität und Motivation, vor der Wahrnehmung, Denken und Lernen ablaufen

 

DIE TRIEBE

- Definition:
Triebe sind Drangerlebnisse, die autogen (von selbst und ohne Mitwirkung des Bewusstseins) entstehen. Sie sind biologisch sinnvoll und angeboren, ihr Sitz ist in den tieferen Gehirnlagen (Stammhirn, Zwischenhirn). Triebe gehen mit einer Verminderung der Bewusstseinsklarheit einher und sind oft von Gefühlen begleitet.

 

- Einteilung der Triebe:
* Erhaltungstriebe: vitale Triebe, die der Erhaltung der Art oder des Lebens eines Individuums dienen (z. B. Nahrungs-, Geschlechts-, Brutpflege-, Flucht-, Schlaftrieb etc.) Sie bewirken z. B. auch, dass die Gehirne von Lebewesen im Interesse ihres Überlebens Bedrohungen schneller verarbeiten als die weniger dringlichen positiven Chancen. Der Sexualtrieb wurde erstmals ausführlich durch Alfred Charles Kinsey (1894-1956) untersucht. Seine zwei Bände des Kinsey-Reports (ersch. 1948 über den Mann und 1953 über die Frau) gelten als Auslöser der „sexuellen Revolution“ der 60er-Jahre des 20. Jhdts.
Diese Triebe lassen sich in eine Triebhierarchie einordnen (nicht jeder Trieb ist in gleicher Weise auslösbar): der Fluchttrieb, der außer bei totaler physischer Erschöpfung immer ausgelöst werden kann, steht an erster Stelle, der Sexualtrieb an letzter Stelle (da die Arterhaltung im Moment der Bedrohung des individuellen Lebens warten kann).

           Folgende Triebkonflikte gibt es (nach Lewin, s. o.; zu Konflikten allg. s. u.)

° Appetenz-Appetenz-Konflikt: Zwei anstrebenswerte Reize konkurrieren; Hinwendung zum einen bedeutet Entfernung vom anderen (z. B. Futter oder Brunftpartner; „Qual der Wahl“).
° Appetenz-Aversions-Konflikt: ambivalente Situation; (z. B. Futter befindet sich in einer Angst machenden Umgebung).
° Aversions-Aversions-Konflikt: Entfernung von einem Reiz bedeutet Annäherung an den anderen; beide sind negativ besetzt (z. B. beide Fluchtrichtungen sind durch einen natürlichen Feind versperrt; „Von zwei Übeln das geringere wählen“).

Im Konfliktmodell von Neal Elgar Miller (1909-2002) wird im Anschluss an Lewin das Zusammenspiel von Annäherungsgradient (Angezogenwerden von Objekten mit positiver Valenz) und Vermeidungsgradient (Abstoßungsverhalten gegenüber Objekten mit negativer Valenz) untersucht. Es stellt fünf Hypothesen auf:

° Die Annäherungstendenz ist um so stärker, je näher der Organismus dem Ziel ist.
° Die Vermeidungstendenz ist um so stärker, je näher der Organismus dem Ziel ist.
° Der Vermeidungsgradient ist steiler als der Annäherungsgradient.
° Je stärker die das Annäherungs- und Vermeidungsverhalten motivierenden Triebe sind, desto größer ist die Höhe des jeweiligen Gradienten.
° Die Nettotendenz, das Ziel zu erreichen, ist die Differenz der beiden Tendenzen.

* Soziale Triebe: Gesellschafts-, Machttrieb, Geltungsdrang etc.

* Hedonistische Triebe: nach Genuss- und Suchtmitteln (erworben! Vgl. o.) Nach psychoanalytischer Theorie Ersatzbefriedigung nach Ablenkung von einem ursprünglich sinnvollen Triebziel.

* Kulturtriebe: Wissens-, Erkenntnistrieb etc. (Sie bewirken keine physischen Ausfallserscheinungen.) Vgl. u. Interessen

* Funktionstriebe: Spieltrieb, Drang, sich nach einer Ruhephase zu bewegen etc; dienen der Entwicklung bzw. der Erhaltung von Fähigkeiten und Fertigkeiten.

 

- Verhaltensweisen; Grundbegriffe der Ethologie (Verhaltensforschung)
   Konrad Lorenz (Abb. aus www.aeiou.at)

Triebe realisieren sich in im Laufe der Phylogenese immer komplizierter gewordenen Verhaltensweisen, die von der Ethologie untersucht werden. Der Begriff wurde 1911 auf einem Ornithologenkongress von Oskar Heinroth (1871-1945) geprägt. Als Mitbegründer der neuen Wissenschaft gelten sein Schüler, der Österreicher Konrad Zacharias Lorenz (1903-1988, in der NS-Zeit Univ. Prof., u. a. auf Kants Lehrstuhl in Königsberg, 1950 Direktor des Max-Planck-Institutes - benannt nach dem Physiker Max Planck, 1858-1947 - für Verhaltensphysiologie; wichtigste Bücher: Aggressionstheorie Das sogenannte Böse; biologische Erkenntnistheorie Die Rückseite des Spiegels; Ethik Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit; das einige Aspekte der Grünbewegung vorwegnahm, deren Sprachrohr Lorenz im Hainburg-Volksbegehren 1985 war, Standardwerk Vergleichende Verhaltensforschung; Alterswerk Der Abbau des Menschlichen; vgl. Autobiographie), der Niederländer Nikolaas Tinbergen (1907-1988; beide zusammen mit dem österreichischen Erforscher der Bienensprache, Karl von Frisch, 1886-1982, Medizin-Nobelpreisträger 1973) und weitere Biologen. Sie wendet Fragestellungen und Methoden der anderen Zweige der Biologie auf das Verhalten an und entdeckt, wie z. B. auch im Körperbau verschiedener Spezies, Homologien und Analogien. (Die Verhaltensforschung wurde auch „Tierpsychologie“ genannt; zur Anwendung auf den Menschen vgl. z. B. Der nackte Affe, Das Tier Mensch, Der Mensch, mit dem wir leben, Manwatching - alle von Desmond Morris, *1928, oder die filmischen Dokumentationen, Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriss der Humanethologie und Menschenforschung auf neuen Wegen von Irenäus Eibl-Eibesfeldt, 1928-2018.)

* Reflex: biologisch sinnvolle, über den Reflexbogen (Rückenmark) unbewusst ablaufende, angeborene Organreaktion auf äußere oder innere Reize (Begriff von René Descartes; s. a. o.)
Entsprechend dem Biogenetischen Grundgesetz von Ernst Haeckel (1834-1919; jedes Lebewesen mache während seiner Ontogenese noch einmal die Phylogenese durch) beim Menschen vor allem im Säuglingsalter (vgl. Seite 2), aber auch danach vorhanden: z. B. Lidschlussreflex, Patellarsehnenreflex etc.

* Instinkt: biologisch sinnvolle, unbewusst ablaufende, angeborene, oft komplexe Verhaltensweise, die in verschiedener Intensität (von der Intentionsbewegung bis zur voll konsumierten Endhandlung), aber immer in derselben Reihenfolge abläuft und von äußeren oder inneren Reizen ausgelöst wird (AAM = angeborenen Auslösemechanismen). Dabei scheint im Gehirn keine strikte Trennung für die Steuerung von erlerntem bzw. angeborenem Verhalten vorzuliegen. Die Instinkthandlung wurde von Lorenz erbkoordinierte Bewegung genannt und dargestellt im
            Psychohydraulischen Modell:

Aus: Konrad Lorenz, Vergleichende Verhaltensforschung. Wien - New York 1982, p84

° Wasser: symbolisiert die Energie für eine Instinkthandlung; der Wasserspiegel zeigt das aktuelle Instinktpotential
° Hähne: symbolisieren die äußeren und inneren Reize
° Ablaufen des Wassers: symbolisiert das Ablaufen der Instinkthandlung
° Kork: symbolisiert die zu überwindende Hemmung

Nach dem Homöostatischen Prinzip (Tendenz zur Herstellung eines inneren Gleichgewichts; s. a. o.) läuft die Instinkthandlung entweder von alleine ab (s. u.), wenn der Druck zu groß wird (der Korken wird herausgedrückt, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist), oder sie wird durch einen Schlüsselreiz (s. u.) ausgelöst (der im Modell durch eine rasch eingeschüttete Kanne Wasser symbolisiert wird), was zu einer Spannungsreduktion führt. (Zu Jungs Sichtweise auf Instinkt und Bewusstsein s. o.)

* Schwellenwert: Wert, der erreicht werden muss, damit eine Instinkthandlung ablaufen kann. Er hängt von der Anzahl bzw. der Stärke (am stärksten wirkt der Schlüsselreiz, s. u.) der Reize ab bzw. davon, wie lange die erbkoordinierte Bewegung schon nicht abgelaufen ist (vgl. z. B. die tierische oder auch menschliche Sexualität).

* Schlüsselreiz: ein eine Instinkthandlung auslösender, in seiner Anordnung meist sehr einfacher Reiz, der bei Attrappenversuchen (Ex.) durch eine „überoptimale“ Nachbildung ersetzt werden kann (z. B. „füttern“ Vögel aufgrund eines roten Dreiecks, das dem aufgesperrten Schnabel des Jungvogels gleicht und daher auslösend wirkt.) Überzeichnete Auslöser bietet z. B. die Werbung oder die Spielzeugindustrie, vgl. z. B. die nach dem Kindchenschema (der Mensch bevorzugt pausbäckige, kleinnasige, runde Gesichtsformen) konstruierten Puppen. (= AAM, s. o.)

* Leerlaufhandlung: eine lange nicht ausgeführte Instinkthandlung läuft nach einiger Zeit von alleine ab, auch wenn kein Schlüsselreiz auftaucht (z. B. das „Vergraben“ von Knochen im Parkettboden bei Hunden, die Eirollbewegung ohne Ei bei der Graugans etc).

* Appetenzverhalten: das Suchen nach dem eine Instinkthandlung auslösenden Reiz (umso motivierter, je länger keine Auslösung erfolgt ist). Vgl. auch Ex. zum Spezialhunger: lange entbehrte wichtige Nahrungsbestandteile, z. B. Kalk bei Hühnern, werden instinktiv bevorzugt, wenn sie wieder vorhanden sind. (Nicht zu verwechseln mit Tropismus, dem Suchen nach entsprechender Reizstärke - z. B. das Streben der Motte zum Licht!)

* Prägung: die Fixierung eines Triebes auf ein Objekt (z. B. die von Lorenz untersuchte Nachlaufprägung bei Gänsen; s. a. o. - Ex.: Ist das erste bewegte Objekt nach dem Schlüpfen nicht - wie üblich - die Mutter oder ein Geschwisterküken, sondern eine Spielzeugeisenbahn oder Konrad Lorenz selbst - vgl. Video -, so wird das Küken anschließend diesem nachlaufen.)

* Aggression: Aggression, die nach innerartlicher (intraspezifischer) und zwischenartlicher (interspezifischer) Aggression unterschieden wird, ist ursprünglich ein dem Auseinanderhalten der Individuen dienender Trieb. Dadurch kann ein größerer Lebensraum mit mehr Nahrungsmöglichkeiten besiedelt werden. (Vgl. das auch heute noch vorhandene Bedürfnis des Menschen, andere fernzuhalten und sich ein Territorium abzustecken, z. B. durch Aufsetzen eines Trinkglases an einer bestimmten Stelle des Tisches, die Positionierung der Arme und Hände, einen Gartenzaun etc.) Auf die ethisch ursprünglich neutrale Wortbedeutung weist der Titel von Lorenz' Buch Das sogenannte Böse hin, in dem er eine Naturgeschichte dieses - auch menschlichen - lebens- und arterhaltenden Grundantriebes (der jedoch in der menschlichen Kulturwelt mit tragischen Folgen fehlfunktionieren kann) versucht.

Aggression kann offen oder verdeckt, von der Gesellschaft gebilligt oder missbilligt, als Auto- oder Fremdaggression, Einzel- oder Gruppenaggression (z. B. Krieg) u. s. w. auftreten. Aggression gegen Sachen wird Vandalismus, die überdauernde Bereitschaft zu aggressiven Handlungen Aggressivität genannt. Unter Gewalt versteht man mit Macht und Kraft vollführte physische Aktionen (zum Begriff „Misshandlung“ s. o.). Man unterscheidet:

° intraspezifische Aggression: sie tritt vor allem in drei Bereichen auf: Revierkonflikte, Fortpflanzungskonflikte (die im Tierreich oft durch nach festen Regeln ablaufende Ritual- oder Kommentkämpfe ausgetragen werden) und Herstellung einer Rangordnung. (Vgl. die 1922 in den Exen. von Thorleif Schjelderup-Ebbe, 1894-1976, untersuchte Hackordnung auf dem Hühnerhof oder das sog. Alphatier in der Affenhorde; die Neurobiologie stellte fest, dass sich ein Sieg in Rangordnungskämpfen - selbstverstärkend - positiv auf die Transmitterzusammensetzung, s. o., auswirkt, sodass, wer hinzuhacken imstande ist, dies gar nicht mehr tun muss, um vorgelassen zu werden, da „natürliche Autorität“ entstanden ist.) Die Entsprechungen beim Menschen untersuchte u. a. Desmond Morris (s. a. o.) in seinem Buch The Game, in dem er das Fußballspiel als Analogon zu tierischen Verhaltensweisen, aber auch zu Stammesritualen darstellt.

Verletzungen sind bei innerartlicher Aggression selten, ein letaler Ausgang wird meist durch die jedem Lebewesen eingebaute Tötungshemmung verhindert (die allerdings beim Menschen, der dem Korsett der Instinkthandlungen nicht unumgänglich unterliegt, v. a. durch die Erfindung der Fernwaffen überlistet wurde). Aggressionshemmungen können durch „Befehlsnotstand“ oder dann, „when you put good people in an evil place“ (situationaler Ansatz von Philip Zimbardo, *1933; Luzifer-Effekt, in der Realität z.B. 2004 im Folterskandal von Abu Ghraib beobachtbar) überwunden werden, wie in der NS-Zeit, in vielen weiteren historischen Situationen oder im berühmt gewordenen Stanford-Ex., bei dem gesunde, „normale“ Menschen zu „Wärtern“ bzw. „Gefangenen“ gemacht wurden, deutlich wurde (Ergebnis: unauffällige Studenten mutierten zu brutalen Gewalttätern), sodass im Unterschied zum Tierreich die menschliche Aggression oft letal endet. (Zu Zimbardos Stanford Prison Experiment vgl. auch eine Seite der Univ. Köln. Das Ex., das außer Kontrolle geriet, ist seit einiger Zeit stark umstritten: siehe z.  B. hier.)

Zu diesem Themenkomplex vgl. auch den Film „Das radikal Böse“ des österreichischen Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, *1961, aus dem folgende Aussagen abgeleitet werden können:

     + Die Massenexekutionen während des Russlandfeldzuges [im 2. Weltkrieg; Anm.] wurden durch „normale“ junge Männer durchgeführt. Menschen „wie Du und ich“.
     + Obwohl es die Möglichkeit der Befehlsverweigerung gab, haben nur wenige von ihnen den Befehl, jüdische Zivilisten (darunter Frauen und Kinder) zu erschießen, verweigert.
     + Die strenge militärische Hierarchie erleichterte es den Tätern, keine Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, bzw. diese zu negieren (Dehumanisierung, Deindividuation; s. a. u. Gruppendruck).

Die gängigen Aggressionstheorien sind:

     + philosophische Theorien: Thomas Hobbes (1588-1679) hält den Menschen für von Natur aus ungesellig und aggressiv gegenüber anderen und illustriert dies mit einem Zitat von Plautus (ca. 254–184 v. Chr.); "lupus est homo homini". Ein „bellum omnium contra omnes“ müsse durch einen starken Staat zu verhindern versucht werden. In Umkehrung dessen spricht Jean Jacques Rousseau (1712-1778) davon, dass erst die Gesellschaft den von Natur aus friedlichen Einzelmenschen, der andere nicht leiden sehen wolle, zu Aggressionen, vor allem in Zusammenhang mit Besitzstreitigkeiten, veranlasse. Eine Staatsmacht sei daher aggressionsfördernd, vielmehr gelte (ein nicht mehr mögliches) „Re ad naturam“. Nach Adam Smith (1723-1790) würden durch Güteraustausch gesellschaftliche Verpflichtungen und damit eine Theorie der ethischen Gefühle (Buchtitel 1759) entstehen, die davor nicht existiert habe.
     + tiefenpsychologische Theorien (v. a. die Postulierung eines „Aggressionstriebs“ durch A. Adler 1908 und die Triebtheorie von S. Freud, der Aggression ursprünglich Teil des Sexualtriebs, später als eigenständigen Destruktionstrieb, der die Energie nach außen wende, ansah): Aggression entstehe, wenn der Mensch an seiner Bedürfnisbefriedigung gehindert und so Unlust hervorgerufen werde, sie werde von der eigenen Person auf andere Personen oder Objekte umgelenkt. Die die Aggression verbietende Autorität müsse ins Über-Ich integriert werden.
     + biologische Theorien (v. a. die „Dampfkesseltheorie“ / das „Staubeckenmodell“ / „psychohydraulische Modell“ vom „sogenannten Bösen“ von K. Lorenz, s. o.): Durch Instinkte und Triebe werde Energie aufgestaut, die ein Ablassen verlange. Durch sozial verträgliche Ersatzhandlungen (Sport) könne das Energieniveau abgesenkt werden. Aggression könne nicht unterdrückt, sondern müsse kontrolliert werden. Beachtung verdiene, dass angeborene Tötungshemmungen durch Fernwaffen außer Kraft gesetzt worden seien.
     + physiologische / psychopathologische Theorien: pathologische Hirnveränderungen führen zu Aggression; ein Tumor könnte z. B. auf die Amygdala drücken.
     + Lerntheorien (v. a. Lernen am Modell nach Bandura, s. o., der Imitationslernen oder Lernen am Erfolg, das auf Konditionierung beruht, wenn gewisse Verhaltensweisen belohnt werden, annimmt): Sie besagen, dass Verhaltensweisen, die erfolgreich sind oder durch Role Models vorgeführt werden, eher zum Tragen kommen als andere. Deshalb müsse man verhindern, dass Aggression positiven Folgen habe. Vieldiskutiert ist in diesem Zusammenhang die durch Medien rezipierte Gewalt (oft unbegleitet schon in frühen Altersstufen). Gefahr: Im Laufe der Zeit würde (z. B. beim Betrachten von Gewaltvideos) eine Abstumpfung entstehen. Eine Gegenposition wäre die Katharsistheorie, nach der das Betrachten von Gewalt von eigener Aggressivität befreie.
     + die Frustrations-Aggressions-Hypothese (von J. S. Dollard und Miller, s. o.): nach ihr reagiert das Individuum in der Folge aggressiv, wenn sein zielgerichtetes Verhalten gehemmt wird und eine Bedürfnisspannung dadurch nicht ausgeglichen werden kann. Frustration sei also die Ursache von Aggression, einer „Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus oder eines Organismus-Ersatzes [in der Phantasie; Anm.] ist“. Da Frustrationen im Leben niemals komplett ausgeschaltet werden können, gelte es, sie umzulenken, um ein Aufschaukeln zu verhindern, und zu lernen, durch Erhöhung der Frustrationstoleranz friedlich auf Misserfolge zu reagieren.

° interspezifische Aggression: sie dient fast nur dem Nahrungserwerb (außer beim Menschen, dem Vertreter anderer Arten Auslöser oder Objekte aggressiven Verhaltens, das je nach Aggressionstheorie vielerlei Ursachen haben und bis zum Sadismus reichen kann, sein können) bzw. dazu zu verhindern, selbst zur Nahrung anderer Tiere zu werden.

* Demutsgebärde: von Lorenz moral-analog genannte Unterwerfungsgeste (bei manchen Tierarten z. B. Darbieten der Kehle), die den Kampf beendet und die Tötungshemmung (die beim Menschen durch Fernwaffen überlistbar ist) einschaltet. Erscheint beim Menschen im Grußverhalten ritualisiert (z. B. den Hut ziehen, verbeugen, knicksen, die offene Hand darreichen, um Waffenlosigkeit anzuzeigen)

* Übersprungshandlung: Bei Mensch und Tier in Konfliktsituationen zur Überbrückung von Unsicherheit häufig auftretendes Verhalten (z. B. Kratzen hinter dem Ohr, Lachen in peinlichen Situationen etc.)

* Imponiergehabe: stellt Dominanz innerhalb der Art her. Durch Gesten, Aufplustern usw. (beim Menschen auch durch Epauletten / Schulterpolster, hohe Absätze / Sohlen, Orden, Autos und andere Statussymbole etc.) soll Wirkung auf die Artgenossen erzielt werden.

* Verhaltensspiegelung: Menschen neigen dazu, unbewusst die Bewegungen ihnen sympathischer Personen nachzuahmen und ihrem Gegenüber zu gleichen. („Gleich und gleich gesellt sich gern“ ist in Bezug auf die Partnerwahl und auch in allen anderen Belangen richtiger als „Gegensätze ziehen sich an“.)

 

DIE GEFÜHLE (EMOTIONALITÄT)

- Definition:
In der nicht einheitlichen wissenschaftlichen Terminologie werden unter Emotionalität (der Gesamtheit der Gemütsbewegungen) die vom Limbischen System gesteuerten, eher nach außen gerichteten, beobachtbaren und übergeordneten psychischen Modalitäten verstanden. Als deren Komponenten sind Gefühle seelische Zustände, die ohne Mitwirkung des Bewusstseins als Reaktion auf inneres oder äußeres Geschehen auftreten und meist als angenehm oder unangenehm erlebt werden (mit Ausnahme der nicht exakt einordenbaren Gefühle des Mitleids und der Rührung; die Lust-Unlust-Dimension geht auf Ebbinghaus, s. o., zurück). Beispiele: Ekel, Freude, Furcht, Liebe, Scham, Trauer, Überraschung, Zorn.

Warum haben wir überhaupt Emotionen? Sie induzieren / motivieren Verhalten (z. B. Helfen, Fliehen etc.) und sind im Laufe der Evolution sinnvoll in uns „eingebaut“ worden. Es gilt dabei der Satz „Bad is stronger than good“, da uns eine gewisse Negativitätsdominanz beim Überleben hilft: Wir können rascher reagieren, wenn wir Bedrohungen sofort erkennen. Vgl. Exe., tw. von Paul Rozin, *1936: Ein einziges zorniges Gesicht in einer ansonsten indifferenten Menschenmenge identifizieren wir schneller als ein glücklich lächelndes, eine Schabe in einer Schüssel mit Kirschen verleidet uns durch das Aufkommen eines Ekelgefühls sofort den Genuss, eine Kirsche in einer Schüssel mit Schaben ruft hingegen keine positiven Gefühle hervor. (Dass die Verhältnisse oft unangebracht negativ eingeschätzt werden, weist Hans Rosling, 1948-2017, in seinem Buch Factfulness bzw. in Statistikvisualisierungen nach; vgl. Video 1, Video 2. Ex.: So tippten z. B. nur 6% aller Deutschen und Franzosen in einer seiner Auswahlaufgaben auf die Frage: „Wieviele 1jährige Kinder sind weltweit gegen irgendwelche Krankheiten geimpft?“ mit den drei Antwortmöglichkeiten: „20% / 50% / 80%“ auf die richtige dritte Möglichkeit. Schimpansen schafften die statistisch erwartbaren 33,3% und waren damit mehr als 5mal treffsicherer.)

 

- Gefühlsmodi:
* Affekte: sind besonders starke Gefühle; sie bewirken eine Ausschaltung des Bewusstseins, motivieren aber stark zu Handlungen („Bauchgefühl“, das nicht mit Intuition - s. o. - verwechselt werden darf), sodass für im Affekt (einer allgemein begreiflichen, heftigen Gemütsbewegung, § 34, Z 8 StGB) begangene Taten vor dem Gesetz besondere Milderungsgründe angenommen werden (sehr wohl aber besteht Verantwortlichkeit dafür, sich ev. fahrlässig in den Zustand des Affektes begeben zu haben). - Horaz, eig. Quintus Horatius Flaccus, 64-8 v. Chr. sagt: „Ira furor brevis est.“ - „Der Zorn ist eine kurze Raserei.“ Zustände wie Euphorie oder Verzweiflung sollten sich normalerweise im Laufe des Lebens immer besser steuern lassen, die Impulskontrolle bereitet aber manchmal nicht nur Kindern Probleme. Das Auftreten der Erregung und ihrer physischen Begleitvorgänge (derselben wie bei Neurosen, s. o.) wird bei Affekten subjektiv spürbar, aber auch objektiv messbar:

PGV: Die Psychogalvanische Reaktion kann aufgrund des bei stärkeren Gefühlen veränderten Leitungswiderstandes der Haut mit einem Psychogalvanometer gemessen werden. Dies kann als Teiluntersuchung in einen Polygraphen (im Volksmund Lügendetektor; er misst auch andere Parameter wie Herzschlag, Atmung etc.) eingespeist werden, dessen Nachteil allerdings darin liegt, nur einen allgemeinen Spannungs- und Erregungszustand, nicht dessen spezifischen Grund erfassen zu können. Im Gegensatz zu den USA oder Belgien, wo er u. a. Täterwissen zu entlarven versucht, ist er in Österreich daher als Beweismittel nicht zugelassen. Die Annahme, dass Menschen während des Lügens erregter sind als sonst, mag ja für abgebrühte Verbrecher womöglich gar nicht zutreffen.)

* Stimmungen: sind besonders lang anhaltende Gefühle, die, oft ohne äußeren Anlass, immer am menschlichen Leben beteiligt sind. (Es ist unmöglich, nicht irgendwie gestimmt zu sein.) Vor allem die Melancholie erregte immer wieder die Aufmerksamkeit on Künstlern (vgl. das 1621 erschienene Buch Anatomie der Melancholie von Robert Burton, 1577-1640, die entsprechenden Darstellungen von Albrecht Dürer, 1471-1528 - Link, Edvard Munch, 1863-1944 - Link - u. a.). Man unterscheidet:

° Eukolie: gute Stimmung
° Dyskolie: Missstimmung
° Melancholie: Weltschmerzstimmung

 

- Gefühlsstörungen (Parathymien):
* Torpide Form: Gefühlslähmung (im Extrem Hypothymie genannt)

* Erethische Form: übersteigerte Gefühle (bis Hyperthymie)

Starke, oft von überstarker Aktivierung der Amygdala und mangelnder Koordintion anderer die Gefühle steuernder und kontrollierender Hirnteile hervorgerufene oder zumindest begleitete Schwankungen der Emotionen können vor allem bei Jugendlichen zu als emotionsregulierend empfundenem SVV (selbstverletzendem Verhalten, v. a. „Ritzen“) führen, das (Ex.) nach Versuchen an der Wiener Universitätsklinik für Jugendpsychiatrie in manchen Fällen durch weniger gefährliche Wasabi-, Chili-, Eis- oder Ammoniakerlebnisse substituiert werden kann.

 

- Einteilung der Gefühle
* triebbedingte Gefühle:

° vitale, z. B. Hungergefühl, sexuelle Gefühle; zu Angstgefühlen s. o.
° soziale, z. B. Eifersucht (nach Friedrich Schleiermacher, 1768-1834 oder Franz Grillparzer, 1791-1872, „jene Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“), Neid

* empfindungsbedingte Gefühle: z. B. Kältegefühl, Geschmacksgefühle

* persönlichkeitsbedingte Gefühle: z. B. Gerechtigkeitsgefühl, religiöse, ästhetische Gefühle, Schuldgefühle (die auch ohne rationalen Grund auftreten können; s. o.) und vor allem

°

Sympathie: Im Gegensatz zur Antipathie (Abneigung) bezeichnet der Begriff „Sympathie“ (von griech. συμπαθεῖν für Mitleiden, Mitfühlen) eine gefühlsmäßig positive Einstellung zu einer Person (oder Sache). Die Forschung entdeckte mehrere Faktoren für interpersonale Attraktion bzw. Affinität:
+ Reziprozität (wir mögen die, die uns mögen)
+ Ähnlichkeit („Gleich und gleich gesellt sich gern“, nicht: „Gegensätze ziehen sich an“)
+ Nähe und Bekanntheit (Mere exposure-Effekt, s. o.; allein einer Person ausgesetzt zu sein, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer positiven Einstellung ihr gegenüber)
+ äußere Attraktivität (abhängig vom persönlichen Geschmack, aber oft durch Symmetrie in Gesicht und Körper verursacht)
+ Kompetenz (gibt Sicherheit)
u. a. m.

°

Empathie: + ist ein emotionaler Zustand
+ der durch (eine) andere Person(en) ausgelöst wird (als Reaktion auf deren Emotionen)
+ tw. in Isomorphie (ein Bewusstseinszustand entspricht einem körperlichen Vorgang) abläuft (von griech. ἐμπάθεια: „Hineinleiden“)
Empathie ist zunächst wertneutral. Sie kann prosozial (für andere, als Mitgefühl, wobei Altruismus das in Handlung umgesetzte Mitgefühl wäre) oder antisozial (für einen selbst) eingesetzt werden. Empathie ist die Fähigkeit zu fühlen – nicht nur in Perspektivenübernahme zu wissen -, was ein anderer fühlt. Empathiefähig ist man, wenn jederzeit eine korrekte Zuordnung möglich ist – ein Bewusstsein dafür, dass die andere Person Quelle des eigenen emotionalen Zustandes ist („self order distinction“). Vermischung schafft Probleme. Jugendliche scheinen eine leicht geringere Fähigkeit zur self order distinction zu haben und damit auch weniger empathiefähig zu sein (der Effekt ist aber relativ gering und lässt keine Individualdiagnosen zu). Self awareness und damit erste Empathie ist nicht vor 18-24 Monaten möglich. Wird die eigene Schmerzempfindlichkeit gesenkt (z. B. durch Opiate oder auch nur Placebos, verringert das auch die Empathie für fremden Schmerz. Empathie ist also ein Nachempfinden im selben neuronalen System, das auch für die eigenen Empfindungen verantwortlich ist (vgl. Theorie von den z. B. von Giacomo O. Rizzolati,*1937, erforschtenSpiegelneuronen“). Autisten (s. o.) leiden aufgrund von neueren Arbeitshypothesen womöglich weniger an Empathiemangel als an einem Theory of mind-Problem: Sie können mit den Eindrücken – die sie aber haben - nicht umgehen und sind emotional überfordert. (Informationen nach einem Vortrag des Neurowissenschaftlers Claus Lamm, *1973, vom 10. 1. 2018)

* sekundäre Gefühle: sie setzen andere Gefühle voraus, z. B. Frustrationsgefühl (jede Störung einer zielgerichteten Aktivität; vgl. auch Seite 3).

Nach Robert B. Zajonc, s. o., erfolgen emotionale Wertungen schneller und sind wichtiger als rationale („Preferences need no inferences“). Neuere Erkenntnisse der Gehirnforschung weisen darauf hin, dass Gefühle ihre Wirkung umso stärker entfalten, je intensiver man sich ihnen hingibt. Wiederholtes Erleben von negativen, aber auch positiven Gefühlen hinterlässt kortikale Spuren. Die alte „Dampfkesseltheorie“, nach der es sinnvoll sei, sich mit seinem Schmerz ausführlich zu befassen (ihn zu bereden, sich zu bemitleiden oder Mitgefühl zu erhalten etc.), um ihn abzulassen, wird dadurch obsolet. Bemitleidete Menschen empfinden ihr Unglück stärker, nicht schwächer! „Katastrophisierung“ durch Eltern bewirkt z. B. auch eine intensivere Schmerzempfindung ihrer womöglich nur leicht verunfallten Kinder. Glück und Unglück lassen sich also durch Verstärkung „einlernen“. (Vgl. auch Steve de Shazer, 1940-2005: „Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“)

 

- Theorie der Gefühle
* Neurobiologische Grundlagen (s. a. o.): Über den Thalamus, den Torwächter des Bewusstseins (er entscheidet, ob überhaupt reagiert werden soll / muss), gelangen Gefühle in das Gefühlszentrum, die Amygdala. Dort erfolgen Einordnung und Bewertung. Hypothalamus und Hypophyse versenden Hormone, der Hippocampus speichert ab (oder nicht). In der vorderen Großhirnrinde entsteht dann das bewusst wahrgenommene Gefühl.

* Zwei-Komponenten-Theorie (1962) von Jerome Everett Singer (1934-2010) und Stanley Schachter (1922-1997; vgl. folgende Seite bzw. eine über Emotionstheorien): Nach den 1884/5 unabhängig voneinander aufgestellten Theorien von William James (1842-1910) und Carl Georg Lange (1834-1900), nach denen Gefühle Folgen bzw. Korrelate physiologischer Vorgänge seien, hatte lange Zeit die Zwei-Komponenten-Theorie Gültigkeit, die Emotionen als postkognitive Phänomene beschreibt (in den letzten Jahren tw. umstritten). Es werden zwei Bereiche unterschieden:

° Physiologisches Arousal: bestimmt - kontextunabhängig - die Intensität des Gefühls. Die Beteiligung der unspezifisch erregten entsprechenden Gebiete des ZNS (des ARAS = aufsteigend retikulären Aktivierungssystems, also Formatio Reticularis, Limbisches System, Thalamus etc.) ist für alle Gefühle dieselbe (vgl. die Veränderbarkeit der Gefühlsbereitschaft durch Psychopharmaka)
° Kognition: bestimmt - kontextabhängig - die Qualität de Gefühls. Die spezifische Einfärbung eines Gefühls (die „Bewertung“ der Aktivierung der entsprechenden Hirnteile) erfolgt durch die jeweils aus der Umgebung einwirkenden Reize (z. B. Freude über einen Olympiasieg, Trauer aufgrund eines Todesfalls).

Ex.: Zwei Gruppen von Vpn, die vorgeblich an einem Wahrnehmungsex. teilnahmen, wurde ein adrenalinhaltiges Medikament, das die an Emotionen beteiligten ZNS-Partien stimulierte, verabreicht. Beide Versuchsleiter, als Vpn getarnt und in jeweils eine der Gruppen eingeschleust, verhielten sich emotionell: der eine negativ (wütend, ärgerlich etc.), der andere positiv (heiter, glücklich). Die wahren Vpn wurden dadurch manipuliert und zeigten im Durchschnitt dieselben Emotionen wie die heimlichen Versuchsleiter, schrieben sie aber der eigenen Gemütslage zu. (Das Gefühlsniveau von Kg.en, die nichts gespritzt bekamen, war deutlich geringer.)

* 7 Basisgefühle von Paul Ekman (*1934):

° Sadness (Traurigkeit)
° Anger (Ärger)
° Happiness (Glück, Zufriedenheit)
° Contempt (Verachtung)
° Fear (Angst, Furcht)
° Disgust (Abscheu, Ekel)
° Surprise (Überraschung)

Sie korrelieren laut Ekman mit einer jeweils spezifischen Konstellation der 43 Gesichtsmuskel, werden universell verstanden (decodiert) und können eventuell bewusst zu Täuschungszwecken falsch ausgesendet werden. Die Stellungskombinationen dieser 43 Muskel dienen unserem Gehirn auch zur unbewussten Verarbeitung und Einschätzung des Eindrucks uns bis dahin unbekannter Menschen.

Kritik: Wichtige Emotionen, wie z. B. sexuelle Erregung oder Neugier, würden fehlen, nach Zuschaltung des Bewusstseins würden sich meist vorhandene Vorurteile verstärken. Umstritten war auch die Anwendung von Ekmans Erkenntnissen im öffentlichen Raum, z. B. durch Gesichtserkennungsscanner auf Flughäfen oder Schulung von Sicherheitspersonal im „Lesen“ von micro expressions.

* Wheel of Emotions von Robert Plutchik (1927-2006; vgl. eine entsprechende Abbildung): nimmt acht Primäremotionen an (im Uhrzeigersinn, oben beginnend: Freude, Vertrauen, Furcht, Überraschung, Traurigkeit, Ekel, Ärger und Erwartung) und ordnet sie auf einem zweidimensionalen Kreis (oder dreidimensionalen Kegel) an, wobei qualitativ ähnliche Emotionen nebeneinander liegen und entgegengesetzte Emotionen (die einander hemmen, wenn sie gleichzeitig aktiviert werden) gegenüberliegen. Als dritte Dimension wird die Intensität miteinbezogen.

 

- EQ (Emotionale Intelligenz)
1995 in seinem Bestseller EQ - Emotionale Intelligenz von Daniel Goleman (*1946) popularisierte Theorie bezüglich der Ergänzungsbedürftigkeit des Intelligenzquotienten (IQ, s. o.). Für beruflichen und privaten Erfolg sei der Emotionale Quotient genauso wichtig. Der Begriff „Emotionale Intelligenz“ wurde 1993 von Peter Salovay (*1958) und John Mayer (*1953) von der Yale-University geprägt. Seit 2004 ist sie im MSCEIT (Mayer Salovay Caruso Emotional Intelligence Test; nach David R. Caruso, *1956) messbar. (Teilbereiche des Tests: Wahrnehmung von Emotionen - Nutzung von Emotionen (z. B. Verwendung zur Unterstützung des Denkens) - Verstehen von Emotionen - Umgang mit Emotionen und deren Beeinflussung)

* Emotionale Intelligenz: Zusammenfassende Bezeichnung für in der Erziehung vermittelbare Tugenden wie Mitgefühl und Selbstbeherrschung (die laut Goleman zwei in unserer Zeit nötigen moralischen Grundhaltungen). Durch sie lasse sich das angeborene intellektuelle Potential besser verwirklichen. Die Gesamtheit der Fähigkeiten, welche die Intelligenz der Gefühle darstelle, entspreche etwa dem alten Begriff „Charakter“ (nach Amitai Etzioni, *1929, „der psychologische, den moralisches Verhalten erfordert“ und dessen Entwicklung die Grundlage demokratischen Gesellschaften sei).
5 Teilkonstrukte der emotionalen Intelligenz:

° Selbstbewusstheit (eigene Gefühle und Bedürfnisse werden verstanden, akzeptiert und in ihrer Wirkung auf andere richtig eingeschätzt)
° Selbstmotivation (sich unabhängig von Außenreizen für seine Aufgaben begeistern)
° Selbststeuerung (im Hinblick auf Zeit und andere Ressourcen planvoll handeln)
° Empathie (emotionale Befindlichkeiten anderer verstehen und angemessen auf sie reagieren)
° Soziale Kompetenz (Kontakte knüpfen, tragfähige Beziehungen aufbauen, Netzwerke knüpfen)

* Ampel-Modell: Die Fähigkeit, Impulse (= Medien der Emotionen) zu unterdrücken, wird als Grundlage von Wille und Charakter gesehen. In der Erziehung soll versucht werden, dies z. B. durch das Ampel-Modell zu vermitteln:

Rot:  

1.

Halte an, beruhige dich und denke, bevor du handelst!
Gelb:  

2.

Benenne das Problem und sag, wie du dich fühlst!

3.

Setze ein positives Ziel!

4.

Denke an viele Lösungen!

5.

Bedenke im Voraus die Folgen!
Grün:  

6.

Geh los und probiere es mit dem besten Plan!

Das Ampelmodell

 

DIE INTERESSEN UND WERTE

- Definition:
Interessen, auch Kulturtriebe oder Bedeutungsgefühle genannt, treten nur beim Menschen auf. Man versteht darunter von selbst auftretende Drangerlebnisse nach spezifischen geistigen, kulturellen oder wertebezogenen „Objekten“, die sich in ihrem Ziel unterscheiden und zu Interessenskonflikten führen können. Die subjektive Wertzuschreibung (positive Wertschätzung des Interessegegenstands) ist dabei mit positivem emotionalen Erleben verbunden. (Eine an Spranger - s. u. - orientierte differentialdiagnostische Methode zur Erfassung beruflicher Interessen -aufgesetzt auf einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Daten- / Ideeninteresse bzw. Interesse für Dinge / für Menschen - ist z. B. das Hexagonale Strukturmodell von John Lewis Holland, 1919-2008, in dem an den jeweiligen Eckpunkten eines Sechsecks sechs mögliche, eher statisch verstandene Personen-Umwelt-Orientierungen: R - realistic / Doers, I - investigative / Thinkers, A - artistic / Creators, S - social / Helpers, E - enterprising / Persuaders und C - conventional / Organizers eingetragen werden, deren Erfassung eine Passung zwischen Person und Beruf ermöglichen sollen.)

Der Begriff Psychische Einstellung bezeichnet die Haltung, die der Mensch gegenüber Werten (laut Milton Rokeach, 1918-1988, in instrumentelle Werte und letzte Werte zu gliedern, wobei erstere eingesetzt werden, um letztere zu erreichen) einnimmt.

 

- Wertkategorien:
* Schöpferische Werte: Sie leiten sich aus allen Akten ab, die zur Gestaltung und Bereicherung der Welt führen (interpretative Disposition).

* Erlebniswerte:
Sie entstehen durch das Aufnehmen der Außenwelt und können Voraussetzung für die schöpferischen Werte werden (sensible Disposition).

* Einstellungswerte:
Sie entspringen der Konfrontation mit den Lebensumständen (und deren Meisterung) und sind das Fundament der menschlichen Existenz (volitive Disposition).
Vgl. o. V. Frankl

 

DER WILLE (MOTIVATION)

Vgl. Motivation in der Psychologie, Definitionen

 

- Definition:
Eine Willenshandlung liegt vor, wenn ein Mensch seine psychischen Funktionen in klarbewusstem Zustand und mit voller innerer Zustimmung zur Erreichung seiner Ziele einsetzt (nach Rohracher).

Die Motivationspsychologie untersucht Anstoß (dass etwas in Gang kommt), Funktionsableitung (woher der Anstoß kommt und wohin er führt) und Variabilität des Verhaltens (weshalb der eine so, der andere anders reagiert).

          Ergebnisse:

° Trieb-, Instinktkonzept: Angeborene Beweggründe bestimmen unsere Handlungen
° Physiologische Konzepte: sie betonen die Rolle körperinterner Vorgänge („Man sagt es mir in jeder Analyse: die Liebe ist die Krise einer Drüse“ - Georg Kreisler, 1922-2011)
° Aktivierungstheorie von Donald B. Lindsley (1907-2003): Unspezifische körperliche Aktivierungen werden durch Informationsverarbeitung gerichtet. (Vgl. o. die Theorie von Singer und Schachter.)
° Multifaktorentheorien u. a. m.

Motivation kann intrinsisch (z. B. Desinteresse / Interesse an einer Sache) oder extrinsisch (z. B. Strafandrohung, Geld) sein. Selbstmotivation bedeutet, sich unabhängig von Außenreizen für seine Aufgaben begeistern zu können. In diesem Zusammenhang stehen das Ego-Depletions-Modell (Selbsterschöpfüngsmodell; die Willenskraft des Menschen erschöpft sich bei Gebrauch und kann erst nach Erholungspausen wieder ihre volle Kraft entfalten) Konzepten gegenüber, die eine positive Beeinflussung der Willenskraft durch diverse Faktoren (Erwartungshaltungen, Einstellungen, kulturelle Aspekte etc.) annehmen.

Eine in diesem Zusammenhang immer wieder diskutierte philosophische Frage ist die nach der Freiheit (Willensfreiheit, Handlungsfreiheit). Werden wir immer vom jeweils stärksten vorhandenen Motiv determiniert? (Für Arthur Schopenhauer, 1788-1860, besteht Freiheit in der - unrealistischen - Abwesenheit aller Notwendigkeit, sodass man eventuell tun, aber nicht wollen könne, was man wolle.) Würden wir bei gleich starken Motiven - wie der bekannte, fälschlich Johannes Buridan (1300-1358) zugeschriebene Esel zwischen zwei gleich weit entfernten Heuhaufen - verhungern? Ist ein Mensch, der frei zu sein glaubt, mit einem Stein vergleichbar, der sich während eines (von außen angestoßenen) Wurfs einbildet fliegen zu können (Beispiel von Spinoza)? Oder können wir uns auch gegen starke Motive frei entscheiden? (Vgl. a. o.) Willensfreiheit kann nach den Ergebnissen der Neurowissenschaften jedenfalls auf keinen Fall heißen, dass wir Entscheidungen unabhängig von unserem Gehirn treffen können. Auch das Gefühl der Freiheit könnte eine Konstruktion unseres Gehirns sein.

 

- Einteilung der Motive:
* Bedürfnispyramide: Abraham A. Maslow (1908-1970; Vertreter der Humanistischen Psychologie - s. a. o. -, der die ganzheitliche Natur des Menschen betont; versuchte, durch eine Adaptation des Yoga ohne religiösen Hintergrund veränderte Bewusstseinszustände zu erlangen) beschrieb die Handlungsmotive als hierarchisch gegliedert. Motivation hat bei ihm dilatorischen Charakter (erst, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, gelangen die nächsthöheren ins Blickfeld). Ganz oben steht der von ihm popularisierte Begriff der Selbstverwirklichung (verstanden als vollständige Äußerung des einzigartigen Wachstumspotentials eines Individuums). Die Darstellung erfolgt in den verschiedensten Variationen in der bekannten Maslow-Pyramide (s. Graphik).

° Defizitmotive: Sie treten auf, wenn grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt werden (und daher ein Mangelzustand - Defizit - entsteht) und bilden die Voraussetzung für weitergehende Motive. Wenn Sie gestillt werden, entsteht bis zu ihrem erneuten Auftreten kein Handlungsbedarf. (Stufe 1 bis 4, führen tendenziell zu Spannungsverminderung)
° Wachstumsmotive (Abundanzmotive): Sie stellen „Luxusbedürfnisse“ nach Stillung der Grundbedürfnisse dar (Abundanz = Überfluss) und sind zum Teil unstillbar bzw. nie dauerhaft befriedigbar (ab Stufe 5, führen tendenziell zu Spannungszunahme).

Die Maslow-Pyramide (Quelle: Der Standard, 19./20.5.2012)

Stufe 5 Selbstverwirklichung: Individualität, Talententfaltung, Perfektion ...
Stufe 4 Individualbedürfnisse: Anerkennung, Selbstachtung, Ruf, Status, Prestige, Respekt
Stufe 3 Soziale Bedürfnisse: mitmenschliche Zuwendung, Kontakt, Gruppenzugehörigkeit, Freundschaft, Geselligkeit ...
Stufe 2 Sicherheitsbedürfnisse: Gesundheit, Kündigungsschutz, Altersvorsorge, Gerechtigkeit ...
Stufe 1 Fundamentale Bedürfnisse: Essen, Trinken, Wohnen, Schlafen, Kleidung, Sexualität ...

Vgl. folgende ausführliche und informative Seite über Maslow. 1970 erweiterte Maslow seine Pyramide um drei Stufen: an die Stelle 5 und 6 setzte er „Kognitive Bedürfnisse“ und „Ästhetische Bedürfnisse“, an die Stelle 8 „Transzendenz“.

* Reissprofile: Im Rahmen von Personalentwicklung und Coaching haben die 2000 beschriebenen 16 Lebensmotive - Macht, Unabhängigkeit, Neugier, Anerkennung, Ordnung, Sparen/Sammeln, Ehre, Idealismus, Beziehungen, Familie, Status, Rache/Kampf, Eros, Essen, körperliche Aktivität, emotionale Ruhe - von Steven Reiss (1947-2016) Bedeutung erlangt. Auf Grundlage eines Fragebogens dienen sie zur Erstellung individueller Persönlichkeitsprofile. Kritik: Entsprechend dem Forer-Effekt (s. o., Barnum-Effekt, „Verifikationsphänomen“; benannt nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum, 1810-1891) seien die Motive derart vage formuliert, dass sich jeder heraussuchen könne, was auf ihn zutreffe, sodass sich (ähnlich den Horoskopen) nach dem Test das Gefühl einstelle, präzise beschrieben worden zu sein (vgl. auch Alltagspsychologie).

   Daniel Kahneman

* Erwartungsnutzentheorie und Prospect Theory: Die Frage, nach welchen Motiven Menschen handeln und ihre Entscheidungen treffen, beschäftigte im Laufe der Wissenschaftsgeschichte nicht nur die Psychologie, sondern auch die Verhaltensökonomie, die das oft nicht rationale Verhalten des Menschen erklären und durch Nudging (s. o.) steuern möchte. Beschrieben werden Entscheidungsfindungen in Situationen der Unsicherheit bzw. unter Risiko, in denen die miteinzukalkulierenden Umstände zwischen streng deterministisch und zufällig changieren. (Interagieren mehrere Beteiligte, kommt die Spieltheorie „ins Spiel“, die das rationale Entscheidungsverhalten in Konfliktsituationen ableiten will. Beispiel: Gefangenendilemma; s. o.)

Seit 1944 dominierte die Erwartungsnutzentheorie (Modell der subjektiven Nutzenerwartung), nach der emotionsfreie, rationale und logisch denkende Entscheider aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen risikoaffin oder risikoavers agieren, je nachdem, in welcher Variante sie ihren Eigennutz zu maximieren erhoffen (geprägt v. a. vom Mathematiker John von Neumann, 1903-1957, und dem Ökonomen Oskar Morgenstern, 1902-1977 - bis 1938 Professor in Wien; beide gelten als Begründer der Spieltheorie). Die 2002 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Prospect-Theorie (auch Neue Erwartungstheorie; „prospect“ als Aussicht auf Gewinn verstanden) von Tversky und Kahneman (s. o.) modifizierte das Bild vom rationalen Egoismus und erweiterte 1979 die klassische Ökonomie insofern, als sie vernunftgesteuerte Agenten (Homines oeconimici) als Mythos entlarvte und kognitive Verzerrungen miteinbezog (z. B. durch Framingeffekte o. ä., die schon dadurch wirksam werden können, dass ein Entscheidungsproblem etwas anders formuliert wird; s. o.). Erwartete Gewinne und Verluste werden demnach niemals nur vernünftig beurteilt, wenn auch viele Entscheider in dieser Illusion leben.

Ex.: Forschungen ergaben z. B., dass Vpn. (unlogischerweise) sichere Zahlungen gegenüber höheren, aber unsicheren Gewinnen bevorzugen, selbst wenn der Erwartungswert im zweiten Fall höher wäre. Sie akzeptieren mehrheitlich wegen des zugrunde liegenden Referenzpunktes, des rückläufigen Grenznutzens (des Nutzenzuwaches, den man durch zusätzlichen Konsum eines Gutes erfährt und der bei gleichbleibender Steigerung des absoluten Betrags umso geringer empfunden wird, je höher der Ausgangswert ist) und einer angeborenen stärkeren Abneigung vor Verlusten als Neigung zu Gewinnen z. B. lieber sichere 800 €, als eine 85%ige Wahrscheinlichkeit auf 1000 € bzw. 15% auf 0 € zu ergreifen, obwohl der Erwartungswert im zweiten Fall um 50 € höher ist (0,85 x 1000 + 0,15 x 0). Hingegen wird ein unsicherer, hoher Verlust - bei gleichzeitiger Aussicht auf völlige Verlustvermeidung - gegenüber einem sicheren, aber geringeren Verlust bevorzugt. (Vgl. auch sunk cost fallacy - s. o. - als fehlerhafte Heuristik). Sind die Optionen gut, ist man also eher risikoavers, sind sie schlecht, ist man risikoaffin. Die S-förmige Wertefunktion der Entscheider verläuft daher im positiven Bereich konkav und im negativen Bereich konvex (s. Graphik u.; das Gefälle im Minus-Bereich ist etwas steiler als die Steigung im Plus-Bereich).

Eine Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch der Endowmenteffekt (nach Richard H. Thaler; *1945, Wirtschaftsnobelpreis 2017), nach dem Güter, die man besitzt, als wertvoller eingeschätzt werden als andere (die man erwerben könnte), was ebenfalls rein rationalen Präferenzen widerspricht. Präferenzen sind nicht konstant, sondern von einem Referenzpunkt abhängig. (Ex.: Haben z. B. zwei Vpn. durch Zufall längere Zeit je eines von zwei unterschiedlichen Gütern, die ihnen ursprünglich gleichwertig erschienen waren (z. B. Grundstücke), in Besitz, so wollen sie wegen der Verlustaversion und des Endowmenteffekts auch dann nicht mehr tauschen, wenn sich herausgestellt hat, dass das eigene Besitztum weniger wert ist als das des/der anderen. Die Veränderung des Referenzpunkts hat zu einer Verzerrung der Entscheidung geführt. Die Nachteile des - objektiv fairen oder sogar vorteilhaften - Wechsels wiegen subjektiv schwerer als rationale Überlegungen.)

Prospect-Theorie (Graphik von https://www.researchgate.ne)

 


 


X. SOZIALPSYCHOLOGIE
 

 

Vgl. Sozialpsychologie-Skriptum

 

DEFINITION

* Sozialpsychologie ist eine in den 20er-Jahren unter dem Einfluss von Kurt Tsadek Lewin entstandene Forschungsrichtung, die sich damit beschäftigt, wie individuelles Verhalten durch soziale Interaktion entwickelt und modifiziert wird bzw. welche Gesetzmäßigkeiten innerhalb sozialer Gemeinschaften zu beobachten sind. Beobachtungsgegenstand sind „die Auswirkungen der tatsächlichen oder vorgestellten Gegenwart anderer Menschen auf das Erleben und Verhalten des Individuums“ (Gordon Allport, 1897-1967)

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass der Mensch ein der Gemeinschaft mit anderen Menschen bedürfendes Lebewesen ist (vgl. schon Aristoteles: „ὁ ἄνθρωπος φύσει πολιτικὸν ζῷον“; s. o.), das im Fall einer Deprivation (Reizentzug, in diesem Fall Fehlen von Sozialkontakten) das von Alexander Harbord Mitscherlich (1908-1982; beobachtete 1946/7 die Nürnberger Ärzteprozesse, prägte den Begriff  „vaterlose Gesellschaft“ und wurde durch das gemeinsam mit seiner Frau Margarete, 1917-2012, verfasste Buch Die Unfähigkeit zu trauern bekannt) so genannte Kaspar Hauser-Syndrom entwickelt (vgl. auch Hospitalismus, s. Seite 2). Einer der ersten, der die Bedeutung der sozialen Interaktion für das Individuum erkannt hat, war George Herbert Mead (1863 - 1931). Er wies darauf hin, dass wir uns mit den Augen eines Fremden sehen und daraus Schlüsse über unser Selbst ableiten können.

* Soziologie als Nachbardisziplin  interessiert sich im Unterschied zur Sozialpsychologie nicht für die psychischen Prozesse unter dem Einfluss sozialer Faktoren, sondern für die empirisch erforschbaren objektiven Patterns (Muster) der menschlichen Gesellschaft, die Voraussetzungen, Abläufe und Folgen des Zusammenlebens.

 

ERSCHEINUNGSFORMEN SOZIALER KOLLEKTIVE

- Menge:
ist eine unorganisierte, zufällige Ansammlung von Menschen, die nur durch eine Situation (z. B. Passanten derselben Fußgängerzone) miteinander verbunden sind. Jeder hat sein Ziel, es gibt aber kein gemeinsames Ziel. Sozialpsychologisch wenig interessant, da keine psychischen Beziehungen zwischen ihnen bestehen, mit Ausnahme des

* (Non helping) Bystander-Effekts (Diffusion der Verantwortung): Die Anwesenheit weiterer Zuseher verringert die Wahrscheinlichkeit, dass im Bedarfsfall Bedürftigen Hilfe geleistet wird, da durch die (als solche empfundene) aufgeteilte Verantwortung „pluralistische Ignoranz“ verursacht wird, die selbst die Strafbarkeit des eigenen Verhaltens verdrängen kann (in Österreich §94 bzw. §95 StGB). Nach dem historischen Fall der 1964 in Amerika vor Dutzenden Zeugen ermordeten Kitty Genovese (1935-1964) wird dieses Phänomen auch Genovese-Effekt genannt.
Vgl. auch das dem Priming-Effekt (s. o.) geschuldete Phänomen, dass bei Beobachtung kleinerer Gesetzesübertretungen (z. B. weggeworfenem Müll, beschmierten Hauseingängen etc. auch größere Übertretungen (z. B. Diebstähle) - auch durch ansonsten völlig unauffällige Personen - häufiger auftreten als sonst.

 

- Masse:
Die Masse entsteht aus einer Menge (ev. auch Gruppe), wenn, manchmal nur vorübergehend, ein zentrales Ereignis, eine Leidenschaft, eine Erregung, eine Hoffnung, ein Augenblicksziel oder eine Führerfigur in den Mittelpunkt geraten und somit unter bestimmten, zeitlich bedingten gefühlsmäßig gebundenen Voraussetzungen temporäre Übereinstimmung in Fühlen und Handeln entsteht. Sie erscheint als ruhende oder als aktive Masse und weist folgende Merkmale auf:

* Anonymität:
Individuelle Verhaltensweisen verflüchtigen sich zugunsten übereingestimmten, trieb- und instinktgesteuerten Handelns im Banne der Leidenschaften. Damit verbunden ist ein subjektiv so empfundenes Schwinden der persönlichen Verantwortung, sodass in der Masse Dinge getan werden, zu denen ein Einzelner nie imstande wäre (Deindividuation).

* Fokussierung:
Die Masse ist auf eine Führerfigur oder ein Leitereignis (z. B. Unfall, Fußballmatch, Popkonzert) hin zentriert.

* Organisationsniveau:
Das Niveau der psychischen Organisation ist niedrig. Die Beziehungen der Mitglieder der Masse, die einander nicht bekannt sein müssen, sind primitiv. Im Gegensatz zur Menge haben alle dasselbe Ziel. Die einzige Gliederung ist die zwischen Führer und Geführten. Ansonsten besteht eine Tendenz zur Gleichschaltung und Gleichförmigkeit.

* Affektlastigkeit:
Vernunft und Intelligenz treten zugunsten der Affekte zurück, die Masse ist daher gefühls-, nicht vernunftgesteuert. Sie erlebt den „heiligen Schauer“ (Begeisterung, Enthusiasmus), wenn z. B. in einem Stadion 60 000 Menschen singen.) Hemmungen, die in der Kleingruppe wirksam sind, fallen dabei weg.

* Suggestion:
Die Masse ist der Suggestion (s. o., Methoden: Repetition = Wiederholung, Persuasion = Überredung, Frappierung = Überrumpelung, Konformierung = Gleichschaltung, Symbolisation = Sinnbildwirkung, Repudiation = Nichtanerkennung, Zurückweisung, ironische Gegensuggestion) leicht zugänglich. (Das Gemeinschaftsgefühl wird dabei oft durch geschickte Wahl von Symbolen und Beeinflussungsmittel, z. B. Massenmedien, geschürt - vgl. die Ästhetisierung der Politik in der NS-Zeit.) = Suggestibilität, vgl. auch Trance-Tänze. Die Indoktrinierbarkeit (laut Lorenz die siebente der Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit) ist hoch, die Suggestivkraft irrationaler und pseudologischer Inhalte oft erstaunlich wirksam. (Zur Rezeption und Aufdeckung von pseudotiefgängigem Schwachsinn siehe folgenden mit dem „IG-Nobelpreis“ ausgezeichneten Aufsatz kanadischer Forscher)

* Identifikationsneigung:
Es besteht eine hohe Bereitschaft zur Identifikation miteinander bzw. mit einem Anführer.

* Repertoire der Verhaltensformen:
ist in der Masse stark begrenzt (s. o. Anonymität; Organisiertes Aufstellen, z. B. im Stadion; Bei-, Missfallenskundgebungen wie Klatschen, Johlen, Pfeifen etc; ev. aggressives Verhalten, das durch Aufputschen verursacht wird usw.), wobei eine gewisse auf Steigerungsfaktoren (bis zur Ekstase) und - bei längerer Dauer - retardierenden Momenten beruhende Dramaturgie erkennbar wird. Das Vorherrschen von Affekten und Trieben führt zu

° Tumult: blindwütiger, durch eine Führerfigur lenkbarer Aufruhr der Masse, der sich wellenartig fortpflanzt und anschwillt oder verebbt, wenn kein belebender Widerstand die Tendenz zur Polarisierung und Konfrontation speist, und aufgestauten Aggressionen zum Durchbruch verhilft. (Beispiele:  manche Demonstrationen, das Europacupfinale im Brüsseler Heysel-Stadion 1985, Fälle von Lynchjustiz etc.)
° Panik: ist das Angstverhalten der Masse, das oft sinnlose Flucht (etwa bei Bränden; z. B. Wiener Ringtheaterbrand vom 8. 12. 1881, bei dem die Masse gegen die nach innen zu öffnenden Türen rannte und dadurch 100e Tote verursachte, was zur Einführung des Eisernen Vorhangs führte) beinhaltet, die unter Ausschaltung der Vernunft den Schaden nur noch vergrößert. (Panik ist auch ohne objektive Bedrohung möglich, z. B. im Gedränge. Am 4. 12. 1999 wurden im Berg Isel-Stadion in Innsbruck auf diese Weise nach einem Snowboardevent beim Abgang von 45 000 Zuschauern 7 Menschen getötet und viele schwer verletzt, in der Nacht zum 30. 4. 2021 starben sogar 44 Menschen auf dem Meronberg in Israel, als im Rahmen des jüdischen Lag Baomer-Festes unter den 100 000 Besuchern eine Massenpanik ausbrach.)

* Massenpsychologie ist seit ca. 1900 das Thema zahlloser Autoren. Die  Bevölkerungsexplosion im 19. Jhdt. hatte die Massenbildung und damit die Beobachtung der damit zusammenhängenden Phänomene enorm gesteigert. (Von 1800 bis 1941 allein in Europa von 178 Mio. Ew. auf 571 Mio, bis 2021 auf ca. 750 Mio., weltweit von 1 Mia. im Jahr 1800 auf fast 8 Mia. bis 2021. Zu diesem Zeitpunkt lebte von allen Personen, die jemals in der Geschichte der Menschheit das 60. Lebensjahr überschritten haben, noch über die Hälfte!)

° Gustave Le Bon (1841-1931) bemerkt 1895 in seinem Buch Psychologie der Massen zum ersten Mal die bedeutende Rolle der Masse im Leben der Völker. („Die Masse denkt nicht logisch, sondern in Bildern, und ist nur wenig intelligent.“) Er erkennt die Gefährdung des Individuums der modernen Industriegesellschaft durch totalitäre Ideologien. In der Masse würden höhere Funktionen des Individuums gebremst und niedere Instinkte gefördert.

(Freud bezog sich 1921 auf dieses Werk in seinem Buch Massenpsychologie und Ich-Analyse, in dem er nachwies, dass der Mensch neben rationalen vorwiegend irrationale, gefühlsbetonte Motive für sein Handeln habe; eine Masse werde von der Illusion zusammengehalten, dass die Liebe des Führers gleichzeitig allen zugutekomme.)

° José Ortega Y Gasset (1883-1955): Der spanische Kulturphilosoph bemerkt 1930 in Der Aufstand der Massen das Heraufkommen der Massen zu sozialer Macht und einen Prozess der Vermassung (dadurch, dass die Tendenz, in einem Kollektiv aufzugehen, immer stärker wird und Menschen tonangebend werden, die die psychischen Charakteristika der Masse aufweisen).
° Raymond Battegay (1927-2016) meint in Der Mensch in der Gruppe 1967 (gegen Ortega), dass sich nicht nur niveaulose, sondern auch intelligente Menschen vom Massengeschehen mitreißen ließen und zunehmende Bildung keine Hoffnung auf mehr Individualität bieten könne.
° Elias Canetti (1905-1994) beschreibt 1960 in Masse und Macht die Allgegenwärtigkeit der Masse und ihren dialektischen Zusammenhang mit dem Problem der Macht. Er unterscheidet zwischen zahllosen Massen: Hetzmasse (die töten will), Fluchtmasse (weicht einer Drohung), Verbotsmasse (z. B. Streikende), Umkehrungsmasse (bei Revolutionen), Ringmasse (im Stadion) usw. Canetti bringt Beispiele aus archaischen Gesellschaftsformen und weist auf die Wichtigkeit von Symbolen für die Masse hin, die nicht nur den Einzelnen, sondern ganze Völker beherrschen, auch wenn sie nur imaginiert sind.

Zur Massenpsychologie vgl. auch Teil 4, Wilhelm Reich sowie die tw. seltsamen Ausführungen in „Masse, Macht und Rangordnung beim Menschen“

 

- Gruppe:
Im Gegensatz zur Masse besteht die Gruppe aus einer nicht allzu großen Anzahl von Personen, die einander persönlich kennen und ein Rollensystem entwickelt haben. Kurt Lewin definierte 1948: „The essence of a group is not the similarity or dissimilarity of its members, but their interdependence. A group can be characterized as a 'dynamic whole'; this means that a change in the state of any part changes the state of any other part. The degree of interdepencence of the subparts of members of the group varies all the way from 'loose' mass to a compact unit.“

Die Gruppe weist folgende Merkmale auf:

* Intellektuelle und emotionale Interaktion:
Jedes Mitglied steht zu jedem anderen in einer Beziehung, ob es dies wahrhaben will oder nicht. Auch Interaktionsverweigerung definiert eine Beziehung.

* Sozialdistanz: So wird der emotionale Abstand zu anderen Gruppenmitgliedern (er ist nicht zu jedem gleich) genannt. Die Zustände in einer Gruppe sind durch das Soziogramm darstellbar (s. u.).

* Organisationsniveau: Die Beziehungen innerhalb einer Gruppe weisen eine hochwertige (daher oft schwer erkennbare) Organisation auf, die sich entwickeln kann (s. Gruppendynamik)

* Rollen: Mitglieder einer Gruppe übernehmen - bewusst oder unbewusst - Rollen, die bei den anderen Gruppenmitgliedern Verhaltenserwartungen auslösen. (Der Begriff ist in Analogie zum Theater entstanden, vgl. o. Psychodrama.) Rollen werden nur teilweise durchschaut und dienen der sozialen Orientierung. Die Nichterfüllung einer Rollenerwartung führt in der Gruppe zu Rollenkonflikten. Die Rollenverteilung kann starr (z. B. Lehrer - Schüler) oder flexibel (z. B. im Freundeskreis) sein. (Rollen existieren auch in der Gesellschaft überhaupt. Immer wieder diskutiert werden z. B. seit dem 1949 erschienenen Buch Le deuxième sexe von Simone de Beauvoir, 1908-1986, die Geschlechterrollen, deren Übernahme nicht (nur) biologisch, sondern auch kulturell erklärt werden kann.)

* Führung: Die Bedeutung einer Führerfigur ist in der Gruppe beschränkt; man unterscheidet trotzdem zwischen führerzentrierten (z. B. Sportlehrgang) und gruppenzentrierten (z. B. Kegelabend) Gruppen. Die möglichen Führungsstile entsprechen den Erziehungsstilen von Lewin (s. Seite 2).

* Gruppenzugehörigkeit: ist (letztendlich immer) freiwillig. Die meisten Menschen sind Mitglied mehrerer Gruppen. Man unterscheidet informelle (z. B. Freundeskreis) von formellen (z: B. Schulklasse) Gruppen. Wechselwirkung zwischen vermehrten Möglichkeiten (z. B. zu einer sonst vielleicht nicht in diesem Ausmaß entwickelten Kontaktfähigkeit) und Freiheiten (vgl. z. B. Gewerkschaftsgruppen) und freiwilliger Selbstbeschränkung (z. B. bei Sitzungen, s. a. u.).

* Tendenz zur Stimmungsübertragung und zur Angleichung der Mitglieder. Diese erfolgt sowohl äußerlich (z. B. passen durch den Chamäleoneffekt Menschen ihre Körperhaltung, z. B. Vorbeugen, oder ihre Verhaltensweisen, z. B. Gähnen, ihrer Umgebung an, wie auch innerlich:  Es entwickeln sich Einstellungen und soziale Normen (= die von allen geteilte Erwartung in Bezug auf das Verhalten und Denken in bestimmten Situationen), oft auch Vorurteile (= vorläufige Urteile, die auch nach Bekannt-Werden neuer Informationen nicht korrigiert werden) und Stereotype (= kollektive Klassifikationen und Urteile, meist ungerechtfertigte Generalisierungen und Verallgemeinerungen, die unsere angeborene Tendenz zur Mustererkennung auch dort, wo keine sind, bedienen; vgl. Jeremy Bentham, 1748-1832: „There are two types of people in this world, those who divide the world into two types and those who do not.“):

Stereotyp - Einstellung - Vorurteil

Stereotyp:
Unter einem Stereotyp versteht man seit 1984 ein subjektives Wahrscheinlichkeitsurteil über das Bestehen einer Verbindung zwischen einem Objekt und einem Attribut (nach Ernst Joachim Wolfgang Stroebe, *1941). Stereotype beziehen sich meist auf soziale Gruppen bzw. Personen aufgrund ihrer Zuordnung zu solchen Gruppen.

Einstellung:
Unter einer Einstellung versteht man die Tendenz, einen bestimmten Gegenstand aufgrund von Meinungen oder Gefühlen positiv oder negativ zu bewerten.
Einstellungen

- beinhalten Bewertungen
- sind in Gedanken abgespeicherte und abrufbare Wissensstrukturen
- enthalten affektive, kognitive und konative Komponenten.
    (Affektiv: Bewertung und emotionale Orientierung auf Personen oder soziale Sachverhalte
Kognitiv: Wahrnehmungen, Überzeugungen und Erwartungen in Bezug auf Personen oder soziale Sachverhalte
Konativ: Verhaltensrelevanz beziehungsweise Prädisposition in Bezug auf ein bestimmtes Einstellungsobjekt)
 

(= Drei-Komponenten-Konzeption)

Vorurteil:
Vorurteile sind bestimmte Einstellungen, die mit Bewertungen verbundene Überzeugungen, Meinungen und Erwartungen über Eigenschaften und Merkmale bestimmter Personengruppen oder ihnen kategorisch zugeordneter Personen enthalten und daraus resultierende emotionale Reaktionen und Verhaltensprädispositionen nach sich ziehen. Es handelt sich um Übergeneralisierungen bei zugleich mangelnder Informationslage.

Vgl. dazu auch u. Rassismus und Stereotype und Vorurteile: Konzeptualisierung, Operationalisierung und Messung.

* Kognitive Dissonanz: Eine Angleichung erfolgt nicht nur in Richtung anderer Personen, sondern auch sozusagen innerhalb der eigenen Person. Die diesbezüglich zentralen Begriffe heißen Konsonanz (die angestrebt wird) und Dissonanz (die vermieden werden will) und bezeichnen in diesem Zusammenhang die (fehlende) Übereinstimmung eigener Überzeugungen mit den gewählten Verhaltensweisen (und Irrelevanz, falls kein Zusammenhang zwischen zwei kognitiven Inhalten besteht). Es kann also vorkommen, dass eine Person Rechtfertigungsbedarf gegenüber ihrer Umgebung, vor allem aber gegenüber sich selbst verspürt, weil sie etwas getan hat, das ihrer ursprünglichen Einstellung widersprach. Zugrunde liegt Psychologische Reaktanz (die Motivation zur Wiederherstellung eingeengter oder eliminierter Freiheitsräume; lässt sich auch auf Situationen, in denen der Reiz des Verbotenen wirkt, anwenden).

Nach der Theorie von der kognitiven Dissonanz werden 4 Bestimmungsstücke vorausgesetzt:

° Verhalten und Einstellung werden als widersprüchlich empfunden
° das Verhalten geschah freiwillig
° physiologische Erregung tritt ein
° das Verhalten wird für die Erregung verantwortlich gemacht

Die Theorie wurde 1957 von Leon Festinger (1919-1989) aufgestellt. Nach ihr ändern Individuen ihre Einstellungen umso eher, je stärker das Verhalten, das nun nicht mehr geändert werden kann, von ihren ursprünglichen Überzeugungen abweicht. Der Grad der Einstellungsänderung verhält sich proportional dem Grad der kognitiven Dissonanz, dem unangenehmen Gefühlszustand bei Vorhandensein mehrerer, miteinander unvereinbarer Kognitionen. (Das zugrunde liegende Muster wird literarisch in der Fabel Αλώπηξ καì βότρυς von Äsop (Αἴσωπος; vermutlich 6. Jh. v. Chr.) bzw. De vulpe et uva von Phaedrus (ca. 20 v.-50 n. Chr; dt. Der Fuchs und die Trauben) und in der Zaunstreichszene in Tom Sawyer von Mark Twain (eig. Samuel Langhorne Clemens 1835-1910) gestaltet. Diese Texte können als Reduktion der kognitiven Dissonanz interpretiert werden; (s. a. u. unter Rationalisierung). Festingers Erkenntnisse fanden u. a. in der Werbepsychologie große Beachtung. (Verkäufer versuchen eventuelle Dissonanzen der Käufer zu reduzieren.) Mit James Merrill Carlsmith (1936-1984) erstellte Festinger 1959 folgendes

Ex.: Vpn wurden veranlasst, an einem sehr langweiligen und zeitaufwendigen Experiment teilzunehmen. Anschließend sollten sie noch wartenden Personen erzählen, dass das Experiment interessant gewesen sei. Für diese (Falsch)aussage bekamen sie entweder $ 1 oder $ 20. Nachher wurden sie gefragt, wie sie das Experiment wirklich gefunden hätten. Überraschenderweise zeigte sich, dass die Vpn, die nur $ 1 Entlohnung für ihre falsche Aussage erhalten hatten, bei der Befragung zu einem weit höheren Prozentsatz angaben, das Experiment sei interessant gewesen als die Vpn, die mit $ 20 bezahlt wurden. Diese bewerteten bei der Befragung das Experiment großteils als langweilig und uninteressant. - Erklärung: Die unangemessen geringe Entlohnung von $ 1 für die falsche Aussage erzeugt kognitive Dissonanz, da das Verhalten der eigenen Einstellung widerspricht. Die Vergleichsgruppe verspürt eine geringere Dissonanz, da sie ihr Verhalten auf äußere Faktoren (Belohnung) zurückführen kann. Dies führt dazu, dass die Einstellung der ersten Gruppe nachträglich an das Verhalten angepasst werden muss, um Konsistenz (gedankliche Harmonie) wiederherzustellen.
(Wiedergegeben nach http://www.werbepsychologie-online.com/index.php/kaufverhalten/konsistenz/experiment-1-20)

* Gruppendruck: Jede Gruppe (z. B. vorbildhafte Leitgruppen = Peer Groups) entwickelt einen gewissen Gruppendruck, der auch die Wahrnehmung beeinflussen kann, wie ein bekanntes Ex. von Solomon Asch (1907-1996) aus dem Jahr 1951 zeigt: Eine von drei Linien ist genauso lang wie eine vierte, zuvor projizierte. Sie soll angegeben werden. Sind nun alle „Teilnehmer“ dieses Exs mit Ausnahme der 1 bis 4 unwissentlich tatsächlich getesteten mit dem Vl. im Bunde und einigen sich (öffentlich) auf eine völlig falsche Lösung, so werden die nicht Eingeweihten immer unsicherer, bis sie (meist) von ihrer ursprünglichen (richtigen) Lösung abgehen. Asch hatte also durch Gruppendruck die Vpn. dazu gebracht, offensichtlich falsche Aussagen als richtig zu erachten.

Dan Kahan, *1971?, wies 2013 in einem Ex. in den USA nach, dass die politische Einstellung von Vpn. bzw. ihre (unbewusste) Angst, von ihrer Gruppe nicht mehr anerkannt zu werden, Einfluss auf ihre mathematische Performance hatte: Aus denselben zur Verfügung gestellten Statistiken berechneten Demokraten andere Tendenzen als Republikaner, als sie aufgefordert wurden herauszufinden, ob ein Waffenverbot die Kriminalitätsrate senke. Kahan bezeichnete dieses Phänomen als „identitätsschützende Denkfehler“.

Weniger harmlos wirkte Gruppendruck 1978 im bekannten „Jonestown-Massaker“, als Anhänger des Sektengurus James Warren Jones (1931-1978) in Guyana auf dessen Anweisung hin sich und ihre Kinder vergifteten (über 900 Tote; die Situation wäre auch als Massenpsychose oder -hypnose beschreibbar).

Die Puppenstudien von Kenneth B. Clark (1914-2005) und Mamie Phipps Clark (1917-1983; Ex.: Kinder sollten jene der zahlreich herumliegenden und mit verschiedener Hautfarbe versehenen Puppen reichen, mit der sie am liebsten / am wenigsten gern spielen würden, die sie am hässlichsten / am schönsten fanden) zeigen, dass ein in einer Gruppe vorherrschender Rassismus auch von der diskriminierten Gruppe selbst übernommen wird: auch dunkelhäutige Kinder konnotierten in der Mehrzahl die weißen Puppen positiv, die dunkelhäutigen negativ. (Vgl. a. o. unter Vorurteil)

Das bekannteste (und vielfach variierte) Ex. zu Konformität und Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten (und eines der berühmtesten psychologischen Ex.e überhaupt) ist das 1961 von Stanley Milgram (1933-1984; vgl. auch diese Seite) entworfene Milgram-Ex.:

Vpn. waren in einem vorgeblich (gemäß der Cover Story) der Wissenschaft dienenden Ex. bereit, unter Anleitung einer „die Verantwortung übernehmenden“
     + Autorität mit Dominanz-Haltung aufsteigend Elektroschocks von 15 Volt bis zu tödlichen 450 Volt wissentlich Menschen „zur Strafe für missglückte Lernvorgänge“ zu verabreichen, auch wenn sie die (in Wirklichkeit von einem Schauspieler vorgetäuschten) Reaktionen sahen. (In der Grundversion taten dies 62,5% der Untersuchten. Die überlieferten Zahlen differieren je nach Setting: je näher z. B. „Lehrer“ und „Schüler“ einander kommen, desto eher wird verweigert. Verlässt der Testleiter den Raum, sinkt die Gehorsamsbereitschaft gar um zwei Drittel.)
     + Die Vp mit Komplianz-Haltung fühlten sich zwar schlecht, protestierten aber großteils nicht (je länger das Experiment dauerte, umso weniger; etwa 25% verweigerten gleich zu Beginn, nur wenige später.)
Wichtig für das Setting des Ex.s war es, glaubhaft die natürliche Autorität einer anerkannter Institution zu vermitteln (Universität, Professoren im weißen Mantel etc.), der man als Vp. vereinzelt gegenüberstand, und eine hierarchische Befehlsstruktur zu erzeugen, die es den Vpn. ermöglichte, sich nicht verantwortlich fühlen zu müssen.

Fazit: Der Inhalt einer Anweisung ist in Relation zur Person, die sie äußert, relativ unwichtig. Es scheint eine Prädisposition zum Gehorsam gegenüber dominanten Personen zu geben. (Vgl. dazu das - wenn auch in anderem Zusammenhang geäußerte - Zitat von Hannah Arendt, 1906-1975: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Das Finden einer möglichen Erklärung für die Vorgänge in der NS-Zeit, auf die sich Arendt bezog, war für Milgram Motiv, sein Ex. durchzuführen. Er wollte darüber hinaus die Frage klären, ob nur Deutsche - oder eventuell auch US-Amerikaner - zu derart furchtbaren Verbrechen fähig wären.) Milgram, der also ursprünglich die menschlichen Grausamkeiten der 40er-Jahre des 20. Jhdts. verstehen wollte, verwies später auch auf die Verantwortungsreduzierung in der Großstadt. (Ein Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Aggressionsdelikten, s. o., wurde immer wieder behauptet.)
Siehe Filmausschnitt aus „I wie Ikarus“ (hier wird Milgrams Experiment wohl am nachvollziehbarsten dargestellt) und u. a.. A Virtual Reprise of the Stanley Milgram Obedience Experiments und vgl. o. das thematisch verwandte Stanford-Prison-Ex. bzw. das Blue-eyed-Ex. (Video) von Jane Elliot (*1933), in dem sie Rassismus als zeit- und ortsübergreifende Phänomene experimentell nachstellte. Ziel war es, anschaulich die Lebenserfahrungen diskriminierter Minderheiten zu vermitteln. (Zu Vorurteil s. o., zu Rassismus vgl. a. u.)

* Gruppenleistungen: Eine Gruppe ist einerseits mehr als die Summe ihrer Einzelteile - ihre Leistung aufgrund von Fehlerausgleich, Kumulation der Fähigkeiten, Ideenhäufung und Koordination besser als die Leistung eines Einzelnen, was z. B. im Ex. NASA-Spiel, in dem zunächst einzeln, dann in der Gruppe aus einer vorgegebenen Liste Gegenstände, die auf dem Mond sinnvoll sein könnten, auswählen muss, sichtbar wird -, ist andererseits aber oft langsam und trifft manchmal schlechte Entscheidungen (auf Grund der Dominanz eines vielleicht bestimmenden, aber nicht kompetenten Mitglieds oder wegen des Gruppendenkens, das oft übertriebenen Optimismus, die Illusion von Eintracht, den Hang zu den o. erw. Stereotypen etc. fördert; dies wurde von Irving Janis, 1918-1990, negativ „groupthink“ genannt). Außerdem existiert eine Reihe von Taktiken, die in Gruppensitzungen, die der Entscheidung dienen sollen, nicht nur förderlich, sondern auch manipulativ eingesetzt werden können (Desinformation, Scheinkampf, Benutzen von Fachjargon usw.)

Für positive Auswirkungen von Gruppen vgl. das 1971 durchgeführte Ex. des Sozialpsychologen Jay Hall (*1932), der den Film „12 Angry Men“ = „Die zwölf Geschworenen“ von 1957 nach 38 min unterbrechen ließ, um die Vpn. die Reihenfolge erraten zu lassen, in der sich die einzelnen Geschworenen umstimmen lassen werden. Dabei schnitten Gruppen - und hier wieder etablierte, eingespielte oder gar trainierte Gruppen, bei denen sich anfängliche Meinungsdifferenzen sogar leistungsfördernd auswirkten, gegenüber Ad hoc-Gruppen, bei denen „einzigartige“ Ergebnisse, also solche, die vorher kein Gruppenmitglied geäußert hatte, eher unrealistische Kompromisse darstellten, - im Vergleich zu Einzelpersonen signifikant besser ab. Hall nannte dies Synergie-Effekt.

Erwartungswidrig schlechte Gruppenleistungen entstehen oft durch mangelnde Koordination oder Motivation (Ringelmann-Effekt nach dem französischen Agraringenieur Maximilien Ringelmann, 1861-1931, der in einem der ersten sozialpsychologischen Experimente überhaupt herausfand, dass Menschen, die an Lasten ziehen, weniger Einsatz zeigen, wenn sie nicht allein ziehen; auch „soziales Faulenzen“ genannt.) Gruppen scheinen darüber hinaus risikofreudiger als Einzelpersonen zu sein (von James A. Stoner, *1935, 1961 „risky shift“ genannt; Bergführer werden z. B. in ihrer Ausbildung auf dieses Phänomen hingewiesen, um später dem Druck ihrer Gruppen, im Zweifel Risiko zu nehmen und nicht umzukehren, widerstehen zu können). Allerdings hat man auch eine soziale Aktivierung beobachtet: die Leistung Einzelner wird durch die Anwesenheit anderer gesteigert (solange die Anzahl der schwächeren Gruppenmitglieder nicht einen Kipppunkt überschreitet und sie von der gestellten Aufgabe nicht überfordert sind).

Da einzelne Gruppenmitglieder über ihre zahlenmäßige Bedeutung hinaus die Leistung einer gesamte Gruppe negativ zu beeinflussen imstande sind, gilt es nach Terence Mitchell (*1945?), Idiots (die schikanieren und sabotieren), Slackers (die ihre Leistung verweigern) und Downers (die „herunterziehen“) zurückzudrängen, um soziale Unterminierung zu verhindern (die häufiger vorkommt als das Gegenteil; vgl. a. o. Luzifereffekt).

* Gruppendynamik: Innerhalb jeder Gruppe wirken Kräfte, die spontan die Gruppenstruktur in Verbindung mit der Rollenverteilung entstehen lassen oder verändern. (So entwickelt sich z. B. auch unter vorher einander unbekannten Gruppenmitgliedern, z. B. in neu zusammengestellten Schulklassen, bald so etwas wie ein Korpsgeist, der andere Gruppen als Rivalen ansieht, was schon 1954 von Muzaffer Şerif Başoğlu, später Muzafer Sherif, 1906-1988, in seinem Ferienlagerex. beobachtet wurde. Möglicherweise ist hier der Mere exposure-Effekt wirksam; s. o.) Sie werden (seit Kurt Tsadek Lewin) Gruppendynamik genannt; sie können, z. B. in der Therapie, bewusst zur Gruppenveränderung genutzt werden.

In einer Gruppenanalyse werden die Konstellation (Größe der Gruppe, Grad an Ungleichheit, Permeabilität, Territorium), der Verlauf (Dauer des Bestehens, Rhythmik - kontinuierlich bzw. diskontinuierlich - der Veränderungen) und die Motivation (Gründe der Gründung, momentane Motivation, Zielmotivation) erhoben. Die Aktionen der Gruppe werden hinsichtlich der Beteiligung (Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen), der Übereinstimmung (Informationsaustausch, Verarbeitung von Widersprüchen, Kontakte und Sympathien) und der Gruppenkohäsion (des Zusammenhalts, vgl. auch u. Soziogramm; die Schismogenese beschäftigt sich dabei mit dem Handling der jeweiligen Gegenreaktionen bei interner oder externer Konkurrenz) untersucht.

In der Gruppenarbeit, die dazu beitragen kann, die festgefahrenen sozialen Bezüge zu lockern, können mit den Methoden des Diskurses (reversibel miteinander reden), in geplanten Spielen (Rollenspiele, die z. B. Reversibilität der Rollen bewirken können oder im biotischen Verfahren (in lebensechten Situationen)  die gewünschten Modifikationen angestrebt werden.
Veränderungen in gesellschaftlichen Gruppen erfolgen nach Lewin in drei Phasen: Auflockern (unfreezing) des alten Zustandes - Hinüberleiten (moving) in den neuen Zustand - Verfestigen (freezing) des neuen Zustandes. (Ausgangspunkt war für ihn als 1947 in die USA Emigrierter die Frage, wie man Deutschland zu einer Demokratie verändern könnte.)

* Mobbing: Mobbing (nicht identisch mit Konflikten - s. u. - oder herkömmlichen Belästigungen, die auch von Einzelpersonen ausgehen können), das immer häufiger auch als Cybermobbing auftritt und damit nicht mehr an die körperliche Anwesenheit von Tätern und Opfern gebunden ist und so 24 h andauern kann, ist eine der negativsten Phänomene im Zusammenhang mit Gruppen (im Englischen meist scapegoating - „jemanden zum Sündenbock machen“ - oder - oft im Schulbereich - bullying genannt, wobei das Schikanieren bzw. Terrorisieren anderer auch eine physische Komponente beinhalten kann). Es handelt sich um eine schwerwiegende Störung des Gruppen- bzw. Arbeitsklimas durch Verhaltensweisen, deren Bandbreite innerhalb eines wie immer definierten Kräfteungleichgewichts zwischen Hänseleien und Nötigungen liegt, die auf gleicher Ebene, als Bossing (von oben nach unten) oder als Staffing (von unten nach oben) auftreten kann. Haller (s. o.) bezeichnet Mobbing als systematisiertes Kränken, das zu Querulanz führen kann, wenn ein fanatisch-narzisstisches Opfer um sein Recht kämpft. Laut Heinz Leymann (1932-1999), der 1993 die erste diesbezügliche grundlegende Studie veröffentlichte, hat Mobbing folgende Merkmale:

° Auftreten negativer, gegen eine oder mehrere Personen gerichtete kommunikative Handlungen
° Häufigkeit und längerer Zeitraum
° Handlungen kennzeichnen die Beziehung zwischen Täter/in und Opfer
° Mobbinghandlungen erscheinen in 5 Bereichen:
+ Angriff auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen
+ Angriff auf die sozialen Beziehungen des Opfers
+ Angriff auf das soziale Ansehen
+ Angriff auf die Berufs- und Lebenssituation
+ Angriff auf die psychische und physische Gesundheit oder die sexuelle Integrität, z. B. Gaslighting (s. o.)

Mobbing-Prävention muss sowohl bei den Tätern, deren Verhalten auch gerichtliche Konsequenzen haben kann (vgl. z. B. das seit 2021 neue Bundesgesetz über Maßnahmen zum Schutz der Nutzer auf Kommunikationsplattformen KoPl-G, vulgo „Hass im Netz“-Gesetz (Link zu §1); auch das Beamten- bzw. Vertragsbediensteten-Dienstrecht oder das Strafrecht - s. §§ 107a, 111 und 115 - können wirksam werden), wie auch bei den Opfern, deren Selbstbewusstsein gestärkt werden soll, ohne dass sie sich selbst als schuldig an der Situation ansehen, ansetzen.

* Konflikte: treten in einer Gruppe durch individuelle Wahrnehmungsunterschiede und/oder das Aufeinanderprallen unvereinbar scheinender widerstreitender Auffassungen, Interessen, Zielsetzungen, Territorialansprüchen und Wertvorstellungen im Laufe der Zeit fast notwendigerweise auf und müssen durch überlegtes Konfliktmanagement verhindert oder bearbeitet werden, sonst besteht die Gefahr, dass negative Gefühle wie Wut oder Angst handlungsbestimmend werden. Es gibt Verteilungs-, Beziehungs-, Ziel-, Rollen-, Macht-, Werte-, Informations-, Identitätskonflikte u. a. m.
S. a. u. Konflikttypen

Das Einsetzen von Strategien der Deeskalation bzw. solchen der Eskalation können Konflikte dämpfen bzw. schüren und befeuern. (Beispiele: Nachgeben, Zwingen, Vermeiden, Kooperieren etc.) In neuerer Zeit versuchen zahllose Organisationen durch Teambuildings-Maßnahmen und Stärkung der Cooperate Identity, oft unterstützt von seriösen oder weniger seriösen Beratern, Konflikt-Prävention bzw. Konflikt-Bearbeitung zu unterstützen. Ein diesbezügliches Modell stammt von Bruce Tuckman (1938-2016) und wurde bereits 1965 entwickelt. Er empfiehlt, um Konflikte zu vermeiden, die Beachtung folgender Phasen der Teambildung bzw. -entwicklung:

° Forming: Kennenlernen, Findungsphase, Abhängigkeit von der Gruppenleitung
° Storming: Finden des Platzes in (der Hierarchie) der Gruppe, ev. Unstimmigkeiten oder sogar Machtkämpfe
° Norming: Diskussion von Normen und Regeln, Zuwendung zu den der Gruppe gestellten Aufgaben
° Performing: Im Idealfall Erfüllung gestellter Aufgaben unter gegenseitiger Akzeptanz der jeweils eingenommenen Rollen
° Adjourning (manchmal Transforming), 1977 hinzugefügt: Phase des Auseinandergehens nach längerer Zusammenarbeit

Zu Konflikten s. a. o. 12, zu Triebkonflikten s. o.)

 

- Schicht und andere soziologische (nicht psychologische) Unterteilungen:
Das Konzept von der (gesellschaftlichen) „Schicht“ (Stratifikationstheorie) ist ein traditionell auf Bildungsgrad, Beruf und Einkommen (bis ins 20. Jh. der Väter) beruhender, immer wieder problematisierter Einteilungsversuch der Bevölkerung eines Landes. Man unterscheidet gemeinhin Unterschicht, Mittelschicht (untere / mittlere / obere Mittelschicht) und Oberschicht. In Industrieländern ergibt sich meist eine breite Mittelschicht (oft liegen 90% der Einkommen dicht beieinander), während in Entwicklungsländern die Schere zwischen (kleiner) Oberschicht und (mehrheitlicher) Unterschicht bei gleichzeitig geringzahliger Mittelschicht viel weiter auseinanderklafft. In letzter Zeit werden in der Schichttheorie so genannte Sinusmilieus berücksichtigt (vgl. die unten stehende Graphik). Bei dieser „Typologie Gleichgesinnter“ werden geteilte Lebensstile, Einstellungen und Wertvorstellungen berücksichtigt. (Vgl. unten stehende Graphiken und Sinusmilieus in Deutschland)

Der Begriff (gesellschaftliche) „Klasse“ wird im Verhältnis zum Begriff „Schicht“ als untergeordnet angesehen. Er bezeichnet seit Karl Marx (1818-1883) eine durch die Produktionsverhältnisse entstandene soziale Schichtung. Manchmal erfolgt die Definition des Begriffes auch subjektiv über ein Gefühl der Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Kreisen (Klasse als psychologisches Phänomen). Max Weber (1864-1920) definiert Klasse als „jede in einer gleichen Klassenlage (= die typische Chance 1. der Güterversorgung, 2. der äußeren Lebensstellung, 3. des inneren Lebensschicksals) befindliche Gruppe von Menschen.“

Andere mögliche soziale Gliederungen: Unterteilung in Kasten (streng hierarchisches, kaum durchlässiges System religiöser und gesellschaftlicher Ordnung von Menschen gleichen Berufes) oder Stände (nach www.preussen-chronik.de - „Themen“ - „Preußens ständische Gesellschaft“ geschlossene, abgegrenzte Schichten einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft - Ständegesellschaft -, die jeweils durch ihre Abstammung  - Geburt -, durch ihre besonderen Rechte, Pflichten, Privilegien und gesellschaftlichen Funktionen - Beruf - gekennzeichnet sind und sich voneinander durch ihre soziale Position - ihren gesellschaftlichen Rang -, auch durch ihre Lebensführung und ihre politischen Anschauungen - Standesethik - unterscheiden).

 



Sinus-Milieus in Österreich 2013 (nach http://www.integral.co.at/images/sinusmilieus_gr.jpg)

 



Aus dem Wiener Kurier vom 16.11.2001

 



Sinus-Milieus in Deutschland 2004 (nach https://www.sinus-institut.de)

 

- Institution:
Unter Institution versteht man eine oft rechtlich geregelte, festgefügte Einrichtung mit starren Innen- und Außengrenzen, fixer Rollenverteilung und festgefügter Hierarchie bzw. ein mit Handlungsrechten, Handlungspflichten oder normativer Geltung ausgestattetes Regelsystem, das erwartbar reagiert.

 

SOZIALE RÄNGE UND MECHANISMEN

- Ränge:
Durch unterschiedliche Funktionen der Menschen und ihre verschiedenen Voraussetzungen kann man öfter die folgenden Gruppenränge beobachten:

* Anführer: entsteht durch die jeweilige Situation, auch durch Charisma und „Führungsqualitäten“ der entsprechenden Person. Er gibt Aufträge, handelt und ist, latent oder offensichtlich, dauerhaft oder für einen bestimmten Zeitraum, übergeordnet, ohne dass darüber diskutiert werden müsste (Alpha-Position).

* Stäbe: Personen, denen kurzfristig oder partiell Verantwortung übertragen wird (z. B. beim Militär, in Betrieben, in Krisenfällen etc.), fachkompetente Berater, die die Alphameinung unterstützen (Beta-Position).

* Unterführer: „Handlanger“ des Anführers bzw. der Stäbe; ihre Zahl nimmt (bedingt durch die Gegebenheiten in der Industrie) ständig zu.

* Sympathisanten: Je nach Betrachtungsweise anonyme „Mitläufer“ oder „engagierte Basis“ (Gamma-Position); sie dienen meist uneigennützig, sind aber nach Enttäuschungen oft zu einer Kontrastellung gegenüber der Führung bereit.

* Masse: das in gewisser Weise berechenbare und z. T. aus Minderheiten bestehende „gemeine Volk“, das von den ersten zwei genannten Gruppen regiert / beherrscht / betreut... wird; zusammen mit den Sympathisanten zahlenmäßig die größte „Einheit“.

* Außenseiter, Gegenspieler: stehen in positiver (z. B. Dissidenten, Kritiker) oder negativer (z. B. Querulanten, Prügelknaben) Hinsicht außerhalb des sozialen Kollektives (Omega-Position). Oft über- oder unterfordert sind sie einerseits ein notwendiges Korrektiv, andererseits geht von ihnen die Gefahr der Demotivation und Destabilisierung der Gesamtgruppe aus. Gute Führungskräfte integrieren Omegas in Direktgesprächen, um sie nicht distanziert oder sogar anarchisch werden zu lassen.

Diese sechs Gruppen sind durch vier Hauptmerkmale charakterisiert:

° Komplexität: Sie unterliegen einem vielschichtigen Wechselspiel an Kooperationen und Konflikten.
° Eigendynamik: Diese erhält sich von selbst und ist nur z. T. von außen steuerbar.
° Intransparenz: Das System ist schwer durchschaubar.
° Inhabilität: Es ist schwer zu etwas zu bewegen bzw. in seiner Bewegung aufzuhalten oder gar umzudrehen.

 

- Soziale Effekte:
Folgende soziale Effekte, die oft manipulatorisch ausgenutzt werden, wurden von den Sozialwissenschaften beobachtet und beschrieben:

° Halo-Effekt: s. Teil 1
° Bandwagon-Effekt: Tendenz, sich Erfolgreichen anzuschließen (F. Nietzsche, 1844-1900: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg). Dazu gegenläufig:
° Underdog-Effekt: Der Außenseiter wird unterstützt (z. B. im Sport).
° Ignorierungseffekt: Tendenz, Unangenehmes zu verdrängen, zu bagatellisieren.
° Torschlusseffekt: Tendenz, vor einem (vermeintlichen) Ende rasch tätig zu werden.
° Bumerangeffekt: Starkes, bereits vorhandenes Motiv wird ausgenützt, „zurückgereicht“. Die Kommunikation erreicht das Gegenteil des Beabsichtigten (z. B. wenn ein wissenschaftlicher Artikel über die Wirkungslosigkeit homöopathischer Verfahrensweisen die Anhänger dieser Methoden noch bestärkt).

 

METHODEN DER SOZIALPSYCHOLOGIE

- Soziogramm:
Wichtigstes Instrument der Sozialpsychologie, von J. Moreno (s. o.) entwickelt. Im Soziogramm werden die Beziehungen der Gruppenmitglieder in einer Graphik sichtbar gemacht. Sie wird entweder von einem Psychologen nach Beobachtung der Gruppe oder auf folgende Weise erstellt: Jedes Gruppenmitglied muss eine die Beziehung zu anderen Gruppenmitgliedern betreffende Frage (z. B. Mit welchen zwei Gruppenangehörigen würdest du am liebsten / am wenigsten gern deine persönlichen Probleme besprechen?) beantworten. In der zu erstellenden Graphik wird jedes Mitglied durch einen Kreis symbolisiert. Die jeweils vier gewählten Personen werden (vgl. unten stehende Graphik) mit gemäß einer Positiv- bzw. Negativwahl verschiedenartigen Pfeilen (durchgezogen/strichliert) mit der wählenden Person verbunden, sodass sich ein kompliziertes Liniengeflecht und folgende Figuren ergeben werden:

* Doppelwahl: der eine Person Wählende (negativ oder positiv) wird von dieser auch gewählt (im Beispiel 2/3 bzw. 2/4, 9/11 usw.; besonders interessant, wenn dies in der Gegenrichtung mit anderem Vorzeichen geschieht; im Beispiel 6/10). Häufige Doppelwahlen gelten als Zeichen hoher Gruppenkohäsion (vgl. o.)

* Star: Person mit hohem Wahlstatus (die Zahl der Positivwahlen überwiegt; im Beispiel Nr. 7)

* „Feind“: Person mit hohem Ablehnungsstatus (die Zahl der Negativwahlen überwiegt; im Beispiel Nr. 6)

* Außenseiter: wird kaum gewählt, bleibt unbeachtet (im Beispiel Nr. 8)

Mögliches Soziogramm nach Moreno (© Thomas Knob)

Vgl. Seite zu einem Soziogramm-Programm (mit Fallstudie einer Schulklasse)

 

- Feedback:
Als prophylaktische Maßnahme gegen Fehlbeurteilungen und Vorurteile (s. o.) empfiehlt sich das Einholen bzw. Geben von Feedback (= Rückmeldung).

Feedbackregeln:

Feedback geben: Feedback soll möglichst unmittelbar, angemessen, brauchbar (auf Verhaltensweisen bezogen, die auch änderbar sind), beschreibend statt interpretierend, konkret (auf ein begrenztes Verhalten bezogen), nicht generalisierend, vor allem positiv oder zumindest nicht ausschließlich negativ (z. B. Sandwichtechnik: positive - negative - positive Rückmeldung), in reversibler, sachlicher, genauer Sprache und tendenziell eher in Ich-Botschaften (Mitteilung der eigenen Reaktionen) und Vermutungen als in Vorwürfen und Behauptungen sowie zur rechten Zeit (nicht zu spät) erfolgen und immer erbeten oder erwünscht sein.

Feedback nehmen: Wer Feedback annehmen will, sollte möglichst genau sagen, worüber (über welche Einzelheiten des Verhaltens) er/sie Rückmeldungen wünscht, das Gehörte durch Wiederholung in eigenen Worten sicherstellen (durch Verwendung der Gesprächstechnik des „Spiegelns“), Reaktionen auf das Feedback mitteilen und nicht sofort in eine Verteidigungsposition gehen. Bei starker gefühlsmäßiger Betroffenheit kann eine Nachdenkpause zur „Verdauung“ vor einer Reaktion sinnvoll sein.

Der Grund für die Notwendigkeit von Feedback besteht darin, dass Selbstbild und Fremdbild eines Menschen nicht immer übereinstimmen, da man manchmal einen Teil seiner Persönlichkeit verbergen möchte und umgekehrt oft nicht weiß, wie man auf andere wirkt. Um sich selbst besser kennen zu lernen, empfiehlt sich daher die Nutzung einer Außenansicht. Eine Möglichkeit der graphischen Darstellung der vier möglichen Sichtweisen auf die eigenen Persönlichkeitsanteile bietet das 1955 entwickelte sogenannte Johari-Fenster (benannt nach Joseph Luft, 1916-2014, und Harry, eig. Harrington, Ingham, 1916-1995), das diese in vier Fenstern darstellt. Die relative Größe der Fenster I, II, III und IV (ihr Verhältnis zueinander; hier gleichmäßig dargestellt) differiert von Person zu Person (und auch innerhalb einer Person im Laufe der Zeit). Das sich durch die Verschiebungen ergebende Bild lässt Rückschlüsse auf die jeweilige Persönlichkeitsstruktur zu.

Das Johari-Fenster

Jo-Har-I

mir bekannt

mir nicht bekannt

anderen bekannt


I.


BEREICH DER
FREIEN AKTIVITÄT





II.


„BLINDER FLECK“



anderen nicht bekannt


III.


BEREICH DES
VERMEIDENS, VERBERGENS




IV.


BEREICH DES UNBEWUSSTEN


 

- Impliziter Assoziationstest:
Beim IAT-Test wird die Stärke der Assoziationen zwischen einzelnen Elementen des Gedächtnisses gemessen. Dabei können z. B. automatische Stereotypen (s. o.), die den Personen sonst unbewusst bleiben, entlarvt werden. So benötigen in Ex.en Vpn., die sich selbst niemals in der Nähe des Rassismus sehen würden, mehr Zeit und arbeiten fehlerhafter, wenn sie positive Eigenschaften mit dunkelhäutigen Gesichtern und negative Eigenschaften mit weißen Gesichtern, als wenn sie negative Eigenschaften mit dunkelhäutigen Gesichtern und positive Eigenschaften mit weißen Gesichtern assoziieren sollen.

 

- Andere Methoden:
Daneben werden Beobachtung, Befragung, diverse Tests, Labor- und Feldexperimente etc. verwendet.

 


 


XI. PERSÖNLICHKEITSPSYCHOLOGIE
 

 

DEFINITIONEN

* Persönlichkeitspsychologie (auch Differentielle Psychologie; Ausdruck von William Stern - s. o. -, der als ihr Begründer gilt) beschäftigt sich ideographisch (als Einzelfallstudie) oder nomothetisch (unter der Annahme universeller Schemata und Profile) mit der Erfassung und Einordnung der Persönlichkeitsstruktur des Menschen.
Vgl. z. B. The Keirsey Temperament Sorter (nach David West Keirsey, 1921-2013)

* Temperament lässt sich definieren als „Kernpersönlichkeit“, das Ausmaß und die Intensität der Reizbarkeit und der Impulskontrolle, „ein charakteristisches Muster der Reaktivität und Selbstregulation“ (Gerhard Roth), es gibt laut dem Psychoanalytiker Otto F. Kernberg (*1928) die emotionale Intensität vor, entsteht durch Vererbung, Reifung und frühkindliche Erfahrungen und enthält nach Avshalom Caspi (*1960) und Phil Silva (*1945?, dem Begründer der bahnbrechenden Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study, einer Kohortenstudie, die seit 1972/73 den Lebenslauf von 1037 in Dunedin-Neuseeland geborenen Babys verfolgt), Eigenschaften wie „unbeherrscht“, „gehemmt“, „selbstsicher“, „distanziert“ und „ausgeglichen“ bzw. deren Gegenteile. Im Unterschied zu den abilities (Fähigkeiten) und der motivation (den Gründen), die einer Handlung zugrunde liegen, bezeichnet temperament den Stil der Ausführung. Das Temperament beeinflusst die subjektive Lebenszufriedenheit mehr als manche äußeren Umstände.

* Persönlichkeit (lat. persona = Maske) bezeichnet die Summe dessen, womit und wie ein Mensch charakteristischerweise auf seine Umwelt reagiert; Temperament, Gefühle, Intellekt, die Art zu handeln und zu kommunizieren gehen in die Persönlichkeit ein.

* Charakter (griech. χαρακτήρ = Stempel) bezeichnete früher - im Unterschied zur veränder- und formbaren Persönlichkeit - die feststehenden Verhaltensdispositionen, heute im Widerspruch dazu die im Gegensatz zum Temperament von Umwelteinflüssen bestimmte „erweiterte Persönlichkeit“ und die Dispositionen, die zu den emotionalen Konzepten von sich und anderen („Objektbeziehungen“ - s. o. -, in denen sich das durch Liebe und Aggression bestimmte Triebgeschehen realisiert und strukturiert) führen.

* Typus (griech. τύπος = Schlag) bezeichnet eine durch einen Merkmalskomplex gekennzeichnete Auswahl an Menschen (vgl. auch oben Stereotyp und Vorurteil)

 

TYPOLOGIEN

- Antike:
Persönlichkeitstypologien wurde bereits im Altertum versucht. Am bekanntesten wurde die Ausarbeitung der Humoralpathologie des Hippokrates (Ἱπποκράτης ὁ Κῷος; ca. 460-370 v. Chr.), die besagt, dass die Gesundheit von der Balance der Lebenssäfte (humores) abhänge, die den vier Elementen zuzuordnen seien, durch Galenos (Γαληνός; ca. 130-210). Er unterschied die Vier Temperamente:

* Sanguiniker: schwache, schneller wechselnde, gelöste, mehr nach außen gerichtete Seelenzustände (nach lat. sanguis = Blut) - leichtblütig, optimistisch, leicht ansprechbar etc. - Luft

* Choleriker:
starke, schneller wechselnde, gespannte, mehr nach außen gerichtete Seelenzustände (nach gr. cholos = Galle) - unbefriedigt, jähzornig etc. - Feuer

* Melancholiker:
starke, langsamer wechselnde, gespannte, mehr nach innen gerichtete Seelenzustände (nach gr. melas cholos = schwarze Galle) - schwermütig, tiefgründig, traurig etc. - Erde

* Phlegmatiker:
schwache, langsamer wechselnde, gelöste, mehr nach innen gerichtete Seelenzustände (nach gr. phlegma = Schleim) - schwer ansprechbar, behäbig, kaltblütig etc. - Wasser

 

- Konstitutionstypologien (Körperbautypologien):
* Ernst Kretschmer (1888-1964): In seinem 1921 veröffentlichten Buch Körperbau und Charakter untersucht er als Psychiater in Tübingen den Zusammenhang gewisser Körperbautypen mit Psychosegruppen, da ihm in seinem Krankenhaus eine gewisse diesbezügliche Koinzidenz aufgefallen war (was ihm 1929 eine Nobelpreisnominierung einbrachte; schon im 19. Jh. hat Lombroso, ein Begründer der Kriminalstatistik, einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und angeborenen Körperbauanomalien nachweisen wollen. Beide Theorien sind heute vorwiegend von historischem Interesse.) Kretschmer, dessen Nähe zum Nationalsozialismus nach dem Krieg folgenlos blieb, unterschied drei Konstitutionen:

° Pyknischer Typ: klein, gedrungen; dominiert in der Gruppe der Zyklothymen (im Extrem zykloid = manisch-depressiv, s. o.)
° Leptosomer Typ: lang, dürr; dominiert in der Gruppe der Schizothymen (im Extrem schizoid = schizophren, s. Teil 4)
° Athletischer Typ: breite Schultern, schmales Becken; dominiert (mit geringerer Korrelation) in der Gruppe der Barykinetischen (Viskösen = zähflüssiges, schwer umstellbares Temperament, im Extrem epileptoid)
° Dysplastischer Typ: hat keines der drei Merkmale eindeutig ausgeprägt; statistisch die größte Gruppe, daher ist Kretschmers Typologie hauptsächlich von historischem Interesse.

* William H. Sheldon (1898-1977): wollte Kretschmer widerlegen und untersuchte 4000 amerikanische Studenten. Die in objektiven Messungen gefundenen und mit dubiosen, von den Keimblättern abgeleiteten Begriffen bezeichneten Körperbauhauptgruppen entsprachen dabei jenen von Kretschmer:

° Endomorpher Typ: entspricht dem Pykniker; er ist überwiegend viszeroton (bequem, gemütlich, sozial, realistisch, genusszugewandt - r = .79)
° Ektomorpher Typ: entspricht dem Leptosom; er ist überwiegend zerebroton (empfindlich, zurückhaltend, gehemmt, künstlerisch, intellektuell - r = .83)
° Mesomorpher Typ: entspricht dem Athletiker; er ist überwiegend somatoton (aktiv, energisch, draufgängerisch - r = .82)

Heute werden Körperbautypen allenfalls in der Sportpsychologie verwendet. Zur Anthropometrie allg. vgl. Modern Phrenology und - als historische Reminiszenz - die Physiognomik (1772) von Johann Caspar Lavater (1741-1801)

 

- Faktorenanalytische Modelle:
Seit der 2. Hälfte des 20. Jhdts. versucht man einzelne Faktoren statistisch gestützt (taxonomische Klassifikation aufgrund von Korrelationen) zu isolieren und Merkmalsbeziehungen (Merkmalsbündel = Cluster) herauszufiltern (vgl. auch Intelligenzfaktoren Seite 3). Man verwendete tw. Wörterbücher, schrieb die Adjektiva, die Persönlichkeitsmerkmale bezeichnen, heraus, fasste diese zusammen und reduzierte ihre Anzahl. Dieser „lexikalische Ansatz“ kommt auf bis zu 18 000 Möglichkeiten, die faktorenanalytisch zusammengefasst und differenziert werden mussten, um Vollständigkeit zu erzielen und Überschneidungen zu vermeiden. Die Faktoren-Theorie (Begründer: Spearman, vgl. Teil 3; neurobiologisch bis heute nicht validiert; das dortige Modell s. o.) glaubt, Kriterien ausarbeiten zu können, die möglichst einfach, aber eindeutig eine Persönlichkeitszuordnung ermöglichen. Es ergeben sich dieselben statistischen und definitorischen Probleme wie bei den Intelligenzfaktoren (s. o.).  Manche Forscher reduzieren auf 2 Faktoren:

* Carl Gustav Jung (vgl. Seite 4) Neben den vier Funktionstypen (s. o.), die jeweils kombiniert werden können (= 8 Möglichkeiten), unterscheidet Jung

° Introvertierte (in sich gekehrte) Menschen
° Extravertierte (nach außen orientierte) Menschen.

Ausgangspunkt war für ihn die Frage, wieso Neurosen unterschiedlich interpretiert werden. Antwort: Jeder Forscher sieht sie seinen Eigenheiten entsprechend. Jung sah Freud als introvertiert, Adler als extravertiert an.
Die Jung'sche Dichotomie wurde von anderen Forschern erweitert (z. B. vom 1942 von Mutter und Tochter Katherine Briggs, 1875-1968, und Isabel Myers, 1897-1980, erstellten und 1962 zu einem Persönlichkeitsinventar ausgebauten Myers-Briggs Type Indicator MBTI oder von Hermann Rorschach, 1884-1922, dem Erfinder des Rorschach-Tintenklecks-Tests, der in der Klinischen Psychologie verwendet wird; er unterschied fünf Erlebnistypen: introvertiert, extravertiert, koartiert, ambiäqual, dilatiert). Am bekanntesten wurde die Erweiterung des Jung'schen Ansatzes von

* Hans Jürgen Eysenck (1916-1997; in Berlin geboren, nach England emigriert, ab 1955 Professor für Psychologie in London): Mit Hilfe eines eigens entwickelten Tests (Eysenck Personality Inventory) entwickelt er eine Aktivierungstheorie der Persönlichkeit (da er die Erregbarkeit gewisser physischer Systeme, die darüber entscheidet, wie viele Reize man „verträgt“, als grundlegend ansieht) und gewinnt, streng quantitativ-statistisch arbeitend, folgende (in ihrer Ausprägung für ihn weitgehend genetisch determinierte) Faktoren:

° Dimension Introversion - Extraversion (vgl. Jung; verknüpft mit Geselligkeit, Optimismus etc.)
° Dimension Stabilität - Instabilität (= Faktor Neurotizismus; verknüpft mit emotionaler Labilität, Ängstlichkeit, Hang zu negativen Gefühlen etc.)
° Dimension Impuls - Antriebskontrolle (= Faktor Psychotizismus = pathologische Form, die im Alltag unberücksichtigt bleiben kann; verknüpft z. B. mit Neugier, Aggressivität, Dominanz, Gewissenhaftigkeit)

Die ersten beiden Dichotomien lassen sich in einem Koordinatenkreuz, in dem theoretisch jeder Mensch untergebracht werden kann, darstellen (siehe Graphik). An den jeweiligen Eckpunkten kann man die antiken vier Temperamente eintragen.

Eysenck und die 4 Temperamente

(Sanguiniker)

 

 

Extraversion

 

 

(Choleriker)


Stabilität

Instabilität
 

(Phlegmatiker)

 

 

Introversion

 

 

(Melancholiker)

In manchen Faktorentheorien gelten die Eysenck'schen Dimensionen Intro-/Extravertiertheit und Stabilität/Instabilität zusammen mit den drei Faktoren der Verträglichkeit, der Gewissenhaftigkeit und der Offenheit für Erfahrung als die „Big Five der Persönlichkeit“ (s. u.).
Vgl. Seite über Eysenck

* W. Mischel (1930-2018; in Wien geboren, s. o.) war mit Eysenck in Diskussionen über den Trait-Ansatz (die Vorstellung, dass Persönlichkeitsmerkmale oder -eigenschaften verlässliche Voraussagen über das Verhalten lieferten) verstrickt und forderte stärkere Berücksichtigung der Situationsfaktoren (Interaktionismus). Sein kognitive Persönlichkeitsmodell enthält fünf Variable, deren Auswirkungen von der Situation abhingen (je mehrdeutiger oder zweifelhafter sie sei, desto größere Auswirkungen hätten die Personenvariablen):

° Kompetenz: Wissen und Fähigkeiten, die bestimmte Kognitionen zu Verhaltensweisen ermöglichen
° Strategien der Enkodierung: Art des Individuums, Informationen durch Selektion, Kategorisierung und Assoziationen zu verarbeiten
° Erwartung: Vorwegnahme wahrscheinlicher Ergebnisse bei bestimmten Handlungen in bestimmten Situationen
° Persönliche Werte: Bedeutung, die Reizen, Ergebnissen, Menschen und Aktivitäten zugemessen werden
° Selbstregulierende Systeme und Pläne: erlernte Regeln zur Verhaltenssteuerung, Zielbestimmung und Effektivitätsbewertung

* 2 Dimensionen des Temperaments (nach Jeffrey Gray (1934-2004), einem Schüler Eysencks): BAS (= Behavioral Activation System, also Impulsivität, gekoppelt an Belohnungsempfänglichkeit; ersetzt „Extraversion“; neigt bei schlechtem Verlauf zu Aggression, Drogen, Glückspiel) und BIS (= Behavioral Inhibition System, also Ängstlichkeit, gekoppelt an Bestrafungsempfindlichkeit; ersetzt „Introversion“; neigt bei schlechtem Verlauf zu Ängsten, Phobien, Zwängen)

* Big Five der Persönlichkeit: Begriff von Lewis Goldberg (*1932), ausgearbeitet von Paul Costa (*1942) und Robert McGrae (*1949). Angelehnt an die die fünf Hauptziele von Jagdsafaris (afrikanischer Büffel, Elefant, Leopard, Löwe, Nashorn) postuliert dieses zur Zeit wohl am besten bekannte Modell fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit:

° Neurotizismus (Neigung zu Nervosität, Angespanntheit, emotionaler Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit; Gegenpol: Gelassenheit, Entspanntheit)
° Extraversion (Neigung zur Geselligkeit und zum Optimismus; Gegenpol: Introversion als Neigung zur Zurückhaltung)
° Offenheit für Erfahrung (Neigung zur Wissbegierde, Interesse an neuen Erfahrungen; Gegenpol: festgelegt)
° Verträglichkeit (Neigung zum Altruismus, zur Kooperation und Nachgiebigkeit; Gegenpol: Barschheit)
° Gewissenhaftigkeit (Neigung zur Disziplin, zu hoher Leistungsbereitschaft, zu grit = Beharrlichkeit, Biss, zur Zuverlässigkeit; Gegenpol: Unorganisiertheit)

Dieses Modell, das vom NEO Personality Index Revised NEO-PI-R (dem weltweit am häufigsten eingesetzten psychologischen Fragebogen) erfasst wird, wird auch OCEAN-, manchmal CANOE-Modell genannt (O für Openness, C für Conscientiousness, E für Extraversion, A für Agreeableness und N für Neurotizismus). Kritik: Die erarbeiteten Dimensionen sind nicht ganz überschneidungsfrei. Vgl. auch folgenden Test

* 9 Dimensionen des Temperaments (nach der Untersuchung an Kindern Temperament and Development - vgl. Video-Interview - von Alexander Thomas, 1914-2003, und Stella Chess, 1914-2007, aus dem das Passungskonzept - eine normale Entwicklung sei dann zu erwarten, wenn die Umweltbedingungen hinreichend gut zu zu den individuellen kindlichen Persönlichkeitseigenschaften passen -  hervorging):

° Activity level (Aktivitätsniveau)
° Regularity / Rhythmicity (Regelmäßigkeit, Tagesrhythmizität)
° First response to a new stimulus: Approach - Withdrawal  (erste Reaktion auf einen neuen Reiz: Annäherung - Rückzug)
° Adaptability (Anpassungsfähigkeit)
° Intensity of reaction (Reaktionsintensität)
° Quality of Mood (Stimmungslage)
° Distractibility (Ablenkbarkeit)
° Persistence / attention span (Durchhaltevermögen / Aufmerksamkeitsspanne)
° Sensitivity (sensorische Reizschwelle)

* Neuere Entwicklungen: Die heutige Persönlichkeitspsychologie geht meist von einem der drei folgenden Ansätze aus: den Eigenschaften, der Art der Informationsverarbeitung und den beobachtbaren Veränderungen einer Person. Einer der am häufigsten verwendeten Tests ist das bereits Ende der 30er-Jahre in den USA entwickelte und 1940 auf Deutsch publizierte Minnesota Multiphasic Personality Inventory MMPI, das auch psychische Störungen detektieren soll. Es besteht aus 567 Ein-Satz-Items, die von den Probanden als zutreffend oder unzutreffend klassifiziert werden sollen.
Zur automatisierten Erfassung individueller Persönlichkeitsmerkmale bis hin zur sexuellen Orientierung durch Computer siehe das Video The End of Privacy, zur Überwachung folgende ORF-Doku.

 

- Weltanschauungstypologie:
In seinem 1914 erschienenen Buch Lebensformen entwickelt Eduard Spranger (1882-1963), ein in der geisteswissenschaftlichen Tradition von Wilhelm Dilthey (1833-1911) stehender deutscher Psychologe, sechs an inhaltlichen Gesichtspunkten orientierte Weltanschauungstypen (je nach Wert- und Sinngehalt):

* Religiöser Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Ausrichtung auf das Überirdische

* Theoretischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Einsetzen des Verstandes, Forschen, Erkennen, Denken

* Politischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Machtausübung und Beeinflussung anderer

* Ästhetischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch einfühlende Betrachtung von Schönheit, Form, Harmonie

* Sozialer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch selbstlose Hingabe, Liebe und Sorge um andere

* Ökonomischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Streben nach Nutzbringendem, Praktischen, Gewinn

 

- Typologie der Kommunikationsmuster:
Die systemische Familientherapeutin Virginia Satir (1916-1988; sie entwickelte die Conjoint-Therapie, bei der versucht wird, Zwangsverhalten in offenes Verhalten umzuwandeln, formulierte die „Fünf Freiheiten“ (s. u.) und unterschied fünf Reaktionsmuster, aus denen verschiedene Konflikttypen abzuleiten sind (zu Konflikten s. a. o.). Die ersten vier davon werden gebraucht, um einer drohenden Ablehnung durch den Kommunikationspartner zu entgehen:

* Beschwichtigen (= placating):
„Was du auch immer sagst und willst, ist richtig. Ich will dich zufrieden stellen und zähle ohne deine Zustimmung wenig.“ Körperhaltung zustimmend, unterwürfig, hilflos.

* Anklagen (= blaming):
„Alles machst du falsch - du bist schuld!“ Körperhaltung fordernd, angespannt; man glaubt, selbst erfolglos und einsam, dem anderen, bevor er einen fertig macht, zuvorkommen zu müssen.

* Rationalisieren (= computing):
„Ich stelle nur Tatsachen fest.“ Körperhaltung ruhig, aber gespannt; man will sich nicht ausliefern.

* Ablenken (= distracting):
Die Sprache ist wirr, unzusammenhängend, belanglos bis sinnlos, oft theatralisch; Körperhaltung unkoordiniert; man fühlt sich heimatlos und von niemandem gebraucht.

* Kongruentes oder fließendes Verhalten
(= leveling) Übereinstimmung der Person im Innen und Außen) = anstrebenswerte Authentizität: entspannte Kommunikation, bei der man nicht sein Selbstwertgefühl bedroht sieht (fühlt).

Satir -  Die „5 Freiheiten“ in Kommunikationsprozessen:  The freedom...

...to see and hear
what is here and now
instead of
what should be, was, or will be.
...to say
what one feels and thinks
instead of
what one should.
...to feel
what one feels,
instead of
what one ought.
...to ask
for what one wants,
instead of always waiting
for permission.
...to take risks in one's own behalf,
instead of choosing only to be „secure“
and not rocking the boat.

(= Sehen und hören was wirklich ist, nicht, was sein sollte. / Das sagen, was ich denke, nicht das, was ich denken sollte. / Fühlen, was ich wirklich fühle, nicht, was ich fühlen sollte. / Das fordern, was ich möchte, nicht immer erst auf Erlaubnis warten. / Auf eigene Verantwortung Risiken eingehen, ohne mich immer erst abzusichern.)

Zu möglichen Typologisierungen s. a. o. Erziehungsstil-Kategorisierungen - Zu den tiefenpsychologischen Persönlichkeitsmodellen vgl. Kap. Tiefenpsychologie und Psychiatrie

 

 


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